Tim123 24.08.2009, 15:59 Uhr 22 11

Gedankenwechsel

Google verzeichnet 31 Milliarden Suchanfragen monatlich. Wem wurden diese Fragen gestellt, bevor es das Internet und Google gab?

Glücklicherweise sind die Menschen, die Moden hinterher rennen, immer andere. Ich dagegen bin ein bewusster Konsument und pflege einen fast zeitlosen Lebensstil. Was andere schön finden, interessiert mich fast nicht und schon gar nicht, was mir die Medien vorschreiben. Ich bin ich.

Ein Rätsel ist mir nur, warum so viele Menschen zur gleichen Zeit den gleichen, guten Geschmack haben wie ich und die gleichen Produkte bevorzugen. Natürlich nicht alle Menschen. Nur wenige. Also in der Gesamtzahl schon viele, aber relativ immer noch wenige. Zum Glück gibt es da noch genug Menschen (schon mal MDR gesehen?), die gar keinen Geschmack haben. Oder den falschen und jeder Mode hinterher rennen. Laufe ich aber Moden hinterher? Nein. Ich habe Geschmack!

Letzte Woche musste ich in einem Verkehrsmittel auf einer Strecke, die bevorzugt von Männern in meinem Alter, mit ähnlichem beruflichen bzw. sozialen Hintergrund genutzt wird, zu meinem Erschrecken feststellen, dass rechts und links neben mir zwei Personen saßen, die nicht nur den gleichen Anzug trugen, sondern auch das gleiche Handy und den gleichen MP3-Player besaßen und auch noch die gleiche Zeitschrift wie ich in den Händen hielten. Klonen die mich irgendwo? Bin ich geklont und weiß es nur nicht? Klone ich mich unfreiwillig selbst?

Spätestens beim Betrachten alter Fotos muss ich manchmal einräumen, dass ich darauf die gleiche bescheuerte Frisur trage, wie die anderen auf dem Foto auch. Das ist leicht zu erkennen, weil alle Frisuren damals bescheuert aussahen. Trotzdem fand ich meinen Haarschnitt damals toll. Und zeitlos. Damals. Genauso toll, wie ich meine Haare jetzt finde.

Aber ist meine Frisur jetzt vielleicht ebenso total bescheuert? Sitze ich in 10 Jahre mit meinen Kindern vor einem Foto von mir und kichere?

Sind die Neubauhäuser im Toskanerstil, die inzwischen in allen Norddeutschen Vororten in rosa die Augen verbrennen, die Glausbausteine des Jahres 2009? Wirkt mein iPod eine Tages genauso unfreiwillig komisch, wie die ersten, grotesk unterschenkelgroßen Handys heute auf mich wirken?

Dass ein Tattoo auf dem weiblichen Steißbein eine kurzzeitige Modeerscheinung war und man wahrscheinlich das Alter der Trägerin in 30 Jahren allein an Hand dieses "Schmuckes" genauso leicht identifizieren kann, wie heute bei einer "Gerda" an ihrem Vornamen - dürfte jedem klar sein. Aber weiß das auch diejenige, die sich gerade große Sterne auf den Unterarm stechen lässt oder sich ein Piercing durch die Unterlippe bohrt? Auch wenn man es "nur für sich macht" und es "einfach schön findet"?

Jeder, der den Fall der Mauer erlebt hat, musste in diesem Augenblick merken, dass das wohl doch etwas anderes, einmaliges ist und zwar mehr, als das, was sonst so im Leben passiert. Und wohl dramatische Konsequenzen haben wird (und zwar neben der Tatsache, dass im Gebiet der ehemaligen DDR das Brot nie wieder so billig sein würde, wie vorher). Aber als Ignaz Semmelweis 1847 das Händewaschen erfand - für die Menschheit wohl wichtiger als der erste Mann auf dem Mond - konnte man die Bedeutung dessen schon damals erkennen?

