Engel fliegen nur hinter B
Du hast keinen Bock mehr, weil dich alle nicht so sehen, wie du bist? Darum geht es doch gar nicht. Auch nicht um eine den Blick verstellende Religion
Im jüngsten Spiegel findet sich ein kurzer Leserbrief, der auf das Interview mit Bischof Huber in einer Ausgabe davor Bezug nimmt. Er lautet schlicht: „Vielleicht sollte man sich eher auf buddhistische Werte wie Liebe und Güte, inneren Frieden und innere Freiheit besinnen.“
Jeder einzelne für sich und im Interesse der Allgemeinheit, möchte man anführen. Wäre das nicht eine durch harten Kampf ausgefochtene Erfahrung, die jeder Mensch anhand der Menschheitsgeschichte verinnerlicht haben sollte. Und „Buddhismus“ ist auch nur ein Etikett. Liebe, Güte, Frieden zu leben, das ist besser als jede Religion.
Ich argumentiere damit nicht gegen Kirchen, sie wollen sicherlich auch nur Gutes. Judentum, Islam, Christentum wollen aber ebenfalls im Besitz der alleinigen Wahrheit sein, Andersgläubige sind entweder Ungläubige oder sollten auf stillem Wege möglichst rasch bekehrt werden. Gestern mit dem Schwert, heute sanft. Das soll einem ein Halt sein? Die alleinige Wahrheit steckt allerdings genauso wenig in einem selbst.
Der Mensch hat es als Sozialwesen zweifellos weit gebracht. Die Vereinnahmung durch die Kirchen, auf dieser Tradition aufbauend, scheitert allerdings auch an deren Dogma, die unzweifelhafte Wahrheit allein für sich in Anspruch nehmend und so verkaufen wollend. Eine schöne Wahrheit als nicht bewiesene Mutmaßung, nur weil sich der Mensch nach Höherem sehnt, weil er sich in seiner Kleinheit und Begrenztheit bisweilen nicht anderes zu helfen weiß, als in Reliquien, greifbar oder nur gedanklich, ein über alles richtendes Wesen erkannt haben zu wollen. Schöner Schein. Das Gewissen als Triebfeder für einschränkende Gehorsamkeit, Moral und Ethik als Standarte angeführt, als gäbe es keine andere Sozialautokratie.
Der Mensch möchte an ein höheres Wesen glauben, das nur das Beste für gläubige Menschen darstellen soll. Er tut es hinreißend bildhaft, obwohl man sich kein Bild davon machen sollte, hier nicht wie da. Man soll bloß glauben und gut ist: Das genüge für die Glückseligkeit und Entschuldbarkeit, wenn es darum geht, Zufriedenheit zu finden, indem man eine Glaubenshoheit stumm, mit Blicken oder, leider, oft auch mit verletzenden provokanten Mitteln zu verteidigen.
„Niemand sieht mich“, ruft es in einem, da kommt ein Gott gerade recht, der sieht ja alles, also auch den Kleinsten, Unbedeutendsten. Der kann da versteckt sein wie er will, DAS ist Hoffnung, DAS ist Glaube. Wenn man gar keinen Sinn mehr im Leben sieht, ist die Flucht zu Gott auch ein Rettungsanker. Ein bisschen naiv, aber wenn es dem Fortkommen der Menschheit nützlich ist und dem eigenen Wohlsein dient, soll dies gelten dürfen, schließlich ist für viele die reine Wissenschaft schon Religion genug. Das kann zuweilen hilfreich sein, manchmal aber auch sehr gefährlich.
Allerdings kommt so manche hohe Hilfe nur von außen. Objektiv betrachtet führt das in die Irre, denn Hilfe von außen macht abhängig, egal von wem sie kommt, auch wenn das Etikett dies rechtfertigt. Und wo, wenn nicht in der ureigensten Philosophie des Inneren wäre es ratsam, in Notsituationen Rettung in sich zu finden? Ist man dabei autark und unabhängig, stärkt dies das Selbstbewusstsein nachhaltiger, als wenn man fremd- und ferngesteuert stupide Denkvorgaben wiederholt.
Du sagst „Ich selbst habe nichts mehr zu sagen, alles ist gesagt.“ Ja, dieses Gefühl kenne ich nur zu gut. Aber es macht auch Freude, alles Gesagte wieder neu zu verpacken, anderen vielleicht eine Freude damit zu machen, die Welt sanft anzuregen, damit sie nicht vergisst. „Wiederholungen sind die Mutter aller Erziehung“ heißt es zudem. Wiederholungen sind aber auch wichtig, um nicht zu vergessen. Sonst reichte eine Erfahrung, die man selbst einmal mit großem Aufwand zelebriert hat, um dauerhaft glücklich zu sein, schließlich kennt man ja dann hinterher dieses Gefühl der Genugtuung. „Her mit dem nächsten Hit, der nächsten Attraktion“, das ist die andere Weise, der man verfallen kann.
