Gift überlebt.
Helga riecht an ihren Geranien. Sie riechen nach Gummi und Benzin.
Sie pflanzt Geranien auf ihrem Balkon. Wenn sie ihren Blick über das Geländer wachsen lässt, erblickt sie grauen Beton. Mit etwas blauer Farbe an den Seiten, Grafitti bis zum 2. Stock.
Helga pflanzt ihre Geranien jedes Jahr, sie wachsen nur nie und nach nur wenigen Tagen haben sie dasselbe furchtbare Grau der Betonwände angenommen. Farben sind hier nicht erlaubt. Genauso wenig wie Sonnenschirme oder Konfetti. Konfetti hat sich Helga nur dazu gedacht, aber sie findet, dass es ganz gut passt. Wenn Helga auf ihrem Balkon steht und schaut, dann sieht sie das Leben. Und zwar so richtig. Durch 6 Dioptrin starke Gläser. Die sind zu schwer für die große Nase, 6 Dioptrin hinterlassen immer dunkelrote Druckstellen.
Helga schaut gerne. Sie sieht viele Menschen, kommen und gehen, springen und hüpfen, weinen und lachen, singen und schweigen, tobend und müde, tot oder lebendig. Helga lebt im Klischee.
Da sind die Schmitts, im 4. Stock, die mit den 3 Mädels, die immer so viel schreien und weinen und oft blaue Flecken vom Küchenschrank haben. Küchenschrank ist arbeitslos, fett, fettig und stinkt stets nach Eau de Pommesbude in Kombination mit einem Hauch von Bitburger-Parfum. Helga schüttelt nur den Kopf. Und rückt die Brille zurecht. Frau Schmitt, zart besaitet, und knapp über Tod was das Gewicht betrifft, findet Helga interessant. Schwaches Weib.
Die Lanzers, Stockwerk 7, sind Helga von Grund auf unsympathisch, weil sie stets den Bullterrier-Doggenmischling, auf den lieblichen Namen „Sonja“ hörend, über den Hof rennen lassen, so dass die herumtollenden Kinder gezwungen sind, sich hinter Stock und Stein zu verstecken.
Die herumtollenden Kinder sind schlecht angezogen, der Rotz klebt immer zu an der Backe, Auge, Mund, Nase und Unterärmel des Pullis. Der Pulli hat Löcher. Die Löcher sind ausgefranst. Wie die Mutter der Kinder, denkt sich Helga. Die wohnt im 12. Stock. Alleine. Klischeehaft mit 9 Kindern von 8 verschiedenen Männern. Ihr Elend erzählt sie abends immer im „Zum letzten Willen“ bei einem 8-Liter Feierabend-Bier. Dann der Feierabendschnaps.
Dann zur Arbeit. Prostitution wird hier klein geschrieben, in Helgas Ohren heißt es stets „Schnacken“. Auch in den Ohren der Kinder, die sich nicht wundern, dass ihre Mama nur nachts „schnackt“. Die anderen Mamas machen das ja genau so.
Helga riecht an ihren Geranien. Sie riechen nach Gummi und Benzin. Der 9.Stock ist einfach keine Umgebung für solch bunte Gewächse, denkt sie sich.
Dann macht sie das, was sie jedes Mal macht, same procedure every year. Sie schaut den Geranien beim Sterben zu und fragt sich, wie lange sie in der Platte bleiben wird, bis der Liebe Gott endlich Erbarmen mit ihr hat und sie zu sich holt. Dann geht sie in ihre winzige Wohnung zurück und kocht sich einen Tee, von Kaffee bekommt sie immer Herzrasen.
Zum Einkaufen ist Helga zu schwach, aber sie will ihre spärliche Rente auch nicht den Simons aus der 1. Etage geben, damit sie ihr was vom Supermarkt mitbringen. Die Simons frisieren die Rechnung, weil blöd ist Helga nicht, ganz bestimmt nicht. Sie ist nur allein. Und etwas verbittert. Weil sie allein ist und weil sie sieht, was das Leben aus einem machen kann.
Oder was das Leben eben nicht aus einem Menschen machen kann.
Helga betrauert ein wenig die „gute alte Zeit“, weiß aber, dass das nichts bringen wird.
Also trauert sie lieber um ihre Geranien, die 7 Tage später vertrocknet und grau über das Geländer hängen, obwohl genügend Wasser und Fürsorge vorhanden war.
Ein paar Tage später klingelt es, Peter steht vor der Tür. Peter ist 10 Jahre alt, der Rotz klebt ihm an der Wange und die Brille sitzt schief. Letzte Woche hat er Helga mit seinen Jungs noch beschimpft. Peter ist leicht behindert, weil seine Mutter während der Schwangerschaft weder die Finger vom Alkohol, noch von Drogen oder gar den Zigaretten lassen wollte. Oder konnte. Helga befürchtet schon das Schlimmste, als sie ihn da so betreten stehen sieht und will gleich wieder die Türe schließen.
„Nein“ sagt Peter „warten Sie bitte. Ich habe hier was für Sie. Also… ich dachte. Ihre Blumen gehen jedes Jahr sterben und dann schauen Sie immer so traurig. Und, und, also und da hab ich mal in nem Buch gelesen, dass Blumen zu der Umgebung passen müssen, damit sie überleben. Und deshalb dachte ich, also… und dann hab ich gespart und Ihnen ein Fingerhut gekauft. Die sind giftig und trotzdem wunderschön. So wie hier.“ und deutet auf die Platte.
Helga nahm die Blume, streichelte Peter über den Kopf und erzählte ihm eine Geschichte aus der „guten alten Zeit“.




Kommentare
Hat was.
13.01.2011, 11:09 von topfbluemchenUnd wie schon oben erwähnt, ohne letzten Satz noch treffender. Ansonsten gefällt mir, wie in den anderen Artikeln auch, die Schreibweise.
ach, helga.
08.07.2010, 19:52 von YOLKmir gefällt der letzte satz nicht...
11.06.2010, 20:35 von platinpaule@platinpaule aber nur der!
11.06.2010, 20:36 von platinpaulesolche worte wie "klischeehaft" solltest du ersatzlos aus deinem schreibstil streichen
28.05.2010, 17:22 von MisterGambitIch mach mal die Lenu: Hmm...
27.05.2010, 23:03 von SteifschulzDer Text ist nicht schlecht, aber irgendwas fehlt...