Dareios 26.02.2007, 15:40 Uhr 29 31

Gefangen zwischen Traum und Wirklichkeit

„Du würdest Teheran nicht wieder erkennen.“, sagen mir die Reisenden und jedes Mal trifft es mich wie ein Stich ins Herz.

Vier Stunden und dreißig Minuten trennen mich von meiner Geburtsstadt. Sicher würde ich mit dem alten Peykan meines Großvaters ins Zentrum fahren, würde in den überfüllten Straßen herumlaufen und wie früher zu einem der verlockenden Imbissläden gehen. Ich würde meine Cousins treffen, mit ihnen hinter Hügeln und Bäumen persischen Vodka trinken, dazu den frisch zubereiteten Kebab essen und mich in eine emotional geführte politische Diskussion verwickeln lassen. Dann würde ich unser Haus besuchen, würde die Khiabun-e Estakhr entlang steigen, eine steile Straße, an deren Ende die hohen Berge stolz und prächtig strahlen. Ich würde die sandige Nebenstraße begehen, an jener Bäckerei, dessen Besitzer Amu Hamid (Onkel Hamid), wie ich ihn nennen durfte, seine Fladen zubereitet und sie stets mit der gleichen sicheren Handbewegung an die Wand des Ofens knallt. Ich würde ihn grüßen und von ihm, wie damals, als wäre keine Zeit vergangen, ein Stück Brot angeboten bekommen, es höflich ablehnen, mich überreden lassen und dankend weiterziehen. Noch heute, da ich dies schreibe, rieche ich den Duft von Sand, von jenen wundersam duftenden Mohammedrosen, dem Bach, dem Teig und ach den süßen Duft des Reises, den meine Mutter zubereitet hat und den wir - sobald ich eintraf - aßen. Später würde sie mich bitten, die Reste zur Moschee zu tragen, sie den dort Hungernden anzubieten und um Gottes Segen für die Armen zu beten.

„Du würdest Teheran nicht wieder erkennen.“, sagen mir die Reisenden, wenn ich sie, nur um den frischen Duft der Heimat kurz einzuatmen, vom Flughafen abhole. Und jedes Mal trifft es mich wie ein Stich ins Herz. Aber ich schweige und lausche ihren Berichten, versuche alles aufzusaugen, sie dem unvollständigen Bild hinzuzufügen. In den Nächten darauf träume ich.

Ich träume von dem Haus, in welchem ich meine Kindheit verbrachte. Sehe mich als Jungen auf den Bäumen, die unseren Garten schmückten, klettern. Höre die mahnenden Rufe einer besorgten Mutter. Unser Haus hatte zwei Stockwerke, lag damals noch am Stadtrand; wie ich jedoch heute weiß, ist sie längst Teil des inneren Kreises. Wir hatten auch einen Teich, in dem Goldfische schwammen. Viele Blumen säumten den Weg zur Haustür, auch ein Granatapfelbaum stand im Garten. Immer wieder versuchte ich seine obersten Äste zu erklimmen. Ich würde es auch heute versuchen, wäre ich da. Vor der Haustür, gegenüber der Moschee, spielte ich nicht selten mit den Nachbarskindern Fußball oder fuhr stolz auf mein Rad sitzend umher.

Nie werde ich mich an dieses Gefühl gewöhnen, wenn ich aufwache und feststelle, es war nur ein Traum. Auch hatte ich in diesen zehn Jahren des Exils, in dieser unendlich langen Zeit die Hoffnung auf Heimkehr aufgegeben. Es war im Frühjahr 2004, als ich die freudige Nachricht erhielt, den Iran besuchen zu können. Meine Aufenthaltsgenehmigung war zwar auf drei Wochen befristet, dennoch packte mich die Freude wie nie zuvor. Und noch bevor ich beginnen konnte, mich emotional auf dieses einmalige Ereignis vorzubereiten, saß ich im Flieger. Die meisten Passagiere waren Iraner, ein paar deutsche Touristen, die verkrampft ihre Kopftücher richteten und einige wenige Afghanen. Ich versuchte mich zu beruhigen, ließ meinen Blick stur aus dem Fenster gerichtet und beobachtete das Geschehen auf den Abflugbahnen. In mir hatte sich eine merkwürdige Mischung aus Angst, Vorfreude, Euphorie, Sehnsucht, Wut und Sorge zu einem riesigen Klumpen zusammengeballt und ich erwartete den Augenblick, an dem ich zusammenbrechen würde.

