Anais_Nin 30.11.-0001, 00:00 Uhr 41 21

FGM -Schnitte in Körper und Seele

Ein sechsjähriges Mädchen wird als Notfall in ein Krankenhaus in Port Sudan eingeliefert.

Sie leidet unter schweren Blutungen, die eine Serie von Bluttransfusionen über einen Zeitraum von zwei Tagen erfordern
Vor ein paar Tagen war sie von einer Dorffrau ohne medizinische Kenntnisse pharaonisch beschnitten worden und hat nun eine schwere Blutvergiftung. Sie befindet sich in einem höchst verwirrten emotionalen Zustand und hat große Schmerzen. Ihr Abdomen, die Region um ihre Vulva und ihre Oberschenkel sind massiv geschwollen. Wo die Schamlippen zugenäht wurden, sind in dem geschwollenen Fleisch dunkle Nähte kaum sichtbar zu erkennen. Sie ist eines der wenigen Mädchen, die ins Krankenhaus gebracht werden, wenn nach einer Beschneidung, etwas schief geht. Die meisten von ihnen haben nicht so viel Glück. Einige wenige freuen sich auf diesen Tag, da sie nicht wissen was wirklich geschieht, doch die meisten von ihnen haben Angst. Viele Mädchen sterben bei diesem Eingriff.
Wir sprechen hier über FGM (femal genital mutilation). Weltweit sind über 150 Millionen Mädchen und Frauen davon betroffen. Jedes Jahr kommen ca. 2 Millionen hinzu, was ca. 6000 Frauen pro Tag entspricht. In Deutschland leben schätzungsweise 20.000 betroffen Mädchen und Frauen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert FGM folgendermaßen :

FGM umfaßt alle Verfahren, die die teilweise oder vollständige Entfernung der weiblichen äußeren Genitalien oder deren Verletzung zum Ziel haben, sei es aus kulturellen oder anderen nichttherapeutischen Gründen.

