G8 in der Schanze
Flaschenwerfen und Straßenreinigung in Hamburgs Viertel
Ich dachte ja nicht, dass da so viel los ist, als ich zum Schulterblatt ging. Ich wollte den Feierabend mit Freunden und einem Bier besiegeln. Und weil ich nur ein paar Meter weiter wohne und es Bier in der Schanze gibt, haben wir uns da verabredet.
Es grünte mehr als sonst diesmal. Alles war voll Polizei. Schön aufgereiht und jeweils zu zweit, wie damals im Kindergarten standen sie auf den Gehsteigen jeder Nebenstraße. Also ging ich mitten auf der Straße, die war für Autos längst gesperrt.
Uniformen neutralisieren irgendwie individuelle Züge. Sie machen Menschen zu Objekten. Kettenglieder ähneln sich auch. Sähe ich ein bekanntes Gesicht in den Reihen, würde es dort sicher fremd erscheinen, allein das Gesicht.
Währenddessen klang laute Drum&Bass-Musik aus den anderen Reihen, die eher ein Pulk dunkelgekleideter Jugendlicher und deren Sympathisanten waren. „Kritik = Terror“ war mehrfach zu lesen. Man versammelte sich zu einer spontanen Demo. Ich versammelte mich zu spontanem Biergenuss. Die Umgebung versprach einen kurzweiligen Abend, obgleich ich da recht erfahrungslos bin.
Das Thema war der G8-Gipfel in Heiligendam. Bereits seit Herbst war laut an der Roten Flora zu lesen, dass Widerstand organisiert wurde. Da fanden andere es dann ganz unwiderstehlich, eine Razzia durchzuführen. Das lockte natürlich. Überall gab’s Kameras und Menschen, die Kameras trugen. Medien lieben solche aufgereihten Menschen und solche in Pulks. Die spüren die Spannung, dass Filmbänder kurz vorm reißen waren. In Wirklichkeit aber verursachen sie selbst einen Großteil davon.
Ich war derweil eher entspannt. Mag sein, der Feierabend und das Bier waren schuld. Bier bricht meinen Widerstand offenbar. Bei Anderen ist das wohl andersrum. Nachdem sich sogar Teile bekannter Bands einreihten, setzte sich der Pulk in Bewegung, schön umgeben von ordentlichem Grün. Irgendwer machte noch eine Verkehrsfunkansage, aber ich glaube, es wurde die Marschroute durchgesagt. Man ließ alle gewähren, die Schanze war wieder ruhig.
Man konnte sogar privaten Nachbarzwist beobachten. Vermutlich durch Aufmerksamkeitsdefizit getrieben ertönte in Terrorlautstärke elektronische Musik von einem Balkon, auf dem sogleich eine junge Frau hüpfte. Das fand die Nachbarin von oben dann nicht so toll und weitete ihr Blumengießen auf den Balkon unter ihr aus. Überhaupt sollte noch viel begossen werden an dem Abend. Sicher, auch mit Bier, aber andere haben größere Kannen.
Das Blaulicht der Eskorte kündigte das Eintreffen des Zuges an. Alle waren wieder da. Die Musik kam wieder von der Roten Flora, unterbrochen von einer weiblichen Stimme, die das Ende der Demo erwähnte und Dank an Polizei und Staatsanwaltschaft äußerte sowie einen guten Heimweg für alle wünschte.
Eigentlich hatten ich und die anderen gewusst, dass es sicher anspornt, wenn so viele Kameras vor Ort sind. Auch die uniformierten Kettenglieder trieben einige sicher gerade dazu, einen Durchbruch zu wagen. Und weil die Schanze immer viele Flaschen beherbergt und die Flaschensammler schlecht durchkamen, gab es genug Wurfgeschosse. Irgendwo gab’s einen Startschuss, vermutlich ein Böller. Auch bengalisches Feuer tauchte die Umgebung in ein zartes Rosa. Das beruhigte niemanden.
Baustellenzäune standen plötzlich auf der Straße. Ich frage mich noch jetzt, wie so schnell und woher überhaupt die drei oder vier Wasserwerferfahrzeuge auftauchten. Plötzlich waren die da. Bestes Ziel, mussten einige gedacht haben als plötzlich Flaschen aus den Reihen flogen, in denen zufällig auch ich stand. Der Wasserwerfer hielt darauf hin diese Reihe für ein gutes Ziel und begann mit der Straßenreinigung. Ich bekam nasse Füße und mit der Hose konnte ich auch nicht mehr in die Oper.
Beeindruckend, wie schnell sich eine Masse von Leuten so verformen kann. Wie eine Rauchwolke, in die man bläst. Ich sah die Tische, neben denen ich stand und sah unter sie. Wenn sie von der Masse an die Wand gedrückt würden, sollte ich zwischen Wand und Tisch noch Raum finden. Instinktiv kümmert sich der eigene Blick um einen möglichen Fluchtweg. War leider vor Leuten nicht so viel zu sehen. Ich geh´ mal nach Hause, dachte ich, und wir versuchten raus zu kommen. Das war gar nicht so leicht.
Die Straße hinter uns wurde abgeriegelt. Ich fragte noch, ob das ernst gemeint war, als man uns durch die am lautesten schreienden Leute schicken wollte. Es war ernst, wir gingen los. „Justice and peace - fight the police“, brüllten viele in mein rechtes Ohr. Immer für ein Gedicht zu haben, dachte ich, als ich zerberstende Flaschen im linken Ohr wahrnahm, die kurz vorher über mich hinweg flogen. Zum Glück spritzte die Kanone gerade in Richtung Rote Flora.