„In Kürze erreichen wir Teheran“, hallte es aus den Lautsprechern. Auch jetzt, da ich über dem wolkenlosen Himmel schwebend, meinen Blick aus dem Fenster richtete, konnte ich es nicht glauben. Ich befand mich im Iran. Konnte das wahr sein? Vielleicht war auch dies nur ein Traum, wie ich ihn schon etliche Male geträumt hatte. Ich war mit diesen Befürchtungen beschäftigt, als mich der Aufprall der Reifen auf der Landebahn in die Realität zurückholte. Um mich herum war reges Treiben. Die Männer standen, trotz mehrmaliger Aufforderung ihre Plätze einzunehmen, in den Gängen, versuchten sich und ihre Familie möglichst nah am Ausgang zu positionieren, nur um Sekunden eher die frische Luft der Heimat atmen zu können. Ich kämpfte mit den Tränen, ließ mich von der Masse nach vorn schieben, erreiche die mittlerweile geöffnete Tür und war Zuhause. War ich es? Ich wusste es nicht, meine Gedanken waren nicht mehr die meinen, ich überließ mich dem Rauschzustand, in welchem ich mich befand. Kaum fähig die Worte der Kontrolleure zu verstehen, ihnen angemessen zu antworten, führte ich mechanisch alle notwendigen Bewegungen aus. Ich nahm meine Reisetasche in Empfang, ging immer noch, den Blick hin und her schwenkend, die Menschenmassen beobachtend, in Richtung Ausgang.

Was dann geschah, ist in Worten nicht wieder zu geben. Ich war wie benommen und fürchtete in Ohnmacht zu fallen, mir wurde schwindlig. Und dann, plötzlich, hinter einer Glastür, sah ich das erste mir bekannte Gesicht. Es war das Gesicht meines Onkels, der freudestrahlend auf mich stürzte, mich umarmte, küsste… Ich sah mich von einer Sekunde zur nächsten in den Armen verschiedenster Menschen, alle Verwandte, Freunde und Bekannte, die sich hier versammelten, sog den vertrauten Geruch der Großeltern auf. Klischeehaft bleibt mein Wunsch, dennoch konnte ich nicht umhin, die Erde auf der ich ging, zu berühren und – obgleich ich der Religion abgeschworen hatte – einige Worte an Gott zu richten.

Als wäre nichts real, als befände ich mich in einem zeitlosen Zwischenreich, gefangen in der Mitte von Traum und Wirklichkeit, berührte ich immer wieder die Hände meines Großvaters, nur um seiner Anwesendheit sicher zu sein. Er war da, saß in der gleichen Haltung wie damals, als ich der Stadt und somit ihm den Rücken kehrte, auf dem Fahrersitz und lenkte seinen alten dunkelbraunen Peykan hupend und gestikulierend durch die überfüllten Straßen dieser Großstadt. Die Fahrt dauerte lang. Der Wagen schlängelte sich durch Autoreihen, vollgestopfte Kreuzungen und rollte schließlich unter der Last von acht Personen schluchzend einen Hügel hinauf, an dessen Ende wir Halt machten. Mein Innenleben kam auch jetzt nicht zur Ruhe und sollte in den darauf folgenden Stunden ebenfalls keine Gelegenheit dazu finden.

