Jonazz 07.04.2008, 20:56 Uhr 3 1

Einmal Schnitzel mit Pommes und Kopftuch!

Das Beispiel einer gelungenen Inetgration!?

Annes Mutter kann es. Michaels Mutter kann es und Jans Mutter kann es sowieso!
Wenn Zeki Geburtstag feiert, darf es nur eines zum Essen geben, Schnitzel mit Pommes rot/weiß.
Zeki ist der jüngste der fünfköpfigen türkischen Einwanderfamilie Özdemir und feiert heute seinen zehnten Geburtstag. Seine Mutter die 43 jährige Putzhilfe Kelek bereitet sichtlich angespannt das Essen vor. Das sei das erste Mal, dass sie versuche deutsch zu kochen. „Der größte Wunsch meines Sohnes war es, dass es zum Geburtstag Schnitzel gibt“, erzählt Kelek, während sie die Panade vorbereitet.
Kelek Özdemir floh vor zwanzig Jahren mir ihrem Mann Ergül wegen politischer Verfolgung aus der Türkei, über Frankfurt nach Biebertal, einer 10 000 Seelengemeinde in der Nähe von Gießen. Kelek trägt offenes Haar und spricht beinah akzentfrei deutsch. Außer dem Gebetsteppich und Esstisch im Wohnzimmer erinnert nicht mehr viel an ihre türkische Heimat. Kelek und ihr Mann besitzen seit fünf Jahren den deutschen Pass.
„Wir haben mit fünf Personen in einem Zimmer übernachtet und mussten jeden Tag mit der Abschiebung rechnen. Wir wussten nicht, wo wir hin sollten“, erzählt Kelek über ihre Zeit im Asylantenheim.
Dass sie ausgebildete Krankenschwester ist und in Deutschland nie die Chance hatte, eine feste Anstellung zu bekommen, erwähnt sie nur beiläufig. Viel lieber spricht Kelek über positive Erfahrungen der ersten Jahre in Deutschland. „Da gab es diesen Hausmeister im Asylantenheim, der in Eigeninitiative deutsch unterrichtete und es ihrer Familie erst ermöglichte, Anschluss an die Dorfgemeinschaft zu bekommen.
Stolz zeigt Kelek das Mannschaftsbild der D-Jugend Fußballmannschaft der JSG-Bieberta.
In der Mitte ist ihr zwölfjähriger Sohn Divan zu sehen, der sich gerade auf Klassenfahrt befindet. Er ist der einziger Auslandstämmige in seiner Mannschaft. Sie habe darauf geachtet, dass alle ihre Kinder frühzeitig deutsch lernen und bilingual aufwachsen
Das Erlernen der deutschen Sprache als Schlüssel zur Integration? Schon lange nicht mehr wurde diese Frage so hitzig diskutiert, wie es momentan der Fall ist. Während vergangenes Jahr Tausende eingebürgerte Muslime der zweiten und dritten Generation der ehemaligen Gastarbeiter im Karikaturenstreit auf die Straße gingen und Experten sogar vom „Kampf der Kulturen“ im eigenen Land sprechen, scheinen Özdemirs ein Beispiel geglückter Integration zu sein. „Wir hatten keine andere Möglichkeit. Nur über das Erlernen der deutschen Sprache, war es meinem Mann möglich, eine Stelle als Lagerarbeiter zu bekommen“, erklärt Kelek.
Es klingelt. Der erste Geburtstagsgast ist angekommen. Stolz zeigt Zeki seine Geschenke.
Die Freunde spielen begeistert mit dem neuen X-Man. Einer „Supermann“-ähnlichen Figur, die wie Zeki erzählt, sich automatisch bewegen, schießen und Kampfgeräusche gleichzeitig machen kann. Dass Zeki von seinem Vater den Koran geschenkt bekommen hat, scheint ihn weniger zu interessieren. „Das ist Familientradition“, erzählt Kelek. „Zwar sind wir nicht streng muslimisch, aber der Koran ist immer noch Mittelpunkt unseres Lebens. Auch nach zwanzig Jahren Deutschland. Mein Mann achtet sehr darauf, dass die Tradition bewahrt bleibt.“ Nur ein Kopftuch trage sie seit sie den deutschen Pass habe nicht mehr. Das habe sie mir ihrem Mann so abgemacht, erklärt Kelek.
Mittlerweile sitzen alle Schulfreunde Zekis um den Küchentisch. Die Schnitzel sind fertig und auch die passende Musik hat Kelek nicht vergessen. Im CD-Player läuft die neue Single von „50 Cent“, Zekis Lieblingsrapper. Während sich die Kinder vergnügt auf die anscheinend gut gelungenen Schnitzel stürzen, kommt Mehmet in die Küche. Mehmet ist sechzehn, arbeitslos und Keleks Problemkind. Kein Schulabschluss, keine Ausbildung! Keine Perspektive zu
Zeiten hoher Jugendarbeitslosigkeit. Mehmet nimmt sich Essen und geht ohne ein Wort zu sagen in sein Zimmer zurück. Das Verhältnis zwischen Kelek und ihrem ältesten Sohn scheint gestört. Gerade in den letzten Jahren gelinge es Kelek nicht mehr, an ihn heranzukommen. Mit Argwohn nimmt sie zu Kenntnis, dass Mehmet nur türkische Freunde und starke Probleme mit der deutschen Sprache habe. Was er den ganzen Tag über mache, wisse sie nicht.
Kelek bereitet Backlava zu, eine türkische Spezialität, die zum Nachmittagstee gereicht wird. Besuch aus der Verwandtschaft habe sich angekündigt. Kelek schaut auf die Uhr, verlässt die Küche und kommt nach fünf Minuten verschleiert zurück. Bei Familienfeiern trage sie den Schleier aus Rücksicht zu ihren Schwiegereltern. „Das machen alle so!“
Keine zehn Minuten später wird es laut auf dem Flur. Aygün, Keleks Mann, seine Mutter sowie Geschwister nebst Ehepartnern betreten die Wohnung. Mehmet kommt aus seinem Zimmer und begrüßt seine Verwandten. Er überhäuft sie mit Küssen und Umarmungen.
Man begibt sich in Wohnzimmer und nimmt am Esstisch platz, während aus der Küche das amerikanische Kinderlied „Old Mc Donald had a farm“ zu hören ist. Im Wohnzimmer hingegen wird nur türkisch gesprochen. Ob auch er gerne Schnitzel mag, frage ich Herrn Özdemir. Er muss lachen. „Nein! Deutscher bin ich nur auf dem Pass.“ Mit seiner linken Hand greift er an seine Brust. „Das hier bleibt türkisch“. Man müsse wissen, wo man herkomme und gerade in einem Land ohne Werte und Moral sei es wichtig, seine Identität zu bewahren und zu reproduzieren.
In Deutschland habe Herr Özdemir die Möglichkeit bekommen seine Lebensweise und Religion frei und ohne jegliche Kontrolle auszuleben. Seine Kinder würden dies später genauso sehen. Da mache er sich keine Sorgen. Gerade auf Mehmet sei er besonders stolz.
Egal wo wir hinschauen, in der gesamten Bundesrepublik sucht man nach Patentrezepten für eine geeignete Integrationsarbeit. Neben Deutschpflicht an Schulen soll vor allem das kulturelle Miteinander von Jugendlichen gefördert werden. In der Familie Özdemir sprechen alle Mitglieder deutsch und haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Alle Kinder waren im dorfeigenen Sportverein und haben deutsche Freunde. Eigentlich eine Integration wie aus dem Bilderbuch. Gebe es da nicht, wie es Soziologen beschreiben, “ein moralisches Paralleluniversum“, das wie es einige Politiker beschreiben, nicht vereinbar mit den deutschen Werten sei. Bleibt die Definitionsfrage von Integration verbunden mit der Frage, was eigentlich deutsch ist?
Angesichts über vier Millionen muslimischer Menschen in der Bundesrepublik und schwindender Zahlen von Mitgliedern in christlichen Kirchen scheint die Frage nach einer deutschen Identität aktueller denn je. So unterschiedlich die Ziele einer Integration formuliert werden, so zerrissen erlebe ich auch Familie Özdemir in ihrem Alltag zwischen Döner Kebap und Schnitzel, türkischer Kulturverein und Kegelklub, traditionell-muslimischer Werte und westlichem Demokratieverständnis.
Kelek Özdemir hat immer noch nicht Platz genommen. Etwas orientierungslos pendelt sie zwischen Küche und Wohnzimmer umher. Der Kindergeburtstag ist vorbei. Nach und nach werden die Kinder abgeholt.
Kelek ist alleine in der Küche und mit dem Abwasch beschäftigt. Seitdem ihr Mann in der Wohnung ist, hat sie nicht mehr gesprochen

