ofilis 30.11.-0001, 00:00 Uhr 13 24

Geschwür

Der Tag, an dem die Liebe an der Welt Rache nimmt, ist nah.

Wir waren auf´s Land gefahren für ein paar Wochen, um die Schockwelle zu verdauen, die wir hinter uns gelassen hatten. Nur für ein paar Tage, im Höchstfall zwei Wochen wollten wir bleiben. Aber nun waren wir schon fast einen Monat in dem kleinen Ferienhaus, das wir von Freunden vermittelt bekamen. Es gab eine kleine Küche mit einer Eckbank aus Buchenholz, dunkel lackiert und wohl recht alt. Ich saß am Tisch und wartete auf den Tee, Andrea, meine Frau, lag noch im Bett.

Wir schliefen schon seit Jahren nicht miteinander. Die ersten Hiobsbotschaften konnten wir noch wegstecken, aber Rückschlag für Rückschlag verlor ich den Konktakt zu mir und dem, der ich für sie war. Ich konnte nicht mehr. Sie trug schwer daran, und das brach mir das Herz. Ich spürte ihre Sehnsucht, und hatte doch längst die Tür zu meiner verschlossen. Zuviel war passiert, zuviele Gedanken hatten sich durch die Geschehnisse ausgebreitet und bildeten ein Mauerwerk. Nur aus sicherer Entfernung sah ich uns, jung und unbekümmert, mit nichts beschäftigt als der nackten Feierlichkeit unserer gemeinsamen Zeit. Selbst jetzt kommen mir die Tränen, wenn ich Andrea vor mir sehe. Ihr Lachen, als wir das erste mal zusammen auf eine Party gingen, und die Zeit stillzustehen schien. Sie war das schönste Mädchen des jüngsten Semesters, ich war der gefährliche, kluge junge Mann, in den sie sich verliebte. Und heute?

Heute sind wir verlorene Krieger auf vergessenem Schlachtfeld. Die Welt zog an uns vorbei, ohne ein Ziel, ohne ein Interesse. Weder an sich, noch an irgendetwas anderem. Überfordert damit, das Dickicht aus falschen Versprechungen zu durchdringen, sich deutlich zu formulieren. Geworfen in Bedeutungslosigkeit und bald schon darauf verwiesen, diese zu glorifizieren. Bis man Kinder bekommt, denen man diese müffigen, verlogenen Ideale des Erfolgs, der Moral und der Macht aufdrängen kann, an denen man selbst jämmerlich gescheitert ist. Unfähig, das Schattendasein anzunehmen und sich dafür zu bedanken. Wir stehen da mit unserer Liebe und trösten uns damit, eines Tages Rache zu nehmen. Die Welt zu infizieren mit einem Hauch verdorbener Wirklichkeit.

Denn es sah doch eigentlich ganz gut aus. Man hatte mich von der Uni abgeworben, gab mir eine Stelle beim Geheimdienst, in der vagen Schnittstelle aus Medienforschung und Drogenhandel. Ich bekam einige Freiheiten. Vieles belief sich auf wochenlange, selbstständige Observation aller möglicher Informationskanäle, in großzügigen Abständen gab es Briefings, in denen dann punktuell und zügig die kommende Richtung justiert wurde. Ich schrieb meine Berichte, überarbeitete akribisch mein Codesystem und perfektionierte meine Deckung. Ich durfte niemandem davon erzählen, selbst meinen Eltern nicht. Zur Tarnung meldete ich mich beim Sozialamt an, unbefristet selbstverständlich. Wenn wir Geld brauchten, wurde uns bei der Organisation geholfen. Vermutlich bezahlte ich mein Auto mit gewaschenem Drogengeld, wer weiß das schon. Meine Kollegen waren schon bald die einzigen Menschen, denen ich trauen konnte und as genügte mir. Die Arbeit wurde mehr und mehr mein Zuhause, ich bezog meine Frau lose mit ein. Sie wurde getestet und galt als vertrauenswürdig, da viel zu desinteressiert an dem ganzen sub-politischen Hokuspokus. Die Ebene, auf der sich das ganze mit der Zeit entwickelte, war recht unheimlich. Die Berichte wurden präziser und umfangreicher, der Respekt mir gegenüber wurde spürbar, ich wurde eingeweiht. Ich bekam von all den Informationen und Zusammenhängen, die man mir gab, zuweilen gar paranoide Panik-Attacken. Aber das gehörte dazu. Nein, eigentlich war das der Sinn des Ganzen. Das große Erwachen zwischen den Türen.

