chessige 31.05.2007, 02:18 Uhr 42 14

Freigekauft

Wir hätten uns mit einem Handgriff ein gutes Gewissen kaufen können.

In einem Restaurant auf der Reeperbahn trafen wir uns, sahen uns nach langer Zeit wieder, setzten uns an die offene Fenstertür, ließen das Leben mit seinen Passanten an uns vorbeiziehen, breiteten uns voreinander aus zwischen Ofenkartoffeln mit Sour Creme und Orangensaft, entblößten unsere schönen Seelen voreinander und schwelgten lachend und kichernd in unseren lebensfrohen Erzählungen. Als es Zeit wurde zu gehen, legtest du einen 50-Mark-Schein zwischen uns auf den Tisch und ich winkte der Kellnerin, damit wir bezahlen könnten.

Ein Penner kam vorbei, eine jener Gestalten, deren Anblick abstoßend ist, gekleidet in speckigem Stoff, mit wirr vom Kopf abstehendem Haar, wilden, wahnsinnigen, straßengegerbten Gesichtszügen und leeren Augen. An unserem Tisch blieb er stehen, störte mit seiner ranzigen Stimme unsere kurzlebige Idylle: "Haste mal ne Mark?!"

"Nein.", antworteten wir beide gleichzeitig, kopfschüttelnd. Er grunzte mißbilligend und schlurfte mißmutig weiter, eine Wolke aus Gestank nach altem Urin und alkoholisierter Resignation hinter sich herziehend. Unsere Blicke trafen sich auf dem 50-Mark-Schein, der so friedlich und anklagend zwischen uns und unseren leergegessenen Tellern in der Mitte des Tisches lag. Unsere Wangen röteten sich vor Scham und unsere Kehlen schluckten den Kloß herunter. Die Kellnerin kam, beendete die stillschweigende Verlegenheit, indem sie den anrüchigen Schein in Wechselgeld zerlegte und nahm ein kleines, angemessen wirkendes Trinkgeld mit.

Betreten sitzen bleibend versuchten wir zu ergründen, was gerade geschehen war. Schockiert waren wir von unserer Reaktion, peinlich berührt, daß wir nein gesagt hatten. Ausreden taten sich wie Abgründe vor uns auf, eine Mark hatten wir ja nicht, nur einen 50-Mark-Schein. Nein, wir hatten eine Mark, jede von uns fand in ihrem Portmonee etwas Kleingeld. Aber hätten wir es ihm geben sollen, diesem dreckigen, stinkenden Menschen, der außerhalb der Gesellschaft stand, durch das Raster gefallen war und sich seinen Lebensunterhalt erbettelte, ohne etwas dafür zu tun, außer seine abstoßende, unangenehme, irgendwie anprangernde Existenz zur Schau zu stellen? Es wäre so leicht gewesen, eine Mark herzugeben, es wäre leichter gewesen, denn wir hätten uns gut fühlen können, hätten uns einreden können, einem Penner etwas Gutes getan zu haben. Keinen Gedanken hätten wir daran verschwendet, was er mit unserem Geld anfängt, ob er sich davon die nächste Buddel Schnaps kauft und sich zu Tode säuft, es hätte uns ja auch egal sein können, denn der Tod ist für so einen sicherlich eine Erlösung. Ihm eine Mark zu geben, hätte uns nicht weh getan, wir wären davon weder arm geworden noch verhungert. Wir hätten uns mit einem Handgriff ein gutes Gewissen kaufen können, uns freikaufen von diesem merkwürdigen Gefühl, das uns nun verunsicherte und dazu trieb, vernünftige Gründe zu finden, um uns vor uns selbst zu rechtfertigen - und vor dem Penner, der schon längst die Straße herunter geschlurft war, am nächsten Passanten Halt gemacht und erneut "Haste mal ne Mark?!" gefragt hatte. Es hätte nichts dagegen gesprochen, eine Mark oder auch nur ein paar Pfennige herzugeben, so oft hatte jede von uns das schon getan, ein Geldstück in einen Hut geworfen oder in eine aufgehaltene Hand gelegt, in der Hoffnung, eine Not zu lindern, wenigstens ein bisschen.

