SunFeather 23.03.2012, 00:58 Uhr 17 6

Einfach mal leben

Es geht nur um den einen Zeitpunkt, wo du den Knopf findest.

Der Wasserhahn tropft, der Regen prasselt an die Scheibe und die Tropfen rinnen herab. Später, viel später wird man immer noch Bilder ans Fenster malen können, wie in frischen Schnee auf der Windschutzscheibe. Es sind die Momente, in denen man nicht an den nächsten Termin, die nächste Klausur denkt und kein Abgabetermin rot-pochend im Kopf auftaucht. Es blinkt, doch ist es diese Art, die schrecklich ernst und gezwungen ist und nicht so wie das Herz einfach und frei. Such’ und finde ihn, egal wo du den Mut auch hernimmst und wie lange er bleiben mag. Es geht nur um den einen Zeitpunkt, wo du den Knopf findest. Irgendwo in oder an dir, diesen kleinen Knopf, der die Welt ausschaltet. Den Teil der Welt, der dich in einem Käfig gefangen hält und wo du dich jedes mal zunächst vor geschlossenen Türen wiederfindest, wenn du etwas tun willst ohne nachzudenken. Die Welt ist groß, während wir uns klein machen. Unterdrücken tun wir uns meistens selbst. Wir sind hungrig nach allem und nach nichts, nach Riesen im Lichtschein eines Leuchtturms oder nach Bienen auf Honigsuche für ihre Königin. Befreie dich und mache dir für diesen Wimpernschlag keine Gedanken über die Zukunft oder Vergangenheit.

Einfach mal etwas sagen, rufen oder gar tun, was nicht in die von der Masse festgelegte Norm passt.

Einfach mal schaukeln gehen, im Supermarkt Sachen in den Korb und wieder hinauspacken, einfach mal spontan nachts schwimmen gehen oder picknicken im Winter.

Was hält uns davon ab? Was lässt und in einem angeblich so freien Land doch nur immer wieder das Gleiche tun, tagein, tagaus? Es sind die Modalverben des modernen Lebens. „Müsste“ sagt der Verstand und „solltest“ mahnt der Studienplan. Es sind die Konjunktive des modernen Lebens. Was wäre wenn? Was könnte sein, wenn etwas anderes wäre? Alles durchdenken wir. Alle möglichen Konsequenzen ziehen wir in Erwägung. So ist jeder Augenblick bereits vorbei bevor er überhaupt beginnen konnte. So sperren wir uns selbst ein, in einem Netz aus Ängsten und Befürchtungen. Es ist die Ökonomisierung des modernen Lebens. Was, wenn wir zu wenig schlafen, und am nächsten Tag nicht mehr produktiv sind? Was, wenn wir in diesem Semester nicht genug Leistungspunkte bekommen, nicht genug Leistung bringen? Was, wenn die nächsten Monate nicht effizient geplant sind? Was, wenn wir einmal nicht die Beste sind? Ja, was eigentlich?

Einfach mal die Augen zumachen und tanzen. Einfach mal die Nacht zum Tag machen und für einen einzigen Abend das Lernen sein lassen, weil man eh nur für das schlechte Gewissen zuhause bleiben würde und doch nicht schlafen könnte, weil man zu viel nachdenkt. Lernen würde man ohnehin nicht mehr und am nächsten Morgen ist sie plötzlich da, die neue Energie um weiterzumachen. Der Kopf ist wieder frei und die Seele befreit.

Einfach mal ja und nein verwechseln oder zumindest nur auf einen selbst hören, wenn man eine Frage beantworten oder eine Entscheidung treffen muss, die um mehr geht als um den Einkaufszettel am nächsten Tag oder die Sockenfarbe für das kommende Wochenende.

Einfach mal morgens in den Zug steigen und schauen, auf welchem Bahnsteig du ankommst.

