Glühend heiß - mein Mädchen
Mein Gott, wie sie mich gestern angesehen hat, aus Neugier. Es gibt wohl einen Grund für diese Lust an mir.
Mein Gott, wie sie mich gestern angesehen hat, aus Neugier. Es gibt wohl einen Grund für diese Lust an mir. Obwohl sie dazu überhaupt keinen Grund hätte, weil sie, wie ich, als Mädchen gewohnt gewöhnlich irgendwann nachgibt. Bedauerlicherweise können wir heute nicht als Frauen gelten, wir benehmen uns wie Mädchen: wir sind wehleidig, sanftmütig, zusammenfassend klein im Geist und im Gemüt - kein Gerücht, sondern tatsächlich - wir warten auf diejenigen Menschen, die unser Leben in jeder Hinsicht gelingen lassen werden. Auf Erlösung eben. Jeden Tag und jede Nacht schmachten wir nach dem nächsten Augenblick, der unsere Existenz rechtfertigen wird: die Aufopferung, die Blicke der Dankbarkeit, Not, Not, das Kind und der Mann, die erwarten und warten bis sie wütend werden, wenn einmal Pläne entgegenkommen. Ja, ich weiß doch, dass ich durchschaue und auch leiden kann, aus Wissen alleine kommt noch keine Tat zustande. Diese Taten, die manche Mädchen zu Frauen machen würden.
Ach, ja, wie sie mich so ansieht, als ob ich ihr neuerdings einen Hinweis auf ihre Frauwerdung geben könnte. Wie das Essen mir köstlich schmeckt, koste ich von ihren Blicken, spiele Dame und Frau. Jeden Tag sollte etwas anderes auf den Tisch und auf mein psychisches Spielfeld kommen, damit ich Abwechslung und Illusion pflege. Arbeiten und Arbeiten tue ich gleichzeitg parallel immer für andere, damit ich ich werde? Das kann doch nicht sein, dann würde ich doch eher für mich arbeiten.
Ich hasse Mädchen, die behaupten sich schon seit 40 Jahren für andere hingegeben zu haben. Solche Behauptungen kosten mich mehr als nur emotionale Wutdeckelung, sie provozieren mich zu Stirnrunzeln, obwohl ich doch verständnisvoll nicken sollte. Das ist verdächtig, ich muss mich in Acht nehmen, damit ich bei Teekränzchen im Café den anderen nicht schlussendlich sagen muss: "Herzliches Beileid, ihr seid noch Mädchen geblieben." Nach dem Glückwunsch bei der Geburt: "Es ist ein Mädchen!" wäre ein Geständnis der Unterentwicklung eine Pleite für die Eltern. Aber offensichtlich kümmert sich niemand im Land um diese vielen obdachlosen Mädchen - sie haben nie Hüte auf, wie es Frauen geziemt. Männer zahlen Unterhalt für Unterhaltung. Oh, ich vergaß , die meisten sind wohl Jungs geblieben. Leider gleichen sich die geistigen Geschlechter nur selten dem biologischen Geschlecht an.
Entwicklung, hormonellen Umschwüngen gleichende geistige Reifungsrevolutionen gibt es nur selten. Das ist nichts Esoterisches, nichts was energetische Felder betrifft: geistig ist das Hier und Jetzt des Alltagsbewusstseins - Bewusstsein definiere ich als das, was ich bei anderen nur erschließen kann, aber von mir jedenfalls weiß ich: ich habe noch nicht verantwortet, weil ich gefragt worden bin, nichts sagen kann, weil ich mir selber Fragen stelle. Doppelte Fragen führen zu Schwäche: ich knicke ein und beantworte (An)fragen anderer. Mich selbst habe ich jedoch nicht beantwortet.
