saru23 30.11.-0001, 00:00 Uhr 43 6

Fußball... schwulenfreie Zone?

Schwule Fußballer gibt es gar nicht? Oh doch, sie verstecken sich nur! Warum? Sind wir denn nicht tolerant genug?

Es ist mittlerweile in Deutschland für viele Homosexuelle möglich, ein erfülltes Leben als Schwuler oder als Lesbe zu führen. Doch ein Bereich fällt hier vollkommen raus: "das deutsche Lieblingskind", der Fußball; speziell der Herrenfußball.

Für viele Fußballerinnen ist es kein großes Problem, ihre Sexualität auszuleben. Viele Nationalspielerinnen sind lesbisch, auch wenn sich bisher keine aktive Spielerin offiziell geoutet hat. Sie werden in Mannschaft und Verein akzeptiert, und auch von den Rängen drohen keine Schmähgesänge. Ganz anders hingegen sieht es im Millionengeschäft der Fußball-Bundesliga aus.

Bis heute hat sich kein schwuler Spieler geoutet. Es ist äußerst schwer vorstellbar, dass es bei mehr als 800 Fußballprofis in den 36 Vereinen der beiden höchsten deutschen Spielklassen keinen einzigen Homosexuellen geben soll, vor allem, wenn man bedenkt, dass davon ausgegangen werden kann, dass etwa 5% - 10% der deutschen Bevölkerung homosexuell ist. Ich frage mich, warum diese Situation so festgefahren ist.

Wo liegen aber die Gründe für die Homophobie im Fußball, wenn doch der Rest der Gesellschaft in weiten Teilen so fortschrittlich und tolerant sein soll? Häufig wird schon die konservative Grundeinstellung des Fußballs angeführt, die auf "typisch männlichen" Tugenden wie Ehrenhaftigkeit, Mut und Leidensfähigkeit basiert. In dieses Bild passen Schwule offensichtlich nicht hinein, da mit dem Wort schwul nach wie vor allzu oft direkt Feminität und Verweichlichung assoziiert wird.

In deutschen Stadien werden nach wie vor mit Wörtern wie "schwul" und "homosexuell" Schmähgesänge gegen gegnerische Teams und Spieler angestimmt. Sofern sich dann ein Spieler outetet, würden sich die gegnerischen Fans sowohl auf den Spieler als auch auf seine Mannschaftskameraden "einschießen". In diesem Bereich hat sich zwar mittlerweile der über Jahre "taube" Deutsche Fußballbund mit einem jährlichen Aktionsabend gegen Homophobie und der Zusage des Präsidenten Theo Zwanziger, jeden Spieler bei einem Coming Out unterstützen zu wollen, gegen die Diskriminierung von Homosexuellen im Fußball ausgesprochen, jedoch sind bisher keine größeren Aktionen zu diesem Thema öffentlich geworden. Dabei wird unter anderem von FIFA (Weltverband, WM-Veranstalter) Chef Joseph Blatter und UEFA (europäischer Verband, EM-Veranstalter) Präsident Michel Platini immer wieder die integrative Kraft und Aufgabe des Fußballs herausgestellt. Hier gibt es auch sehr schöne Erfolge, wie der Kampf gegen den Rassismus im Fußball deutlich zeigt. Dies scheint sich jedoch auf Homophobie nicht übertragen zu lassen.

Noch weitaus komplizierter sieht es mit der Stellung der Vereine zum Thema Homophobie aus. Am ersten Aktionsabend des DFB nahm so gut wie kein Profi-Verein teil. Bei einigen Vereinen ist es Gang und Gebe, PR-Agenturen damit zu beauftragen, ein "heterogenes" Image für einen Spieler zu kreieren, bei dem Gerüchte aufkommen, er sei homosexuell. Und stellen wir uns vor: Ein altehrwürdiger Trainer, der zu Zeiten des verschärften Paragrafen 175 seine Jugend erlebt hat, arbeitet nun mit einem offen schwulen Spieler zusammen. Dies kann zu starken Spannungen führen, zumal die Aussagen vieler Trainer bzgl. dieses Themas schwulen Spielern eher Angst bereitet haben dürfte als ihnen Sicherheit zu geben. So hatte Christoph Daum in einer Reportage des DSF Homosexualität in Zusammenhang mit Pädophilie gebracht, was er nach heftiger Kritik dann jedoch zurücknahm und zudem angab, einen schwulen Spieler bei einem Coming Out unterstützen zu wollen. Nicht zu vergessen ist natürlich auch, dass in Mannschaften, in denen Spieler mit unterschiedlichstem sozialen und kulturellen Hintergrund spielen, durch das Outing eines Mitspielers Konflikte entstehen können.

