gast_der_sonne 17.08.2005, 00:39 Uhr 7 0

Es war einmal...

Meine Oma erzählt von damals, vom Krieg.

Heute Abend war es soweit. Meine Oma erzählte von damals, vom Krieg.
In der Vergangenheit sprach ich sie bereits mehrere Male darauf an: “Sag mal Oma, wie war das eigentlich früher mit dem Hitler?” Das Thema wurde damals gerade ausführlich in der Schule besprochen und natürlich wollte man als wissbegieriges, nichtsahnendes Kind wissen, ob die eigenen Großeltern bei so etwas Bedeutsamen für die deutsche Vergangenheit dabei gewesen waren. Meine Oma hat mir damals gesagt, dass ich noch zu klein für solche Geschichten sei, mich auf später vertröstet und irgendwie habe ich schon damals verstanden, warum. Verdrängung erzählten uns die Lehrer, Schamgefühle und unbequeme Fragen von wissbegierigen, nichtsahnenden Kindern könnten andere mögliche Gründe dafür sein.

Umso überraschender kam dann dieser Moment an diesem Abend, als meine Oma davon anfing zu erzählen, wie sie die Zeit im Krieg empfand.
Sie war zu dieser Zeit zehn Jahre alt, Mitglied im Bund deutscher Mädel und stolz darauf, dass es mit dem Land weiter bergauf ging seit Hitler an der Macht war.
Dann begann der Krieg. Sie war begeistert, fand es toll, dass Menschen sich unter dem Motto “Für unser Vaterland” versammelten und für ihr Idee kämpften. Sie war aufgeregt, neugierig auf das, was kam, auf etwas Neues. Sie freute sich, wenn die Klasse von der Schule entlassen wurde, um nach Hause gehen zu müssen, weil im Radio Meldungen von neuen Fliegern zu hören waren. Und war sauer, als die Stimmen Entwarnung gaben und die Schule erneut öffnete.
Doch irgendwann schlug diese Stimmung um. Meine Oma berichtete von dem amerikanischen Flugzeug, dessen Schütze sie mit eigenen Augen gesehen hat, als wenig später eben dieser mit Schüssen aus seinem Maschinengewehr einer Frau aus der Nachbarschaft durch das Kellerfenster ein Bein abgeschossen hat.
Wir sprachen auch von meinem Bruder, der zurzeit seinen Wehrdienst leistet und von ihrer Angst, dass auch er irgendwann als Soldat für Deutschland kämpfen muss. Sie redete von einer befreundeten Familie aus ihrem Dorf, dessen vier Söhne im Krieg dienten. Am Ende des Krieges hatten die Eltern dieser Männer bereits vier Todesmitteilungen erhalten.
Es folgten Schilderungen von Plünderungen der polnischen und russischen Soldaten auf ihrem Bauernhof, von netten Amerikanern, die ihr und ihren Geschwistern Schokolade schenkten, von einem Kriegsgefangenen, der mit einem langen Messer aus seinem Versteck sprang und ihr Vater sich nur knapp vor diesem Mordversuch retten konnte und von dem Versuch ihres Vaters, die weiße Flagge zu hissen, bevor ein Mitglied der NSDAP kam und zu ihm sagte “Entweder sie hängen die weiße Flagge wieder hinein oder ich sehe mich dazu gezwungen, sie zu erschießen”.

Mich ergriff ein eigenartiges Gefühl. Diese Erlebnisse, von denen sie da berichtete, kamen mir auf einmal nicht mehr so weit entfernt vor wie die der Menschen, die in Dokumentationen von ihren Erinnerungen erzählten.
Auf einmal war dieses Thema Krieg ganz tief in mir drin.
Die Angst, dass auch mein Bruder jemals in einen Krieg ziehen muss, war nie so real wie in dem Moment. Mir wurde klar, dass auch ich dieses kleine Mädchen hätte sein können, dass sich in Kellern verstecken musste und jede Nacht bevor es einschlief, stundenlang zu Gott betete. Ich habe mich später gefragt, wie ich diese Erlebnisse wohl verarbeitet hätte. Hätte ich mich anders entwickelt? Was macht so ein Krieg aus den Menschen? Was hat der Krieg aus meiner Oma gemacht? Auf den ersten Blick scheint es so, als ob meine Oma das alles sehr gut weggesteckt und verarbeitet hätte. Doch heute Abend war mir bewusst, dass all diese Erinnerungen viele Narben in ihrer Persönlichkeit hinterlassen haben. Vielleicht war das heute Abend ein Versuch, all diese Erinnerungen aufzuarbeiten.

