hfw 11.06.2018, 19:00 Uhr 54 3

Frage an Sophie. Warum ich beim Public Viewing auf einer WM-Fanmeile an Sophie Scholl denke

Vision eines Fanmeilenerlebnisses im möglichen Achtelfinale dieser WM. Wie so oft speist sich die Erwartung an das Kommende aus eigens Erlebtem.

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Was, Sophie, würdest du tun? Was würdest du tun, wärest du statt meiner jetzt und hier,  verirrt in einer Szenerie fanatischen Wahnsinns? Was würdest du tun, ständest du nun hier in der brütenden Hitze jener feurigen Glut, aus der immer wieder, knisternd, teuflisch und doch von vielen unbemerkt, die Stichflamme eines aggressiven Nationalismus auflodert?

Oder übertreibe ich? Sehe ich Gespenster? Schließlich ist die Freude groß in diesem Land. Endlich darf wieder unverhohlen und stolz die nationale Sache bejubelt werden. Zu Tausenden darf man wieder jenes kameradschaftliche Gemeinschaftsgefühl erleben, das einst Grundlage der  todbringenden Maschinerie wurde, die sich aus deutschen Landen aufmachte, die Welt rücksichtslos und brutal, trotz  aller verbissenen Gründlichkeit  jedoch vergeblich, zu erobern.

Endlich darf man wieder, stolz geschmückt in den Landesfarben, das Hoffmann-Haydn’sche Deutschlandlied, wenn auch verkürzt um seine ersten Strophen, ohne Unwohlsein in aller Öffentlichkeit lauthals grölen.

Ist das nicht wunderbar? Ich kann die Freude verstehen. In einem Land, in dem das höchste, vielleicht auch das einzige Gut, die individuelle Verwirklichung zu sein scheint, werden dringend Werte benötigt, die jenes entfesselte Ego einfangen, ihm Inhalt und damit auch Sinn geben. Jenem in der Unendlichkeit der Möglichkeiten verirrten Ich des postmodernen Menschen sind Orientierung verleihende Wegpfeiler  abhanden gekommen.  Einst wurde das menschliche Ego in seiner gewaltigen Größe der Religion, einer Ideologie oder dem Vaterland untergeordnet. Man war bereit für eine Sache zu sterben. Man bekam im Gegenzug eine klare Richtung vorgegeben, der man nur zu folgen brauchte. Wie reich scheinen doch, schaut man mit verklärtem Blick zurück, unsere materiell vergleichsweise armen, von Kriegen und Seuchen vielfach geplagten Vorfahren an Sinnhaftigkeit gewesen zu sein!

Verspricht die orgiastische Flucht in die nationale Sache also einen Moment jener Übersteigerung des Ich, die schließlich, kurz aber intensiv, aufgeht in dem wohlig-erfüllenden,  gar spirituellen Gefühl des Eins-Seins mit einem größeren Inhalt, der einer sich unentwegt und rasend wandelnden Wirklichkeit einen Funken von tiefer, unverrückbarer Wahrheit verleiht?  

Ist das nicht hoch erfreulich? Völlig harmlos zudem? Schließlich kommt es nur alle zwei Jahre zu einer circa vierwöchigen kollektiven Aufwallung jener innigen Gefühle. Der Anlass für dieses kurze, aber umso intensivere Gefühlshoch der Deutschen ist ein Haufen junger, körperlich gut trainierter Männer, die in weißen Hemden mit einem Deutschlandadler auf ihrer Brust auf recht erfolgreiche Art und Weise einem Ball nachjagen.

Es geht um Fußball. Jenen Sport, der um 1870  aus England nach Deutschland kam, zunächst kritisch beäugt wurde, schließlich aber zum Volkssport avancierte.

Alle zwei Jahre finden sich anlässlich der großen Nationenturniere  Hunderttausende, vielleicht Millionen Deutsche auf sogenannten „Fanmeilen“  zum „Public Viewing“ ein.  Auf riesigen Leinwänden verfolgen sie das Bemühen der jungen Männer mit dem Adler auf der Brust, einen Ball in einem rechteckigen Gebilde unterzubringen.

Hier stehe ich nun also, inmitten einer solchen „Fanmeile“ und denke an dich, Sophie! Sophie Scholl, Heldin meiner Jugend, Vorbild meines Erwachsenenlebens. Was würdest du von all dem halten? Was würdest du denken, wenn du wieder die  grölenden Horden sehen würdest? Oder hieltest du das alles für unbedenklich? Würdest du, die du doch selbst so sportlich warst, dich vielleicht sogar freuen und begeistert mitjubeln? So wie damals, 1936, bei den olympischen Spielen in Berlin als du gebannt am Radiogerät hingst und deutschen Athleten die Daumen hieltst?  

