Kastor 21.01.2007, 22:35 Uhr 3 1

Graue Gespräche, Graue Emotionen

Ein Essay über Kommunikation und ihre Rolle im sich drehenden Rad ihrer Entfremdung.

Eine alltägliche Situation: Ein Mensch kauft ein Buch. Was macht jemand heutzutage, wenn er ein Buch kaufen will? Genau. Er geht nicht etwa in den Buchladen, wie es viele Jahrhunderte üblich war, sondern bestellt es gleich bei einem so genannten Online-Shop im Internet und bekommt es bequem nach Hause geliefert. Der einzige Kontakt, den er dabei hat, ist der mit dem Paketboten, wenn überhaupt.
Doch nicht nur diese einfache Handlung ist Opfer der zunehmenden zwischenmenschlichen Distanzierung geworden. Seit der Erfindung des Telefons, bei dem die Kommunikation auf die Stimme reduziert wurde, aber glücklicherweise noch die Übermittlung von Emotionen rudimentär möglich war, hat der Mensch Dinge eingeführt, die Kommunikation zu etwas kaltem, gefühllosem und gewöhnlichem haben verkommen lassen. Werden wir selbst zu Verstandsmenschen, die sich davor fürchten, Emotionen zu zeigen und sich lieber hinter Anonymität verstecken, als in irgendeiner Art uns und unsere Gefühle ins Rampenlicht zu stellen?
Die Verständigung über weite Distanz wurde früher weitestgehend über Briefe vollzogen, heutzutage gibt es zwar noch diese Möglichkeit, aber warum sich die Mühe machen, mühsam einen langen Brief per Hand zu schreiben, wenn man ihn einfach per E-Mail in sekundenschnelle seinem Gegenüber schicken kann? Natürlich hat die E-Mail den Brief noch nicht ersetzt und er ist nach wie vor ein notwendiges Mittel zur Transmission, jedoch hat selbst der Brief seine ohnehin schon auf ein Minimum reduzierte persönliche Note verloren - die der Handschrift. Wer käme noch auf die Idee einen Brief per Hand zu schreiben? Die Notwendigkeit besteht leider darin, Briefe aus Zeitgründen mit dem Computer zu schreiben - kein großes Unternehmen beispielsweise würde seine tausenden Briefe noch per Hand schreiben lassen, zum einen ein Kostenpunkt, zum anderen aus Gründen der Seriosität, denn Seriosität bedeutet in unserer Gesellschaft auch immer eine gewisse Unpersönlichkeit gegenüber Menschen zu wahren. Dagegen möchte ich auch keine Antipathie ausdrücken, denn wem gefiele es, wenn die Bankkauffrau vor uns ihr Herz ausschütten würde, obwohl sie dafür beschäftigt ist, auf unser Geld aufzupassen?
Worauf ich hinaus will, ist vielmehr die wachsende Distanz zwischen Menschen zu denen man eine Bindung aufgebaut hat oder aufbauen möchte. Man lernt sich heutzutage oftmals nur noch im Internet über eine der vielen Partnerbörsen oder Chats kennen, hat höchstens miteinander telefoniert, man schreibt sich normalerweise SMS und E-Mails und wenn es denn soweit ist und das erste Treffen ansteht, stellt man fest, dass der potentielle Partner nicht den Eindruck, den man von ihm bekommen hat, erfüllt. Er schien intelligent und witzig zu sein, aber bei richtiger, echter Kommunikation, Auge in Auge mit der Auserwählten, bricht das hoffnungsvolle, stabile Haus der Illusion eines tollen Gefährten in sich zusammen.
Grund dafür ist, dass Emotionen, nonverbale Kommunikation, Subtext oder Denotate höchstens dürftig mithilfe von so genannten Emoticons (nachgestellte Mimik mithilfe von Zeichen wie ) mitschwingen können - die eigentliche Botschaft eines Menschen kommt somit oft verfälscht von den Interpretationsversuchen des Adressaten und somit von Missverständnissen erfüllt bei diesem an. Dinge wie Ironie, Humor, Verbitterung, Wut oder Traurigkeit werden teilweise oder vollkommen ausgegrenzt, überhaupt nicht oder gar exaggeriert wahrgenommen.
Das ist das, was ich an unserer globalisierten, zivilisierten, schnelllebigen Welt bedauernswert finde: Die Sterilität und der verklemmte Umgang der Menschen miteinander. Es fehlt uns an Offenheit, Herzlichkeit, Wärme - schon als Kind wird man belehrt, keine fremden Menschen anzusprechen und immer höflich zu sein, aber niemals dabei persönlich zu werden. Vielleicht ist es nur das Vermächtnis des Landes in dem wir leben, vielleicht sind wir Deutschen von Natur aus eher höflich und distanziert im Umgang miteinander - aber waren wir früher genauso? Oder hat sich die Gesellschaft erst mit dem Fortschritt zu einer starren, grauen, ernsten Masse von emotionslosen Spießbürgern entwickelt?

