schriftstehler 25.04.2012, 12:12 Uhr 21 8

Experten

Sie sind überall. Wirklich überall.

Es müssen Experten sein, die da von den Werbeplakaten lächeln. Fachärzte, die genau wissen, wie man sich die Zähne putzt, Ernährungswissenschaftler, die jede Auswirkung ihrer Bioprodukte auf den menschlichen Körper kennen, gezüchtete Kleiderstangen, die dafür werben, sich unterernährt mit künstlichen Textilien zu behängen und natürlich die Vielzahl von Alkoholikern, die davon schwärmen, wie wichtig es ist, sich zu berauschen. Ich erinnere mich daran, dass ich mal sechzehn Jahre alt und gesellschaftlich geächtet war, weil ich abstinent blieb, während sich der Rest aus meinem Dorf Korn und Bier in skurrilen Wettkämpfen einverleibte. Ich war nicht neidisch auf den Alkohol, ich war enttäuscht, ausgeschlossen zu sein. Wer nicht trinkt, ist ein seltsamer Vogel und muss dafür einen guten Grund haben. Am besten sind es gesundheitliche Ursachen, vielleicht gibt es religiöse Motivationen, aber Alkohol ist Pflicht, seltsame Menschen müssen bekehrt werden. Die Experten auf den Plakaten glorifizieren ihre Produkte, die doch nur eines im Sinn haben: die Menschen zu betäuben. Je mehr Alkohol, desto weniger spüren sie, sie sind beschäftigt, aber nicht mit sich selbst und auch nicht mit dem, was sie umgibt. Die Flüssigkeit, die schon für so viele zum Verhängnis wurde, ist vollkommen normal und gesellschaftlich akzeptiert. Im Gegensatz zu LSD oder Crack oder Heroin oder Klebstoffen oder Koks oder Marihuana. Interessanterweise sprechen dann immer wieder von Alkohol und Wohlstand aufgedunsene Menschen von den gesundheitlichen Auswirkungen der Drogen, während es außer Frage steht, dass Alkohol legal bleibt. So wie die BILD-Zeitung ein legales Betäubungsmittel bleibt, so wie die allgegenwärtigen Fernseher in den Wartehallen und U-Bahn-Schächten nur von den wesentlichen Dingen ablenken sollen, während sie suggerieren, dass sie doch nur aktuelle Informationen aus und über die Welt vermitteln. Dabei ist uns die Welt doch vollkommen egal, weil wir nicht einmal das Universum unserer Familien verstehen und meistern können.

Wir Menschen sind leichter käuflich, als wir es uns eingestehen wollen, fast jeder ist dem System verfallen und merkt es nicht einmal. Die Heerscharen der Apple-Jünger, die monströse Preise für die Produkte bezahlen und es mit Design und Funktionalität rechtfertigen, während ein Konzern Gewinne einfährt, die jeder dieser Sekten-Jünger klaglos finanziert und alle bemitleidet, die sich mit anderen, billigen Produkten abgeben. Ich mag die Brandreden der Apple-Fetischisten, die mir erklären, wie toll das alles ist. Wir sind betäubt und willenlos, wir stehen unter Drogen und unter dem Einfluss von Massenmedien, denen wir Glauben schenken, ohne sie zu hinterfragen, während wir den Nachbarn Misstrauen und vor allem den Menschen, über die wir nichts wissen, aber doch ständig über sie reden. Wir ereifern uns über so vieles und doch viel zu selten über das, was wirklich wichtig ist. Für den einen sind das die Verspätungen der Bahn, für den anderen der Humor von Mario Barth, für den Nächsten der Straßenverkehr oder die Aktienkurse oder Kontoführungsgebühren. Wir sind so programmiert, dass wir uns nicht wehren, wenn man uns schlägt, weil wir immer noch glauben, dass die über uns stärker sind als wir. Wir machen das alles mit und zucken mit den Schultern, weil wir doch nichts ändern können. Wir können, aber wir wollen nicht. Wir sind alle Selbständige, wir betäuben uns freiwillig und verstricken uns in einen Kosmos der Lüge, wir eilen von Urlaub zu Urlaub und verschließen uns vor der ernsthaften Gefahr. Lieber betrinken wir uns, als nüchtern zu erleben, wo wir uns gerade befinden, lieber teeren wir unsere Venen und die Lunge, betäuben uns mit Nikotin, als einen Moment der Unbeweglichkeit zu ertragen, in dem wir einfach und nichts tun. Das alles sind heilige Kühe, niemand darf das kritisieren, niemand darf etwas gegen Zigaretten, Alkohol und das Fernsehen sagen, niemand darf die freie Fahrt eines einzelnen Menschen in einem einzelnen Wagen einschränken, niemand darf das. Die Gegenargumente bleib Genuss und ein bisschen Luxus. Der Genuss von Alkohol, von Geld, der Genuss von Nikotin und der Luxus der BILD-Zeitung, der Genuss von schweren Autos und der Luxus von Klageliedern und Schuldzuweisungen, der Genuss von Faulheit und vom Wahn der Betäubung, weil wir alle nichts mehr erleben wollen, sondern lieber die Vollnarkose wählen. Wir alle liegen als Organspender im Operationssaal und lassen uns bei vollem Bewusstsein das Hirn herausnehmen. Wir bemerken es nicht einmal. Wir vertrauen den Götzen, die wir selbst geschaffen haben und die dafür sorgen, dass man uns in aller Stille alles nimmt, was uns gehört. Wir sind Experten darin, uns selbst zu zerstören, wir sind es, die von den Werbeplakaten lächeln sollten, auch wenn wir vielleicht nicht wissen, wie das alles funktioniert, so können wir es doch perfekt umsetzen.

