MrDeeds 21.04.2017, 13:53 Uhr 21 0

Getötete Momente

Mit zunehmender Globalisierung haben wir es geschafft die Einzigartigkeit in vielen Augenblicken zu töten, mit dem Handy oder unseren Ängsten.

Als mein Flieger vor kurzem am Frankfurter Flughafen auf dem Weg zur Startbahn im Stau stand wurde mir bewusst, dass wir es geschafft haben selbst dem Fliegen den letzten Tropfen Romantik zu nehmen. Der Verkehr vor der Startbahn dicht wie inmitten einer Großstadt, Menschen an ihren Laptops, Tablets und Handys, keine Gespräche, nur bedrücktes Schweigen.

Und nachdem wir es vollbracht haben die Romantik im Alltagsleben zu killen, passiert es nun auch in der Luft.

Ein schöner Sonnenaufgang wird dadurch zunichte gemacht, dass jeder sein iPhone zückt und ein Foto davon machen muss oder sogar ein Live-Video das er in die Welt streamt. Wir lassen Maschinen für uns kochen, und Abends den Fernseher für uns sprechen, wenn wir müde nach Hause kommen. Die Stille des Augenblicks, seine Romantik, wie weggefegt von der Oberfläche der ktischigen Szenerie auf dieser Welt, die große Schriftsteller und die Industrie „Hollywood“ der 50er und 60er Jahre mühsam mit pittoresken Bildern erschaffen haben. Wie dreckig Paris ist und wie sehr Prag unter den viel zu vielen Touristen leidet wissen wir durch Foren noch bevor wir uns in das Abenteuer gestürzt haben, es selbst zu erleben.

Ich bin weiß Gott niemand, der auf all das verzichtet, denn da muss ich mich an die eigene Nase fassen, aber was mich so unerlässlich traurig macht ist, dass wir es nicht mehr ändern können. Mit der Zeit zu gehen heißt, solch latenten Luxus einbüßen zu müssen. All diejenigen, die draußen geboren wurden während ich in diesem Flugzeug saß, werden vieles von den malerischen Erinnerungen die wir aus unserer Jugend haben, nur aus Erzählungen kennen. Ob sie uns jemals vorhalten werden, diesen Feldzug gegen die Romantik im Namen der Bequemlichkeit nicht aufgehalten zu haben? Vielleicht, denn wenn sie dann wie ich heute dreißig Jahre alt sind, werden sie sich nach jenen Zeiten sehnen, in denen so vieles scheinbar so viel einfacher war.

Es gibt jetzt schon keinen echten Liebeskummer mehr, denn der wurde eiskalt durch Datingplattformen als Anti-Einsamkeits-Fitnessstudio zerstört, es wird sich nicht mehr ehrlich gestritten, sondern man fetzt sich über Messenger oder schweigt sich über selbige an. Und obwohl die Welt noch nie so nah zusammengerückt war wie heute, waren die Ängste der Menschen einsam zu sterben wohl nie größer. All das denke ich mir nicht aus, sondern was ich hier niederschreibe sind Resultate von zig Gesprächen, welche ich (versuche) in Zügen, Flugzeugen und mit Freunden zu führen. Am Besten geht das Sprechen mit meiner Oma, denn sie ist der einzige Mensch neben dem ich vier Stunden sitzen und zuhören kann. Handy aus, Laptop weg, nur Zigarre, Bier und Oma, diese Situation in ihrer vollkommenen Einfachheit ermutigt mich all diese Dinge zu schreiben. „Mit ein paar Worten auf Papier kannst du zwar die Welt nicht verbessern, aber du bist ein Teil jener, die gegen das Verblassen des Lichtes ankämpfen“, diesen Satz hat sie mir vor 15 Jahren gesagt, als ich meine erste Kurzgeschichte fertiggestellt habe. Es ist wahr, ich musste mir immer anhören, wie ich doch in meiner Nostalgie gefangen bin, wie ich alles neue verteufle und lieber in einer Welt von gestern leben würde. Natürlich kommt das von Menschen, die nicht zwischen den Zeilen lesen, von den ganzen erfolgreichen im mittleren Management die mit englischen Fachbegriffen um sich werfen um zu zeigen wie global sie doch vernetzt sind und wie geil sie in der Society nach ihrem Bachelor in BWL doch dastehen. Sie fliegen dann nach Bali oder auf die Seychellen, da machen sie ein Foto vom Strand vor türkisfarbenem Meer, manchmal mit, manchmal ohne Partner, setzten ein paar Hashtags darunter und ab damit auf Instagram. #Boyfriend #Girlfriend #Romantic #LoveYou #LoveOfMyLife #Beautiful #TheBest #UndÜberhaupt – so sieht das dann meistens aus, und das ist an und für sich nicht schlecht, nur wird nach zweitägiger Beobachtung sofort gelöscht wenn da nicht mindestens 15 Likes drunter sind, weil weniger immer irgendwie bedeuten nicht mehr genug beneidet zu werden. Am Ende geht es um Likes, nicht um das Einfangen des Moments in seiner Einzigartigkeit (auch wenn dieser einen schnieken Filter verpasst bekommt).

