Realitaets.Chaos 30.11.-0001, 00:00 Uhr 189 11

Generation Y - eine Generation die keine ist.

"Wir" werden alle über einen Kamm geschert, dabei wird das Wesentliche ignoriert: Watch your Privilege.

In der Zeit und in der Tageswoche.ch wurde sich neulich mit der “Generation Y”, auch genannt “Die Immer-und-alles-Generation” oder “Generation Slash”, auseinandergesetzt. Das sind zwei Artikel, in denen “meine” Generation (in der “allgemeinen Meinung” scheinbar zusammengesetzt aus den 1980 bis 1995 geborenen) wenigstens nicht als unfähig und faul und ineffizient verschrien ist, als eine, die sich nicht binden will. Im Gegenteil, sie wird bejubelt, es werden Dinge geschrieben, die im Endeffekt zusammengefasst bedeuten: wir sind eure Zukunft, weil wir uns nicht mehr den starren Formen der 9-to-5 Jobs aussetzen, weil wir sowohl Karriere als auch Familie wollen (und Zeit dafür für alle) und wir finden es toll, dass die Grenzen zwischen Job und Privatleben verschwimmen.

Es werden Beispiele angeführt, von Menschen, die in den verschiedensten Bereichen arbeiten: Musiktherapeut*in/Designer*in/Bandmitglied wäre eine weitere Option oder Filmemacher*in/Journalist*in/Historiker*in oder Comiczeichner*in/Heilpraktiker*in/… was auch immer. Es ist auch egal. Der Punkt, der mich in den beiden genannten Artikeln stört, ist der, dass es als freiwilliges Sein beschrieben wird. Es sei ein Wunsch, viele Jobs zu machen, zu arbeiten, als was man in dem Moment möchte. Es sei ein Wunsch, die Arbeitszeit verfließen zu lassen, es sei so gut für die Selbstverwirklichung.

Für viele Menschen mag das zutreffen, ich gehöre selbst dazu (wobei, und das ist vielleicht nicht ganz unwesentlich: ich mich in diesem Leben nur ohne Kind sehe und ohne Mensch, der Fürsorge braucht, sobald es diesen Menschen gibt, glaube ich nicht mehr an diese Form des Lebens), aber nicht für alle.

Warum sind gerade so viele Menschen in der weit-umfassten-Kreativbranche zugehörig zur Generation Y? Vielleicht eher, weil es keine Jobs gibt, oder nur wenige, vielleicht, weil die Kund*innen nicht mehr so viel zahlen möchten, weil Amateur*innen die Aufträge wegschnappen (weil sie weniger Geld wollen), weil jede*r denkt, das geht auch selbst und weil, ja weil es zu viele Menschen gibt, die in diesen Berufen arbeiten wollen. Am liebsten was-alternatives oder was-mit-Medien. Du kannst nicht mehr nur Editor*in im Film sein, wenn du nur coole Aufträge haben willst und nicht “Frauentausch” schneiden möchtest. Zumindest nicht, wenn du davon leben willst. Also sind viele noch was anderes, machen etwas, worin sie gut sind, etwas, das ein regelmäßiges Gehalt einfährt. Und am Abend reden wir mit unseren Freund*innen darüber, wie toll es doch ist, so frei zu sein, und wie schade für alle, die das nicht sind. Aber solange wir in einer kapitalistischen Welt leben, in der Geld DER Gradmesser für quasi alles ist, in der Leistungen und Nahrungsmittel und Wohnraum immer teurer werden, in der wir Telefone für 600 Euro haben müssen und Apple Notebooks, die nicht viel können, aber viel kosten, solange sind wir nicht frei. Solange können wir uns einreden, wie toll es doch ist, aber ehrlichgesagt haben wir eine scheiß Angst vor dem Tag, an dem das nächste Projekt nicht mehr kommt. Klar, wir wollen uns nicht unterordnen unter eine Stechuhr, aber im Grunde sind viele von uns kleine Egoist*innen im Kapitalistischen Betrieb. Nicht alles, aber viele.