Unsere Blicke trafen sich und eine neue Erkenntnis formte sich aus unseren Zweifeln an unsere großzügige Gutherzigkeit. Es ist unmöglich gewesen, diesen Penner dafür zu bezahlen, daß er mit seiner Existenz, mit seinem Auftauchen, mit seiner Frage unser Lachen störte, unsere Freude und Unbeschwertheit, daß er uns aus unserer friedlichen Idylle riß und uns daran erinnerte, daß, während wir lachten, glücklich waren und unser sattes Leben für ein paar Stunden gemeinsam genossen, er - wie so viele andere - ein Leben in Armut und Dreck lebte, unglücklich, verloren, einsam. Nichts hätten wir verändert daran. Aber wir hätten uns freigekauft von unserem schlechten Gewissen, hätten uns für eine Mark unsere kleine Idylle erkauft, hätten uns einreden können, welch gute, barmherzige, großzügige Menschen wir doch sind. Das Lachen wäre uns nicht im Halse stecken geblieben, wir hätten nicht weiter nachdenken müssen, wären mit leichten Herzen, glücklich und fröhlich auseinander gegangen im Irrtum darüber, einem dreckigen, stinkenden Penner etwas Gutes getan zu haben.

14

Diesen Text mochten auch

42 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0


    Hab mir das hier zufälligerweise nochmal durchgelesen, auch die kritischen Kommentare, denen ich meist zustimme.

    Ich denke mittlerweile, der Text macht sich selbst etwas vor. Die BEGEGNUNG selbst ist es, die Begegnung mit dem Fremden, mit dem Ärmeren, mit dem "Unberührbaren", mit der stummen Anklage - die Begegnung ist das, was Eure Welt zerstört.

    Es ist egal, ob Ihr neben dem Fuffi noch nen Groschen aus Euren Mantelecken kramt. Ich halte das Gefühl, sich dadurch freigekauft zu haben, für äußerst unglaubwürdig.

    Die Situation verändert das eigene Leben - so oder so. Denn selbst wenn Ihr den Penner (damit die stumme Anklage nicht im Gewissen bleibt) an Kindes statt angenommen, ihm eine Ausbildung und ggf. Entziehung besorgt hättet, hätte er Euer Leben verändert.

    Und das hat schon seinen Sinn, auch wenn es im Moment unangenehm ist. Viele sehen ja heutzutage Sinn nur in der Freude und im Wohlgefühl. Nein, auch im Leid kann Sinn sein. Und wenn es Mitleid ist.

    Es schärft das Bewußtsein für diese Welt. Hat der Bettler Euch nicht ent-täuscht? Lebt Ihr lieber in der Täuschung? Wenn nicht, dann könnt Ihr ihm doch dankbar sein!

    Und das hat - verdammt nochmal - nix mit dem Groschen zu tun, den Ihr ihm verweigert. Möglicherweise habt Ihr dem "ersten am Tag" (s. Kommentare vor mir und so ähnlich mach ich's auch) schon etwas gegeben. Und der Bettler hat auch seine Statistik - trotz Euch lohnt sich sein Weg durch's Restaurant. That's life.

    Auf die Begegnung kommt es an - und da wart Ihr in der Defensive. Und diese Erfahrung tut weh, wenn man sich als der Überlegenere fühlt. Aber jeder kann einmal in die Defensive kommen und sein Leben wird durch die kleinste Randfigur aus dem Lot gebracht.

    So ist das Leben nunmal.
    Eigentlich doch recht unterhaltsam, oder?

    24.01.2008, 10:10 von LudwigMartin
    • Kommentar schreiben
  • 0

    mies

    17.10.2007, 09:38 von Sozeli
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ich gehöre nicht zu den Menschen die so denken, wenn du es so siehst: mit dem was du schreibst, holst du dich im nachhinein doch auch aus dem schlechten Gewissen, du rechtfertigst dich dafür.
    Menschen wie dieser Obdachlose werden sich kaum vom betteln eine existenz aufbauen, wahrscheinlich werden sie sich alkohol kaufen (aber auch nicht immer) aber es ist doch Freude ,wenn sie sich doch dann überhupt etwas kaufen können.
    Wir alle freuen uns in dieser Konsumgesellschaft Etwas zu kaufen, und wenn wir mehr bezahlen,als es wert ist, rechtfertigen wir das auch nicht!

    und wenn es dir soo gegen den Strich geht , ihm Geld zu geben, dan geb ihm Essen, verdammt nochmal!

    17.10.2007, 09:36 von Sozeli
    • 0

      @Sozeli
      Okay, praktiziert bitte alle Sterbehilfe für obdachlose Alkoholiker und Junkies, damit sie sich noch ein bisschen am Konsum ihres Suchtmittels freuen können. Ich ziehe echte Hilfe für Menschen, die sie wirklich wollen und auch annehmen, vor. Der vorletzte ist, wie bereits geschrieben, leider leider, an seiner Alkoholsucht verstorben. Und die letzte sagte selbst, daß ihr Leidensdruck noch nicht groß genug ist, um Hilfe annehmen zu können. Muß ich respektieren. Tu ich auch.