Doch wie so oft im Leben, wenn es mal gut läuft kommt unweigerlich der Augenblick näher, an dem alles nach und nach zusammenbricht. Es begann damit, dass es "strukturelle Reformationen" in unserer Abteilung gab. Im Klartext hieß das zunächst Kürzung von Budgets, dann Streichung von Stellen. Am Ende der Fahnenstange wurde die gesamte Abteilung aufgelöst, bzw. umgewandelt in eine PR-Agentur für regierungsnahe Wirtschaftsverbände. Meine Scham war unendlich. Vom aufstrebenden Agenten war ich innerhalb eines Jahres zum beschissenen Vertreter und Geldeintreiber abgestiegen. Als ich die Kündigung einreichen wollte, unterbreitete man mir das Angebot, in einer anderen Abteilung anzufangen. Etwa im internationalen Aussendienst. Ich traute mich kaum, Andrea davon zu berichten. Im Aussendienst hätte sie große Angst um mich gehabt, und das wohl nicht zu Unrecht. Man hätte auf meine Ausbildung verzichtet, und mich ins kalte bzw. heisse Wasser geworfen. Nicht, weil man mir das unbedingt zutraute. Nein, weil man sich alles andere nicht mehr leisten konnte. Dennoch willigte ich zunächst ein, nicht wissend, dass kurz darauf so oder so alles hinfällig geworden wäre.

Als die Diagnose mich ereilte, war das wie ein dumpfer Schlag, der einem jedes Gefühl für Raum und Zeit verlieren läßt, sich in gefühlter Ewigkeit ausbreitet und alles betäubt, nichts übrig läßt an möglichen Empfindungen, einen weit zurückläßt hinter allem, was um einen herum passiert. Ich brauchte Tage um zu begreifen, daß ich tatsächlich Lungenkrebs hatte. Tage, in denen alles drunter und drüber ging. Zig Tomographien, Blutentnahmen, Gespräche mit Psychologen und Ärzten. Der Befund war letztlich nicht vernichtend, aber dennoch sehr finster. Es gab noch keine Metastasen in anderen Organen, aber der Krebs in der Lunge sei weit fortgeschritten. Das allerdings kam weniger überraschend, vor der ersten Untersuchung überhaupt hatte ich mehrere Tage hintereinander massiv Blut gehustet. Den ersten Bluthusten hatte ich ein halbes Jahr zuvor. So blieb nicht viel Zeit für die Behandlung, es folgte Schritt auf Schritt in kürzester Zeit. Wochenlange Bestrahlung, Zwischenuntersuchungen, eine letzte Bestrahlungsphase, Abschlußuntersuchungen, Nachbehandlung und Rehabilitation. Ich hatte 35kg verloren, einen Lungenflügel, meine Haare. Während der Nachbehandlung wurde ich operiert, Gewebe wurde entfernt, man gab mir Schubkarren an Medizin gegen Entzündungen und bakterielle Infektionen. Doch ich habe überlebt.

Sie war die ganze Zeit bei mir. Nicht täglich, sie musste arbeiten. Aber sie rief an und es war mit jedem Mal ein grösseres Glück, ihre Stimme am Ende der Leitung zu hören. An meinem Geburtstag, als es mir schon wieder etwas besser ging, überraschten mich ein paar alte Kollegen mit einer spontanen "Konferenzschaltung". Sie hatten uns abgehört und sich reingehackt. Es war ziemlich lustig, und sie brach irgendwann in Tränen aus, weil sie mich lange nicht mehr so glücklich erlebt hatte wie an diesem Tag. Und dabei hatte sie sich Vorwürfe gemacht und Angst gehabt, ich würde trauern, weil sie mich ausgerechnet an meinem Geburtstag erst sehr spät besuchen kommen konnte. Als sie dann schließlich kam, lagen wir still nebeneinander, ohne ein Wort. Ohne zu schlafen lagen wir wach bis zur Morgenvisite.

Zwei Monate später wurde ich endlich entlassen, und noch zwei Monate später fuhren wir in besagte Hütte. Auch hier redeten wir nicht viel. Das hätte ich mir nie vorstellen können, als wir uns kennenlernten, lachten und alberten wir den ganzen Tag. Anderen gegenüber waren wir verschwiegen, aber zusammen konnten wir nicht aufhören. Wir waren süchtig danach, den anderen zum Lachen zu bringen. So laut wie nur möglich. Doch nun, in der Hütte, da war es still. Tagelang. Wir flüsterten zärtlich, fassten uns an, gaben einander weiche Küsse. Wir versanken immer wieder ausgiebig in Umarmungen. Als der Tee an jenem Morgen fast fertig war, machte ich ihr wie immer den Kaffee und ging nebenan. Sie lag da mit offenem Mund und schlief. Sie war bei mir geblieben. Ich weiß nicht, ob jemand verstehen kann, was das bedeutet. Sie hätte alle Möglichkeiten der Welt gehabt. Sie war eine junge, höchst attraktive Frau. Ihre Zeugnisse waren gut, ihre Ausstrahlung wertvoll. Ihre Zeit einzigartig.