Watch your Privilege!

In dem Zeit Artikel wird die Tatsache, dass es ein Privileg ist, so leben zu können und eine entsprechende Bildung zu haben, kurz angesprochen. Das ist gut! Das ist immerhin viel mehr, als die meisten Artikel und Poetry-Slamer*innen (hust) schaffen.

Um ein Leben zwischen drei hippen Jobs leben zu können, musst du privilegiert sein. Denn in dem Artikel geht es nicht um eine*n Kassierer*in, die vor oder nach der Arbeit noch Zeitungen austrägt oder um eine*n Ethnolog*in, die um ihr Leben zu finanzieren (ohne Apple) im Call-center arbeitet oder um die_den Friseurmeister*in, Klemptner*in, Krankenschwester_pfleger und so weiter, deren Einkommen nicht reicht um die Kinder durchzubringen und die deswegen noch einen weiteren, meist ebenso schlecht-bezahlten Job annehmen müssen.

Warum zur Hölle, leben wir in einer Welt, in der quasi alle Jobs, die Ausdruck von Menschlichkeit sind, alle Jobs, die wir wirklich brauchen um diese Gesellschaft am Leben zu halten (Hebammen anyone?) nicht geehrt, sondern verachtet, nicht gefeiert, sondern in 1-Jahres-Veträgen so schlecht bezahlt werden und in denen die Menschen regelmäßig zusammenbrechen, weil sie nicht mehr können.

Die Privilegiertheit geht so viel weiter, über Bildung heraus, sie ist eine Frage des Wohnortes, allein in Europa leben so viele junge Menschen, die genau dieser Generation angehören, in Armut, wie nie zuvor. Sie haben keine Jobs, wir reden von Arbeitslosigkeitsraten bei jungen Menschen von über 50 %, aber “hier” ist Unsicherheit ja hip und cool. Unsicherheit muss man sich leisten können. Mut ist kein “Anagramm von Glück” (Zitat: Julia Engelmann “One Day / Reckoning”), sondern etwas, dass man sich leisten können muss. In dieser Vorstellung, um diesem Ideal folgen zu können, musst du gesund sein, du musst dir den Mut von irgendwo ziehen können, du musst die Unsicherheit aushalten können (was nicht immer mit “Stärke” whateverthatis zusammenhängt) du musst unabhängig sein können, soll heißen es darf eigentlich niemanden geben, für die_den zu verantwortlich sein könntest. Du musst kreativ sein, auch ein Privileg. Rassismus spielt dabei auch eine große Rolle.

Aber das ist ja alles egal. Ihr (™) seid die Zukunft. Und dabei noch so nett, allen Menschen die nicht privilegiert sind, zu helfen irgendwann auch mal so leben zu können. Ihr wolltet nicht so werden wie eure Groß-/Eltern, aber im Grunde seit ihr viel schlimmer. Und arrogant bis unter die Hutnaht, weil diese Texte eigentlich allen, die nicht so leben, einen Vorwurf machen. Pfui.

“Es gibt kein richtiges Leben im falschen.”


Tags: privilegien, Rassismus, Zukunft, NEON User täglich, NUT
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189 Antworten

Kommentare

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      Warum sollten sich gerade BWLer, aus deren Reihen ja häufig die zukünftigen Kapitalisten hervorgehen, mit Marxscher Kapitalismuskritik auseinandersetzen wollen? ;-)






      27.11.2014, 16:13 von mirror87
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    Mich würde interessieren, warum die "Zeit" momentan immer "Die Krise des Mannes" titelt. Hat Giovanni di Lorenzo Potenzprobleme? Wenn ja: Mein Beileid.

    27.04.2014, 15:06 von Alida.Montesi
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      Ja, ich hätte den Text lesen müssen

      27.04.2014, 22:08 von Alida.Montesi
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    Danke für die Menschen, die ehrliche konstruktive Kritik geäußert haben, die nehmt ich mir zu Herzen und arbeite damit.


