Female Anger Management
Warum eine recht freundliche Studentin gerne mal ein paar Arschlöchern die Fresse polieren würde.
Ich bin 26 Jahre alt und Studentin der Grundschulpädagogik. Ich habe lange blonde Locken, bin nett zu Fremden und Kindern und politisch tendenziell links. Ich treibe gern Sport, lese viel und bin recht vielseitig interessiert. Ich bin nett und daher auch beliebt und nur die wenigsten ahnen, dass ich gerne mal ein paar Arschlöchern die Fresse polieren würde. Sehr gerne.
Augenblicklich schreibe ich diese Zeilen mit einem Riesenbatzen Wut im Bauch. Ich kann mich kaum konzentrieren, so rast es in mir. Was mich so wütend gemacht hat? Nichts. Eine Lappalie. Meine Mitbewohnerin hat heute Nacht im Suff wohl gemeinsam mit ihrem Freund noch einen feudalen Mitternachtssnack zubereitet, dessen hübsche Reste mich heute noch vor meinem Frühstück in Küche und Wohnzimmer begrüßt haben. Seit etwa einer Stunde ist sie wach und ich koche in meinem Zimmer vor Ärger vor mich hin, um nicht ins Wohnzimmer zu gehen und sie zu erwürgen. Eins steht fest: In diesem Zustand sollte ich keinesfalls Kritik an irgendwas oder irgendwem üben. Ich bin so weit entfernt von konstruktiv wie nur geht. Erstmal beruhigen. Warum ich so wütend bin? Da bin ich mir nicht so ganz sicher, aber ich glaube dass mein maximales Wutkontingent erreicht wurde und ich mich jetzt langsam dem Zero-Tolerance-Level nähere Dieser Zustand wurde aber sicherlich nicht nur von meiner Mitbewohnerin und ihrem reichhaltigen nächtlichen Mahl herbeigeführt. Woher kommt das also? Was passiert mit mir?
Gestern habe ich von einer neuen Erkenntnis der Krebsforschung gelesen. Man hört ja nicht selten, dass Körper und Seele viel stärker verbunden sind als man glaubt und dass Schwarzseher und Düsterköpfe viel eher Tumore kriegen als die Sonnenscheinmenschen. Eine amerikanische Studie hat jetzt bewiesen, dass sich die Grundeinstellung nicht im geringsten auf die Entstehung von Krebszellen auswirkt. Gott sei Dank. Seit geraumer Zeit befürchte ich nämlich dass der Riesenbatzen Wut auf alles und jeden in meinem Bauch sich irgendwann in ein fieses Krebsgeschwür verwandeln wird.
Wenn ich von jungen Amokläufern an Schulen und Unis höre oder lese, bin ich schockiert. Ich sehe die Bilder und stelle mir vor wie groß die Angst sein muss in einem solchen Moment. Wie schlimm der Schock und die Trauer der Angehörigen, deren Töchter oder Söhne an diesem Tag nicht nach Hause kommen. Ich kann mir die panischen Aufnahmen der Columbine-Aufnahmen nicht anhören. Ich muss umschalten, so sehr berührt mich deren Angst. Aber jedes Mall schleicht sich auch ein anderes Gefühl ein, dass mir ein wenig unangenehm bzw. unheimlich ist: Verständnis.
Ich kann verstehen, dass man eines Tages einfach losgehen will um die ganzen Vollidioten abzuballern. Das man die Nase voll davon hat, Hänseleien zu ertragen, Ungerechtigkeiten zu tolerieren und tagtäglich so zu tun als würden die Masse an kleinen, ständigen Verletzungen nicht wirklich wehtun und alles sei in Ordnung. Ich kann verstehen dass diese Jungs sich irgendwann ein Maschinengewehr organisieren und einfach alle wegballern.
