Geteilt. Durch.
Mutter und Sohn beim Arzt
Nachdem ich die Ergebnisse erhalten und ausgewertet hatte, trat die Mutter in mein Büro, setzte sich ohne Umschweife hin, sah mich an. Ich schob die drei Hefter über meinen Schreibtisch von rechts nach links, wieder zurück, sah sie an, blickte auf die Hefter, wieder zurück, räusperte mich.
„Nun ja...“, begann ich dann, „sie wollten mich sprechen, bevor wir gemeinsam die Untersuchung durchgehen?“
„Zu meinem Sohn,“ sagte sie, „wäre Einiges zu sagen. Ich hätte es wohl schon vorher sagen sollen, aber wie sie sehen werden, sind es Dinge, die man... gerade als Mutter... man würde sie eher in sich verschließen und hoffen, dass... na ja... .“
Ohne zu zögern begann sie, die Geschichte zu erzählen, beginnend damit, wie sie ihren Mann kennenlernte, damals, auf einer Studentenparty vor einundzwanzig Jahren. Die beiden jung, erwartungsvoll, betrunken von Cola-Rum und Erwartung auf ein wildes Leben nach der Schulzeit fielen einander schnell in die Arme. Und das war es dann: Gemeinsame Vorlesungen, Parties, abgestimmte Studienpläne, Abschlüsse, Bewerbungen. Der Umzug. Die gemeinsame Eigentumswohnung. Wenig wild, aber sehr glücklich. Die Schwangerschaft. Zwillinge. Wunschkinder. „Naja... “, insistierte sie, sie hätten mit einem gerechnet, aber ein Zweites schien sich einfach in ihr von langer Hand geplantes Leben geschlichen zu haben, tauchte auf den Ultraschallbildern auf, dominant, das andere Kind fast verdeckend. „Vom ersten Moment an drängte er sich ins Bild“, sagte sie seufzend.
Neun Monate lang ein schmerzender Bauch, der beinahe platzte, die Entbindung unter enormen Wehen. Er hatte sich wieder vorgedrängt, die Hebamme sagte, es sei, als hätte er den Weg hinaus forciert, ohne Rücksicht. Sie sei dabei in Ohmacht gefallen vor Schmerzen, den Zwillingsbruder mussten sie per Kaiserschnitt holen. „Im Vergleich fast nur eine atmende Nachgeburt“, soll die Hebamme gesagt haben, mit einer Mischung aus Erstaunen und Entsetzen.
Primo und Levi wurden die ungleichen Brüder getauft, dass es mal einen Regisseur geben würde, der genau so heißt, das konnte ja wohl keiner ahnen.
Kinder geraten oft nach ihrem Namen. Bei Primo lag der Fall klar anders herum, was sich im Kindergarten nahtlos fortsetze, wie die Kindergärtnerinnen von damals noch heute zu berichten nicht müde würden, wenn sie sich an das hektische, überneugierige Bündel erinnern, dass sie damals in seinem Eifer zu bremsen nicht im Stande waren.
Wer kann als erster die Schuhe zu binden? Wer kann seinen Namen schreiben? Wer kann sagen, wo Walter sich versteckt hat? Wer findet den Schatz, den wir versteckt haben? Wer hat den Nougatkuchen aufgegessen und den kompletten Ruheraum vollgekotzt, wer in der Mädchenkabine in den Rucksäcken nach der Unterwäsche gewühlt?
Die Grundschule war demnach Formsache, Mitschüler und Lehrerkollegium froh, als sie ihn nach nur zwei Jahren in die Obhut des Gymnasiums übereignen durften. In Englischklausuren antwortete er auf die einfachen Fragen nach Personalpronomen oder dem gesuchten Wort für den abgebildeten Kugelschreiber mit kleinen philosophischen Essays über das Ding an sich und die Unsicherheit des Universums. Um ihn die Unsicherheit des Universums spürbar erfahren zu lassen, reagierten sie mit willkürlichen Strafen, etwa mit Nachsitzen a la „Du gehst, wenn ich es dir erlaube.“
Weniger galant reagierten die Mädchen seiner Klasse auf die Aufwartungen in Form nicht ganz so kleiner Briefe, in denen Primo ihnen seine Liebe Schrägstrich seine körperliche Anziehung offenbarte, was er, angesichts ihres Alters und vergleichsweise geringen Bildungsstandes direkt mit einem Bündel an Zeichnungen zur sexuellen Aufklärung verknüpfte. Und die Schule wechselte.
Reagierte er mit Wut auf all das, mit Aufsässigkeit,
Protest?