Das Selbstwertgefühl in der Gesellschaft ist so weit minimiert, dass wenn besondere Momente nicht die Zustimmung der ganzen Community erhalten, sie vielleicht gar nicht so besonders sind und man sie schnell wieder aus der Öffentlichkeit verschwinden lässt, denn wenn die anderen das nicht so toll finden, ist die subjektive Meinung womöglich verkehrt.

Ich habe mich 2013 im Augenblick eines kaum wahrnehmbaren inneren Nervenzusammenbruchs neben einen Obdachlosen in San Francisco gesetzt. Im Nieselregen reichte ich ihm einen Kaffee, er bedankte sich und fragte mich, was mit mir los sei. Nach meiner Erklärung, dass ich Angst davor habe, dass die Menschen in meinem Umfeld völlig abstumpfen schwieg er für eine (als endlos empfundene) Minute. Zuerst dachte ich, er hätte keinen Bock mehr mit mir zu reden, außerdem hatte der Mensch bestimmt größere Probleme, bedenkt man, dass der Karton auf dem er saß, die Jacke und seine Mütze alles war, was er Besitz nennen durfte. Aber die Pause die er machte war eine kreative Pause. Er bat mich um eine Zigarette, ich zündete sie ihm an und er sagte trocken zu mir:

„Schau, wie sie alle laufen, mit den Scheuklappen auf dem Kopf! Das war vor Jahrzehnten nicht anders. Der Unterschied ist, dass sie heute denken, wenn sie nicht so hektisch laufen, die Welt zu Grunde geht, denn es hält sie niemand mehr on the run. Dabei übersehen sie den Regenbogen rechts von uns“

Dieser Moment hat sich mir ins Gedächtnis gebrannt, zumal ich den Regenbogen selbst nicht wahrnahm.

Es ist nicht so, als ob die Menschen nicht anders wollten, sondern sie selbst lassen sich nicht. Ob Börsianer glauben, wenn nur einer von ihnen kurz nicht schreit und gestikuliert im Rahmen des Butterfly-Effektes die Weltwirtschaft zusammenbricht?

Es ist 2017 und vieles ist zu selbstverständlich geworden. Wir erkennen nicht mehr die besonderen Momente, sagen am Ende des Tages zwar, dass das und das schön war, aber umso öfter wir uns das gedrehte Live-Video ansehen, desto öfter werden wir feststellen, dass es nur ein Augenblick von vielen war. Wir konzentrieren uns viel zu sehr auf das außen herum, auf das, was die Menschen um uns herum denken und sagen, auf die Ängste vor dem Scheitern und dem Alleinsein und zu wenig auf uns, uns selbst oder uns als Paar, uns als Freunde oder uns als Familie. Wir übersehen Momente oder zerstören sie durch telefonieren, fotografieren, filmen, snapchaten oder instagrammen. So nehmen wir ihnen die Eigenschaft einzigartig zu sein. Und ich möchte mir nicht ausmalen, wie viele wunderschöne Regenbögen mir deswegen schon entgangen sind.


Tags: Augenblick, Regenbogen
21 Antworten

Kommentare

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      Jaja... Früher, da hätten wir uns mal kennenlernen sollen... Das hätt ihnen auch gefallen.

      Aber heute? Heute ist doch alles zu spät...

      26.04.2017, 07:14 von sailor
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      Früher, als die Gummistiefel noch aus Leder waren. 

      26.04.2017, 07:26 von Fin_Fang_Foom
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      Wir hatten ja nix...

      26.04.2017, 08:52 von sailor
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      :D

      26.04.2017, 12:25 von Fin_Fang_Foom
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    In der Theorie der feinen Leute beschreibt Thorstein Veblen schon vor 120 Jahren ausgiebig dasselbe gesellschaftliche Phänomen, das hier angeprangert und als neu beschrieben wird: Echte Bedürfnisse weichen dem Drang, neidvolle Vergleiche im Kampf um Prestige zu erzeugen. Demonstrativer Konsum zur Abgrenzung vom Durchschnitt, zum Polieren des Selbstwertes. Kein neues Phänomen, es dienen nur neue Instrumente dafür.