Oder würdest du es so sehen wie der erst vor wenigen Jahren verstorbene Intellektuelle Walter Jens, der seine Sportbegeisterung nie verhehlte. Er schloss einen dem Fußballsport entwachsenden neuen Chauvinismus aus. Jede diesbezügliche Sorge erschien ihm übertrieben und lächerlich. Er traue dem deutschen Volk in dieser Hinsicht „mehr Souveränität zu, als manch einer denkt“, äußerte er 1990. Da gab es aber noch keine „Fanmeilen“.  Da gab es auch noch keine Pegida, keine AfD. Liegt vielleicht nicht doch in den kollektiven Fanaufwallungen der vergangenen Fußballturniere auch eine Grundlage für Pegida? Sicher ein gewagte These. Und doch waren die Fanmeilen seit langem die erste Möglichkeit, aus dem nationalen Zusammengehörigkeitsgefühl, aus dem Kollektivgefühl einer breiten Masse Gleichgesinnter, Freude und so etwas wie Sinn zu finden. Vielleicht wollte der ein oder andere dieses Gefühl konservieren? Woher kommen all die Deutschlandfahnen, die Pegida-Demonstranten bei ihren Versammlungen begeistert schwenken? Sind sie nicht vielleicht doch Überbleibsel des letzten großen Fußball-Länderturnieres als kein einziges Warenhaus in Deutschland es sich leisten konnte, darauf zu verzichten, die immer alberner werdenden Fanartikel in Schwarz-Rot-Gold prominent in der Auslage zu platzieren?

Wahrscheinlich hatte er dennoch Recht, der große, sonst stets kritische Walter Jens. Sollte nicht auch ich mich bedenkenlos erfreuen an der kollektiven Begeisterung der Deutschen? Was meinst du, Sophie? Muss wirklich alles immer kritisch betrachtet und hinterfragt werden? Ist zu viel kritisches Denken nicht auch immer Anlass für Verdruss, vielleicht sogar der Anfang von Depression? Sollte ich also bedenkenlos den WM-Sommer genießen, wild fahnenschwenkend in der Masse aufgehen und den viele tausend Kilometer entfernten Fußballern Aufmunterndes zurufen?

Ist es nicht schön, wie ein bis auf die Zähne mit schwarz-rot-goldenen Fan-Utensilien bewaffneter Anhänger des Fußballsports, der einige Meter neben mir steht, voller Begeisterung jeden erfolgreichen Pass eines deutschen Spielers bejubelt? Will er nicht einfach nur für einen Moment dem grauen Alltag entfliehen und sich am Fußballsport, dem Volksopium des 21. Jahrhunderts, berauschen?  Ist er nichts weiter als ein harmloser Fußballenthusiast, der sich, genau wie auch ich,  an dem kunstvollen, an dem ästhetischen Spiel der deutschen Fußballer, die den Ball so schön elegant am Fuße führen, ihn, wie an der Schnur gezogen, selbst über große Distanzen, zentimetergenau in den Laufweg eines Mitspielers schlenzen können, erfreut?

Die Miene jenes Fans neben mir verfinstert sich, als ein deutscher Spieler verletzt ausgewechselt werden muss. An der Außenlinie steht Julian Brandt zur Einwechslung bereit. Brandt ist ein Fußballer, der in seiner Jungenhaftigkeit bescheiden und bodenständig wirkt.

Ich sympathisiere mit ihm. Er stellt sich selbst in Frage. Nimmt sich nicht zu wichtig. Lobhudelei ist ihm zuwider. Im Internet findet man keine Glamourbilder. Privatfotos zeigen ihn höchstens mit seinem Hund. Er ist keiner, der sich blind an seine Umgebung anpasst. Tattoos lässt er sich nicht stechen und ist auch deshalb schon so etwas wie ein Außenseiter in der Welt des Fußballs. Schwer vorstellbar, dass sich Julian Brandt aus schierer Unbedachtheit an der Seite eines Demagogen fotografieren ließe, wie das seine Teamkollegen Özil und Gündogan breit grinsend zuließen. Brandt ist einer, der zum Vorbild taugt.