Die angeblichen Konsequenzen unseres Handelns haben uns fest im Griff. Und da wir schon vor dem Handeln längst mindestens drei negative Folgen ausgemacht haben, beschränken wir uns lieber auf das Nicht-Handeln. Wir erstarren wie ein Kaninchen beim Anblick eines Fuchses. Und wenn wir uns zwangsläufig doch irgendwann bewegen müssen, dann nur auf den vorgezeichneten Tunneln unseres Kaninchenbaus. Doch wer nur durch Tunnel hoppelt, der verpasst den Rest der Welt. Verpasst die grünen Wiesen und die kleinen, glückseligen Momente einer angeblichen Dummheit. Warum nicht einfach mal dem Fuchs entgegenlaufen und ihn auf einen Kaffee einladen? „Und wenn es schief geht?“, fragt der Kopf. Dann ist es schlecht für das Kaninchen und möglicherweise auch die letzte Idee seines Lebens. Doch hier endet auch der Horizont unserer Tiermetapher. Denn die Konsequenzen unseres eigenen Handelns sind doch in den meisten Fällen lächerlich klein. Wer sich mal eine Woche, einen Monat, ein Jahr lang treiben lässt, der wird auch danach noch etwas zu Essen auf dem Tisch und eine Chance auf einen Arbeitsplatz haben. Wer mal ein Stipendium nicht kriegt, eine Klausur in den Sand setzt, bei einer mündlichen Prüfung versagt, der wird auch danach noch Freunde und Familie haben, den vielleicht einzigen, wahren Sinn eines Lebens. „Und wenn es schief geht?“, fragt der Kopf. „Und wenn es gut geht?“, antwortet das Herz.

Einfach mal Träume leben ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, ob sie Sinn haben oder nicht und manchmal einfach mal auf sein inneres Kind hören und Sandburgen bauen. Einfach mal wieder mit hellen Klamotten auf einen Baum klettern wie früher.

Eigentlich ist es doch gar nicht so schwer, eben weil es gerade die Kinder unter uns sind, die genau diesen Weg in Perfektion beherrschen. Die aufmunternd ehrlich sind oder erschütternd direkt und trotzdem noch nicht getränkt mit Missverständnissen und Lügen oder innerlich verbogenen Gedanken, wie ein Schlangenmensch bei der Generalprobe für die nächste Vorstellung.

Die Zeit ist das vielleicht Wertvollste, was wir haben. Kinder haben kein Gefühl für Zeit. Kinder können Stunden mit einer einzigen Tätigkeit verbringen. Kinder können einen ganzen Tag lang in der Welt ihrer eigenen Phantasie leben. Kinder machen. Kein Modalverb, kein Konjunktiv. Einfach machen. Und was machen wir? Die Erwachsenen, die selbst ernannten Lenker der Gesellschaft? Wir denken. Auch kein Modalverb, kein Konjunktiv. Und doch kein „machen“. Nur ein „denken“.

Die Zeit ist das vielleicht Wertvollste, was wir haben. Kinder haben kein Gefühl für Zeit. Wir schon. Wir hören die Uhr ticken und verharren doch reglos. Wir sehen das Ende kommen und machen doch keinen Anfang und wenn, dann verlieren wir ihn.

 

„Kinder sind Raupen

und Erwachsene sind Schmetterlinge.

Und kein Schmetterling

erinnert sich mehr daran,

wie es sich anfühlt,

eine Raupe zu sein.“

(Cornelia Funke)

 

Wo haben es so viele verloren, das Gefühl für sich selbst zu sein. Das Gespür für die Augenblicke, wo ‚Wir’ oder ‚Ihr’ zu viel ist und nur das Du zählt. Schreib’ es dir hinter die Ohren, auf die Innenseite der Hand oder mit Wachsmalstiften auf dein Herz. – Einfach mal leben und nicht immer wieder aufs Neue nach dem Mund reden und nach von anderen gesetzten Zielen streben.

 

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17 Antworten

Kommentare

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  • 1

    "einfach mal auf sein inneres Kind hören und Sandburgen bauen"

    Und es ist mir so egal, was die anderen dabei denken.

    23.03.2012, 23:44 von Danny0511
    • 1

      'Wenn wir ganz und gar aufgehört haben, Kinder zu sein, dann sind wir schon tot.' - Wie man bei Momo immer wieder nachlesen kann :) 

      24.03.2012, 19:32 von SunFeather
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    • 0

      Danke :) War auch mit der erste Satz vom ganzen Text ;)


      Noch ein Grund mehr, weswegen man dies einfach mal öfters tun sollte.. finde ich ;)

      23.03.2012, 14:34 von SunFeather
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    • 0

      eine sehr schöne idee.. - bis wohin reicht denn dein semesterticket?