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21 Antworten

Kommentare

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    Okay, Problem erkannt, Gefahr gebannt? Was ist das Rezept sich dem zu entziehen?

    25.04.2012, 21:30 von Mrs.McH
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      Boykotte helfen immer.

      26.04.2012, 10:05 von schriftstehler
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    Dieses Wir-Gefasel nervt.

    25.04.2012, 14:25 von B.tina
    • 0

      Du bist die Ausnahme.

      25.04.2012, 14:43 von schriftstehler
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      Das sowieso.

      25.04.2012, 14:44 von B.tina
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      Immer wieder gern.

      25.04.2012, 14:43 von schriftstehler
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  • 0

    Wie wahr, vor allem die Zeilen über Apple! Immer, wenn ich fernsehe, frage ich mich, wie jemand ernsthaft auf Werbung reinfallen kann.

    25.04.2012, 13:08 von wordmage
    • 0

      Ich glaube, 'wir' fallen viel mehr auf Menschen, die sich als ein bestimmtes Produkt verkaufen, als auf Werbung. Mich nervt außerdem, dass alle immer auf die Apple-Produkte rumnerven, genauso, wie der Hype mich aber auch nervt. Warum kann man das nicht als beworbenes Produkt, was ja jedes Produkt irgendwie ist, stehenlassen. Ich muss ja um den Hype nicht mitmachen. Und ob das nun mein Nachbar, und dessen Nachbar, und dessen Schwippschwiegersohn haben, meine Güte, was soll's. Ich hab kein Apple-Produkt (oh warte, ich besaß mal einen I-Pod - ich als notorischer Lieder-weiter-Zapper lieb(t)e das Drehrädchen - welchen ich jedoch entweder verloren habe, oder der mir geklaut wurde, verdammte Schweine!), aber mich stört es nicht, wenn Leute auf ihre Produkte schwören. Das einzige, was mich wirklich stört, sind diese weißen Apple-Kopfhörer, die die beschissenste Geräuschdämmung für die Außenstehenden hat, die's gibt! Aber ansonsten, leben und leben lassen.

      25.04.2012, 13:28 von topfbluemchen
    • 0

      An den weißen Applekopfhörern erkennen die einen die hipsten Yuppies und die anderen die technophobsten Musikkostverächter.

      Ist immer eine Frage der Perspektive und des Horizonts.

      25.04.2012, 13:48 von quatzat
    • 0

      Das ist wohl wahr. Wie alles wahrscheinlich auch eine Frage der Perspektive ist.

      25.04.2012, 13:50 von topfbluemchen
    • 0

      Das is nu wieder ne Aldiweisheit ^^

      Aber egal. Ich kauf gern bei Aldi ein!

      25.04.2012, 14:11 von quatzat
    • 0

      Ich wollte erst noch das altbekannte, ausgelutschte Glas/Wasser/Opti- sowie Pessimismus-Phräschen bringen ;)

      25.04.2012, 16:24 von topfbluemchen
    • 0

      Ich mag Apple und Aldi.

      25.04.2012, 17:58 von B.tina
    • 0

      Ha ha ha, da fällt mir grad was ein, aber das gibts bestimmt schon, gibst sowas wie "n Apple und n I-..." ?

      25.04.2012, 19:05 von topfbluemchen
    • 0

      Du hast da gerade was aufgedeckt, würde ich mal sagen!

      25.04.2012, 19:06 von B.tina
    • 0

      ...oder kommt die Redwendung gar daher? Fragen über Fragen. Ja, man kann fast sagen, Fragen, die die Welt bewegen :D

      25.04.2012, 19:07 von topfbluemchen
    • 0

      Die Welt bewegt sich doch...

      25.04.2012, 19:08 von quatzat
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      Ach scheisse, ich dachte, ich hät jetzt ma behaupten können, dass ich die Welt bewege, ICH! Muss ich ihr dann wohl weiterhin überlassen, dies selbst zu tun. Ich leg mich wieder hin.

      25.04.2012, 19:10 von topfbluemchen
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