Julian Brandt gilt auch als eines der herausragendsten Talente des deutschen Fußballs. Einige der größten Fußballclubs der Welt wollten ihn bereits verpflichten. Doch er ist einer der wenigen im Fußballgeschäft, der dem Ruf des großen Geldes nicht sofort folgte. Er schlug die Angebote aus und verlängerte stattdessen seinen Vertrag beim biederen Werksklub aus Leverkusen. Nach einer schwachen Saison wollte er mithelfen, Leverkusen wieder nach oben zu führen – was ihm mit beeindruckenden Leistungen gelang. 12 Tore und 7 Vorlagen gelangen ihm in der letzten Saison in Liga und Pokal. Er war damit einer der stärksten offensiven Mittelfeldspieler Deutschlands.

Als der enthusiastische Anhänger mit seinen schwarz-rot-goldenen Utensilien Brandt an der Seitenlinie zur Einwechslung bereit stehen sieht, höre ich ihn fragen: „Wer ist denn das?“

Geht es hier wirklich um Fußball?

Immer wieder fällt mein Blick auf die bewaffneten Polizisten, die vor jenem Zaun stehen, hinter dem andere Farben als Schwarz-Rot-Gold dominieren. Hinter dem Zaun leuchten die panslawischen Farben Rot-Blau-Weiß, die Landesfarben des Gegners der deutschen Nationalmannschaft. Wer sind die serbischen Fans, die abgeschirmt werden von der deutschen Masse? Immigranten? Deutsche Staatsbürger mit serbischen Vorfahren? Urlauber? Auch sie fiebern in feurigem Furor mit ihrem Team.

Ich höre, wie ein deutscher Fan mit grimmigem Blick auf die serbischen Anhänger zu seinem Nebenmann sagt: „Von unseren Steuern leben, aber gegen uns sein! Sollen doch heim gehen!“

Ich höre, wie ein Fan mit großem, schwarz-rot-goldenem Hut und schwarz-rot-gold geschminktem Gesicht nach dem eher harmlosen Foul eines serbischen Spielers an einem deutschen Fußballer in hysterischem Ton schimpft: „So eine Sau! Die sind durchtrieben, diese Scheiss-Serben! Clever sind sie, link sind sie, sonst können’s nix!“

Ich höre,  wie ein eher bescheiden ausgerüsteter Fan, immerhin eine große Deutschlandfahne in der Hand haltend, ruhig, sachlich aber in beunruhigtem Ton äußert: „Unsere Jungs sind zu brav! Wir bräuchten mehr fiese Charaktere. Typen wie diese serbischen Kanaken…“

Was, Sophie, würdest du davon halten? Was würdest du tun? Ist das wirklich alles so harmlos? Nein, Sophie, natürlich glaube ich nicht, dass wir kurz vor einem erneuten Abgleiten in den zerstörerischen Nationalismus der 30er Jahre stehen. Selbst Anhänger von Pegida und der AfD scheinen sich mehrheitlich von jenem todbringenden Hitler-Nationalismus deiner Zeit zu distanzieren.

Wir werden nicht mehr zu radikalen Nationalisten erzogen in Deutschland. Wir leben in einer globalisierten Welt, die wir generalstabsmäßig bereisen. Andere Kulturen und Nationen erschließen wir uns mit Hilfe von Lonely-Planet Reiseführern systematisch. Wir haben gelernt offen und tolerant zu sein! Vielleicht ist der nationale Wahnsinn daher umso intensiver, umso radikaler, während jener Fußball-geschwängerten Zeit der Nationenturniere. Die Chance das zu tun, was man sonst nicht darf, will man sich nicht entgehen lassen!

Harmlos? Jene an serbische Fans und Spieler adressierten Beschimpfungen, sind sie nichts als harmlose Entgleisungen? Sind sie nichts als gelebte Emotionalität, extrem, aber bedeutungslos und nach dem Spiel vergessen? Oder handelt es sich vielleicht doch um tief sitzende Vorurteile, die endlich, ohne Scham, hemmungslos und öffentlich zum Besten gegeben werden können, sich dabei gleichzeitig verfestigen? Ist es nicht so, dass derartige Beschimpfungen in dem Moment, in dem sie allgemein toleriert werden,  auch normalisiert werden? Darf ich diese Beschimpfungen tolerieren, Sophie? Ist es nicht meine Pflicht, hier und jetzt aufzubegehren? Zivilcourage zu zeigen? Doch was soll ich tun? Die Fans zur Rede stellen? Leserbriefe schreiben und auf die subtile Gefahr hinweisen? Den Stecker des Übertragungsgerätes ziehen um den Spuk der „Fanmeile“ zumindest  zu unterbrechen?

Oder doch einfach nur wegschauen? Vielleicht in stillem Protest diesen Ort verlassen? Was könnte ich schon ändern? Wenn überhaupt, würde ich auf Spott und Hohn treffen.  Wem wäre damit geholfen?