    25.04.2017, 16:02 von Feodor
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      "Träger des feudalen Prunks waren nach Veblen vor allem Frauen (in zweiter Hinsicht auch Diener), die stellvertretend für Haus und Hof Glanz und Wohlstand des Herren nach außen repräsentierten."

      26.05.2017, 11:17 von Patroklos
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      Die Frau erhielt ihren Wert erst durch den Wert ihrer Arbeit als Sklavin. Steile Karriere vom Packesel zur Dienerin der Hausherren, um stellvertretende Muße und Konsum sichtbar zu machen.

      30.05.2017, 08:29 von Feodor
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  • 2

     'Getötete Glaubwürdigkeit'

    ..des Textes.

    es gibt ja seit dem Urschleim immerfort Wandel und Wechsel - alles prinzipiell bedauer- kritisier- und hinterfragbar.

    Im Text hier allerdings überkommt einen, neben dem "Quark-Wir", so ein holpriger Alt-Weiber-Nostalgie-Kitsch, der mit Verallgemeinerungen nicht spart und etliches einfach schwach bis unsinnig beobachtet ist..  außer den Regenbögen natürlich.

    Einen inneren Zustand, vielmehr das was einem damit begegnet, bequem auf die 'verkommene Welt' schieben.... nunja..  

    Ungefähr so originell und frisch, wie sich als Autor solche Sprüche ins Profil zu kleben:
    "Wenn dir jemand Limonen gibt, mache einfach Limonade daraus!"


    25.04.2017, 15:18 von schauby
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    "es wird sich nicht mehr ehrlich gestritten"

    Ähm. Doch!

    Es hilft im Übrigen ungemein, kein WhatsApp und Facebook zu haben/zu benutzen oder ein Smartphone zu besitzen, das so veraltet ist, dass es für Updates und neue fancy Apps gar nicht mehr unterstützt wird.

    25.04.2017, 12:45 von frl_smilla
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    I wish I was special... So fucking special.
    But I'm a creep, I'm a weirdo... What the hell I'm doing here? I don't belong here...

    Oder so ähnlich... Und die Nummer ist ja auch schon wieder... alt.

    Wie alt eigentlich? 20 Jahre? 25?
    Egal...

    Die Gegenwart ist verkommen und früher... ja damals... Also ganz früher... War auch scheiße.

    Ach, egal...

    25.04.2017, 12:14 von sailor
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      Damals war alles besser, die haben wenigstens noch was erlebt, Jawoll! Schön mit dem Panzer durch die Ukraine, dass waren noch Zeiten - War eine richtige Erlebnisgeneration noch, damals....

      25.04.2017, 17:02 von chiral
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      Mit dem Panzer durch die Ukraine geht doch heute auch wieder. Es kommt alles wieder...

      25 Jahre ist die Nummer alt... Da schau her...

      26.04.2017, 07:15 von sailor
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    Wir haben nichts geschafft. Die einzigartigen Momente sind immer noch die Momente die sie immer waren. Die Beliebigkeit wird von männlichen wie weiblichen Aufmerksamkeitsfanatikern geschaffen, die immer wieder krankhaft den anderen zeigen müssen, warum sie sich selbst so dermaßen "special" finden... (Langweilig...).

    Ich bin ernsthaft froh, dass ich mich nur 2x pro Woche dazu zwinge bei Facebook reinzuschauen und Dienste wie Twitter, Instagram, Snapchat mich nicht die Bohne interessieren...

    Wusstet Ihr schon das man bei Whatsapp die Töne und Mitteilungen ausschalten kann? Mal machen, bringt sehr viel Ruhe und Gelassenheit...

    25.04.2017, 09:37 von chiral
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      ..man kann sogar whatsapp ganz deinstallieren...^^

      25.04.2017, 22:16 von der_mueller
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      musste das beruflich installieren, wurde dazu genötig

      26.04.2017, 11:48 von chiral
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      *genötigt*

      26.04.2017, 11:48 von chiral
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      ...Schweinewelt!

      26.04.2017, 13:07 von der_mueller
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    #humansoflatecapitalism


    Ich glaube, Pepsi wird die Welt retten und Kendall Jenner.

    24.04.2017, 12:45 von baransu
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  • 2

    Irgendwann werden die Menschen nostalgisch an Smartphones zurückdenken.

    24.04.2017, 12:01 von EliasRafael
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  • 1

    Die verdammten Smartphones! Das böse Internet! Die blöden Menschen! 

    23.04.2017, 16:54 von Bergfenster
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NEON fürs Tablet: iOS und Android!

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