Merkten die Menschen Anfang des letzten Jahrhunderts, dass sich der Jugendstil ablöst und durch den Expressionismus "ersetzt" wird? Und wie "ersetzte" er sich? Fand man dann Jugendstil "plötzlich" unmodern, "oldschool" und warum? Konnte man trotzdem schon damals das Gefühl haben, dass der Jugendstil zwar nun unmodern, aber trotzdem von einem künstlerischen Wert ist, der über Jahrhunderte bestand haben wird? Und die NeueDeutscheWelle eher nicht?

Wenn monatlich 31 Mrd. Suchanfragen bei Google eingehen, ist das eine Mode? Fragt man in 10 Jahren etwas anderes? Oder gar nicht mehr?

Oder ändert sich gar gerade die Welt? Gehen wir als die "Generation Internet", als Ablöser des sog. "Atomzeitalters" in die Geschichtsbücher ein? Wird es in 100 Jahren heroisierende Filme über die NewEconomy Anfang des 21. Jahrhunderts geben, so wie heute Western über 1880?

Muss mich das überhaupt interessieren?

Meine Großeltern stören mich ja auch nicht, wenn sie Polen als ein Teil des alten "Ostblocks" verstehen, in dem nur "Menschen mit fahlen Gesichtern" wohnen.

Sind ja auch meine Großeltern.

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22 Antworten

Kommentare

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    bin gerad sehr begeistert von dem text, da ich solche gedanken auch schon öfter hatte, aber leider nicht so schön ausdrücken kann wie du.

    01.10.2009, 19:28 von fallingawake
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    solche endlos frageanfälle hab ich auch manchmal. das fragen ist wichtiger als die antworten.

    guter text! lg

    27.08.2009, 21:33 von gluecklich21
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    Selbst komplette "modische Trendverweigerer" werden periodisch zu "Retro-Stylisten" oder trendigen "(Meinungs-)Trendverweigerern".

    "Mainstream" schafft partikularinteressenübergreifende Gruppenzusammengehörigkeitsgefühle und muss jeden mit einem IQ über 100,1 zwangläufig zumindest interssieren aber in seiner Oberflächlichkeit zugleich schocken - denn wer will schon "gewöhnlich" ;) sein?

    Ich wage mal die These, dass komplette jahrelangeTrendresistenz - sei es stylistisch oder auf Meinungen bezogen - das intellektuelle Pendant zum INZEST ist. ^^

    Wenden wir mal einfach das Beispiel des IQ analog zum Trend an ... dann wird der Zusammenhang klarer: man muss nur wissen, wie ein Wert entsteht und was er bedeutet: egal, wie trendig Intelligenz auch jemals werden mag ... selbst wenn der dümmste plötzlich so schlau wie Einstein wird: die Mehrheit wird ewig den Wert "100" behalten ^^

    ... und das Arschgeweih sagt schlicht: "103 ... also bitte Bild-Themen wenn de schon nich tanzen willst" ... und wenn du ganz viel Glück hast, folgt noch ein "ALTAA"

    (... suche gerade meine schwarz-weiß gestreifte Stretch-Jeans und meine hohen Basketballturnschuhe)

    27.08.2009, 10:50 von MarioF77
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    ein nick hornbyhaftes problem

    26.08.2009, 20:14 von rolfradolfski
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    *seufz*

    Nostalgie ist auch nicht mehr das, was sie mal war...

    26.08.2009, 15:47 von sailor
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    „Muss mich das überhaupt interessieren?“

    Nö. Was kümmert es mich wie man künftig die heutige Generation nennt ?
    Und Modeerscheinungen ? Pfff.... ein Beispiel: seit meiner Jugend finde ich Jeans bequem. Ok, zur Arbeit sollte man nicht unbedingt in Jeans kommen, aber ansonsten ist es mir in den letzen gut 30 Jahren so was von egal ob andere auch Jeans tragen oder nicht. Wenn ich nun zufällig andere Leute sehe die auch welche haben, ja, was kümmert es mich ? Oder meinetwegen auch den CD-Player. Ich mag das Ding und habe meine Gründe warum ich kennen mp3-Player benutze. Es war mir vor Jahren so was von egal und ist mir auch heute egal ob andere auch einen haben oder nicht. Und mir ist auch egal ob andere Leute eine Kaffeemaschine zu Hause haben oder nicht.