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3 Antworten

Kommentare

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    Seine Traditionen und kulturellen Werte aufzugeben ist bestimmt nicht der Weg zu einer gelungenen Integration. Schau ich mir die aktuelle Diskussion über dieses Thema an, wird dies aber häufig für eine gelungene Anpassung vorausgesetzt.

    Die Darstellung der Zerrissenheit dieser Familie im Bezug auf Assimilation und Integation ist Thema der Geschichte.
    Auf der eine Seite wil man westlich sein und "dazu gehören, auf der anderen Seite schottet man sich ab".
    Dabei mach ich der Familie den geringsten Vorwurf.
    Vielmehr sollte die Geschichte den klassischen Integrationsbegriff, kritisch hinterfragen.
    Inwiefern ist es angebracht den klassischen Begriff der "deutschen Kultur" als Maaßstab für eine Integration zu nehmen?

    10.04.2008, 13:02 von Jonazz
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      @Jonazz Insgesamt ein guter und durch genaues Hinsehen sehr differenzierter Beitrag, der das 'zwischen den Stühlen sitzen' von Einwanderern gut beschreibt.
      @Reckless:
      Niemand soll Traditionen aufgeben die sich mit dem Grundgesetz vereinbaren lassen.
      Aber wenn sie sich nicht mit dem Grundgesetz vertragen, dann müssen Traditionen aufgegeben werden. Oder wir brauchen keine Grundgesetze mehr und jeder macht was er will.
      Ich kann an Odin oder Thor oder an sonstwas glauben. Interessiert kein Schwein. Aber wenn ich vorhab meine Schwester umzubringen weil sie nicht so lebt, wie ich denke daß Odin will wie sie leben soll, dann gibt's ein Problem!?

      07.06.2008, 13:35 von surfisto
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