      21.10.2007, 23:46 von chessige
    • Kommentar schreiben
  • 0

    also als ich noch auf der strasse gehangen hab haette ich euch glaube ich dezent gefragt ob ihr mich fuer assozial haltet und gemach hinterhergeschoben was eurer meinung nach denn bitteschoen sozial ist.

    und um mal anders an die sache ranzugehn:
    wenn ein nachbar zu dir kommt und dich fragt ob du mal zucker mehl oder ein ei hast sagst du dann auch nein und schlaegst die tuer zu weil du dich ansonsten ja freikaufen wuerdest???

    verdammt tu dir die scheisse mal an und haeng 2 wochen auf der strasse vielleicht wirst du ja dann deine verdammten vorurteile los.

    und wenn du dann immernoch denkst du kaufst dich ja von deinem schlechten gewissen eh nur frei dann zieh los zu ner sozialen einrichtung die obdachlosen hilft und arbeite da mit.

    (sorry aber mich packt echt die wut umso oefter ich les was du da geschrieben hast)

    19.09.2007, 00:56 von sunbeetle
    • 0

      @sunbeetle der vergleich mit dem nachbarn trifft den nagel wohl auf den kopf

      20.09.2007, 12:55 von der_bene
    • 0

      @der_bene
      Nö, trifft er nicht, weil meine Nachbarn kenn ich, mindestens vom sehen, und da kann ich auch mal hingehen und mir ne Handvoll Zucker "borgen". Ick gloob nich, dat mir ein Penner nen Euro gibt, wenn ich ihn drum bitte. Werde das aber bei Gelegenheit mal ausprobieren...

      21.10.2007, 23:41 von chessige
    • Kommentar schreiben
  • 0

    hm. mich hat mal jemand gefragt, ob ich nen euro habe, um was zu essen zu kaufen. mit dem bin ich zum nächsten bäcker. ich weiß nicht, was er mit dem euro gemacht hätte...das ist auch egal.

    18.09.2007, 23:07 von sabbelwasser
    • Kommentar schreiben
  • 0

    man macht sich das meist ein bisschen zu einfach, indem man in schwarz und weiß unterteilt: penner. faul. alkohol. drogen. übler geruch. und auf der anderen seite natürlich ''wir''. die normalen. keine aussteiger aus einer gesellschaft, in der man leider keinen platz (mehr) für uns hatte. was ''wir'' aber nicht wissen und nur ahnen können, sind die gründe. die fragen aber dürften bekannt sein: warum ist dieser mensch auf der straße? was hat ihn dorthin geführt? wenn wir die antworten auf diese fragen nicht kennen, ist es ignorant und falsch, so zu verallgemeinern. jeder heutzutage (oder früh wohl auch. nun ja) sieht sich in irgendeiner opfer-rolle. schwere kindheit, scheidung der eltern, schulische schwierigkeiten, ein bisschen liebeskummer, der hamster ist tot- und für jeden wird verständnis gezeigt, mitleid, hilfe angeboten- aber die belange der auf der untersten stufe stehenden dieses systems werden geflissentlich zur seite geschoben. ich für meinen teil höre mir lieber die geschichten von zehn stinkenden, saufenden, verwahrlosten pennern an als die problemchen irgendeiner durchschnitts-ische in der schule/uni durchzukauen. da lernste definitiv mehr. ich will mich mal fragen, was denn wäre, wenn sich jemand der hier diskutierenden ein paar nächte auf der straße durchschlagen müsste und im winter krampfhaft einen wärmenden lüftungsschaft zum schlafen sucht und von eifrigen wachmännern vertrieben wird. man wird die unterschiede von ganz -unten-arm und mittelklasse-oberklasse nicht mit einem euro nivellieren können, aber man wird einem menschen für einen moment freude bereiten. indem er aussicht auf etwas für ihn desiderates bekommt. ob das nun nahrung, alkohol, drogen, hundefutter ect. ist, spielt doch keine rolle. wer bin ich denn, dass ich sage ''nein nein nein, du böser penner. du darfst dir aber heute keinen alkohol kaufen.'' gerade, wenn ich mal geld habe und mit vollen einkauftüten an obdachlosen vorbeigehe, fällt mir kein zacken aus der krone, wenn ich ein paar cent gebe. kürzlich konnte ich das verhalten eines sohnes aus sogenanntem gutem hause beobachten. abschätzige, geradezu angewiderte blicke, die er sämtlichen bettlern und straßenmusikanten ''schenkte'' und danach tatsächlich beim abendessen mit seinem vater (der im anschluss das esen natürlich mit kreditkarte zahlte) über diese lachte. hahaha. da konnte ich aber so richtig mitlachen. ich bin aber auch der meinung, dass es wichtiger ist, geldspenden kindern und kranken zukommenzulassen. beispielsweise eben durch den weg einer spende.