Nein, altklug wie ein gereifter Wissender in einer TV-Debatte nahm er das hin,
sagte, die Zeit sei schwer für Menschen wie ihn, verglich sich mit einer
Primzahl, die seien ebenfalls einzigartig, schwer mit anderen Menschen zu
teilen. So etwas teilte er in den frühen
Morgenstunden mit, wenn er es wieder geschafft hatte, vor allen anderen aufzustehen
und darauf zu warten, seine neusten, im Schlaf gereiften Erleuchtungen zu
offenbaren.
Da half weder Basketballkurs noch Theater-AG noch die Erlaubnis, solange auszugehen, wie es ihm beliebte. „Mit solchen Amateuren könne er ja nicht arbeiten“, wies er seine weitere Beteiligung an solchen Unternehmungen nach kurzer Zeit zurück, um sich in Bücher und Gedanken und Projekten zu vertiefen, die ihm Aussicht baten, noch viel öfter der Erste zu sein.
In der achten Klasse traf er sich mit Mädchen aus der Oberstufe, was für kurze Pausen im Umfeld sorgte, aber er überwarf sich mit jeder Einzelnen, weil er entweder im Bett stolz der Erste war, Stellungen als erster erproben wollte, die bislang als unpraktizierbar galten, seine Freundinnen mit Überlegungen verschreckte, wie: „Wir könnten die ersten an der Schule sein, die heiraten“, „die jüngsten Eltern des gesamten Bundeslandes“. Und so weiter.
„Das ist nur ein Ausschnitt, eine lose Auswahl an Momenten und Geschichten. Es steht mir als Mutter nicht zu, das zu fühlen, denke ich oft, aber wenn sie immer wieder da sitzen und zweifeln, was sie falsch gemacht haben könnten, wenn sie sich in der Kirche im Gottesdienst fragen, ob Gott sie hasst, sie Weihnachten nicht mehr feiern möchten, weil ihr Sohn sich in der Kirche und beim Familienfest aufführt, als habe er Geburtstag, wenn jeder Schritt, den sie, ihr Mann, ihr zweites Kind tun, schon innerhalb weniger Sekunden vom Erstgeborenen relativiert, überspielt oder in den Schatten seiner neusten Ärgernisse gestellt wird... ist es nicht verständlich, wenn ich jetzt hoffe, dass die Untersuchung ergibt... dass Primo... ich meine, dass seine Kopfschmerzen auf etwas hindeuten? Sie sind eine Art Segen für uns. Seit er sie hat, wenn er sie hat, wird er ruhig, dann haben wir wenigstens einen Tag Ruhe... .“
Das sagte sie, atmete tief durch, richtete sich in ihrem Stuhl auf, als sehnte sie dem Ergebnis der Untersuchungen entgegen.
„Nun gut. Ich finde, wir sollten ihn reinbitten“, warf ich ein, sie warf mir einen überraschten Blick zu, zweifelnd, ob mich ihre Geschichte zu einem Verbündeten gemacht hatte, ich sie für ihre Ausführungen verurteilte oder ob es mir schlichtweg egal war.
„Nun?“, fragte ich.
„Ja. Doch. Das ist dann wohl... richtig.“
Ich ließ Primo aufrufen, er betrat die Tür, ich war überrascht. Ich stellte ihn mir vor als unscheinbaren Jungen mit schlecht geschnittenem Haar und keinem erkennbaren Interesse an Mode. Mit Manieren, die zehn Meter gegen den Wind stinken, einer randlosen Nickelbrille.
Es trat ein: ein junger Mann in gestärktem Hemd, Sakko, gepflegter Kurzfrisur, einem gewinnenden Blick, freundlichem Lächeln. Er schüttelte mir die Hand. Konnte dieser galante Junge, der im Übrigen keine Anstalten machte, irgendwen im Aufenthaltsraum zu nerven (und solche Patienten gab es zu Hauf) der jenige sein, von dem sie sprach.
„Sie sind also Primo?“, fragte ich obligatorisch.
Er nickte.
„Heute irgendwelche Beschwerden? Kopfschmerzen?“
Er schüttelte mit dem Kopf, atmete leicht aus, „Gott seid Dank nicht.“
Ich blickte hin und her zwischen der Mutter, die mit zusammengezogenen Schulterblättern auf ihrem Stuhl hockte und Primo, der mit gefalteten Händen leicht nach vorne gebeugt ihren Blick suchte.
Dann dachte ich an das Ergebnis und die Ausführungen der Mutter, die mir aufgrund der Daten zumindest plausibel erschienen, sah herüber zu dem Jungen, der mir, vielleicht weil ich ihn nicht kannte, unendlich Leid tat.
Aber bevor ich mich äußern konnte, fiel er dazwischen.