Alle sind wichtiger als du, weil du aus dir selbst heraus guckst und andere nicht in dich hineinsehen können oder wollen oder es verlernt haben oder einfach keine Zeit dafür aufbringen.
Jetzt sag ich dir mal was Wichtiges: Du bist wichtig für mich. Denn du bist mein Freund. Ich darf dir alles sagen. Ich kann dir alles anvertrauen. Es ist ein Lächeln in mir, wenn ich dir schreibe. Ohne dich wäre die Welt um sehr viel leerer. Man könnte dies Gefühl auch mit einem anderen Wort beschreiben, aber das soll man ja nicht überstrapazieren, also muss das hier genügen.
Ich weiß nicht, ob ich buddhistisch denke. Es sieht fast so aus, mir selbst ist das egal. Es ist anderer Leute Etikett, nicht meines. Ich lebe ein Gefühl, kein Dogma. Und wenn andere sich mein Gefühl als ihr Dogma vereinnahmen und dadurch umgestalten wollen, entzieh ich mich dem und widerrufe. Ich bin mir dafür nicht zu schade, denn es kann keines höheren Wesens, so es existiert, Interesse sein, als Werkzeug von Selbstgerechtigkeit missbraucht zu werden. Ein Gott, der mit dem Schwert verteidigt werden muss, der hat einen Denkfehler in seiner Existenzgründung.
Jeder ist wichtig, das ist einfach so. Und wenn das nur für einen selbst so ist, schließlich denkt man nur im eigenen Kopf. Dabei ist man auch für viele andere wichtig, desgleichen für Leute, die das nicht merken, nicht wahrhaben wollen, dies dementieren. Und wenn man nur der Kratzbaum anderer ist, die sonst keinen Platz fänden, um sich reiben zu können. Schön. Man sollte sich auch dazu nicht zu schade sein. Und mit Gleichmut dazu lächeln.
Das Leben ist es, das will einem ein Bein stellen. Das ist seine Aufgabe, warum deswegen mit ihm hadern? Weil man sich die Umstände nicht auswählen darf, sondern in sie hineingewachsen ist, als hätte man sich in einen Dschungel aus Lianen verstrickt, die einen gleichzeitig sicher halten, aber auch den Blick verstellen können auf die Weite, nach der es in uns schreit. Es geht nicht mit ihnen und ohne sie wäre der Horizont nur ein zarter Strich, bar jeglicher Poesie, ohne Interpretationsinhalte.
Du bist ein Macher. Kümmerst dich. Sorgst. Pflegst. Leistest. Das sehen andere nicht, das siehst nur du. Vielleicht sieht es auch Gott, aber den kannst du nicht fragen, oder doch, kannst du, aber die Antwort, die wirst du dir selbst geben, die kommt aus dir, nicht aus einer Ikone. Dennoch hat der Glaube seinen wichtigen Platz in unserem Leben. Er füllt das Fleckchen Sehnsucht, das nicht allzu klein und immer latent in uns gärend antreibt und uns vermittelt, dass wir mehr sind als funktionierende Statisten in der Wichtigkeit anderer. So wie es wir stets vorgehalten bekommen in den Nachrichten aus der kleinen Welt, mit denen man uns zuschüttet.
Wir werden geboren und wir sterben irgendwann. Wir gehen von A nach B. So gesehen kann nur der Weg dazwischen das Ziel sein, zumindest was unsere Lebzeiten anbelangt, und an das Paradies zu glauben lohnt auch nur auf diesem Weg, denn danach, hinter B, sind wir etwas, das nicht von dieser Welt ist. Bewusste Strecke aber liegt in einer sehr greifbaren Welt, die nur wir gestalten können. Lass uns den Weg gehen. Möglichst steinig, mit vielen Windungen, Ansteigungen, bestückt mit dampfenden Kratern, Steilhängen und weiten unerreichbaren Horizonten, wo wir schwitzend und keuchend merken, dass wir leben, und nicht bloß auf das B warten, das uns mit hellem, leicht zu durchschauenden Schein erlösend verarschen will.
Du willst uns entschweben? Nix da. Engel fliegen hinter B. Aber Gegenwart ist in diesem Augenblick. Jetzt lebt es sich am besten. Genau JETZT.






Kommentare
Genau ;o)
03.06.2008, 22:22 von uschi_fischEckard Tolle dazu lesen.
Alles perfekt!
Gruß Uschi
Verdammt, ich muss einen Artikel von zzebra empfehlen!
28.05.2008, 14:02 von Matsumoto