Die nächste Straße war wieder versperrt von grünen Kindergartentruppen, die mich alle an „Star Wars“ erinnerten ob ihrer schwarzen Helme. Mag ja sein, jemand unter ihnen könnte zu einem Flaschenwerfer sagen, er sei sein Vater. Naja, die nächste Straße war dann frei, ich damit auch irgendwie. Das Bier war perlig, der Abend kurzweilig, die Füße nass. Die Party ging vielleicht noch weiter. Ich beschwere mich nicht, man konnte damit rechnen.



Kommentare
Ich weiß irgendwie nicht, was du mit diesem Artikel sagen willst. Es ist gut beschireben, aber findest du es gut oder nicht gut. Warst du bei der Demo dabei oder bist du nur zufällig hineingeraten???
03.06.2007, 18:26 von SnHalso irgendwie geht das total in die falsche ecke.
21.05.2007, 02:34 von lamoratain dem text geht es um eine demonstration die stattgefunden da die flora mogens wegen des Verdachts der Bildung einer terroristischen Vereinigung (§ 129a StGB) durchsucht wurde, genauer gesagt richtet sich das verfahren gegen personen die der bildung einer terroristischen vereinigung verdächtigt sind und sich auch in der flora aufgehalten/getroffen haben bzw dort aktiv gewesen sind - nicht gegen die rote flora als institution.
"Über das Ergebnis der Durchsuchung hüllte sich die Generalbundesanwaltschaft in Schweigen. In der Roten Flora wurden zahlreiche Computer, Kopierer, Drucker und Faxgeräte sichergestellt. Die Ermittler dürften darauf hoffen, auf den Festplatten belastende Daten zu finden oder eindeutig beweisen zu können, dass Bekennerschreiben dort kopiert oder ausgedruckt wurden." (www.welt-online.de)
an dem schweigen aht sich bisher auch nichts geändert.
es ging bei der demonstration darum gegen diese behandlung seitens staatsanwaltschaft und polizei zu demonstrieren und ich bin auch der meinung dass wir hier in deutschland langsam einmal aufwachen und merken sollten wie momentan unsere rechte immer weiter eingeschränkt und möglichkeiten des staates mit immer weniger begründung immer tiefer in die privatsphäre des einzelnen einzudringen vorangebracht werden.
@flashmüller
ojeoje deine schöne stadt...ich wohne seit jahren in der schanze oder schanzennähe und für mich war es immer erfreulich dass die schanze sich ein wenig vom restlichen hamburg abgegrenzt hat, das hat sich allerdings seit dem ausbau des galaostriches schlagartig geändert.
"Schon mal daran gedacht, ob die "Kindergartencops" nicht vielleicht auch für dich da unten standen?"
genau - weil der böse mob ansonsten randalierend durchs viertel gezogen wäre und jedem der nicht schwarz gekleidet ist und einfach nur ein bierchen trinken will sofort und ganz ganz böse aua gemacht hätte !!!!
@monsboy: jetzt fühle ich mich aber nicht nur von der persönlich angegriffen, sondern auch noch verleumdet. ich habs schon mal geschrieben, aber für dich wiederhole ich gerne nochmal, dass es nicht meine absicht ist, flaschen, steine oder sonstwas zu schmeißen. dass du mir aber trotzdem "RAF-artige worthülsen" unterstellst, zeigt, dass du entweder ignorant bist, oder beim springer-konzern arbeitest. und kapitalismus-kritik ist nicht per se identisch mit der RAF.
16.05.2007, 09:08 von mordechaiund @ kesatria: nicht unbedint nachgeplapper, sondern finde das nur sehr schön auf den punkt gebracht ;)
@kesatria: hier noch mal eine erklärung, vielleicht diesmal besser verständlich, verfasst von der gruppe "theorie. organisation. praxis" (http://top-berlin.net/) aus berlin :
13.05.2007, 22:00 von mordechaiUnter dem Leitmotiv ‚Wachstum und Verantwortung‘ findet vom 06. bis zum 08. Juni im Ostseestädtchen Heiligendamm der Deutschlandgipfel der G8 statt.
Nicht weil diese Gruppe der Acht die ‚Spinne im Netz‘ ist oder die ‚Schaltzentrale des Raubtierkapitalismus‘, sondern weil die G8-Gipfel als Form begriffen werden müssen, in der sich die kapitalistische Gesellschaft im Politischen reflektiert, rufen wir zum unversöhnlichen Akt der Negation auf.
Wir legen dabei keinen Wert auf die „one family“ der Enttäuschten und Betrogenen, wir wollen den Skandal Kapitalismus in seiner Totalität in den Fokus der Kritik rücken. Mit dem Ziel einer Perspektive jenseits von Herrschaft, Gewalt, Verdrängung und Ausbeutung. Eine radikale Linke ist dabei zu mehr als bloßer Intervention verpflichtet. Denn eine Intervention ohne kritische Bestimmung des eigenen Standpunktes ist weniger als ein trauriges Dabeisein. Sie macht sich zum Werkzeug für den falschen Zweck.
Für die Mobilisierung zu den G8-Protesten gilt es darum, der rechts- und linksruckbewegten Raserei gegen das Abstrakte ebenso eine klare Absage zu erteilen wie den Sinnstiftungen von Volk und Nation, Religion und Kultur.
Stattdessen sollte der G8-Gipfel - gerade weil Herrschaft im Kapitalismus im Grunde weder Namen noch Adresse hat - zum Anlass genommen werden, um mit der Kapitalismuskritik aufs Ganze zu gehen.
Gegen die Dikatatur der Produktion über die Bedürfnisse fordern wir das Primat der Bedürfnisse über die Produktion.
Kapitalismus abschaffen!
Es geht ums Ganze!