„Stellen sie sich vor, dass das neuronale Netz im Hirn ist wie eine Wolkendecke. Das ist nicht exakt, aber stellen sie sich weiterhin vor, dass, solang am Himmel genügend Platz ist, sich die Wolken zu einer ebenen Decke ausbreiten würde, den Himmel gleichmäßig bedeckten. In dieser Wolkendecke breiten sich die Informationen aus, wie wir im Hirn verarbeiten. Jetzt stellen wir uns gemeinsam vor, was passieren würde, wäre der Himmel irgendwann völlig mit dieser Decke ausgefüllt, es kämen jeden Tag zu schnell und zu viele neue Informationen hinzu. Der Regen, der die unwichtigen Informationen abträgt, kann nicht schnell genug regnen, die Wolken verdichten sich, es kommt zum Gewitter. Dieses Gewitter, kann man sagen, ist das, was in meinem Kopf die Schmerzen verursacht. Und in dieser Form haben wir das noch nicht dokumentiert in der Medizin. Auch, weil das Gewitter scheinbar täglich wächst. Mit anderen Worten: Wir können beschreiben, womit wir es zutun haben. Wir wissen bislang aber weder warum noch wie wir das verhindern können.“
Die Mutter, die ihm gespannt zuhörte, richtete sich erneut in ihrem Stuhl auf. „Also gibt es dafür eine Heilung?“
„Gibt es so eine Krankheit schon? Und wenn nein, wird sie nach mir benannt werden? Wäre ich der Erste?
Ich schluckte erst, dann rieb ich mir die Stirn, schluckte erneut, sah zu Primo, sah zur Mutter, griff nach dem obersten Hefter, legte ihn wieder weg.
„Wenn dem so wäre,“ antwortete ich, „wer weiß das schon. Aber das Gute ist: Es handelt sich um eine konventionelle Migräne.“
Man hätte erwarten wollen, die Mutter würde sich freuen, würde lächeln, es käme zu einer unfassbaren Situation zwischen ihr und ihrem Sohn. Aber sie nahm dessen Hand, nahm sie fest, senkte den Blick.
Und er hielt die Hand seiner Mutter, streichelte darüber, dann sah er zu mir.
„Migräne? Das ist es?“
„Das ist es. Du musst wohl ein paar mal vorbeikommen, damit wir dich richtig darauf einstellen können. Damit Ihnen in der Zeit nicht langweilig wird, habe ich ein Rätsel. Oder sagen wir, eine Frage zum Grübeln. Wenn jeder Baum behauptete, er sei der Baum der Erkenntnis, hätten die Christen dann bereits sämtliche abgeholzt?“
Dass das ja eine super Frage sei, spotteten die beiden, als sie aufstanden um zu gehen. Ich begleitete sie bis zur Tür, nahm ihre trotzigen Handschläge entgegen und konnte mir nicht verkneifen, zu ergänzen „Auf Bald. Oder wie meine Mutter immer zu sagen pflegte: Oft bekommt man einfach das, was man braucht. Damit wird bloß kaum jemand fertig.“
Von ihr ein Zischlaut und ein Kopfschütteln. Primo flüsterte
ich noch zu „Die habe ich übrigens auch nie besonders gemocht.“




Kommentare
Hat mich richtig in einen Bann gezogen. War viel zu schnell vorbei. Danke für den Text!
30.10.2011, 15:46 von NeverGrowUpWie sehr Gewöhnlichkeit doch quälen kann. War mir ein Fest es zu lesen.
24.10.2011, 09:29 von pocketIch mag, wie Du schreibst...
12.10.2011, 06:49 von the_buuhMir fehlt hier auch definitiv der Bruder. Im Grunde habe ich von Anfang an auf ihn gewartet, auch weil er so explizit eingeführt wurde. Gut geschrieben ist es.
08.10.2011, 12:10 von quatzatich habs bis zum ende gelesen. bis zum ende lesen ist schon mal ein anfang. mag ich. sehr.
04.10.2011, 18:36 von luvegaPrimetime am Set
03.10.2011, 23:19 von KokomikoDie Anrede wechselt zwischen Duzen und Siezen während der Unterhaltung mit Primo.
30.09.2011, 14:49 von nyx_nyxIch hätte gut gefunden, wenn auch mehr über den Bruder zu erfahren gewesen wäre.
Ein Kindergartenkind wühlt nach Mädchenunterwäsche? Schöner Text, hier und da hakt er aber noch. Die Primzahlmetapher ist in jedem Fall ein Fest, danke. :)
27.09.2011, 08:35 von JoshBlocSchöner Text mit einem unerwarteten Ende
26.09.2011, 19:55 von Darling.Grave