Ach Sophie, du hattest es so viel schwerer und doch auch leichter. Du hattest kaum Möglichkeiten gegen Adolf Hitlers Schreckensherrschaft vorzugehen. Du musstest im Verborgenen handeln und dabei dein Leben aufs Spiel setzen. Doch du hattest ein klares, ein offensichtliches Feindbild. Einem wachen Verstand wie dem deinen konnte nicht entgehen, dass in Deutschland ein Unrechtsstaat regierte. Du hattest von den Konzentrationslagern gehört, du musstest erleben, wie deiner Familie ohne faires Verfahren die Existenzgrundlage entzogen wurde, du wusstest, wer den ausgebrochenen Weltkrieg erzwungen hatte. Du konntest Hitler, das personifizierte Böse, bekämpfen. Du konntest Gutes tun!

War es eigentlich wirklich gut, was du tatest, Sophie? Hast du mit deinem Tun nicht mehr Menschen geschadet als genützt? Entschuldige die Frage, Sophie.  Couragiert gehandelt hast du wohl. Aber deine Familie, deine Freunde – hast du sie, die mit den Konsequenzen deines Tuns, deiner Verhaftung und Hinrichtung leben mussten, nicht in tiefe Trauer und Verzweiflung gestürzt? Was hingegen haben deine Flugblätter schon groß bewirkt? Hat tatsächlich auch nur ein Deutscher seine Meinung aufgrund der Flugblätter, die du so geflissentlich verteilt hast, geändert? Haben nicht die meisten Mitbürger aus Angst vor Hitlers Schergen deine Flugblätter schnellstmöglich entsorgt oder sogar zur nächsten Polizeistation gebracht?  Hast du eben jenen, die Leute wie dich verfolgten, nicht auch noch ein mentales Alibi für die Zeit nach dem Sieg der Alliierten über das NS-Regime geboten? Sie, die dich verfolgten, konnten jetzt beruhigt auf dich verweisen und der Weltöffentlichkeit erklären, dass ja nicht alle Deutschen mitgemacht hätten, beim Hitler-Wahnsinn! Natürlich wusstest du, dass du mit ein paar Flugblättern Hitler nicht stürzen konntest. Und du wusstest, dass du dein Leben für eine aussichtslose Aktion aufs Spiel setztest.  Du hast dieses Spiel verloren. War es also wirklich gut, dein Tun?

„Gut“ im klassischen Sinn der Antike meinte vornehmlich  „hervorragend“, „erfolgreich“ und „nützlich“. Erst mit dem Christentum kam in der Geschichte des Abendlandes der Begriff der Güte auf, wie die Philosphin Hannah Arendt in einem ihrer Bücher aufzeigt. Gute Werke, auch ohne offensichtlichen und strahlenden Erfolg, bekamen einen Eigenwert. Ist Zivilcourage, wie du sie gezeigt hast, Sophie, also stets ein Akt der Güte? Ging es dir womöglich gar nicht darum, erfolgreich zu sein, sondern das Richtige, das Gute in einem moralischen Sinne zu tun? Wolltest du Gutes tun, der guten Tat wegen? War dein Handeln nicht Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck? Aber wer bestimmt, was moralisch richtig ist? Du wurdest von deiner gläubigen Mutter und deinen gläubigen Freunden geprägt und hattest Gott und die christliche Moral als Maßstab. Dabei ist gerade für christlich geprägte Menschen das Gute oftmals zu verlockend um tatsächlich gut im geforderten Sinne zu handeln. Niccolò Machiavelli wies im ausgehenden 15. Jahrhundert vielleicht als erster auf den korrumpierenden Einfluss guter Werke im christlichen Sinne hin. Stets stehen gute Taten unter dem Verdacht, politisches Instrument zu sein: Gutes Tun nur der Wirkung wegen, nicht wegen der Tat selbst. Im frühen Christentum wurde daher stets Distanz zu jeglicher Form von Öffentlichkeit gewahrt. Jesus selbst hatte gemahnt: „Habt acht auf Eure Almosen, dass Ihr die nicht gebt vor Leuten, dass Ihr von ihnen gesehen werdet.“

Wie war das bei dir Sophie? Warst du vielleicht nicht doch insgeheim auch nur darum bemüht, im Kreise deiner Freunde und deiner Familie zu glänzen?  Sie waren die einzigen echten Bezugspunkte deines Lebens. Wolltest du innerhalb dieser kleinen Welt eine herausragende Stellung einnehmen? War dein Tun vielleicht doch nicht Selbstzweck, sondern Mittel um dich in moralischen Kriterien mit deiner unmittelbaren Umgebung, vor allem deinem Bruder Hans, messen zu können?