Durchschnittlich sind die Mädchen zwischen 4 und 12 Jahren alt, zum Teil wird der Eingriff aber auch unmittelbar vor der Hochzeit oder nach der Geburt durchgeführt.
Genitalverstümmelung wird von verschiedenen Ethnien überwiegend in afrikanischen Ländern praktiziert. In einigen Ländern, wie zum Beispiel Ägypten, Äthiopien und Somalia sind über 90% der Frauen und Mädchen verstümmelt. In anderen Ländern ist die Praxis auf einzelne oder mehrere Volksgruppen beschränkt, dort betrifft es dann aber auch alle Mädchen und Frauen dieser Gruppe, Beispiele dafür sind Ghana und Togo. FGM kommt aber auch in Jemen, Sultanat Oman, im Irak und in Indonesien, Malaysia, Pakistan und Indien vor.
Der geschichtliche Ursprung der Durchführung der Verstümmelung weiblicher Genitalien geht zurück bis ins alte Ägypten. Dort glaubte man an die Doppelgeschlechtlichkeit und so war die Vorhaut des Mannes ein Überbleibsel der Frau und die Klitoris ein Überrest des Mannes. Deshalb wurden sowohl Mann, als auch Frau beschnitten, um ein eindeutiges Geschlecht festzulegen. Man vermutet, daß Muslime diesen Brauch nach der Eroberung Ägyptens 700-800 nach Christus aufnahmen und ihn durch weitere Eroberungszüge entlang der afrikanischen Küste ausbreiteten. Aber auch im römischen Imperium war es üblich vor allem Sklavenmädchen zu beschneiden. Die Infibulation verhinderte eine Schwangerschaft und so war auf dem Sklavenmarkt auch ein höherer Preis für das Mädchen zu erzielen. In Europa wurden Frauen von der Barockzeit bis 1920 aus anderen Gründen beschnitten. Es diente hier vor allem zur Behandlung von Masturbation, Hysterie und anderer „weiblicher“ Störungen. Die letzte bekannte Amputation der Klitoris zur Heilung von Geisteskrankheiten, in diesem Falle Masturbation, fand 1953 an einem zwölfjährigem Mädchen in den USA statt.
Die Gründe für FGM sind vielfältig. Ein oft genannter Grund ist, daß die Traditionen gewahrt werden müssen. In einigen Ethnien gilt dieser Ritus als Symbol für den Eintritt in das Erwachsenenalter. Nur durch die Verstümmelung werden Mädchen zu vollwertigen Frauen. Desweiteren wird behauptet, Genitalverstümmelung sei ein religiöses Gebot, es wird aber weder im Koran noch in der Bibel erwähnt bzw. gefordert.
Frauen gelten in vielen afrikanischen Gesellschaften als nymphoman. Durch die Beschneidung soll sich die Frau ohne bzw. mit eingeschränktem Sexualverhalten ganz ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter widmen und man verhindert so Untreue. FGM soll die Fruchtbarkeit erhöhen und Totgeburten verhindern, da die Klitoris den Säugling bei der Geburt verletzen könnte. Außerdem verhindert Infibulation vorehelichen Geschlechtsverkehr und soll Frauen vor Vergewaltigungen schützen. Nur der abgeschlossene weibliche Unterleib gilt als rein. Deshalb haben auch nur beschnittene Frauen Chancen auf dem Heiratsmarkt. In manchen Ethnien gelten weibliche Geschlechtsorgane als häßlich und schmutzig, ihre Sekrete als giftig.
Es werde fünf Formen der Verstümmelung unterschieden. Dabei ist die milde Sunna die einfachste Form, dazu zählt das Einritzen, Einstechen oder Entfernen der Klitorisvorhaut. Bei der modifizierte Sunna wird die Klitoris teilweise oder vollständig entfernt. Sie ist neben der Exzision die häufigste Form der Verstümmelung. Die Exzision bezeichnet die teilweise oder komplette Amputation der Klitoris mit teilweiser oder vollständiger Entfernung der inneren Schamlippen. Als Introcision bezeichnet man die Form, bei der zusätzlich Haut und Gewebe aus der Vagina ausgeschält wird. Die radikalste Form jedoch ist die Infibulation oder auch pharaonische Beschneidung. Klitoris, innere und äußere Schamlippen werden entfernt und nach der Amputation werden die beiden offenen, blutigen Seiten der Vulva so zusammengenäht, daß die verbleibende Haut zu einer Brücke aus Narbengewebe über der Vaginalöffnung und dem Ausgang der Harnröhre zusammenwächst. Es wird ein kleines Holzstückchen oder ein Strohhalm eingelegt, so daß die Narbe bis auf diese kleine Öffnung zuwächst. Später dient die reiskorngroße Öffnung für den Austritt von Urin, Menstruationsblut und Vaginalsekreten. Als Defibulation bezeichnet man das Öffnen der infubilierten Vagina.
Diese wird im Normalfall durch Penetration durch den Ehemann durchgeführt, gelingt dies nicht, nimmt er ein Messer. Zur Geburt ist dann eine zusätzliche Erweiterung nötig, um einen physiologisch angemessenen Geburtsverlauf zu gewährleisten. Anschließend wird die Vagina wieder reinfibuliert. Nach mehreren Geburten ist oft kein geeignetes Gewebe vorhanden.
Heute wird der Eingriff oft schon in den Städten von medizinischen Personal durchgeführt. Doch nur wenige Menschen können sich dies leisten. Meistens wird der Eingriff von einer traditionellen Beschneiderin durchgeführt. Dieser Beruf wird von Mutter zur Tochter weitergegeben. Sie haben einen hohen gesellschaftlichen Status und auch einen hohen Verdienst. Der Eingriff selbst dauert 15-20 min und ist ohne Betäubung, eventuell werden alkoholische Getränke zur Beruhigung gereicht. Da es sehr schmerzhaft ist, werden die Mädchen von mehreren Frauen festgehalten, Männer sind sehr selten anwesend. Als Werkzeuge werden Rasierklingen, Messer, Scheren, Glasscherben oder Fingernägel verwendet. Oft werden mehrere Mädchen mit ein und demselben Instrument ohne Desinfektion behandelt. Das Ritual beinhaltet einen bestimmten Ablauf.
Zuerst werden Klitoris und der Schamlippen entfernt, dann verschließt man die Wunde. Eventuell wird diese mit zum Beispiel mit Kölnisch Wasser gereinigt und mit Formeln besprochen. Anschließend kann noch ein Kräuterextrakt zu besseren Heilung aufgetragen werden. Um Schluß werden die Beine des Mädchens vom Oberschenkel bis zum Knöchel zusammengebunden und sie wird mehrere Wochen ruhig gestellt, damit sich Narbengewebe über die Wunde bilden kann. In manchen ethnischen Gruppen werden die Mädchen für mehrere Wochen bis zu Bauch in den Boden eingegraben.
Zu den soziale Folgen kann man sagen, daß sich die Mädchen dadurch einer großen Gruppe zugehörig fühlen.
Sie haben sehr gute Chancen auf dem Heiratsmarkt und das ist in den meisten Ländern dort sehr wichtig, da sie finanziell vom Mann abhängig sind. Nicht beschnittene Mädchen gelten als unrein, werden von der Gesellschaft verstoßen und rutschen oft auf Grund finanzieller Not in die Prostitution ab. Aber durch Geruchsbildung wegen dem aufgestauten Menstruationsblut oder Inkontinenz, ziehen sich betroffene Frauen zurück und werden von Gesellschaftlichen Aktivitäten ausgeschlossen. In manchen Ländern ist Sterilität, infolge chronischer Infekte, ein Scheidungsgrund. Die Liste der körperliche Folgen ist lang. Es kommt zum Verlust des Lustzentrums, Verletzung und Vernarbung der vaginalen erogenen Zone. Starke Blutungen nach der Operation, Verbluten, Schockzustände, Blutvergiftungen, Tetanus- und HIV-Infektionen sind nicht selten. Oftmals haben die Betroffenen chronische Schmerzen, Verletzungen an Harnröhre, Blase, Vagina, Damm, After, sowie Entzündungen, Abszesse, Zysten und Nierenschäden. Es kommt zu Störungen der Funktionen Urinieren und Menstruieren. Sie leiden an Schmerzen und Verletzungen beim Geschlechtsverkehr, es gibt immer Komplikationen bei der Geburt eines Kindes. Viele Frauen werden durch chronische Infektionen unfruchtbar.
Ungefähr 10 % der Mädchen sterben durch den Eingriff, 25% sterben an den Spätfolgen. Auch die psychische Folgen sind nicht zu vernachlässigen. Die Mädchen verlieren das Vertrauen in ihre Bezugsperson, welches oft die eigene Mutter ist. Da die Mädchen oft sehr klein sind spricht man vom Verlust des sogenannten Urvertrauen. Angst, Depressionen, chronische Reizbarkeit, Psychosen, Panikattacken gehören zum Alltag. Es kommt zu Suizidversuchen, Partnerschaftskonflikte, sowie Schlaf- und Essstörungen.
Mit 30 Euro können 15 Frauen an einem Aufklärungsseminar über FGM teilnehmen.
Ungefähr 55 Euro kostet der Schulbesuch einer Schülerin und ca.150 Euro die Ausbildung im Friseurhandwerk.
So können die Mädchen in eine finanziell unabhängige Zukunft sehen.