Ein weiteres Problemfeld, gerade für einige Mitspieler und Fans, ist die Körperlichkeit, die beim Fußball herrscht. Die Vorstellung des engen körperlichen Kontaktes bspw. in Zweikämpfen zwischen einem hetero- und einem homosexuellen Spielers scheint allzu sehr in eine homoerotische Komponente aufzugehen, die als gefährlich empfunden wird. Wozu man sagen muss, dass schwule Fußballspieler in keiner Weise ansteckend sind und eine gewisse homoerotische Grundnote bei allen Mannschaftssportarten zum Tragen kommt. Doch scheint diese Vorstellung gerade bei einigen Fans die Hauptursache ihrer ablehnenden Haltung zu sein. Ich bin der Meinung, dass diese Angst unbegründet ist, da sie aus subjektiver und nicht objektiver Wahrnehmung entsteht.

Wenn man sich nun in die Situation eines schwulen Spielers hineinversetzt, kann man sich vielleicht vorstellen, unter welch großem emotionalen Druck er steht. Auf der einen Seite die Angst vor der Homophobie und aller daraus resultierenden Probleme, und auf der anderen Seite der Wunsch, der ewigen und aufreibenden Versteckspielerei zu entkommen. In einem Interview für das Fußballmagazin "rund" haben zwei schwule Profispieler ihre Situation geschildert: Der Erste Spieler ist verheiratet, jedoch auch gleichzeitig mit einem Jugendfreund liiert; die Frau weiß davon nichts. Ein Anderer nimmt zu öffentlichen Terminen hin und wieder eine gute Freundin mit, um den heterosexuellen Schein aufrecht zu erhalten. Und natürlich ist da die große Gefahr, entdeckt oder erkannt zu werden, wenn der Spieler in einschlägigen Bars oder Clubs unterwegs ist. Es gibt auch Reporter, die die Namen schwuler Profifußballer kennen und die in einer eher "einseitigen Nutzbeziehung" Mannschaftsinterna als Gegenleistung für ihre Verschwiegenheit fordern. Noch ein weiterer Bereich, in dem der Spieler unter Druck steht. Wie kann man diesem Druck ein Ende bereiten?

Glücklicherweise setzt sich auch im Fußball langsam der gesellschaftliche Wandel durch und vertreibt den Mief des Ewiggestrigen. Der Fakt, dass in fast allen gesellschaftlichen Bereichen Homosexualität akzeptiert und toleriert wird, sorgt mit dafür, dass die altkonservativen Werte und Vorurteile des Fußballs langsam abgebaut werden. Denn Fußballfans sind im "wahren Leben" ganz normale Menschen, die in den meisten Fällen in Ihrem Umfeld homosexuelle Bekannte haben. Zudem gibt es weitere Aspekte, die zu einem toleranteren Umgang mit dem Thema hoffen lassen. So gibt es in Deutschland mittlerweile farbige Nationalspieler, Fußballer haben die Mode für sich entdeckt (und können wie das Beispiel David Beckham zeigt, zu modischen Stilikonen werden) und posieren mittlerweile auf Covern von Schwulenmagazinen (z.B. Phillip Lahm - deutscher Nationalspieler). Für viele Fans und Trainer spielt die Leistung eines Fußballspielers eine deutlich wichtigere Rolle als seine Herkunft, sexuelle Identität oder seine Lieblingsfarbe. Es gibt bei fast jedem Bundesligaverein mittlerweile einen offiziell von den Vereinen anerkannten schwulen Fanclub. Und auch Spieler äußern sich zunehmend tolerant zu dem Thema Homosexualität.

Ist es also doch gar nicht so schwer, sich als schwuler Fußballspieler zu outen? Ist ein Outing dann nicht zwangsläufig das Ende der Karriere?

Ganz so einfach ist es dann aber nicht. Ich denke, dass durch das Zusammenspiel einiger Faktoren eine gute Basis für das erste Coming Out eines Profi-Fußballers geschaffen werden kann. Da ist zum einen die Arbeit der Bundes-, Landes,- und Ligaverbände, die durch eine klare Position die Rahmenbedingungen bspw. in den Wettbewerben verbessern können. Des Weiteren sind hier besonders die Vereine in der Pflicht. Zum einen können Sie ebenfalls klare Position gegen Homophobie im Fußball und in Ihrem Stadion im Besonderen beziehen, und zum anderen können nur Sie vereinsintern den Spielern Rückhalt und Sicherheit für ein Outing bieten, z.B. durch eine Verhaltens-Charta oder eine Art Corporate Behaviour (was bei Wirtschaftsunternehmen bereits Standard ist). Und auch die Fans und Mitspieler können durch eine klare Abgrenzung von Homophobie den homophoben Stimmungen in deutschen Stadien eine klare Position entgegensetzen.

Wenn sich die Situation weiterhin positiv entwickelt, könnte schon bald der erste Fußballspieler den Mut haben und dem ewig belastenden Versteckspiel entgegentreten, indem er sich outet. Denn wenn das geschieht, wird sich zeigen, ob die bisher gezeigten Bemühungen und Äußerungen von Mitspielern, Trainern und Funktionären mehr als nur Worthülsen sind, und zudem wird der Weg freigemacht für alle homosexuellen Spieler, Ihrem Sport nachzugehen, ohne sich verstecken zu müssen.