Einige wenige Minuten und etliche Fragen später, saßen wir alle gemeinsam an der im Wohnzimmer ausgebreiteten „Sofre“ (Stofftuch, das zum Essen ausgebreitet wird). Meine jüngste Tante, Zahra, saß links von mir. Ich erinnerte mich, während sie mich immer wieder musterte und anlächelte, an die vielen Stunden, in denen sie mir aus Bücher vorlas, mit mir im großväterlichen Garten Früchte sammelte, mich mit nahm, wenn sie den Bazar besuchte und daran, wie sie mich noch in den Anfangstagen zum Kindergarten begleitete. Nun, Jahre später, war sie selbst eine glückliche und wunderbare Mutter. Ich lernte an diesem Abend zum ersten Mal ihren Sohn kennen, entdeckte in ihm große Ähnlichkeiten mit seiner „Maman“ und lernte ihn vom ersten Augenblick an lieben. Es sollte nicht die erste Begegnung mit familiärem Nachwuchs sein, denen ich vorher nicht begegnet war. Wir vergossen viele Tränen, einige aus Trauer über jene schrecklichen Kriegsjahre, versäumte gemeinsame Wünsche und Ziele, lachten aber auch über Anekdoten aus der Kindheit. Erzählten uns Geschichten aus alten Tagen, berichteten von aktuellen Zielen, Errungenschaften und redeten so in großer Runde bis spät in die Nacht hinein. Erst später als die meisten sich zum Schlafen zurückzogen, führte meine Cousine, Shima, mich auf das Dach.

Dort hatte sie nebst einiger Vodkaflaschen auch Zigaretten verstaut, so dass wir zum amerikanischen Marlboro und dem russischem „Wässerchen“ viele persisch-deutsche Weisheiten austauschten. Je mehr die Zeit voran schritt, desto ernster wurden unserer Themen und länger die Pausen, in denen wir das erzählte und gehörte verdauten. Ich spürte im Laufe dieser Stunden wie vertraut wir einander auch heute noch waren. Nahm an ihrem Kummer teil und entdeckte eine Frau, die voller Hass und Wut gegen eine Regierung, eine Diktatur der Mullahs war. Sie war beseelt von dem Wunsch auszusiedeln, ihrem Kind eine sichere Lebensgrundlage zu bieten und ihn in einer Gesellschaft wachsen sehen, deren Ideal die Demokratie ist. Unvermeidlich waren in der Folge ihre Fragen nach Deutschland, „Alman“. Wie die Deutschen seien, wollte sie wissen. Ob es stimmt, dass Frauen die gleichen Rechte besäßen. „Wie sind die Männer? Wie die Beziehungen? Haben unverheiratete Paare auch Kinder?“ Ich antwortete ihr mit gemischten Gefühlen, da ich fürchtete meine Aussagen über dieses Land, das ich gern als meine zweite Heimat bezeichne, Einfluss auf ihre Entscheidung auszusiedeln hätten. Ich sah in ihr den Stereotypen jener jungen Frau, der ich auch in den folgenden Wochen begegnen sollte. Die meisten beseelt von der Idee, ihr Glück im Ausland zu finden. Sie alle strahlten eine ungeheure Kraft aus, schienen oft aus Trotz sich Risiken auszusetzen. Wo immer sie die Möglichkeit besaßen, widersetzten sie sich den Regeln des Regimes. Die meisten hatten westliche Vorbilder, lebten in einer Welt voller Andeutungen und Geheimnisse. Sie trafen sich in Parks mit Jungen, tauschten flüchtige Berührungen aus und verabredeten sich an den entlegendsten Orten, wo sie wilde Partys feierten.

Die Stimme des Muezzins klang vertraut und hatte doch in dieser bezaubernden Kulisse etwas Mystisches an sich. Der rötlich gefärbte Himmel und die massiven Gebirgsketten ließen mich demütig dem göttlichen Gesang lauschen. Ich sah Männer und Frauen wie in jenen Kindertagen aus der Moschee kommen, spürte das Bedürfnis es ihnen gleich zu tun, erinnerte mich an die Worte, die ich als Kind allmorgendlich an den Allmächtigen richtete, hörte mich in der arabischen Sprache meine Wünsche aussprechen, sah mich im Koranunterricht, entdeckte die Märtyrerbilder an den Straßenecken, nahm die Schreie der Mütter wahr, deren Söhne dort abgebildet waren und weinte.