Tun würde ich sowas natürlich niemals. Natürlich nicht. Ich bin Pazifistin und glaube nicht daran dass man mit Gewalt in irgendeiner Weise einem Konflikt ein Ende setzen kann. Gewalt erzeugt Gegengewalt und blabla. Ich versuche möglichst wenig Fleisch zu essen, weil ich nicht möchte dass Tiere für mich leiden müssen. Fleisch"produktion" finde ich widerlich. Ich strebe in vielen Situationen Kompromisse an, um für alle möglichst viel Gerechtigkeit zu schaffen. Ich wähle die SPD und manchmal sogar grün und finde Bush natürlich furchtbar. Aber steht das im Widerspruch dazu dass ich Bush, würde ich ihm je begegnen, gerne mal richtig vermöbeln würde?
Ich wurde dazu erzogen, Konflikte mit Worten zu lösen und nicht mit Fäusten. Ich bin toll informiert und strenge mich an, Ich-Botschaften zu versenden und mich in mein Gegenüber hineinzuversetzen. Ich habe sogar Sozialpädagogik studiert und im Rahmen des Studiums Deeskalationskurse besucht. Laut werden ist schlecht. Generell und grundsätzlich ist laut werden erstmal schlecht. Ich halte das nicht mehr aus.
Sozialpädagogin bin ich natürlich nicht geworden. Soll ich jugendlichen Gewalttätern sagen, wie man adäquat Gefühle kanalisiert? Soll ich Desensibilisierungsstrategien durchführen? "Kanäle" für Wut? Ich lach mich tot. Der Riesenbatzen Wut wäre sicher mit sozialpädagogischer Beratung nicht einverstanden. Der Batzen hält Sozialpädagogen sowieso für Vollidioten. Oh, sie brauchen Familienhilfe? Setzen sie sich bitte erstmal hin. Sie kommen nicht mit ihrer 16jährigen Tochter klar? Na, daran sind sie selber schuld und sie gehören übers Knie gelegt dafür, dass sie so ein blöder Vollidiot sind, der sich nicht ordentlich kümmert. Können wir kurz in den Flur gehen? Ich möchte nicht dass mein Büro schmutzig wird falls bei dem Kinnhaken, den sie ganz sicher verdienen, eine Platzwunde entstehen sollte.
Also lieber doch nicht Sozialpädagogin werden. Klappe halten, Diplom machen und weg davon.
Hatte ich schon immer so eine Stinkwut? Ich glaube nicht. Ich glaube es Begann erst in meinem Erwachsenenleben. Ich war als Kind ziemlich ausgeglichen, im Nachhinein würde ich sagen dass ich ein optimistischer Idealist war.
Verträumt und hoffnungsvoll. Mein Leben war einfach insgesamt ein okayes und alles wurde am Ende wieder gut. Fast immer.
Nach dem Auszug aus meinem Elternhaus wurde ich erstmals mit einem wirklichen "Problem" konfrontiert, da meine Eltern sich Midlife-Crisis bedingt trennten und mein Weltbild erstmal nicht nur ins wanken geriet, sondern schlicht umfiel. Alles lag in Trümmern.
Zum ersten Mal wurde es hässlich. Es gab Lügen. Betrug. Schmerz.
Ich schwieg.
Ich bemühte mich die Scherben zusammenzukehren und für alle da zu sein. Ich schrie eher selten jemanden an, da alle sowieso alle schrien und ein Schreier mehr ganz sicher Existenzgefährdend für alle gewesen wäre. Seitdem ist mein Wutpegel ein wenig außer Rand und Band geraten. Manchmal reichen Polit-Talkshows oder von Mitbewohnern weggefutterte Lasagne-Reste um den Pegel nicht unerheblich anzufeuern.
Früher hatte ich noch ein Auto, was ganz angenehm für den Riesenwutbatzen war. Denn ich konnte mich ins Auto setzen, von A nach B fahren und unterwegs durfte sich der Batzen austoben. Ich hatte sogar extra Wut-CD's und Wut-Kassetten mit Liedern, die ich noch von meinem Exfreund übrig hatte. Herrliches Gebrülle von System of a Down, Refused, Korn, Shelter und allgemein riesenbatzenfreundliche Schreierein. Meine Stimmbänder waren nach solchen Autofahrten leicht ausgeleiert. Ich fühlte mich ausgepumpt. Aber gut.