    Cool, was mir alles vorgeworfen wird, von Indoktrination bis zu "früher war alles besser". O_o

    Ich bin nicht indoktriniert, nur weil ich Menschen, deren Meinung mir ins Gesicht springt, nicht erkläre, warum ich geniere, das Grundlagenwissen war in dem Fall da, es wurde für schlecht befunden und jut. Ich hack nicht drauf rum, dass diese Menschen es nicht tun, aber es wird zum beinahe Hauptkritikpunkt an diesem Text. Ja, darüber werd ich nachdenken. Aber nein, es hier nicht nochmal und nochmal durchexerzieren.

    Die anderen Kommentare, ach … ich lass mir davon jetzt auch nicht mehr den Sonntag versauen. 
    Denselbigen wünsch ich euch in schöner Form. 

    27.04.2014, 12:30 von Realitaets.Chaos
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      Achso und ja, es war eine Anklage ggü den angesprochenen Texten und Meinungen.

      27.04.2014, 12:31 von Realitaets.Chaos
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    Realitaetschaos, du hast viele relevante Punkte angesprochen, und viel Kritik üben können, die manche nicht gerne schlucken, und viele Fragen aufgeworfen, auch wenn der Text eher anklagend wirkt als nachfragend. Hinterfragend, aber ohne Lösungen aufzuzeigen,. 

    (Zudem waren die Formulierungen beschwerlich, die ganzen Geschlechtsformen doch eher überflüssig, selbst wenn gut gemeint). 

    Auch Struktur der Idee hat mir gefehlt. 
    Was sich aber dazu sagen lässt, ist, dass die heutige Generation sich vor allem an ihrer Mannigfaltigkeit erkennen lässt - an der Vielseitigkeit ihrer Möglichkeiten, Begabungen, Träume, Wünsche und Illusionen, Jobversuche, Freunde, Blogs, technischer Geräte.... Alles findet sich in der Mehrzahl

    Die Qual der Wahl ist vielleicht der größte Fluch der Menschen von heute, die sich noch nicht irgendwo gefunden und etabliert haben. Ich finde es nicht korrekt, von bestimmten Jahrgängen zu sprechen, da sich dieser unsichere, im freien Raum umherirrende Zustand, den du auch beschreibst, sich eher epochal auf diejenigen erstreckt, die heutzutage in der westlichen Welt leben und sich noch nicht gefunden haben - in einem Job, in einer Rolle, von der sie meinen, dass sie ihnen zuspricht. Es gibt zweifellos sehr viele davon, und es ist schon zu einem Trend geworden. Heutzutage werden Trends tagtäglich neu geboren....
    Ich denke, dass das grenzenlose Streben nach irgendeiner Art von entblößter, uneingeschraenkter Freiheit und des daraus resultierenden Überbewusstseins über die eigenen Wahlmöglichkeiten in der Zukunft seine Grenzen und Richtlinien finden wird, es wird den Wunsch nach Ordnung, Sicherheit, Struktur und Einheit gebären, weil momentan der Ausgleich dazu fehlt und das vielen ins Auge sticht. Historische Prozesse haben ihre Klimaxe, aber am Ende relativieren sie sich alle. Ich mache mir schon Sorgen über die Zukunftswelt unserer Generation, aber ich glaube an die Menschheit und ihren Sinn für Ausgleich. 

    27.04.2014, 01:39 von ChaTalie
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      Heute wissen wir alles besser und kriegen es doch nicht hin, das ist glaube ich die Message. Wer den früheren Generationen zuhört, hat einen guten Kopf auf den Schultern und muss sich mit den Problemen der "verlorenen Söhne" der sog. Generation Y nicht auseinander setzen, denn er lernt aus der Vergangenheit für die Zukunft. Das fehlt vielen Leuten aus den genannten Jahrgängen. Weil das Instant Moment sich zu sehr in der Vordergrund drängt, die Zukunft überillusioniert wird und die Vergangenheit für schädlich und irrelevant erklärt wird. 

      27.04.2014, 01:25 von ChaTalie
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      Volle Zustimmung, wunderbar erklaert.