Ich weiß, ich müßte mich nie bedanken. Und wahrscheinlich werd ich es nie tun. Aber all das spielt keine Rolle, wenn ich mich neben sie lege und sie mich spürt, sich zu mir dreht und dabei das schönste Lachen der Welt im Gesicht trägt. Wenn sie mich ganz fest drückt, und ich spüre, wie ihre Augen dabei feucht werden. Dann weiß ich ganz genau: der Tag, an dem die Liebe an der Welt Rache nimmt, wenn sich ihr Geschwür auf die Menschen ausbreitet, ist nah. Denn erst wenn das jüngste Gericht vollstreckt ist, werde ich wieder über meine Frau herfallen und sie verschlingen. So, wie sie es wünscht.

Also, ihr Menschen. Rennt, solange ihr noch könnt.

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13 Antworten

Kommentare

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    mehr mehr mehr!

    17.01.2014, 23:21 von yuhi
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    schön dass du dein glück zu schätzen weisst.... es gibt soviele die es nie lernen werden.
    es gibt so viele die es nie erleben werden...
    schöner text

    06.01.2011, 16:23 von Faraduna
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    "Ich spürte ihre Sehnsucht, und hatte doch längst die Tür zu meiner verschlossen."
    "Sie war bei mir geblieben. Ich weiß nicht, ob jemand verstehen kann, was das bedeutet."

    Über dieser ganzen Geschichte schwebt unentwegt Zärtlichkeit, Sehnsucht und Liebe.

    05.01.2011, 15:19 von Jackie_Grey
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    Hab mich nur wegen des Textes eingeloggt. Absolut herausragend!

    05.01.2011, 12:23 von ...niemand...
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    ich fand den agenteil gut...ein interessanter gegenpol zu den absätzen davor und danach. aber ich steh auch auf agentenserien...24, alias etc...und da nervt mich dann eher der beziehungskram. äh...ich schweife ab.

    erbsenzählertum vermeldet: ich fand zwei stellen zu ausgelutscht in der wortwahl:

    1.
    "Sie trug schwer daran, und das brach mir das Herz."

    2.
    "Wir versanken immer wieder ausgiebig in Umarmungen."

    Herz brechen, in Umarmungen versinken...für meinen Geschmack zu pilcherich. Aber das ist Gemecker auf hohem Niveau und kaum der Rede wert.

    05.01.2011, 11:23 von AnnaEcke
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      @AnnaEcke Ich finde ja, wenn man Krebs hat, kann man durchaus auch mal in Umarmungen versinken. Das ist dann weniger pilcherig als vielmehr, nunja... lebenswichtig.

      05.01.2011, 12:27 von farbenkind
    • 0

      @farbenkind Nicholas Sparks und die Pilcher sind sich da durchaus ähnlich.

      Es pilchert irgendwie immer, wenn es um romantische Gefühle geht. Ich liebe Pathos.

      05.01.2011, 15:58 von Jackie_Grey
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  • 0

    "ß" und "ss" werden bei mir seit der mir im detail nicht vertrauten reform in 50% der fälle zufällig vergeben.

    und natürlich gibt es berührungsängste mit agenten, weil leute das mit fetten bmws, edelnutten und teuren anzügen gleichsetzen. die realität könnte davon nicht verschiedener sein, und der agent wurde hier wohl kaum überbläht dargestellt, sondern eher sehr nahbar und teilweise auch selbstironisch. dass es diesen beruf zwischen den türen politischer realität und politischer inszenierung gibt, ist gut und wichtig.

    05.01.2011, 10:55 von ofilis
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    Find ick jut.
    Schließe mich Sonja an, was den berufliche Part in dem Text betrifft. Unnötig dick aufgetragen.

    Es heißt übrigens "Außendienst" und "Abschlussuntersuchungen"

    05.01.2011, 09:55 von frl_smilla
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  • 0

    .. gern gelesen - gefällt - meine empfehlung!

    ach, bitte schau doch noch einmal drüber .. (ss / ß)

    05.01.2011, 09:30 von ilofi
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  • 0

    Der erste Text auf NEON, den ich nochmal lesen werde; weil er es einfach wert ist.

    05.01.2011, 09:14 von Jingeling89
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