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41 Antworten

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    Jedesmal muss ich mich dazu zwingen darüber zulesen, aber es muss sein wir müssen uns ins gedächtniss rufen das immer noch millionen von kleinen mädchen droht dieser tradition unterworfen zuwerden .

    Wenn ich sehe was wir menschen uns selbst antun verliere ich langsam alle hoffnung für die tiere und pflanzen.

    13.06.2010, 20:08 von DerVerwirrte
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    Beim Lesen wird einem schon anders, finde ich...
    Rüdiger Nehberg und seine Frau haben Target gegründet und kämpfen auch gegen die weibliche Genitalverstümmelung.
    Sie haben das "goldene Buch" verfasst, welches einigen der wichtigsten Muslimischen Oberhäupter vorgelegt wurde, indem beschrieben wird, wie schrecklich die "Beschneidung" für die Mädchen ist und dass sie durch den Koran nicht vorgeschrieben ist.

    http://www.target-human-rights.de/index.php

    02.02.2010, 19:54 von try.fail.repeat
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    Beim Lesen wird einem schon anders, finde ich...
    Rüdiger Nehberg und seine Frau haben Target gegründet und kämpfen auch gegen die weibliche Genitalverstümmelung.
    Sie haben das "goldene Buch" verfasst, welches einigen der wichtigsten Muslimischen Oberhäupter vorgelegt wurde, indem beschrieben wird, wie schrecklich die "Beschneidung" für die Mädchen ist und dass sie durch den Koran nicht vorgeschrieben ist.

    http://www.target-human-rights.de/index.php

    02.02.2010, 19:48 von try.fail.repeat
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    natürlich kennt man einige informationen schon. aber hier hast du so detailiert und informativ gearbeitet ... danke.

    kann man sowas nicht mal in zeitungen veröffentlichen, damit noch viel mehr ignoranten ihre augen aufmachen müssen!!


    nochmal, danke!

    18.06.2008, 19:48 von la_lionne
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    da wird einem echt anders....

    05.05.2008, 10:48 von TinaRZ
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    ... einfach schrecklich!!!

    29.02.2008, 10:36 von Camo
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    Ich beschäftige mich schon lange mit diesem Thema und dieser Text bringt es auf den Punkt.
    FGM ist ein wichtiges und meiner Meinung nach viel zu wenig angesprochenes Problem.
    Es ist wichtig darüber zu informieren und andere dafür zu sensibilisieren.
    Gerade die Arbeit von Terres des Femmes auf diesem gebiet finde ich besonders bemerkenswert.
    Guter Artikel und mutig darüber zu schreiben.

    12.11.2007, 20:41 von reike1989
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    Finde das Thema sehr wichtig! Es ist so schrecklich was vorallem den Kindern damit angetan wird. ich mache gerade eine Ausbildung zur Erzieherin und habe mir schon jetzt fest vorgenommen,mehr auf Verstümmelung und Mißbrauch einzugehen und zu erklären. Lg

    11.06.2007, 09:27 von sternchen17
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    *seufz* Das ging, wenn auch mit Verspätung, an TST et al. Die antworten-Sache, die funzt bei mir nich...

    22.05.2007, 23:26 von Noa2
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    Warum machen manche Leute denjenigen, die Probleme anprangern oder Dinge beschreiben, die sie für falsch halten, das auch noch zum Vorwurf? Wie konstruiert! "Du schilderst Gewalt gegen Mädchen, also negierst Du Gewalt gegen Jungs! Heuchler!" Was für ein Quatsch. Vorwürfe sind nur denen zu machen, die zu nichts etwas zu sagen haben.

    22.05.2007, 23:24 von Noa2
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