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Kommentare

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    Zu diesem Thema gibt es ein gutes Buch.
    Es heißt "Unscharfe Bilder" von Ulla Hahn

    Immer dabei und immer dagegen:
    Froh sein kann derjenige, der zur rechten Zeit mitbekommen hat, dass diese schrecklichen Dinge passieren, und seinen Widerstand im kleinen begonnen hat.
    Ich denke, niemand konnte verlangen, ein Leben wie Dietrich Bonhöfer zu führen.
    Denn für was sollte man sich denn im Zweifelsfall entscheiden. Das eigene Leben oder das des Anderen. Ich wüsste was ich wohl (leider) tun würde. Und jeder Andere vermutlich auch.

    Das beste Verhalten ist immer noch, sich zur Wehr zu setzen solange es geht, und sich über die politschen Geschehnisse in diesem und anderen Ländern zu informieren. (Was damals sicher nicht einfach war)

    13.09.2005, 21:20 von Die_Rakete
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    Interessanter Artikel..

    ..und mir ging's wie dir - ich wollte auch erfahren, wie meine Oma das damals mit-ge/erlebt hat...

    So mit 16, 17 fing ich an, sie mit Fragen zu fordern - aber irgendwie.. wollte sie mir immer wieder weiß machen, dass sie als Anwohner eines ostfriesischen Dorfes ja nichts mitbekommen hat - von der Deportation. Sie meinte schlichtweg "Ja, die waren ursplötzlich nicht mehr da" oder "Es hieß, sie würden Urlaub machen" ... so ganz kann ich es ihr dennoch nicht abnehmen.. gerade auf dem Land, wo jeder über jeden bescheid weiß...

    Sie selbst hat damals in einer Munitionsfabrik gearbeitet und sich ihr Gehör dabei versaut. Aber! Sie ist heute sensibler für derartige Geschehnisse, als ihr gegenüber "Jüngere" Mitmenschen... egal um welche Grausamkeiten es geht.

    Im Grunde hat sie vor sich selbst eingestanden, dass die NS-Zeit grausam, menschenverachtend und schlichtweg FALSCH war - zugeben, dass sie von der Deportation etwas mitbekommen hat, würde sie dennoch nicht..

    ..schade! Jeder Einzelne dieser Generation die heute noch leben sollen endlich zugeben, dass sie es billigend hingenommen haben, "was da passierte" .. und somit Verantwortung übernehmen - und nicht nur im Stillen für SICH.

    Ihr Aussage: "Sowas darf nie wieder passieren...!" *seufz*

    ..wie Recht sie doch damit hat.

    19.08.2005, 16:09 von Mehlano
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    Immer wenn ich sowas höre wird mir bewusst wie gut es uns geht und wie verdammt nochmal belanglos, die meisten unsere alltäglichen Probleme doch eigentlich sind!
    Frage: Wie steht denn Dein Bruder dazu?

    18.08.2005, 14:48 von come2
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      @come2 eigentlich macht der da nur so repräsentatives zeugs und wär glaube so ungefähr der letzte mann bei denen, der unser land wirklich verteidigen müsste.
      er sieht das alles ziemlich realistisch und denkt nich wirklich daran, ne waffe gegen irgendjemanden richten zu müssen.
      is vielleicht auch besser so, mit dem gedanken an die sache ran zu gehn.

      08.09.2005, 16:05 von gast_der_sonne
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    Um meinen Opa zu zitieren, der damals einige Jahre in Russland im Arbeitslager war: "Hitler, dieser Volltrottel, der hätt' uns beinah' alle umgebracht. Wenn da jetzt welche sagen der war toll, dann sollen die erstmal selber an die Front und ins Arbeitslager."

    17.08.2005, 12:22 von SisterofEvil
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    Dankeschön für diesen Text. Sehr interessant. Ich hab auch schon öfter darüber nachgedacht, dass für unsere Generation die einzige einigermaßen reale Bedrohung Akte des Terrorismus sind und mich gefragt, wie man selbst mit dem Erlebnis Krieg -hautnah- umgegangen wäre. Was es mit einem gemacht hätte.

    17.08.2005, 09:47 von barcafan
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