Doch vielleicht ist das nur philosophische Haarspalterei. Was auch immer die genaue Motivation deiner Handlungen war, der christliche Maßstab, wie exakt auch immer er befolgt wurde, war als Orientierung für dein Tun sicher von Bedeutung.

Doch was tun, wenn die Religion als absoluter moralischer Maßstab für das Gute wegfällt? Was soll ich, Kind der postmodernen Welt des 21. Jahrhunderts, tun? Ich habe gelernt, dass es letzte Wahrheiten, somit auch absolut Gutes nicht gibt. Es heißt, dass stets der kulturelle Rahmen entscheidend sei für die Gewichtung von Werten.

Kann in einer derartigen Welt etwas gut sein, das unmittelbar mehr Schaden als Nutzen bringt? Ist Zivilcourage aus dieser Perspektive nicht oftmals eher dumm? Hätte Dominik Brunner 2009 in einer Münchner U Bahn lieber nicht eingegriffen, als vier Jugendliche von jungen Erwachsenen bedroht und geschlagen wurden? Wäre er dann nicht noch am Leben? Ist es vielleicht sinnvoller sich in souveräner Gleichgültigkeit in den vermeintlich unveränderbaren Fluss des Weltlaufs einzufügen, eins zu werden mit ihm? Sollte es nicht Ziel sein, einzig nach Seelenruhe und innerer Unerschütterlichkeit zu streben und sich nicht über die Welt und ihre Unzulänglichkeiten zu ärgern, da diese, wie der Philosophenkaiser Mark Aurel im 2. Jahrhundert nach Christus anmerkte, sich eh nicht darum kümmere? Sollte der Mensch nicht nach der Ruhe der Seele und innerer Unerschütterlichkeit streben? Warum also aufbegehren?

Vielleicht hat der Einzelne manchmal keine Wahl. Vielleicht ist es im Menschen angelegt, Schwachen und Unterlegenen zu helfen. Mitleid wurde bereits von Rousseau und Schopenhauer als angeborener Trieb erkannt. Ähnlich wie der Selbsterhaltungs-, und der Fortpflanzungstrieb könnte das Mitleid einen evolutionären Vorteil garantiert haben, im Überlebenskampf des Menschen, in der Frühphase seiner Existenz. Mitleid mit Artgenossen könnte dazu beigetragen haben, der Art Homo sapiens als solcher einen Überlebensvorteil zu sichern. Wer bedroht war, dem wurde geholfen. Vielleicht fehlte dem Neanderthaler dieser Trieb. Vielleicht fehlte ihm eben jener Trieb, der die Art als solche insgesamt stärker machen musste. Vielleicht ist der Neanderthaler auch deshalb ausgestorben?

Ist Zivilcourage also nichts, als die Umsetzung eines animalischen Triebs, der das Überleben der eigenen Art erleichtert? Natürlich muss es dabei bisweilen zu einem Konflikt der Triebe kommen. Eigener Überlebenstrieb gegen den Trieb des Mitleids. Es macht Sinn, dass meist der Überlebenstrieb stärker ausgeprägt ist. Das Überleben des Einzelnen ist schließlich Voraussetzung für das Überleben der Art.

Zivilcourage wäre also nichts als ein animalischer Impuls, der in konkreten Einzelfällen Ausdruck findet. Wurde Dominik Brunner von einer Form des Mitleids überwältigt, als er sah, wie vier Jugendliche von stärkeren Jugendlichen bedroht und verprügelt wurden?

Doch was hieße das für mich? Ich sehe schließlich keine konkrete Bedrohung einzelner. Ich sehe eine hypothetische Gefahr, die darin besteht Vorurteile zu verfestigen und damit Minderheiten – in diesem Falle nationaler Art – in letzter Konsequenz zu stigmatisieren und womöglich auch, zumindest emotional, zu diskriminieren. Ein animalischer Impuls allein kann das nicht sein. Warum überlege ich dennoch einzuschreiten?

Vielleicht wegen dir, Sophie?  Weil du mich seit Kindestagen geprägt hast? Weil ich dich stets bewundert habe?  Weil schon in meinem Kinderzimmer ein Bild von dir hing, von dem herab du mich stets mit entschlossenem und doch auch melancholischem Blick betrachtet hast. Weil du mich von klein auf ermahnt hast, deine Perspektive einzunehmen. Weil dein Handeln ob seiner tödlichen Selbstlosigkeit über jede Relativität erhaben und dein Heldentum somit unverdächtig erscheint?

