lichterklette 22.01.2013, 21:50 Uhr 13 8

Gedankenfisch

Ein schwarzgrober, dunkelviolett schimmernder Gedankenfisch zieht seine ruhigen Bahnen gerade in die Gewissenwässer eines Menschen....

Ein schwarzgrober, dunkelviolett schimmernder Gedankenfisch zieht seine ruhigen Bahnen gerade in die Gewissenwässer eines Menschen,
der seinen Mikroozean an Konzentration Schluck für Schluck verschüttet.
Vorbei am Herzen, Sozialtaktgeber, durch die fettmadigverwinkelten Organlabyrinthe zur Galle, Zorndirigent und ehrenamtlich
Eifersuchtsmotor, schiebt er sein Negativgesicht immer tiefer vor sich in den Körper hinein.
Die Schwanzflosse fächert alle Innerweltlichkeiten auf, mit der diebischen Sanftmütigkeit, alles wieder in sich zerfallen zu
lassen. Dass keine Spur des Andersartigen je zurückbliebe. Dass man ihn nicht finden könnte.
Dass er Zeit hätte, die Schwärze wie ein lebendes Spinnenwesen, in Nebelschwadennetzen in die Empfindsamkeiten zu fluten.
Überall, und sollte dort noch so philosophische Existenz sein, wo eigentlich keine ist, laicht er klamm und unheimlich,
verziert Lamellen mit tieffärblichem Pulver, versteckt die Ostereier seines perfiden Kalküls, wirkt bisweilen als
inwändiges Schuppenschleifpapier, wenn er so drängelt und schlängelt.

Der Gedankenfischinhaber steht auf dem Balkon eines, noch nicht gedankenbefischten, Gastgebers, lehnt sich ohne innere
Ahnung locker gegen die Reibeputzwand.
Der Blick schweift ganz alltäglich etepetete in die Thematik eines jungen Mädchens, das sich Konsequenz-diffuse Ziele gesetzt hat, für diesen
frühen Abend. Das warme Sonnenorange deckt alle Tageslichter schräg von oben ein, streift über Karohemd-Schultern, ist
seidener Feierfrack.
Und während er dort steht, die möglichen Mädchen-Fragen als Daumenkino durch den Kopf presst, sich zu festigen versucht, Schlagfertigkeit zu liefern, von außen angepinselt vom
Abendschein, rummort in ihm das unsichtbare Nautikwesen mit der Antifarbpalette.
Die Zahl seiner Vorgängerbesetzungen ist eine Dunkelzahl.
Eine noch viel größere und sicherere Zahl für Unwissen.

