Phpz 30.11.-0001, 00:00 Uhr 64 47

Fast hätte ich promoviert.

Ganz fast.

Hätte ich gewusst, dass bei einer Doktorarbeit zum Thema „Wikipedia“ so genau auf Zitierweise und Quellenangabe geachtet wird, hätte ich es von Anfang an sein lassen und das Wochenende besser vorm Fernseher verbracht. So wie ursprünglich geplant. Naja, so kann ich natürlich wenigstens behaupten, fast promoviert zu haben. Das macht sich auf Steh-Partys auch ziemlich gut. Denn Generalisten mag ja keiner so richtig. „Aha, und in was haben Sie nicht promoviert?“ – „In allem.“ Jeder der in allem dabei ist, ist nirgends dabei. Experten werden im Allgemeinen höher angesehen als die Spezialisten, die generell von allem eine Ahnung haben. Wer nicht promoviert hat, hat nicht promoviert. Wer fast promoviert hat, hat promoviert, nur eben nicht bis ans Ende – oder nicht mal bis in die Nähe davon. Das ist zwar ergebnisgleich damit, gar nicht promoviert zu haben, aber man hat Willen gezeigt, und dass man sich mehr als nicht mit einem Thema auseinander gesetzt hat. Ob klein, ob halbgroß, jeder Wille zählt. Aber natürlich zählt im Small-Talk auch der Faktor an Gemeinsamkeit eine Rolle, um die Zeit zu überbrücken, bis das Häppchen-Personal wieder an einem vorbei tänzelt und man sich den Mund zum Zwecke der Nichtkommunikation vollstopfen kann.

Der gemeinsame Nenner ist aber kein Allheilmittel für gediegene Konversation. Leute mit Doktortitel werden wissen wie das ist, wenn man sich mit seinen Doktortiteln gegenübersteht“ Aha, und in was haben Sie promoviert?“ – „In Geschichte. Und Sie?“ „In Ökonomie.“ – „Aha.“ Ab da geht es im Gespräch nur noch um Blödsinnigkeiten, und beide hoffen, schnell besoffen zu werden, um nach Hause gehen zu dürfen.

Ein wenig anders, aber nicht unbedingt im positiveren Sinne, ist es bei der Unterhaltung zweier Menschen, die nicht promoviert haben: „Aha, und in was haben Sie nicht promoviert?“ Hierauf antwortet man nun nicht mit „In allem“ – das eignet sich auf Rolltreppen oder beim Speed-Dating besser. Da eine Steh-Party aber bekanntlicherweise länger geht, liegt die Notwendigkeit absolut nicht darin, sich in allem kurz zu fassen. Normal gehen diese Unterhaltungen dann so weiter, dass abwechselnd genannt wird, in was man nicht promoviert hat, die Disziplinen und Unterfächer schön einzeln nacheinander und zwischendrin ein kleines Häppchen vom Tablett. Das dabei natürlich schnell Streit ausbricht dürfte ganz klar und keine Überraschung sein. Geht es doch schließlich darum, den Gegenüber zu beeindrucken. „Jura?! Ach, darin hab ich natürlich auch nicht promoviert, das hab ich aber erst nach der Soziologie gemacht.“ – „Pah, das würde ich jetzt auch behaupten!“ – „Was heißt hier behaupten?“ – „Na, das mit Jura hatte ich ja Ihnen ja gerade schon von mir erzählt. Und jetzt kommen Sie, und meinen irgendwas behaupten zu müssen, um nachzulegen. Wer’s glaubt!“ Und so geht das weiter, bis einer endlich den Bogen überspannt und behauptet, er hätte in Philosphie schon nicht promoviert, da war das noch gar keine wissenschaftliche Disziplin, da waren Universitäten noch in Höhlen und Doktorarbeiten malte man mit Fingerfarben an Felswände. (Warum das immer im Zusammenhang mit Philosophie behauptet wird? Weiß kein Mensch.) Schließlich gehen die Streithähne vor die Tür um sich zu duellieren, wobei sie in der Regel von den inzwischen angetrunkenen Doktoren begleitet werden. Denn für den Fall, das was passiert, ist es immer gut einen Doktor in der Nähe zu haben.

Sind die erwähnten Herrschaften (zu 99,9% sind es Männer, Frauen halten sich da zurück) dann schließlich vor der Tür, schlägt die Stunde der Fast-Promovierten. Denn wenn keiner mehr weiter weiß, und das ist Gift für jede Steh-Party, sind Experten gefragt. „Aha, und in was haben sie fast promoviert?“ – „In Wikipedismus.“ „Ach, wirklich, das ist ja fast interessant.“ „Ja, das hätte ich auch gern mal so gefunden. Aber, naja.“ Was nun folgt ist die Leier vom Plagiat, vom Erwischtwerden, von der Verzettelung in Quellen („Dabei hatte ich schon alles zusammen, extra online gespeichert, um von überall ran kommen zu können.“), dann hatte man irgendwann zu viel Gel in den Haaren, wurde konkret Bundesminister und konnte deswegen nur auch nur fast promovieren. Das mit dem Bundesminister ist natürlich albern, und nur ganz wenige können das wirklich überzeugend rüberbringen. Ich persönlich, und das empfehle ich sogar weiter, ersetze den Bundesminister mit meiner Berufung als Delfin-Trainer. Als Experte, für behinderte Delfinbabys, versteht sich. So lässt sich bequem der Faden wieder aufnehmen und man kann erzählen, auch auf diesem Gebiet fast promovieren zu wollen. Nämlich über die Sprache der Delfine. Dieses Projekt liegt allerdings noch so lang auf Eis bis die Evolution den Delfinen endlich anständige Ohren verpasst hat. Denn jeder weiß aus eigener Erfahrung, dass es, egal in welcher Sprache, lästig ist, wenn sein Gegenüber einem nicht zuhört.


Tags: Doktorspiele
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    Chapeau! Genialer Text!

    18.04.2012, 17:02 von schnuffle
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    Habs fast bis zu Ende gelesen, fast, nur eben nicht bis zum Ende.. aber ich mag den Text - vl. les ich ihn irgendwann doch noch fertig.. Thumbs up!

    11.04.2012, 18:36 von LyTja
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    Von der Thematik her nicht so mein Ding, aber du hast nen richtigen, richtig geilen Stil!

    19.03.2012, 22:09 von TheFray
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  • 1

    beste tags :D Doktorspiele. genauso amüsant wie der text.

    18.03.2012, 22:48 von rose-marie
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    Oh man, ich musste so lachen.!!! Genial =)

    18.03.2012, 15:05 von AnilZack
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  • 1

    sympathisch, witzig, gut

    18.03.2012, 14:55 von klaragreen
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    Weihrauch..
    http://de.wikipedia.org/wiki/Weihrauch#Gesundheitliche_Risiken

    18.03.2012, 08:47 von LaufForrest
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