    18.09.2007, 03:56 von NeonBlond
    • 0

      @NeonBlond 100% Zustimmung @ NeonBlond

      18.09.2007, 10:03 von Dieramona
    • Kommentar schreiben
  • 0

    jap...schon ne zwickmühle aber: ich lös das dann eben so: gehe zum nächsten bäcker, kaufe ein brötchen...wenn er es haben möchte ok...wenn nicht, gibts halt gar nix ^^

    17.09.2007, 19:00 von Alatariel
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich empfehle den notorisch Aufgeregten die Southparkfolge "Night of the Living Homeless"

    17.09.2007, 14:04 von Romeo_Flausch79
    • Kommentar schreiben
  • 0

    "wir hätten uns freigekauft von unserem schlechten Gewissen, hätten uns für eine Mark unsere kleine Idylle erkauft, hätten uns einreden können, welch gute, barmherzige, großzügige Menschen wir doch sind"

    Durch diese passage fühle ich mich persönlich angegriffen, da du mir ja vorwirfst, ich würde mich nur freikaufen wollen, wenn ich einem -nennen wir das kind beim namen- penner ein bisschen geld gebe.

    Was ich mich frage: Wenn ich jemandem etwas Kleingeld gebe, hab ich dannach nicht so große mit mir selbst. Wenn du jemandem nichts gibst, ist das Anliegen genug, um über dein nicht-geben im Internet zu schreiben. Ist das nicht komisch? Und sag nicht, dass ich mich von Gedanken über sozialpolitische Themen freikaufe, ich mach mir sehr wohl welche.

    Und 2tens: Hätte es dir denn schaden können, dem kerl einen euro zu geben?

    17.09.2007, 00:44 von der_bene
    • 0

      @der_bene Hm, ja, aber ist das nicht so? Kann da nicht für Dich sprechen, aber ich _kaufe_ mich frei, wenn ich was gebe. Denn ganz im Ernst.: die Kapazitäten, jeder "gescheiterten Existenz" (nach allgemeinen Maßstäben, bitte nicht an diesem Begriff aufhängen), die meine Wege kreuzt ernsthaft und langfristig zu helfen habe ich nicht. Und emotional auf die individuelle Katastrophe einlassen, die einen Menschen dahin gebracht hat, so vor mir zu stehen, will ich mich auch nur selten.

      Was außer mich freikaufen tue ich denn dann, wenn ich mein Geld zücke?

      17.09.2007, 09:32 von Eldorado
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] da kann ich mit einem recht tragikomischen Beispiel dienen,marheineke-markthalle,Bergmannkiez,Kreuzberg61:Da sitzt so'n Punk mit traurigem Hundeblick mit Hund vor der Markthalle mit'm Pappschild:Mein Hund hat Hunger.ich sah ihn in meiner Mittagspause und kam abends nochmal vorbei,er immer mit inzwischen grimmigem Boxerblick,denn neben ihm inzwischen 3 Riesentüten voller Fleischereireste,Knochen wahrscheinlich,verbockte Bockwürste,Anschnitte,aber irgendwie hatte er das mit seinem Pappschild nicht bezweckt.:-)

      16.09.2007, 21:42 von Trommler
    • 0

      @Trommler Das war jetzt eine Antwort zu dem Kommentar von die Sandra,zum Arikel hab ich mich davor geäussert,pardon,nächstes Mal benutze ich die GB-Seite,nachher heisst's,ich mach mich über's Elend lustig,ich war selber street

      16.09.2007, 21:52 von Trommler
Seite: 1 2 3 4 5 ... 5
  • Platzverweis

    Um den perfekten Kinositzplatz wird gestritten, seit es das Kino gibt. Das ist jetzt vorbei. Die Tipps aus dem August-Heft nun auch im Blog.

  • Links der Woche #25

    diesmal u.a. mit den Kid-Emmy-Awards 2014, einem Podcast zum Einschlafen und Hunden, die ihre Herrchen drücken.

  • Wie siehst du das, Stefano Marchionini?

    Jeden Mittwoch interviewen wir Fotografen. Auf unsere 10 Fragen dürfen sie uns nur mit Bildern antworten.

Neu: NEON für dein iPad!

Neueste Artikel-Kommentare