Ernüchternde Läuterung
Durch ihre Halbmondbrille sieht sie mich an. In den Gläsern spiegelt sich ihre dämliche Yucca-Palme.
„Erfüllt sie das mit Stolz?“, fragt sie. Ich überlege kurz, ob man Seminare besuchen kann, in denen man lernt, absolut wertungsfrei direkte Fragen zu stellen.
„Ja und nein.“, antworte ich diplomatisch. Die Antwort finde ich sehr gelungen.
„Interessant. Erläutern Sie das doch bitte näher.“
Ich seufze. Das Gefühl, dass alles schon wieder durchkauen zu müssen, nervt mich. Auch weiß ich nicht, ob diese Frau, die mir mit überschlagenen Beinen gegenübersitzt, überhaupt wirklich helfen will. Bis jetzt hat sie mir nur Löcher in den Bauch gefragt. So viele, dass ich befürchte, bald Magenkrämpfe zu bekommen. Vor meiner Antwort überlege ich kurz, dann lege ich los.
„Ich bin stolz auf die Zahl, weil die wenigsten Frauen behaupten können, das geschafft zu haben. Das spricht ja für mich, irgendwie. Männer mögen mich eben. Meinen Körper oder meinen Humor, keine Ahnung, irgendwas von mir eben.“
Ich schaue sie an und versuche etwas aus ihrem Gesicht zu lesen. Aber sie nickt nur.
„Auf der anderen Seite ärgert es mich. Ich mein, ich dümpel hier rum und ein wenig armselig ist es schon. Meine eine Freundin hatte nur einen Mann in ihrem Leben und den hat sie immer noch. Stellen Sie sich das mal vor! Manchmal wünsch ich mir das auch. Aber das hat sich bei mir eben nie ergeben. Vielleicht auch nicht meine Art, keine Ahnung. Ich hatte mal was Ernstes, aber der hat mich verlassen. Betrogen und so.“
Sie nickt schon wieder. Ihre Kette mit dem überdimensionalem, grünen Stein daran, wippt im Takt mit. Schade, ich dachte sie ruft vielleicht empört „Arschloch“. Gelassen versuche ich das Gespräch wieder in angenehmere Sphären zu leiten.
„Wiederum habe ich die interessanteren Geschichten. Manche sind wirklich amüsant! Wenn Sie wüssten!“, werfe ich ein und lache blöd. Ich dachte, sie würde darüber vielleicht mit lachen. Leider bleibt sie ernst.
„Geht es ihnen darum, interessant für andere zu sein?“, hakt sie nach. Ich überlege kurz.
„Ja, ich denke schon ein bisschen. Oder sagen wir es anders- ich versuche mich interessant darzustellen, so im besten Licht, verstehen Sie? Aber deswegen lüge ich nicht, oder so. Aber wer würde sich denn schon als langweilig darstellen?“
Sie starrt mich an. Diese Frau braucht ein Beispiel, sonst begreift sie nicht, was ich meine. Also verstelle ich meine Stimme:
„Hallo. Ich bin der Hans. Ich liebe Graubrot mit Leberwurst. Ha ha.“
Irgendwie versteht sie das nicht. Und findet das überhaupt nicht komisch. Ich bin mir auch nicht sicher, ob sie meinen Humor verstehen kann. Ich glaube nicht. Denn schon wieder ernte ich nur ein Nicken. Mir fällt auf, dass sogar ihre mit Henna gefärbten Locken mit wippen. Keine Ahnung, was ich mit ihrer ständigen Nickerei anfangen soll, aber sie scheint auf kolossale Erkenntnisse und Einblicke zu stoßen. Ich fühle mich durchleuchtet und das ist verdammt unangenehm. Irgendwas weiß diese Dame über mich und will es mir nicht verraten. Wie gemein.
„Zeigen sie sich den Männern gegenüber auch als …interessant?“
Die Frage bringt mich auch aus dem Konzept. Und diese Pause vor „interessant“ noch mehr. Was will sie jetzt genau?
„Äh… ich denke schon?“
„Ah ja.“
Auweia. Keine Ahnung, ob sie das abfällig gemeint hat. Das konnte ich wirklich nicht heraushören. Sie kritzelt irgendwas auf den Block auf ihrem Schoß. Zu gerne würde ich ja mal wissen, was da steht.