Vielleicht betrachte ich wegen dir die Welt kritischer. Vielleicht möchte ich insgeheim der Heldin, die ich schon als Kind bewunderte, nacheifern. Ist die Prägung die wir gerade als junge Menschen erhalten, neben den immanenten Trieben, nicht der entscheidende Antrieb unseres Tuns?

Ich beschließe einmal mehr in deinem Sinne zu handeln, Sophie. Doch was wäre dein Sinn? Ach, wie schön wäre es, wenn du mir Antwort geben könntest! Soll ich die wild geschmückten Fans direkt ansprechen und meine Bedenken äußern? Sie würden mir wohl nicht mal zuhören. Ich fasse den Entschluss, die subtile Gefahr der „Fanmeilen“ in Form eines Aufsatzes zu thematisieren. Ich kann ihn ins Internet stellen oder einer Zeitung zur Veröffentlichung anbieten. Heute braucht es keine geheimen Flugblätter mehr, Sophie. Heute geht das alles einfacher. Vielleicht gelingt es auf diese Art, den Einen oder die Andere zu sensibilisieren. Viel mehr kann ich wohl nicht tun, Sophie. Ich pfeife auf das Fußballspiel und mache mich auf den Heimweg, um einen Text über meine Erfahrungen und meine Gedanken zu schreiben.

Gerne würde ich mich darüber mit dir austauschen. Ach, Sophie, wie schön wäre es, mit dir reden zu können. Wie schön wäre es, dich fragen zu können, ob du meine Bedenken nicht doch maßlos übertrieben fändest. Oder würdest du mir zustimmen, in meinen Sorgen, Sophie, du Personifikation der Zivilcourage? In dem Moment ertönt aus tausenden von Kehlen ein laut gezogenes „Jaaaaa“, gefolgt von ohrenbetäubendem Lärm. Sophie? Ich drehe mich um. Die deutschen Fans bejubeln frenetisch das Tor ihres Teams. Auf der Großleinwand ist der Torschütze in Nahaufnahme zu sehen. Es ist Julian Brandt.

 


Tags: "Fussball", "WM", "AFD", "Sophie Scholl", "Zivilcourage"
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54 Antworten

Kommentare

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  • 1

    nach dem fünften absatz wurde es mir zu blöde.

    *abwink*

    04.07.2018, 20:48 von jetsam
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  • 0

    Was ist denn das für ein linksfaschistisches Gefasel? 


    Ich glaub ich bin neon.de ...

    *guck*

    04.07.2018, 19:18 von NieOhne
    • 0

      *bei*

      04.07.2018, 20:56 von NieOhne
    • 0

      Linksfaschismus ist ja wohl das genaue Gegenteil von der Message. Recherchier mal, was Faschismus ist.

      05.07.2018, 11:58 von CarlostheBoss
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  • 2

    Viel zu langer Text, nur um festzustellen, dass man das Fahnengeschwenke zur WM rechts findet. Warum Du die arme Sophie da mit reingezogen hast, erschließt sich mir auch nicht... na gut, mit einem Nazivergleich packt man den reumütigen Deutschen natürlich sofort... mag ich nicht mehr als Stilmittel, gibt den Rechten nur wieder die Möglichkeit sich als Opfer zu gerieren...

    04.07.2018, 10:03 von chiral
    • 0

      Also, da hast du den Text nich ganz kapiert, glaub ich.

      05.07.2018, 11:53 von CarlostheBoss
    • 0

      Joh, viel zu "filosofisch", ich bin nur ein einfacher Mann des Volkes undso...

      06.07.2018, 11:15 von chiral
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  • 0

    heute sind halt steuerhinterzieher wie messi, ronaldo oder politisch verirrte wie özil vorbilder. da wird einem dann auch alles klar. sophie scholl kennt man doch heute gar nich mehr

    26.06.2018, 21:22 von Matador
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  • 0

    ich kann mir fußball und fankult nichts anfangen, denn in beidem wohnt der geist des nationalsozialismus. wer darauf steht, hat 33 die fackeln getragen, 38 steine geworfen und wurde irgendwann nach stalingrad enttäuscht. die gleiche sorte, soll ich sagen rasse von mensch schwingt heute wieder die fahnen und wenn nur harmlos schwarz.rot.gold fast genauso schlimm wie schwarz.weiß.rot oder die schöne rote mit dem weißen kreis und dem bösen adler auf noch böserem indischen sonnenzeichen. wehret den anfängen! verbietet doch endlich diesen scheiß, den hooliganism, den nationalismus und den kapitalismus, die hinter diesem SCHEISS FUSSBALL stehen. fickt euch ihr "fans", ihr seid nichts als tumbe kerzen ohne licht

    13.06.2018, 21:18 von green_tea
    • 3

      Ja ja genau...wehret den Anfängen. Und dann schreibt unser pseudo-linke Maulheld folgendes:

      *********************************
      Dies ist eine Wahlwerbung für DIE LINKE

      Proletarier aller Länder vereinigt Euch!
      ***********************************************
      Für einen gefestigten Klassenstandpunkt!
      Für ein neues Bündnis 90!
      Für eine wirtschaftlich erfolgreichere DDR und eine sozialere BRD!
      Gegen Masseneinwanderung und Bimboisierung!



