Gods_mistake 29.09.2011, 22:38 Uhr 8 10

Endstation-Abstellgleis

Aus dem Leben einer Unbekannten.

Im Radio singt Andrea Berg über erotikgeschwängerte Nächte, während ich ein Nachthemd bügle. Je tiefer man mit dem Eisen kommt, desto beißender wird der Geruch. Er steigt in kleinen Dampfwölkchen hoch und manchmal kann man anhand der Farbe der Flecken erkennen, was ihn verursacht. Das Nachthemd ist hellblau und fast durchsichtig. Am Rücken ist es aufgeschnitten, damit die Person zum anziehen nicht hochgehoben werden muss, die es trägt. Die Trägerin hat kein Gesicht, bloß einen Nachnamen und den Anfangsbuchstaben ihres Vornamens. Er ist mit irgendeinem Plastikzeug an den noch halb existenten Kragen geklebt. Patchen nennt man das, und es klebt am Bügeleisen, wenn man versehentlich darüber bügelt.

Sie heißt allen Ernstes Müller, M.Müller. Mit diesem Namen geht man in Deutschland eh schon verloren, denke ich. Wer findet dich schon noch dort, wo du jetzt bist. Ich fände dich vielleicht, würde dich an deiner Kleidung erkennen, denn ich habe auch einen deiner Socken gefunden, deine Unterwäsche gefaltet und dein Schlafanzugoberteil aufgehangen. Es war auch aufgeschnitten und es waren Bärchen darauf, ein englischer Schriftzug, den du wahrscheinlich nicht verstehst. In meiner Vorstellung hast du kein Gesicht, aber du hast weißes, etwas wirres Haar und liegst in eben diesem Bärchenoberteil in einem Bett, mit nur einem Socken an deinen geschwollenen Füßen. Der andere liegt ja noch hier. Ich weiß nicht ob du eine Hose trägst oder ob du in deiner bloßen Windel da liegst, aber du hast ja eine Decke. Und ein Bett was automatisch hoch und runter fährt, mit einem Geländer, damit du nicht hinaus fällst. Keine Ahnung ob du den Knopf drücken kannst, der deine Position ändert, und ob du überhaupt aus dem Bett fallen könntest. Jemand hat dir den Fernseher angemacht, viel zu laut und das falsche Programm. ZDF-Fernsehgarten. Die lustige Kiwi versucht verzweifelt das antike Publikum durch viel zu schnelles inhaltloses Gelaber wach zu halten.

Du versuchst zum 6 mal heute, eine Pflegerin zu rufen, wie du das machst weiß ich nicht, aber du bist erfolgreich. Jemand steckt den Kopf durch deine Tür und spricht mit dir, ebenfalls zu laut und in einem geschäftsmäßigem Ton. Ob du die Tür von deinem Bett aus sehen kannst?

Man wirzt dich. Wir Frau Müller. „Was haben wir denn nun Frau Müller?!“ Du regst dich nicht auf über den Tonfall, die Formulierung. Winkst die dicke in einen weißen Kittel bekleidetet Frau zu dir. Sie verdreht die Augen und stapft zu deinem Bett, legt ihre Hand auf deine und schreit dir die gleiche Frage wie zuvor ins Ohr. Deine Stimme ist zittrig, leise und bittend. Eigentlich wolltest du den Fernseher leiser gestellt haben, aber du hast deinen Plan entweder kurzfristig verworfen, oder einfach vergessen. Also schickst du die dicke glänzende Blonde in die letzte Zimmerecke, zum hintersten Schrank, die unterste Schublade. Da sind Kekse, die du haben willst.

In meiner Vorstellung haben alle Omas Kekse.

Du willst gar keine, lässt sie dennoch öffnen und bietest der Dicken einen an. Auch wenn du weißt, dass ihre kleinen speckigen Hände eh jedes Mal in der Tüte verschwinden. Vielleicht hält sie Diät, denn sie lehnt doch ab. Fragt, ob das nun alles wäre was „wir“ bräuchten. Du schüttelst den Kopf und verweist auf den Fernseher, der dir dann auch umgeschaltet wird. Jedes weitere Wort wäre überflüssig, denn die Dicke ist flink aus dem Raum verschwunden, längst im nächsten Zimmer.

Zu gern würde ich dir sagen, dass in ihrem Kragen auch ein Name steht. Allerdings hat sie nur einen Vornamen, der unter dem XXXL steht. Sie heißt Helena. Ich brauche 20 Minuten um Helenas Zeltplane zu bügeln.

Du bist wieder allein mit dem Fernseher. ARD. Sturm der Liebe. Du seufzt, vielleicht rollt eine Träne über dein altes Gesicht, verschwindet in den zahllosen Falten. Aber vielleicht Lächelst du auch, weil du die warme Hand immer noch auf deiner spürst.

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8 Antworten

Kommentare

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  • 2


    "Helena heisst sie. Ich würde ihr das gerne sagen."

    "In meiner Vorstellung haben alle Omas Kekse."
     
    "Aber vielleicht Lächelst du auch, weil du die warme Hand
    immer noch auf deiner spürst."

    Der Text ist richtig klasse. Schön beobachtet, einfühlsam gedacht und gut geschrieben.

    Es geht um eine Beziehung von jung und alt. HIER! AUF NEON? Unglaublich.


    21.11.2013, 21:24 von SirMCPedta
    • 1

      Tja. Die Neon-Gemeinde hat kein Herz für Artikel ohne "Ficken".

      Freut mich, dass er dir gefällt.

      21.11.2013, 21:28 von Gods_mistake
    • 2

      Hier gibts  so einige Schätze die im Neon-Archiv vergraben sind. Manche findet man zufällig wieder, manche nie.

      21.11.2013, 22:43 von Cyro
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  • 1

    Kann auch ma ruhig auf die Startseite. Wär mir nie aufgefallen, wenn Koko den nicht kommentiert hätte...

    14.11.2011, 22:36 von RAZim
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  • 1

    antikes Publikum :-D

    Text top. On!

    14.11.2011, 22:22 von Kokomiko
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  • 2

    Anstatt ihn zu mögen, würd ich ihn lieber empfehlen.

    07.10.2011, 11:36 von Blackend
    • 1

      danke. =)

      ich find auch, dass eine empfehlung viel besser klingt, als wenn man etwas mag. sind auch verschiedene dinge. doofes neues neon. =/

      08.10.2011, 14:04 von Gods_mistake
    • 1

      Genau. Den "empfehle" ich auch gern.
      Verschlug mir gerade den Atem. Sehr traurig und beklemmend.

      15.11.2011, 14:56 von Jackie_Grey
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