JFBine 25.03.2007, 04:46 Uhr 0 2

Gig nannte er sich

und bedingungslose Freiheit wollte er. Möge er diese jetzt empfinden. In Gedanken an einen Freund. An einen Punk. An eine Seele von Mensch.

Ich kann mich genau an den Tag erinnern, als ich ihn zum ersten Mal sah, groß, liebenswert-punkiges Äußeres, daß davon zeugte, daß er ernst nahm, was er lebte, und als Markenzeichen 2 Hundeleinen samt deren hechelnden Besitzern an der Jeans befestigt. Er winkte dem zu, der mit mir unterwegs war.

Doch noch bevor derjenige begrüßt wurde, als wir aufeinander zugegangen waren, wurde ich von ihm mit freundlichen Worten empfangen. Aus Respekt.
Damals bekam ich eine kleine Ahnung davon, mit was für einem Menschen ich es zu tun hatte. Leider nicht sehr lange, und jeden Tag, den ich mit ihm verbrachte, würde heute gerne um Stunden verlängern, um Tage. Wie sein Leben. Daß er so sinnlos hinweggegeben hatte, sinnlos, aber ehrlicher, als alles andere.

Er war links. Er stand nicht hinter den Konventionen unserer Gesellschaft, nicht hinter irgendwelchen anderen. Er wollte die Welt verändern in der Art, wie er ihr begegnete. Sein Ziel hat er erreicht.

Sicherlich nahm er Drogen, daß gehörte für ihm zum guten Umgangston seiner Subkultur. Doch als er sich mit seiner Lebensweise etwas zu weit aus dem Fenster lehnte, und damit zu handeln begann, hätten ihm die möglichen Konsequenzen klar sein müssen. Er wollte, laut eigener Aussage, "die Liberalisierung natürlicher Rauschsubstanzen fördern und die Preise auf ein angemessenes Niveau bringen."... von seinen unnatürlichen Rauschmitteln sprach er nicht.

Wenn jemandem die Drogen ausgingen, und er wusste, daß jemanden Geldsorgen und heftige Abhängigkeit plagten, half er diesen Leuten. Aber auch, wenn jemand kein Dach über dem Kopf hatte, lebte er im Winter oder auch ständig bei ihm. Stets war seine Wohnung Matratzenlager, "Morgen Party bei Gig" ein Dauerbrenner.

Hatte jemand Sorgen, und man konnte ihm nicht weiterhelfen, sagte man "Hast Du schon Gig gefragt?", fs er nie jemanden im Stich lies. Und das einzige Mal (an daß ich und die Leute, die ihn auch vermissen, uns noch erinnern können) daß er Hilfe gebraucht hätte, war er zu stolz, um diese anzunehmen. Und zu ehrlich.

Am Dienstag hatten wir uns noch getroffen, wie beim ersten Mal, zufällig, auf der Straße. Er war "unterwegs", doch irgendetwas stimmte nicht mit ihm, daß sah ich schon von weitem. Er schlurfte, ging gebückter als sonst, und seine Hunde machten nicht mehr, was er wollte. Sie schienen verängstigt. Er selbst schien leer.

Er fragte nur kurz "Weißt Du´s schon?" und als ich mit fragendem Blick antwortete, erzählte er, daß ihn "die Bullen gefickt" hätten und er jetzt wohl 6 Jahre eingesperrt werde. Ich wusste es, wir beide hatten uns ein paar Mal darüber unterhalten. Er war dabei nie nüchtern. Erzählte weiter, daß er vielleicht mit einer Entziehungskur um die geschlossene Haft drumherumkäme. Aber mit kleineren Vorstrafen, die er schon habe, sei das schlecht möglich. Antwortete, er könne doch flüchten. - "Und was wird dann aus diesen hier? Sie sollen es doch guthaben!" mit Blick auf seine Vierbeiner. Sie waren seine Familie. Eine Ahnung stieg in mir auf, was es für einen extrem freiheitsliebenden Menschen bedeutet, eingesperrt zu sein. Für jemand, der nicht weiß, ja, gar nicht wissen WILL, was Morgen ist. Was "fester Wohnsitz" bedeutet. Der keinen Rückzug braucht. Der nur in Gesellschaft anderer Menschen glücklich sein kann. Der Helfen als Seins empfunden hat, totale Freiheit als Lüge und Gerechtigkeit als Definitionssache.

Am Donnerstag ging ich zu einem Treffpunkt der Punks. Ich wollte jemanden besuchen, doch ich wusste nicht, wo er steckte. Alle sahen mich an, als ich den Raum betrat. Betretenes Schweigen.
Ich fragte, ob ich bei ner subkulturell gesehen "Geschlossener Gesellschaft" stören würde, was als Witz gedacht war. Keiner lachte. Schweigen.
Einer trat auf mich zu, sagte nur, Gig ist tot. Überdosis.
"Er kiffte doch nur?!" meinte ich. "Ja."

Man wollte ihm daß nehmen, was er am nötigsten brauchte: Freiheit. Doch die ließ er sich nicht stehlen.

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