1

Diesen Text mochten auch

3 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0


    Ich schätze zwar die schnelle und billige Kommunikation per Mail und Skype sehr, aber zum Geburtstag, zu freudigen od. traurigen Anlässen (Geburten, Krankheit, Todesfälle) schreibe ich immer bewusst Karten per Hand und gebe mir besondere Mühe bei Wortwahl und Schriftbild. Damit drücke ich auch aus, das mir dieser Gruß wichtig ist, dass ich mir Mühe dabei gegeben habe, eine persönliche Karte auszuwählen etc.

    Und ich freue mich auch viel mehr über Geburtstagskarten per Post, als Glückwunsch- Mails od. SMS (und ich habe dies auch mehr od. weniger direkt in meinem Freundeskreis verbreitet).

    Sonst stimme ich Pamina absolut zu: die Kommunikation hat sich qualitativ und quantitativ sehr verändert und letztlich ist es jedem selbst überlassen, wie er mit wem kommuniziert. Ich bemühe mich auch gegenüber fremden Menschen immer um Wärme und Respekt - mal klappt das mehr, mal weniger gut (abhängig von meiner Tagesform!). Aber Kommunikation ist immer auch eine Frage der Persönlichkeit, finde ich, und bei so manchem sind die sozialen und Kommunikations- Fertigkeiten einfach steril und verklemmt.

    21.01.2007, 23:17 von Issues
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Die Kommunikation wird m. E. nicht besser oder schlechter, auch nicht "grauer" oder distanzierter (im Gegenteil, wenn man bedenkt, wie offen viele Leute z. B. bloggen), nur anders. Früher hätten du und ich vermutlich nicht mit Stift und Papier kommuniziert, sondern gar nicht, weil wir uns nie begegnet wären :-)

    Aber was die sich verselbständigenden Vorstellungen vom Gegenüber bei ausschließlicher virtueller Kommunikation betrifft, hast du natürlich recht: Am besten, man macht sich gar keine besondere Vorstellung oder nutzt schnell die Gelegenheit zu realen Treffen, wenn sie sich bietet.

    Grüße,
    Pamina

    21.01.2007, 23:05 von Pamina
    • 0

      @Pamina Das ist korrekt und genau darauf will ich hinaus. Wenn du beispielsweise über ICQ oder Chat mit jemandem flirtest ist es kaum möglich soetwas wie sexuelle Spannung oder Vertrauen aufzubauen, da Subkommunikation sowie Körperkontakt fehlen.

      Gruß, Kastor

      21.01.2007, 23:09 von Kastor
    • 0

      @Kastor Das sehe ich anders. Man sollte sich nur dessen bewusst sein, dass die Spannung im eigenen Kopf entsteht und nicht wirklich etwa mit dem Gegenüber zu tun haben muss. Es sind also vielleicht doch eher zwei Monologe, die sich gegenseitig Stichworte geben, und damit nur eine beschränkte Form der Kommunikation.

      21.01.2007, 23:17 von Pamina
    • 0

      @Pamina Natürlich kann man sexuelle Spannung auch ohne Kommunikation, unabhängig von menschlichen Mittlern durch reine Vorstellungskraft oder Suggestion erzeugen.
      Doch wenn du das so siehst, ist Kommunikation immer auf eine gewisse Weise beschränkt, da wir oftmals nicht aussprechen, was wir wirklich denken, wir nicht direkt von Gehirn zu Gehirn austauschen. Kommunikation ist letzten Endes nur Mittel zum Zweck und zwar eine Brücke zwischen dem Verstand und den Gefühlen zweier Menschen aufzubauen.

      21.01.2007, 23:31 von Kastor
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] Wahrscheinlich ist es auch nicht der Inhalt, bei dem es bei einem Brief ankommt, es geht, denke ich, vielmehr um die Aufmerksamkeit, die jemand durch einen Brief vermittelt bekommt. Meine Schrift ist z.B. auch recht unleserlich, aber Menschen geben mir immer positives Feedback, allein aus der Tatsache heraus, dass ich an sie gedacht hab, die Mühe auf mich genommen hab, ihnen handschriftlich einen Brief zu schreiben.

      Gruß, Kastor

      21.01.2007, 23:04 von Kastor
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare