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smillalotte 02.09.2017, 18:20 Uhr 0 4

Geliehen für immer

Mein Kleid hängt mit einem Brandloch in der Schleppe und Schokolade am Ausschnitt im Schrank.

„Ihr hattet ja gestern Hochzeitstag! 10 Jahre, ich wusste das gar nicht!“ Sie guckt mich etwas traurig an und bemerkt, die anderen Nachbarn wüssten mehr als sie. Da wir diesen Tag sonst immer nur zu zweit gefeiert hatten, überraschte uns die geschmückte Haustür und der darauf folgende entspannt-lustige Abend mit den Freunden doch sehr. Um genau zu sein, vergoss ich mehrere Tränen der Rührung in meinen Sekt.

Sie aber hatte – so wie ich dachte, genau wie alle anderen – von nichts gewusst und bedenke ich es genauer, ich hätte sie liebend gerne dabei gehabt. Mit 96 Jahren sitzt man zwar nicht mehr so gerne abends in der Spätsommerkälte auf Terrassen, Decken habe ich aber genug.

Ich lade sie spontan ein, sich den mit Holzlocken und allerlei liebevoll ausgesuchten Holzkisten, -löffeln, und -herzen geschmückten Eingang anzuschauen. Nachdem sie die Freunde gebührend für ihr Engagement bewundert hat, gehen wir in den Garten und sitzen in der Sonne. Mein Baby schläft, ich hole das Hochzeitsalbum und die nächste Zeit verbringen wir – ich in Erinnerungen schwelgend und erklärend wer auf den Fotos zu sehen ist; sie begeistert, erfreut, interessiert.

Zum Strauß bemerke ich, dass ich ihn getrocknet und aufgehoben habe. „Den hast Du noch?“, fragt sie. Ich bejahe und erzähle weiter, dass wir des schmalen Geldbeutels wegen vieles selber gemacht hatten. Tische Stühle, Deko, Blumen, im Grunde alles, was von einigen gerne aus der Hand gegeben wird. „Wir waren ja Studenten, viel Geld hatten wir nicht. Mein Kleid war das teuerste an der ganzen Sache. Und die Torte habe ich selber gemacht: einen Mayatempel aus kaltem Hund.“ Das bringt sie zum Lächeln..

Sie guckt in die Ferne und vor ihrem geistigen Auge taucht ihre eigene Hochzeit auf. „Weißt Du woher ich mein Kleid hatte? Geliehen, vom Bauern. Ich bin von Haus zu Haus gegangen und habe gesammelt. Westermeyer hat ein großes Stück Käse gegeben, Gruber ein paar Eier, ein anderer Mehl. Und dann habe ich gebacken! Und den Strauß, den habe ich gekauft. Aber eine Woche später habe ich ihn wieder verkauft.“ Ich frage nach und erfahre, dass eine Witwe zügig wieder geheiratet hatte. Sie war froh darüber, bedeutete es doch, für den Strauß noch ein wenig Geld zu bekommen.

„Meine Eltern waren ja noch im Auffanglager und meine Geschwister....ja, die kamen mit dem Zug nach Auerbach und gingen zu Fuß die acht Kilometer nach Rendstorf. Auf dem Standesamt wurde ihnen gesagt, wir wären schon gegangen und so mussten sie noch sieben Kilometer gehen, nach Hollerberg. Wir wussten ja von nichts.“

Der Kleine wacht auf und sie ergötzt sich an seinem Lächeln und spricht freundlich mit ihm. Die kostbaren Momente der gemeinsamen und einsamen Erinnerung sind vorbei. Wir schieben den Kinderwagen ein wenig zwischen den Bäumen hindurch, dann trinkt sie das angebotene Wasser, um zu verhindern, dass es weggegossen wird und verabschiedet sich. Ich küsse sie auf die Wange und streichele ihr den gebeugten Rücken. „Bis bald!“

Alleine mit dem Baby bleibe ich im Garten zurück. Stelle mir den Moment vor, da ihr Bruder und ihre Schwester plötzlich an der Kaffeetafel vor ihr stehen. Wie muss sie sich gefreut haben!

Mein Kleid hängt mit einem Brandloch in der Schleppe und Schokolade am Ausschnitt im Schrank. Das Loch in der Spitze ist repariert, hineinpassen werd ich wohl nicht mehr. Auch nicht eines Tages. Ihres war geliehen. Sie hätte ihr Brautkleid vielleicht gerne noch einmal gesehen.

Niemand aber kann ihr die gemeinsame Zeit mit ihrem Friedrich nehmen. Nicht der Bauer, nicht die Frau mit dem Strauß, nicht die spärliche Feier

Nichts und Niemand.


Tags: Nachkriegshochzeit, Nachkriegsjahre, gute Freunde, 96 Jahre alt, bitte bleib noch ein wenig, Freundschaft, Erinnerungen
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