      23.03.2012, 21:12 von SunFeather
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    • 0

      soll das jetzt eine dezente, spontane idee sein ;)?

      27.03.2012, 14:31 von SunFeather
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    • 0

      ich bin gerade fast vom stuhl gefallen, weil aus dem schmunzeln ein lautes lachen geworden ist.. ob als reine idee oder versüßt mit dieser ausführung, hauptsache ist sie gefällt :)

      27.03.2012, 15:08 von SunFeather
  • 1

    ...im Supermarkt Sachen in den Korb und wieder hinauspacken...
    Wie revolutionär :)
    Ich stimme Dir aber absolut zu !!

    23.03.2012, 07:29 von Mrs.McH
    • 1

      man wird da halt schon immer komisch angeguckt, erst recht wenn man bei der längsten schlange an der kasse noch ruhe ausstrahlt.. lächelt und zur musik im ohr mit dem fuß mitwippt ;)

      23.03.2012, 14:23 von SunFeather
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  • 1

    Eigentlich alles ganz einfach ;-))


    Was du  "forderst",   habe ich fast mein ganzes Leben so gehalten.  

    Das bewahrte mich vor Neurosen und Depressionen.  Der wichtigste Mensch ist man immer selbst. 

    Wenn das mehr Leute begreifen wuerden, waeren die Arztpraxen nicht so ueberfuellt.

    Ich wuensche dir das Leben, das du gern verwirklicht wissen willst.  Es geht. Du musst es nur wollen !!


    23.03.2012, 01:32 von steam
    • 0

      danke dir, sehr :) - bis auf kleine umwege klappt das auch bisher bei mir ganz gut, der text war eine art 'antwort' auf ein nächtliches gespräch mit einem freund.. es kam ein bisschen die frage auf, ob man immer und immer wieder darüber nachdenken muss ob das was man tut gut für den lebenslauf ist oder 'kindisch', 'verrückt'..


      ich finde es immer wieder traurig ansehen zu müssen, dass manche menschen sich weder einfach mal ruhig hinsetzen können noch einfach mal das innere kind leben zu lassen..

      dabei ist es doch genau das, einfach.

      23.03.2012, 14:27 von SunFeather
    • 1

      hehe, exactamente, sun.


      ich habe mir das Kind in mir bewahrt, und das lasse ich mir auch nicht von den frustrierten Sesselpupsern nehmen. 

      Ich wohne in einem Land, in dem man HEUTE lebt, nicht darueber nachdenkt, was wohl in 30 Jahren sein wird. Das hat bei vielen Deutschen pathologische Zuege angenommen. 
      Siehste auch hier bei manchen Kommentaren ;-)))

      Du bist ja noch herrlich jung, da kannste ohne Bedenken das "Kind heraus haengen" lassen.  

      Wenn das ein Erwachsener macht, wird er als stark  "beobachtungswuerdig"  eingestuft. 

      Kurz:  So ein Typ MUSS  verrueckt sein, anders gehts gar nicht. ;-(

      Du musst nicht traurig sein, wenn andere Menschen mit sich nix anfangen koennen. Verfolge deine Lebensphilosophie,  die ist bedeutend besser und erfrischender.

      nos vemos

      23.03.2012, 16:30 von steam
    • 0

      einmal  "mir"  kannste streichen da oben ;-)


      das Kind in mir bewahrt....

      23.03.2012, 16:31 von steam
    • 0

      gracias :) - Danke für deine Worte! Ich habe leider auch schon sehr oft die Erfahrung machen müssen, dass als 'kindlich' einzustufende Aktionen als negativ aufgefasst werden, aber das ist wohl so. Glücklicherweise ist der Mensch dazu in der Lage, mit der Zeit aussieben zu lernen, auch wenn es schwerfällt.


      Es tut wohl Not aber es ist dann auch immer wieder sehr schön zu sehen, dass es eben auch Beispiele dafür gibt, dass es funktioniert :)

      23.03.2012, 21:21 von SunFeather
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