    Was die Frage der Zukunft angeht: Ich wünsche mir ein vernünftiges, soziales Miteinander. Das Thema soziale Gerechtigkeit ist für mich überaus wichtig, in Zeiten der Globalisierung sogar weltweit, aber am spannendsten im eigenen Land.
    Es geht mir um Grundlagen des Zusammenlebens, wie man nun dabei aussieht oder was man dabei anzieht, ob nun tätowiert und / oder gepierct oder nicht, exzessiv das Internet nutzt oder nicht, spielt für mich dabei eher die kleinste Rolle. Gut, es gibt Leute die versuchen über ihr Äußeres eine bestimmte Haltung nach außen zu zeigen, aber, wie gesagt, Äußerlichkeiten / Modeerscheinungen und die Frage, wie man unsere Generation rückblickend bezeichnen wird, das sind Themen die ich in etwas so faszinierend finde wie den täglichen Wetterbericht.


    Die Frage, wie uns das Internet verändert, finde ich hingegen schon spannender. Klar, früher hing man mit seiner Clique herum, draußen, und hatte allerhand Blödsinn oder auch nur Langeweile im Kopf. Seit ich im Internet Onlinespiele spiele, hänge ich da herum in meiner Freizeit, habe aber keine Langeweile, und ein paar Freundschaften haben sich auch ergeben, bis ins RL (Real Life) hinein. Das was zunächst mal extrem positiv ist (man kann sich fast jederzeit ‚sehen’ im Spiel, gemeinsam spielen oder auch nur quatschen, egal) wird dann zum Nachteil, wenn man mal eine Person im RL braucht, wenn Reden allein nicht mehr reicht. Wenn die Freunde Hunderte oder gar Tausende Kilometer entfernt wohnen.

    Hin und wieder bin ich auch Google-Nutzer, Forennutzer und auf Suche auf Informationen über Spiele, die mich interessieren. Ja, ich nutze das Internet. Und weil ich im Internet zugange bin gebe ich automatisch Informationen über mich preis. Was vielleicht einen eigenen Artikel in Bezug auf Sicherheit im Internet wert sein könnte.

    Früher konnte man auch ohne das Internet leben, aber mit Internet ist vieles einfacher. Wie gesagt, es ist eine Bereicherung, aber völlig unkritisch sehe ich das Internet auch nicht. Nur überwiegen die positiven Eigenschaften meiner Meinung nach immer noch. Wie lange das noch so sein wird weiss ich nicht.

    26.08.2009, 13:03 von Cyro
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    List sich als ob ne "weltoffene" Studentin aus Stuttgart in ihren Semesterferien zu viel Zeit hatte und ihre aus "doctors diaries" und "das mädchen rosemarie" zusammengeschnitzten Fantasien hier reinstellt.

    26.08.2009, 12:35 von rolfradolfski
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    Sehr sehr interessante Gedanken. Ich finde schon dass dich soetwas interessieren sollte! Denn vor allem die Sache mit der Mode fällt wirklich tagtäglich auf.
    Jeder meint ja seinen eigenen Stil zu haben. Doch von wie vielen Menschen sagt man am Ende wirklich :"Der hat wirklich seinen eigenen Kleidungsstil!"

    Auf jeden Fall regt dein Text echt zum denken an. Super!

    25.08.2009, 22:00 von Nadoude
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    Ein Rätsel ist mir nur, warum so viele Menschen zur gleichen Zeit den gleichen, guten Geschmack haben wie ich und die gleichen Produkte bevorzugen.
    Ganz großartige Formulierung!

    Und überhaupt: Indie ist der neue Mainstream, Schweinegrippe ist das neue H5N1 und Lila ist das neue Grün.

    25.08.2009, 19:53 von MutterGottes
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      @MutterGottes rofl!
      Danke.

      15.12.2009, 08:44 von Souljabeatz
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