Tags: Schwul & Lesbisch
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43 Antworten

Kommentare

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    Nach kurzem Antesten spare ich mir das Lesen der Kommentare, von daher kann ich nicht sage, inwiefern ich dann doch wiederhole..

    Ich finde den Text gut, vor allem weil du dich tatsächlich einem der letzten Tabuthemen annimmst.
    Fußball ist die beschützte Männerdomäne überhaupt, weil sie dort weibliche Verhaltensweisen ausleben können: Weinen und sich gegenseitig an den Hintern fassen.
    Außerdem beschimpfen sich Männer eher mit sexistischen Titulierungen als Frauen: Schlappschwanz, Weichei, Schwuchtel vs. Zicke, Hure- also eher Sein als Verhalten..
    Jedoch verändert sich auch der Fußball, aber gesellschaftliche Veränderungen brauchen Zeit..

    Vielleicht solltest du den Sachteil deines Textes ein wenig kürzen und in anderem Stil ausbauen. Das würde das Lesen -glaub ich- vereinfachen.
    Trotzdem für Mut bekommt man von mir immer ein Kompliment :)

    26.03.2010, 22:44 von altes_Kind
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    Immer wieder aktuell. ;o)

    07.03.2010, 02:04 von Yeezabel
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    Es wird noch Jahre(oder Jahrhunderte) dauern,bis das Thema Homosexualität im Fußball total offen diskutiert werden kann

    25.01.2010, 20:03 von Klaus2010
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    Ich kenn einige Lesben die Fussball spielen, aber keinen einzigen Schwulen der Fussball spielt.

    09.09.2009, 15:11 von farmerjunge
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    Danke saru23 für diesen informativen Artikel. Empfehlen kann ich auch die Reportage vom DSF (ihr findet sie auf Youtube: http://www.youtube.com/watch?v=g4AOVX-4qW4).

    Ich finde, dass es absolut verheerend wäre, wenn sich ein Einzelner in der heutigen Zeit outen würde. Er wäre ein gefundenes Fressen für die Medien und jeder würde sich auf ihn stürzen. Dass die Karriere dann zwangsläufig zu Ende sein muss, kann man, wie ich finde, nicht sagen. Aber es bestünde auf jeden Fall ein riesiges mediales Interesse an dem Spieler, der sich outen würde. Daher fände ich ein Gruppen- oder Massenouting besser. Denn dass es viele homosexuelle Spieler gibt ist kein Geheimnis. Wenn sich auf einmal zwanzig Spieler oder noch mehr outen würden, wären sie stärker und nicht so leicht als Einzelperson angreifbar!

    Aber dass sich in Zukunft Spieler outen werde ist denke ich klar. Es ist einfach nur die Frage, wann die Gesellschaft und auch die Spieler so weit sind, diesen Schritt zu gehen.

    30.08.2009, 21:03 von Deepdragon
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    ich denke, wir sind erst bei der wirklichen Gleichberechtigung angekommen, wenn sich niemand mehr "outen" muss...ich erzähl auch nicht jedem, das ich hero bin, das ist nämlich in vielen Lebenssituationen egal....jeder soll machen dürfen, was er will...aber er muss es nicht wirklich in die Welt hinausposaunen....

    10.08.2009, 03:20 von paladin0505
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    Interessante Themenwahl. Gut, dass man darüber mal diskutiert. Drück den Betroffenen die Daumen für den Mut und bin gespannt. Glaube aber nicht allzu sehr daran, dass sich etwas ändert. Schöne neue Welt. Dass ich nicht lache.

    09.08.2009, 15:07 von kean
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    is doch völlig egal, wer sexuell wie tickt.

    von nem fussballer erwarte ich, dass er seinen job gut macht, und was er außerhalb vom stadion macht is doch seine sache und das muss ich nicht wissen

    irgendwie werd ich das gefühl nicht los, vergangenes jahr ungefähr um die gleiche zeit nen artikel (ich würde sogar behaupten, den gleichen artikel) schon mal gelesen zu haben ... sommerloch du musst gefüllt werden mit nem pseudokontroversen thema?

    09.08.2009, 12:49 von JulesWinfield
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    @system: Du hast absolut recht, das Versteckspiel, das manche Fußballer betreiben , nicht zuletzt auch aus PR-Gründen, ist widerlich und selbstzerstörerisch. Scheinehen, Kinder etc.
    Das Argument der freien Wahl des Berufes klingt zwar richtig, ist aber purer Zynismus. Der Fußball sucht dich aus und nicht du den Fußball.
    Fußball bleibt die letzte Rückzugs-Bastion der verunsicherten Männlichkeit . So traurig das ist , hat es aber auch was erfreuliches.

    09.08.2009, 12:47 von Ben_Chof
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      @[Benutzer gelöscht] Lass mich raten: das rosa Hemd?

      08.08.2009, 22:48 von Pirkko
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      @[Benutzer gelöscht]
      Das spricht für Köln, nicht für den Fußball. ;-)

      Wenn Cottbus gegen Bayern spielt, möchte das aber auch funktionieren... (wenn es mal wieder dazu kommen sollte)

      09.08.2009, 17:34 von LudwigMartin
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