      08.06.2018, 22:43 von
      green_tea

      13.06.2018, 22:39 von mirror87
    • 1

      Wie sahen denn die 38 Steine aus, die geworfen wurden? Kleine Steine, große Steine, runde Steine, spitze Steine, eckige Steine?

      14.06.2018, 17:01 von Fin_Fang_Foom
    • 0

      muahaha, die richtigen

      14.06.2018, 20:08 von green_tea
    • 0

      beiden idioten

      14.06.2018, 20:08 von green_tea
    • 0

      melden sich :))))))))))))))))))))))))))))))))

      14.06.2018, 20:08 von green_tea
    • 1

      Bist du eigentlich zu doof um einen Satz in einen Kommentar zu packen oder sind das wieder die Drogen? ;-)

      14.06.2018, 20:39 von mirror87
    • 0

      ich nehme im unterschied zu dir keine drogen

      15.06.2018, 12:24 von green_tea
    • 1

      :D   

      15.06.2018, 13:48 von mirror87
    • 2

      @Teekessel, hast du nicht bei Ebay Dinge zu erledigen?

      15.06.2018, 18:40 von Fin_Fang_Foom
    • 0

      tut mir leid, fingfangdumm, auf deine phantasie kann ich nicht eingehen. vielleicht fragst du deinen mann, der könnte interessiert sein. ich steh nicht auf dich.

      15.06.2018, 20:19 von green_tea
    • 2

      Du musst als Kind oft vom Wickeltisch gefallen sein. 

      15.06.2018, 20:33 von Fin_Fang_Foom
    • 1

      @fini
      Und dass nicht nur einmal. :D

      15.06.2018, 20:48 von mirror87
    • 0

      ihr kriegt von mir keine antworten mehr :D

      15.06.2018, 21:13 von green_tea
    • 2

      Gott sei Dank.

      16.06.2018, 02:03 von mirror87
    • 3

      Als ob er da widerstehen könnte. Jede deiner Reaktionen ist eine Antwort, Teelein. Es sind zwar wirre Antworten, aber Antworten.

      16.06.2018, 10:02 von Drahtseilakt.
    • 0

      Na, "er" hat "widerstehen können". Ganze fünf Tage und auch weiter. Ihr meint, ihr könnt mich aus der Reserve locken? Könnt ihr mich nie! Ihr habt keine Ahnung, mit wem ihr es zu tun habt, und dieses Nichteinordnen-Können macht euch wahnsinnig. 

      21.06.2018, 20:40 von green_tea
    • 3

      Also ehrlich gesagt nein. Kein Mensch irgendjemanden vollkommen korrekt einordnen, das wäre ja auch viel zu langweilig. Aber wahnsinnig machst du mich ganz sicher nicht.


      Herzlichen Glückwunsch zu den "ganzen fünf Tagen!". Aber ach, das kannst du ja gar nicht lesen, weil du mich gesperrt hast. Zu schade!

      22.06.2018, 08:04 von Drahtseilakt.
    • 0

      in deinem zweiten satz fehlt ein finites verb oder vulgo prädikat. 

      22.06.2018, 14:09 von green_tea
    • 0

      habe dich auf probe wieder entsperrt, um zu sehen, ob du dich benehmen kannst. wenn nicht, wanderst du wieder in den bau ;) haha !:P

      22.06.2018, 14:10 von green_tea
    • 3

      Und du glaubst, das tangiert mich in irgendeiner Weise, wenn du mich "wieder in den Bau" schickst? Arme Seele.

      22.06.2018, 16:41 von Drahtseilakt.
    • 0

      ist mir wurscht. aber genau dahin kommst du blöde kuh jetzt wieder :D

      22.06.2018, 20:03 von green_tea
    • 0

      bekomme ich auch ein test sperr- entsperrabo?
      apropos spitze steine, ist hier etwa weibsvolk anwesend.

      04.07.2018, 16:35 von Freyr
    • 1

      Neeiiiin. *Räusper

      04.07.2018, 16:40 von Fin_Fang_Foom
    • 1

      OK, sonst wollen die als Nächstes wohlmöglich Auto fahren. ;)

      04.07.2018, 17:24 von Freyr
    • 3

      Weibsvolk? Auto fahren? Eher friert die Hölle zu!