„Ist ihnen Sex sehr wichtig?“, fragt sie jetzt. Die Frau nimmt aber auch keinen Blatt vor den Mund.
„Ja, schon“, antworte ich ihr. „Ich mein, wer hat denn nicht gerne Sex? Aber ich kann auch ohne leben, wenn sie das meinen. Also, wenn ich muss.“
Dieses Mal nickt sie nicht mal. Falsche Antwort? Ich dachte, auf solche Fragen kann man gar nicht falsch antworten. Angestrengt überlege ich, ob Lügen eine gute Option wäre.
Sie schaut mich einfach nur aus ihrem Korbsessel an. Wortlos. Sie starrt schon fast. Schließlich steht sie auf. Ihr Filzrock entfaltet sich in seiner ganzen Länge.
„Es tut mir leid, ich kann ihnen nicht helfen.“
Schockiert sehe ich sie an. Ist alles umsonst gewesen? Ist das ihr Ernst? Die investierte Zeit, das investierte Geld….
„Sie sind einfach nicht beziehungsfähig“, erklärt sie mir weiter, „Schwerer Fall.“
Mein Mund steht sperrangelweit offen. Das kam unerwartet.
„Sind Sie sicher?“, frage ich.
„Oh ja. Es tut mir wirklich sehr leid.“
Dieses Mal bin ich diejenige, die ausdruckslos nickt. Schließlich stehe ich auf, gebe der Dame die Hand, bedanke mich herzlich für ihre fruchtlosen Mühen und verlasse ihr Büro.
Wusste ich es doch- Partnervermittlungsagenturen sind fürn Arsch.
Tags: yuccapalme, halbmondbrille, hennarote locken, korbsessel, filzrock, grüner stein




Kommentare
wow, was für ne ehre! vielen dank!!!
21.06.2012, 20:57 von wuddelmichVorab: Ich find die Geschichte ganz gut. Recht feinfühlig geschrieben und ein bisschen Leserveraschung ist im Zweifel eine gute Sache. Die "Diagnose" kommt ein bisschen abrupt und ist auch nicht ganz nachvollziehbar, aber sei's drum.
24.06.2012, 12:45 von Trebor-FaustAber dieser Kommentar. Der tut mir weh. Ich kenn ja nun Herrn Boahmaschine nicht und ich geb zu, dass das nicht direkt ein megakonstruktiver Kommentar ist. Aber die Euphoriebremse zu treten ist schon legitim. Und woraus folgt denn, dass er diese Geschichte zu anspruchsvoll findet oder etwa nicht versteht?
Es wirkt eher so als wolltest du eben das unterstellen, um dich gemeinsam mit der Autorin auf einen Anspruchsthron zu stellen. Und dabei, zwinker, ihren Körper vielleicht kennenlernen. Auch das ist ja legitim, aber wenn du es bitte etwas subtiler tun könntest? Dann krieg ich nicht solche Magenschmerzen. Danke!
nice one!
20.06.2012, 21:30 von acespiknaja.
Klingt eher nach Therapie.
Die bringt auch im Zweifel mehr.
Partnervermittlungen machen ihr Geld nicht damit, Kunden zu verprellen. Oder? Da hakts ein bißchen im Geschäftsmodell.
20.06.2012, 21:22 von LagbackDas sollte wohl der Witz sein. Was sich anhört wie Therapie ist in Wahrheit eine Partnervermittlung. - Fand ich gut, aber man muss wohl den richtigen Humor dafür haben.
26.06.2012, 13:09 von MmeDesasterAls Witz zu lang und irgendwie auch nicht so lustig.
20.06.2012, 18:24 von EliasRafaelKann die Diagnose eher nicht nachvollziehen... Die Begeisterung allerdings auch nicht...
20.06.2012, 17:35 von sailorFands leider eher lau.
20.06.2012, 17:09 von BoahmaschineSehr schön!
20.06.2012, 16:44 von RichardGatsbyJep. Ist witzig
20.06.2012, 15:13 von Die.sass.daKlasse dieses "Interview" so spaßig zu offerieren. Ich hätte mir allerdings ein anderes Ende gewünscht.
20.06.2012, 11:57 von Jackie_GreyEin frecheres!!. Irgendeine Art von "Entgleisung" hätte mir gefallen.