Er tropft durch die Nasenhöhlen, in Erscheinung klebrig schwarzen Seelenteers, in die Welt der noch zu bearbeitenden Opfer
ab, sammelt sich im Beisein aller blinden Augen zu seiner Fischgestalt.
Dann setzt er sich in Stillstand. Wartet. Wägt nicht ab. Lauscht genau allen Worten.
Das Balkonmädchen ist mittlerweile in den Modus des Losgelassenseins gewechselt, überhäuft den Gedankenfischinhaber mit dem Meer
an Berufsbiographie einer unendlich langen Scheibe, ohne Ende, ohne Abgrund, ohne Komma.
Sie müsste auf sich aufmerksam gemacht werden, damit ihr automatisierter Mund von ihr angehalten wird. Der Fischmann kennt
die Regeln, dass Gentlemänner nichts abschneiden. Ein halbmastiges Lächeln im Zusammenspiel mit Händen, die ohne Augenfixierung
ihren eigenen Weg zu was auch immer finden müssen, ein leichtes, zyklenartig eingeworfenes Nicken - so die konforme Dimension
der Balkonromanze.
Die Sprachpassagen werden länger und wenn sich der Gedankenfisch regte und anschlug, so nur in Verkleidung eines Hungergefühles.
Bejahende Worte greifen, Zahnrädern perfekter Passiertheiten gleich, eineinander. Keine Konter, nur in Art von Wortwitz.
Lächeln wird getauscht. Ein guter Nettbewerb.
Alle Fischopfer gingen zu ihrem Ende darüber hinaus. Utopische, surreale Ärzte würden, durch ihre Emo-Stethoskope hineingehorcht
festgestellt haben, wie der Tote an Selbstfleisch verloren hätte, gestorben wäre im Egohungerkampf.
Keine kranken Vorgeschichten zu verbuchen, fast alle gut im selbstbewussten Sud, fast alle konnten Reflektieren, einige
sogar sich auf andere, sie hatten Freunde, die gelegentlich als Psychomüllabfuhr die sozialen Straßen sauber hielten.
Ihr Ende, nur eine kranke Nachgeschichte.
Dazu noch septische Fragenviren, die übrig blieben und die Ungefischten in ein anderes Loch aus Ahnungslosigkeiten stießen.
Die Aura des Gedankenfisches, mächtig in den Äther geworfen, wie große Wasserkreise von flachem Stein.
Flüssig zusammengefunden, quecksilberig, kraucht er die Hosenbeine nach oben. Und wenn er gesehen werden könnte, weil keine Klamotte
den Körper bedeckt, so nimmt er den nasskalten, schneckenzarten Weg über Rücken und Kopf.
Zieht vorbei an den Schlagadern, die ihm den ersten Eindruck vom Temperament schenken. Fühlt die Schwachstellen. Kommt aber immer
rein.
Eine falsche Schlange legt er in ihre Mundhöhlen, die Eingangstore seines meergrundtiefen Zweckes, für den er sich aus allen
jemals losgelösten Sprechkadawern evolutionierte.

Der Mädchenmonolog fand sein Ende im glücklichen Umstand, dass sie noch sehr jung ist, kaum mehr Stoff, um zwei Stunden
weiter zu reden. Der Balkonverfischte honoriert es, augenblicklich. Seine Geschichte passt auf eine Seite Taschenbuchausgabe.
Kurios, ist er doch eigentlich älter, als der spärliche Sprachtextinhalt an Zeit angibt.
Der Pfad des Gedankenfisches gipfelt, genetisch bedingt, immer im Hüllengipfel der Menschen. In das Kopfkino setzt er sich,
nimmt das ganze Sofa ein, trübt die Sicht, macht die Augen matter, mit seinem Dunkelwanst.
In wenigen Zeitfetzen startet seine Kraft. Dann, wenn sein kiemiger Glibber einen Schleimcocktail mit seines Gewässerherrenhirn
eingegangen ist.
Noch dreißig Sekunden planlose, unangenehme, krampfsüchtig zerschlagen wollende Stille zwischen den Balkonpassanten.
Schattengitter über Tischdecken.
Eichenblätter winken.
Zigarettenasche dreht seine Runden im Colaglas.
Qualm entflieht in Rauchfäden.
Der Gedankenfisch beginnt, zu Gedanken.