      04.07.2018, 22:16 von Drahtseilakt.
    • Kommentar schreiben
  • 0

    In Dresden haben sie letzte EM Reichsfahnen ausgepackt! Vielleicht ist das in Berlin oder so noch anders. Aber hier schau ich auch nich mehr öffentlich!

    13.06.2018, 19:15 von CarlostheBoss
    • Kommentar schreiben
  • 2

    Oder übertreibe ich? Sehe ich
    Gespenster?
    Ja und ja.

    13.06.2018, 15:49 von mirror87
    • 1

      Nein und nein. Früher war Public Viewing mal witzig. Beim letzten Mal wars mir auch zu krass. Ich geh da auch nicht mehr hin

      13.06.2018, 18:50 von Yolo90
    • 1

      Nein, das ist einfach nur Panikmache.

      13.06.2018, 19:33 von mirror87
    • 0

      Yolo90 hat recht und mirror87 ist ein Arschloch.

      13.06.2018, 21:19 von green_tea
    • 1

      Lass mich raten – Weil wegen isso?


      Das, was hier erzählt wird, ist doch nur eine Momentaufnahme von irgendeinem Public Viewing in irgendeiner Stadt zu irgendeinem Spiel. Also so hab ich das noch nie erlebt. Eher sogar das Gegenteil. Also: Lächerlich überzogen und unsinnige Panikmache.

      16.06.2018, 10:05 von Drahtseilakt.
    • 0

      Hm, ich dachte noch, du könntest vielleicht süß sein... abba jetza sach ich innerlich eher leck mich und das mein ich nich wöaatlich

      16.06.2018, 11:47 von green_tea
    • 3

      Und ich dachte noch, du könntest eventuell ein bisschen Grips haben. Aber jetzt sag ich innerlich eher: Werd' endlich erwachsen und mal ein bisschen toleranter.

      16.06.2018, 14:34 von Drahtseilakt.
    • 0

      ich mag es nicht, wenn sich menschen über andere menschen erheben, auch nicht im zeichen von "erwachsen" (dazu sage ich: es sei denn ihr werdet wie die kinder...) und schon nicht im zeichen von "toleranz" (ich schreibe dir ja auch nicht vor, wie du bitteschön zu "werden" hättest). in diesem sinne! ein kommunist

      16.06.2018, 17:07 von green_tea
    • 3

      Du erhebst dich andauernd über andere lieber green_tea. Aber ich weiß, dass du das schon längst nicht mehr merkst.

      16.06.2018, 17:43 von mirror87
    • 2

      Du hast dich über mich erhoben, lieber green_tea. So wie du dich ständig über jeden erhebst hier. Dann musst du auch mit Konter rechnen.

      16.06.2018, 19:00 von Drahtseilakt.
    • 0

      So ne dumme Verallgemeinerung lass ich mir nicht aufbinden

      16.06.2018, 21:30 von green_tea
    • 1

      Du bist so süß. Köstlich. ^^

      16.06.2018, 21:49 von mirror87
    • 3

      Ich wünschte, das wäre eine "dumme Verallgemeinerung". Leider ist das eine bittere Tatsache. 

      Aber du wolltest uns doch nicht mehr antworten, oder? Klappt ja super!

      17.06.2018, 09:41 von Drahtseilakt.
    • 0

      so, habt ihr beiden euren juden gefunden?

      17.06.2018, 13:50 von green_tea
    • 0

      haltet einfach den rand

      17.06.2018, 13:51 von green_tea
    • 0

      Wieso eigentlich Panikmache? Ich erkenne in dem Text keine Panik. Ich hatte aber Panik als ich das letzte Mal bei so nem Fandingens war. Aber vielleicht war ich wirklich einfach auf dem falschen Fanfest. Das so Massenansammlungen was mit einem machen is aber doch wohl auch klar. Ob links oder rechts is da schon egal.

      21.06.2018, 09:03 von Yolo90
    • 0

      mir sind linke immer noch lieber

      21.06.2018, 20:41 von green_tea
    • 0

      aber ansonsten ist das schon unangenehm, ja. massenhysterie. SCHLAND!!! SSCHLAAAHAANND!!! SCHLAND!!! 


      *kotz*

      21.06.2018, 20:41 von green_tea
    • 1

      Oder übertreibe ich? Sehe ich

      Gespenster?
      Ja und ja.
      Wohl eher so: "Volles Mett Alter!"



      04.07.2018, 10:04 von chiral
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