      27.04.2014, 13:55 von ChaTalie
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    *ehrlichgesagt haben wir eine scheiß Angst vor dem Tag, an dem das nächste Projekt nicht mehr kommt*

    sehr kritisch aber viel wahres dran. zugleich ist das jeder-kann-und-darf-alles-sein- dennoch zweiseitig.

    25.04.2014, 22:11 von livinggoldair
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  • 1

    Ungefähr bis zur Hälfte gelesen, als mir dann immer noch nicht mehr als "Hä?" dazu einfiel aufgegeben.

    Vielleicht liegt es ja daran, dass ich zur Generation davor gehöre. Keine Ahnung welchen Buchstaben die nun wieder hat.

    25.04.2014, 20:05 von Marvbaer
    • 1

      Das davor war die Generation X. Aber da du 32 bist gehörste anscheinend doch zur Generation Y. Es sei denn, ich habe mich verrechnet.

      25.04.2014, 21:52 von mirror87
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      Irgendwie wird dieser ganze Schmonz grob in zwei Jahrzehnte-Schritte begangen. Generation X is irgendwas von 60-80...usw.
      Irgenwie isses auch ziemlicher Unsinn, der letztlich nur für Schubladenspielchen taugt.

      Obwohl es halt irgendwie auch lustig ist, wenn man so tun kann, als könne man ernsthaft derart billig herumkategorisieren.

      26.04.2014, 00:14 von PixelAspect
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  • 3

    Scheiß auf Generation X Y Z, Golf, Praktikum usw.
    Am Ende stellt man fest: Wir sind wie unsre Alten und die sind wie ihre Alten.
    Wir wollen was wir wollen sollen, bis wir zu alt für den Scheiß sind und der Meinung sind, dass die nächste Generation für nichts zu gebrauchen ist.

    Sollen sie mich doch über den gleichen Kamm wie alle anderen scheren. Wenn sich der Wind dreht ist die Frisur eh wieder dahin. Oder meint ihr, dass es jemanden interessieren wird, wies mit der work/life balance aussieht, wenn der Verrückte aus dem Osten einreitet?

    25.04.2014, 18:14 von J_C
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      Wenn wir so sind wie unsere Alten, dann glauben wir den Scheiss von Verrückten aus dem Osten auch noch.

      Das wird voll gut...dann können wir auch wieder Atomangst haben und so.

      Geil.

      25.04.2014, 19:20 von PixelAspect
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      Du meinst doch in deinem Profil, dass es mal wieder dringend nen Krieg braucht. Das haben deine Ur-Alten vor ziemlich genau 100 Jahren auch gedacht.

      Merkst du was?

      25.04.2014, 19:28 von J_C
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      Yo...aber die waren dabei keinen Deut zynisch, sondern haben sich Blümchen auf die Gewehre gesteckt und "Hurra" geschrien, bevor sie das Jahrhundert der derben Kriege eingeläutet haben.

      25.04.2014, 19:47 von PixelAspect
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      Und hat sich was geändert? Deren Kinder haben Teil 2 gemacht und deren Kinder haben sich nicht zu Teil 3 getraut. Und da sind wir immer noch. Es kommt nur nicht dazu, weil man sich sicher ist, dass nach Teil 3 nicht mehr viel für eine Fortsetzung übrig ist.

      Drum wird halt woanders auf der Welt geschossen und wenn die Alten Hippies waren ist man halt dagegen. Und wenn die Alten BILD lesen sind eben alle Mullahs böse und die Griechen faule Säcke.

      Es hat sich nur alles sehr verwaschen, weil die Hippiekinder keine Eier haben mal ordentlich Krawall zu machen und die BILDungskinder sofort einen Shitstorm am Hals haben, wenn sie mal Neger sagen.

      Und ALLE haben eins gemeinsam: Sie sagen: wir sind gaaaanz anders, als die vor uns. Bei uns gibts das nicht mehr.

      Es wäre nicht das erste mal, dass eine einzelne Person so viel Macht an sich reisst, dass sie das allein entscheiden kann.

      25.04.2014, 20:05 von J_C
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