Jetzt habe ich kein Auto mehr. Das gefällt zwar den Grünen, dem Wutbatzen aber nicht.
Ich versuchte es mit Sport. Mach ich ja gerne. Im Langstreckenlauf bin ich gut. 15 km tun mir auch grundsätzlich erstmal gut. Für etwa für zehn Minuten wenn ich aus dem Wald komme fühle ich mich zumindest körperlich ausgeglichen, meine Beine sind dann etwas müder. Aber der Riesenwutbatzen wird dadurch nicht kleiner. Er beruhigt sich ein wenig, jedoch eher in unerheblichem Maße und auch nur bis zur nächsten weggefressenen Lasagne oder Talkshow zur Bildungspolitik mit CSU-Mitgliedern.
Vielleicht Musik. Ich schrieb Lieder, die ventilartig halfen. Ich bin allerdings nur im Besitz einer akustischen Konzert-Gitarre, die sich tendenziell eher für Ängste, Liebe und Sehnsüchte eignet. Das ist ja auch toll im Allgemeinen, aber den Batzen kümmert's wenig. Ich habe ganz ernsthaft überlegt, in eine Hardcore-Band einzutreten. Dort sind zwar Grundschulpädagoginnen mit blonden Locken eher selten, aber mir würde das gefallen. Ich könnte sicher mindestens so gut wie Zack de la Rocha "Fuck you I won't do what they tell me" brüllen. Da bin ich mir ziemlich sicher.
Sowieso. Fuck you brüllen. Ein Traum.
Als 19jährige habe ich mich auch in unbeobachteten Momenten gerne in Moshpits gestohlen. Das war toll. Überall Ellbögen, Schmerz, Kraft, Wut und nur raus damit, juckt ja keinen. Blaue Flecken hatten eh alle. Seit ich mein erstes Studium abgeschlossen habe, komme ich mir dabei allerdings eher dämlich vor.
Ganz ernsthaft: Wo und wann darf frau überhaupt auf die Kacke hauen? Als Mann kann man immerhin noch eine Kneipenschlägerei anzetteln, bei Frauen wirkt das ja bestenfalls lächerlich. Zu einer solchen Aktion habe ich mich nur ein einziges Mal hinreißen lassen, aber nachdem ich meiner mit Testosteron vollgepumpten Gegnerin eine Portion Festivalmatsch ins Gesicht geklatscht hatte, bin ich weggeflitzt so schnell das eben ging. Hauptäschlich wegen der vielen Zuschauer, ehrlichgesagt hätte ich gerne etwas leidenschaftlicher für mein Recht in der brenzligen Situation gekämpft. Aber nee. Macht man nicht. Wir können sowas ja verbal, sind studiert und kultiviert und sowieso.
Also immer schön ruhig bleiben.
Der Batzen platzt.
Wie wär's mit Rache? Ich fand es "irgendwie cool" als Left Eye von TLC die Villa ihres Exfreundes abfackelte. Würd ich nie tun. Find ich toll.
Mein neuer Lieblingskrimi heißt "Berliner Aufklärung". Am Ende des Romans rasiert sich die Protagonistin alle Haare ab, zieht sich eine Maske über und macht den Mörder ihrer geschätzten Ex-Professorin in der Damentoilette eines Berliner Schwulenclubs komplett alle.
Toll! Rachefantasien bleiben bei mir immer Rachefantasien. Alles andere wäre lächerlich. Oder?
Also andere Wege suchen. Diesmal habe ich versucht zu schreiben. Aber der Batzen ist noch da. Er hat Wut. Und er möchte noch immer jemandem die Fresse polieren. Falls es in Hessen eine Hardcore-Band gibt, die eine Brüllerin sucht: Bitte ruft mich an. Ihr würdet mir wirklich weiterhelfen.





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