hallohansimueller 20.04.2007, 18:46 Uhr 0 0

Freude am Protest – und es geht doch

Die Linke ist unsexy. Protest bringt nix. Das ist mir alles zu langweilig. Die Hedonistische Internationale will deshalb etwas anderes ausprobieren.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Linke einfach unsexy ist.
Zum Beispiel bei meiner letzten Demo. Vorne stehen kleine Antifa-Jungs, die sich hart geben. Das Basecap tief ins Gesicht gezogen, Sonnenbrille, finstere Blicke, alles in Schwarz. Ich laufe weiter, überlege mir, wie die mit ihrer „Uniform“ die Menschen erreichen wollen. Dann kommt irgend so ein Freak vorbei, der traurig aussieht und so als hätte er seit 20 Jahren nur die Politik zum Freund. Er will mir eine „Maoistisch-Antiimperialistische Zeitung“ andrehen. Ich lehne dankend ab. Vorne krächzt sich eine Frau mit Leierstimme einen floskelhaften Redebeitrag aus der Kehle. Und weil die Lautsprecher so leise sind, verstehe ich nur –ISMUS, -ISMUS, -ISMUS. Dann fängt die Musik an – und die ist auch noch Scheisse.

Ich denke an den berühmten Ausspruch der Anarchistin Emma Goldman: "If I can't dance, I don't want to be part of your revolution." Ja, verdammt. Das ist so richtig. Ich will auch tanzen.

Was also machen? Das Klima wird an die Wand gefahren, ich muss mich von Parktikum zu Praktikum hangeln, wenn ich Musik tausche soll ich bestraft werden, Schäuble will meine Fingerabdrücke haben und Kameras an jedes Haus schrauben. Ganz woanders müssen die Leute von einem Dollar am Tag ihre fünfköpfige Familie ernähren.

Da läuft einiges schief. Und irgendwas muss passieren. Soll ich einfach nichts tun, weil manche Linke uncool sind? Hoffen, dass es einfach so von alleine besser wird?

Nein. Veränderungen können nur von unten kommen. Und es gibt auch politische Leute, die Spaß bei ihren Aktionen haben wollen. Leute, mit denen man auf der Revolution, wie auch immer sie aussehen soll, tanzen könnte.

Zum Beispiel die Aktivisten von der „Hedonistischen Internationale.“ Ihr Motto: Party.Protest.Action. Klingt gut. Und Hedonismus ist das Streben nach Lust, Genuss und Freude. Will ich auch. Irgendwie. Aber zusammen mit anderen.

Die Internationale setzt aufs Mitmachen. Sie ist ein offenes Netzwerk, dem Menschen aus aller Welt beitreten können. Es gibt keine Chefs, die festlegen wohin die Reise gehen soll. Dafür gibt es das Manifest. In vielen Sprachen. Wenn ich das gut finde, kann ich meine eigenen Aktionen starten. Mit Leuten, die ich gerne mag. Überall.

Die „Hedonistische Internationale“ hat in letzter Zeit Berlin aufgemischt. So wurde zum Beispiel der Berliner Fernsehturm für einen illegalen Rave in 200 Meter Höhe besetzt. Oder im Shopping-Center in der Weihnachtszeit getanzt. Nazikneipen nackt überfallen – und Demos veranstaltet. Und nie weiß man so genau, wer dahinter steckt.



Ich habe mich mit einer Aktivistin der Hedonistischen Internationale getroffen. Ein luftiger Frühlingstag, überall diese hellgrünen Blätter in den Bäumen, ein Café in Berlin-Friedrichshain. Sie sagt, sie sei Theresa Cantsin und ich glaube irgendwie, dass sie anders heißt.

Ich will wissen, ob es bei all den Aktionen nur um Spaß geht und der Protest in den Hintergrund gedrängt wird. „Nein, natürlich nicht. Es gibt eine zentrale Forderung: Freiheit und Freude für alle. Wir stehen für Freiräume, für ein Leben ohne Ausbeutung und für viele andere schöne Dinge ein, die noch nicht verwirklicht sind.“

Theresa, die sich mittlerweile ein Bier bestellt hat, erlärt dass es keine einheitliche Linie gäbe. „Der eine will die Revolution, jemand anderes die Reform, und der nächste findet nur die Partys gut. Es ist Platz für ganz verschiedene Ansätze.“

Ich frage nach den nächsten Aktionen. „Der G8-Gipfel im Juni: das Ding steht symbolisch für all die Kacke auf der Welt. Deswegen fahren wir da hin. Wir machen dort auf der Demo mit und veranstalten einen Rave against the machine. Wenn der Gipfel losgeht wird es eine Aktion geben, die schon radikal ist, aber den Leuten ein Lächeln ins Gesicht zaubern wird. Wir wollen ein Festival des Protests und haben uns auch mit anderen, die Spaß am Protest haben, zusammengeschlossen.“

Das alles klingt aus ihrem Mund unaufgeregt, nicht ideologisch. Theresa ist alles andere als eine verbohrte Politspinnerin. Ich könnte sie genauso gut im Club treffen. Es ist schön zu merken, dass da jemand wütend ist und diese Wut mit Spaß für eine gute Sache nutzen will. Das Leuchten und Glitzern in ihren Augen, wenn sie von Aktionen redet, von Straßenblockaden und davon, dass wir was verändern können, löst bei mir sofort Revolutionsromantik aus. Ich will da hoch. Im Juni. Nach Heiligendamm. Ans Meer. Und diesem G8-Gipfel zeigen, dass es auch anders geht.

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