Diese Frau, die mich durchblicken möchte natürlich auch nicht. So leicht lässt es sich leben, und lässt es nach außen so schwer erscheinen: ein Paradoxon: obwohl innerlich schwer, unhinnehmbar, ist es leicht so zu leben, weil man den Status quo mit der Schwere einer möglichen Evolution des Mädchens begründen kann. Leider eine Wahl mit gezinkten Karten durch und durch. Egal welche gezogen wird, es scheint Gewinn zu sein, der nur den tieferen Ruin bedeutet. Das Spiel des Lebens geht weiter, bei mir, bei dieser Frau, ich und sie sind dabei und doch schon längst aus dem Spiel geflogen. Wir haben mit Karten falscher Versprechungen gespielt, haben sie selbst erstellt: Schulkarrieren, Familienharmonien, Urlaubsreisen auf die Kanaren, romantische Candle-light-Dinner, Babies und Rasseln, große, gute Kinder, und natürlich uns auf dem aufsteigenden Ast des Berufs, den manche von uns aber manchmal anderer zuliebe gern selbst absägen würden. Manchmal legen wir nicht nur Sägen an, die uns nach und nach nach unten befördert, sondern gleich Kettensägen. Irgendwann hätten wir doch gerne den Ast weiterwachsen sehen wollen und wagen den Versuch ihn wieder anzukleben. Ob das ein erfolgreiches Unternehmen sein wird, wie vieles andere in unserem schönen Leben?
Sie, diese Frau, die mich mit Lust ansah, um in ihrem Leben lustig zu werden, wusste nicht Bescheid über diesenselbstproduzierten Selbst betrug. Schade und Ich hoffe schwer für sie, dass sie irgendwann erkennt. Es ist und war ihre Geschichte.
Am Ende versuchte sie noch verzweifelt Einladungen zu Geburtstagskuchenstücken zu bekommen: jeden Morgen studierte sie die Liste der Geburtstagserwachsenen neben der Tür im Regal des Büros. Hier arbeitete sie seitdem sie schon vergeblich in Jackentaschen, die seit Jahren nicht mehr durchsucht wurden, weil deren Appendix (Jacke) einfach im Schrank herumhangen, nach Geldresten. Nichts fand sie, so musste sie ihren lieben Mann um den Gefallen bitten, ihr bei einer langwierigen Suche nach möglichst kurzweiliger Arbeit behilflich zu sein. Ihr Mann war nicht mehr fähig, den jährlichen Urlaub zu bezahlen; er traute sich nie, sie darum zu bitten, arbeiten zu gehen. Als sie selbst erkannte, mit enttäuschtem Schmollmund zu ihm aufblickte, atmete er erleichtert auf. Er musste sie nicht bitten, sie war eine gute Frau, die erkannte wann fehl an Frau war. Jedenfalls fand sie eine Stelle, mit der sie zwar nicht zufrieden war, die aber Geld einbrachte. Kommen wir noch einmal zu den Geburtsagskuchenstücken zurück. Sie wusste ganz genau, dass Feiern auch Essen mit sich brachten. Obwohl sie einige Zeit hatte, genauer gesagt 15 Jahre, um für Essenszubereitungen zu proben, landeten trotzdem regelmäßig halbfertig Hausgemachtes im Mülleimer. Selbst Kuchen backen, konnte sie nicht so richtig; ihr Mann gab sich glücklicherweise mit gekauftem Streuselkuchen aus dem Supermarkt zufrieden. Damit sie eine Garantie für Stücke hatte, ging sie aus freien Stücken zum Geburtstagserwachsenen des Tages, bekräftigte, dass sie grundsätzlich nie zu Geburtstagen gratuliere, nahm sich ein Stück und ging. Außer vielleicht zu Nicht-Geburtstagen gratulierte sie mit einem Glückwunsch zum überlebten Tag im grauen Blockbeamtengebäude. Warum sie das so mit Geburtstagen pflegte?
Man konnte jemandem, der hier arbeitete nicht auf die Schulter klopfen, wenn er erneut ein neues Lebensjahr vollbracht hatte. Persönliches sei doch hier unerlaubt. Deswegen war nur dienstlich aufgrund des neuen überlebten Arbeitstages zu gratulieren, was meinte: du bist gut, hast deine Meterakten für heute abgearbeitet, genug Radio nebenbei gehört und bist noch nicht hysterisch die Treppe heruntergefallen, weil du nicht den Aufzug benutzt hattest. In Aufzügen wird im Gegensatz zu Treppen nie geredet, weswegen nur gedeckelte Menschen in den Aufzug steigen können.




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