Langezeit betrachtete ich die leere Seite meines Tagebuchs, dachte – den Stift in der Hand und Tränen in den Augen – nach, versuchte in Worte zu fassen, was ich ein Jahrzehnt in mir trug, und notierte folgende Frage, deren Beantwortung ich mir zum Ziel meiner Reise setzte:

„Was heißt es ein Iraner zu sein?“

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29 Antworten

Kommentare

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    und hast du dein ziel erreicht und eine antwort auf die frage gefunden?

    26.04.2011, 17:34 von ezilie
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    ich kann mich nur anschliessen. wunderschön! ich habe zwar keine weitere heimat, aber ich kenne auf andere weise das gefühl ein "neues altes zuhause" wiederzufinden.... sehr bewegend. danke

    11.01.2008, 02:51 von MeltingPhoenix
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    Wow! und super geschrieben!

    08.01.2008, 15:42 von paranoiderandroide
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    Beeindruckender Artikel.

    Grüsse..

    28.10.2007, 17:38 von gauge
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    Eindrucksvoll, wirklich schön geschrieben!

    Ich bin zwar selber ein Migrantenkind, kann aber nur versuchen mir vorzustellen, wie es sein muss, 10 Jahre lang nicht in die Heimat zu dürfen. Manchmal fühle ich mich hier wie ein Puzzle in dem ein Teil fehlt... obwohl wir jedes Jahr dort hinfahren.

    Ich wünsche dir, dass sich die politische Situation im Iran bald ändert und ihr jederzeit frei einreisen könnt.
    Alles Gute*

    22.09.2007, 02:41 von Isabella.it.de
    • 0

      @Isabella.it.de einfach nur schoen geschrieben,

      vielen vielen dank fuer diese wunderschoen geschrieben wenn auch sehr traurige geschichte!!!
      ich bin auch ein Migrantenkind und ich habe beim lesen mich sehr beherschen muessen nicht los zu heulen. Wenn ich mir nur vorstelle wie es einen menschen mit heimweh innerlich geht.
      Alles Liebe***

      24.10.2007, 15:22 von Sam76
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    dieser text ist ein text den es sich lohnt zu lesen.
    geniale wortwahl, die es einem möglich macht gefühle nachzuvollziehen und bilder zu sehen.

    17.08.2007, 12:06 von zuckerkitsch
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    alter. irgendwie hab ich das verlangen mich schlichtweg zu bedanken, dass du du mit deinem artikel die viel zu seltene gelegenheit gibst dein herkunftsland mit seiner geschichte, kultur, und auch den heiklen brennpunkten aus dieser ganz individuellen, persönlichen sicht zu betrachten. sowas gibts viel zu wenig.

    25.03.2007, 18:02 von Jolie_R
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    Lieber Dareios,

    Ihre fantastisch schön geschilderte Erzählung bewegte mich tief und weckte viele Erinnerungen in mir, vor allem die an frühere iranische Freundinnen und Freunde, mit denen ich meine Studienzeit verbrachte. Da wurde zusammen gekocht, gegessen, diskutiert, gelacht und manchmal geweint. Nach erfolgreichem Abschluss kehrten die meisten stolz und voller Euphorie in den Iran zurück, aber nur, um unter der Diktatur von Ruhollah Mussawi Hendi, bekannt als Ayatollah Khomeini, ihr Leben zu lassen.

    Erinnerungen an all die später wiederkehrenden Iranerinnen und Iraner ("Wir sind Perser!"), die ich in ihren Asylanträgen unterstützte und zerrissen waren von dem Wunsch auf ein freieres Leben und ständig wiederkehrendem Heimweh.

    Aber egal, ob Iran, Irak, Türkei... , von all den muslimischen Ländern geht ein besonders eigener Zauber aus, den man in keinem anderen Land der Welt wiederfindet.

    Ich verließ leider auch auf Verlangen meines Mannes mit ihm die Türkei, weil er sich nach einem freieren, unkonventionelleren Leben sehnte.

    "Alles, was wir finden werden, ist das Heimweh," warnte ich ihn.... Ich vergieße immernoch bei jedem Besuch, zuvor wie danach, bittere Tränen...

    Selâmlar, lilaj

    10.03.2007, 19:02 von lilaj
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