Etwas ungesehen Grollendes fräst sich in steigender Dezibelzahl immer näher zum Hier. Lässt seine Geräusche schaukeln, gibt
Meter um Meter mehr Facettenreichtum ab.
Hinter Vorstadtzaunlatten, vor viktorianischem Kleinstadtidyll, schifft der notdürftige Bastard eines Straßenkutters, gezogen von angeketteten
, abendfärblich eingepackten, Hunden ein. Kapitänsgewalt zügelt die sehnigen Muskelmassen der immer vorwärtsgerichteten,
unechten Seehunde, drillt die Route über den Asphalt, so dass die Leinen die Sonne einzufangen versuchen.
Quietscheentengelber Wassermantel und klar ausformulierte Sätze der Lakonie, bilden die Autorität, der sich jeder Partygast
ergibt- aus Fragestellung, aus Fantasieentstellung, aus Angst.
Das Landschiff hält die Wasserköter im Zaum, der alte Kuttermeister wirft seinen ledrigen Rucksack über die Schulter und sich in
die Menschenmenge.
Gerade noch war alles gut, die Dialogpause der Balkonromantiker brachte den Befischten aber nicht mehr wieder.
Merkwürdig anteilnahmslos stotterte er sich in Alltagsschablonen-Bauarten in ihre Ungunst. Gerade als sein Interessentod
erkannt wurde, knüpfte der alte Meeresbezwinger mit Präsenz an.
Das einstudierte Handauflegen bringt die Diagnose, die keiner erwartet, nicht, ohne drei Umwege auf der Verstandsmappe
zu nehmen. Es ist ein "Blablafisch", sagt und schaut er in verschiedene Richtungen, abschätzend, suchend.
Der Blablafisch, ein Wort, aufgesagt ohne Warnton, ohne Freude, interpretationsfreudig hallt es bis in die letzte Ohrritze.
Und als er über sein zersalztes Gesicht alle Fragensteller kielholt, tropft unermüdlich der schwarze Fisch auf die Balkonfliesen,
kleckert sich zusammen.
Der Blablafisch, ein Wesen des Egalen, das Verwesen der Reize, trimmt seine Lebensraummenschen auf Wertlosigkeit und die Sünden
des handlungsunfähigen Spektrums. Infiziert buchstabenkauderwelsisch, gibt nicht einmal das kleinste Mü der eigenen
Ziel-Energiequelle ab.
Doch wie die gewesenen Spassinsassen götzig-stumm klagen, den Gedankenfisch zu Angeln, wofür er doch angestraßenstrandet
worden sei, da spricht der alte Kapitän nur, dass er gar nicht wegen des schwarzen Fisches hier sei.
"Ich suche etwas anderes. Ich suche den Maskenhai. Unbeziffert zerkratzte Kretenkreatur der Tarnung. Riesengroß
und trotzdem blutleer."
Kramt haltungssicher ein Fischmesser aus seinem ledrigen Rucksack. "Er schwimmt in allen von Euch", sagts mit
kauziger Dackelblickmimik und beginnt zu jagen.

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13 Antworten

Kommentare

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  • 0

    jedes dritte wort für sich allein ist ja schon ein bild. schön.

    30.01.2013, 17:34 von impact
    • 1

      ich danke dir für deine wörter.

      30.01.2013, 20:11 von lichterklette
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  • 0

    zugegeben! das ist kein leichter text, den ich mal zwischendurch lesen kann. er entspricht aber deinen Bildern und lässt mich an einigen stellen stolpern und genauer lesen/hinsehen. hat mir spaß gemacht mich darauf einzulassen.

    23.01.2013, 19:47 von jetsam
    • 0

      es ist schön, nicht aalglatt zu sein. danke dir fürs schreiben.

      23.01.2013, 20:18 von lichterklette
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  • 0

    Klasse!

    23.01.2013, 09:23 von Bulbine_Blablabla
    • 0

      dank dir fürs feedback.

      23.01.2013, 16:16 von lichterklette
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  • 0

    Ich weiß noch nicht, ob ich den Text mag.
    By the way, ich meinte eigentlich ein Abo gehabt zu haben, aber scheinbar wohl irgendwie doch nicht.
    Ich weiß noch nicht, ob ich ihn mag, weil er so verschlungengeschwungen schreibt, so dass man sich beim Lesen fast mitwindet oder ob mich das in diesem Text stört. Allerdings weiß ich auch, dass ich gerade das in deinen anderen Textem mochte. Ich lese glaub ich noch ein, zwei mal...

    23.01.2013, 01:12 von topfbluemchen
    • 1

      jeder text steht für sich - wie bei menschen.
      werde ihn auch noch ein paar mal lesen, um herauszufinden, ob ich ihn wirklich mag.
      halt auch wie bei menschen.

      23.01.2013, 16:18 von lichterklette
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  • 2

    Jetzt malt der Kerl auch noch mit Worten!

    23.01.2013, 00:35 von SteveStitches
    • 0

      das hast du schön skizziert.

      23.01.2013, 16:16 von lichterklette
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 1

      dank dir für einen der zehn momente.

      24.01.2013, 13:33 von lichterklette
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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