deea 23.04.2007, 21:57 Uhr 8 7

Einen Tag im Aufzug von Javier Fombellida

Ein Aufzug ist ein Aufzug. Für die meisten von uns. Ein Aufzug ist ein kleines Heim. Für Javier Fombellida.

Nostalgische Musik dringt aus dem handflächengroßen Kassettenrekorder im goldenen Aufzug von Habi. So nennen ihn viele, die täglich in seinem Aufzug ein und aussteigen. Man fühlt sich 50 Jahre zurückversetzt, wenn man das erste Mal in diesen Aufzug einsteigt, der mit goldenen eingerahmten Spiegeln und einem Kristallkronleuchter eingerichtet ist. Eisenstangen zieren das Werk, das bis in den 4. Stock reicht. Ein 80 Jahre alter Aufzug in einem 100 Jahre altem Haus, der von einem 70 Jahre fitten Kubaner handbetrieben wird: Das ist einmalig in Honolulu. Einmalig in Hawaii. „This is my real home“, witzt Habi, der seit drei Jahren von Montag bis Freitag jeden Tag auf diesen vier Quadratmeterstückchen arbeitet. „This is no work. This is waiting“, lacht Habi auf seine sympathische Weise.

Einen Tag mit Javier (ausgesprochen: Havier) ist jedoch nicht so monoton und langweilig wie sich das so manch einer jetzt vorstellt. Das Eigentliche passiert nebenbei. Heute ist der 20.04.2007, ein normaler Tag für Javier Fombellida und sein Aufzug. Draußen herrscht der Intercultural Day, einmal im Jahr. Im Aufzug ist jeder Tag ein Intercultural Day für Javier. Schweden, Deutsche, Japaner, Chinesen, Rumäner und Afrikaner reisen mit Javier rauf und runter. „A lot of them are far, far away from their families. I try to speak to them, try to make them feel happy and be like a second family for them. I try to help everybody. I am here for them. And I let them know. Sometimes I feel like in a big family. I’m here, and every time they need help, they can come to me. Therefore I’m here“, erklärt Javi.

Das dritte Lämpchen leuchtet auf, dessen Signal im Spiegel wieder reflektiert wird und Jabi, der draußen auf der Bank sitzt, darauf aufmerksam macht, dass jemand im dritten Stock abgeholt werden will. Jabi steigt in sein vertikalfahrendes Taxi ein, macht das Eisengitter zu und dreht den vergoldenen Hebel nach rechts. Der Mann oder die Frau, die nun bald einsteigen wird kennt Jabi bestimmt. Jabi kennt das ganze Haus. Wer zum ersten Mal einsteigt wird von seinen Blicken gescannt und inspiziert. Javier merkt sofort wenn sich jemand „zufällig“ verirrt hat. Er filtert jeden heraus, der in diesem Haus nichts zu suchen hat. „I have a proper knowledge of humans. I like to talk with people, to laugh with them and to watch carefully how they are and what they are doing“, sagt Javier im fahrenden Aufzug, der sofort von der mitfahrenden Psychologin aus dem 4. Stock gefragt wird, ob er nicht mit ihr arbeiten will. Javier fühlt sich geschmeichelt.

Es ist Mittag. Leute kommen, Leute gehen. Javi bleibt. Leute grüßen ihn, reden mit ihm, gehen wieder. Javi bleibt. „I’m retired, but I’m happy to work here. I need to do something. I cannot simply vegetate along, stay at home and do nothing. This work is perfect for me. I work with people. They are all so nice and happy. That’s why I like to work here, because the people keep me so alive.“. Minuten vergehen, Stunden vergehen. Javi bleibt. Er langweilt sich ebenso wenig. Warten ist wie zu seinem Hobby geworden. Wenn man mit ihm zusammen Aufzug fährt, merkt man, dass das auch stimmt. Dieser Job ist ihm in den drei Jahren kein einziges Mal auf die Nerven gegangen. Das Lämpchen leuchtet wieder auf. Diesmal im 2. Stock. Den linken Arm verschränkt er wie ein wahrer Gentleman und Aufzugbegleiter hinter seinem Rücken.

Eine Minute später sitzt er wieder auf der Bank. Ein Mann kommt zu ihm und fängt an mit ihm auf Chinesisch zu streiten, Javier schießt auf Spanisch zurück. Fragende Blicke aus der Umgebung sind die beiden bei ihrer täglichen Aufführung schon gewöhnt. Mr. Chun, der Verkäufer des Kioskes neben dem Aufzug, ist in den drei Jahren ein enger Freund von Javier geworden. „In the waiting hours we try to communicate in Chinese and Spanish; I know what he tell me, even if I don’t understand one word of Chinese“, sagt Javi mit einem Grinsen auf den Lippen. Die späte Nachmittagssonne scheint durch die Eingangshalle in den Aufzug rein. Mädchen bleiben stehen, um sich mit Javier zu unterhalten. Jungs geben ihm Handschlag, wie einem besten Kumpel. Verirrte Passanten suchen eine Toilette und werden freundlich von Javier hinaus verwiesen. „I like everyone, if boy or girl, if young or old, I don’t care. They help me too, because they make me feel happy every day. They are all so nice. They give me so much, which I try to give them back.”

Javier Fombellida ist der einzige Fahrstuhlbegleiter Hawaiis. Doch ein Wächter, Zuhörer und ein Antidepressivum gleichzeitig. Obwohl seine Anwesenheit nur wenige Sekunden im Tag eines jeden Aufzugbesucher einnimmt, bleibt keiner von einem bleibenden Gespräch unverschont. „I’d rather go to work than to the movies“, sagt er mir noch zum Abschied. Und ich merke plötzlich, dass dieser Aufzug niemals kaputt gehen darf.

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8 Antworten

Kommentare

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    Schön das es noch solche Originale gibt, danke für die Erfahrung.

    Sascha

    25.04.2007, 22:36 von Spacedog
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    schöne geschichte. gut geschrieben. rundes ende.

    jetzt bin ich glücklich.

    25.04.2007, 12:40 von hib
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    Einmalig, sprüht nur so vor Leben und zaubert ein Lächeln ins Gesicht.

    Ich muss wohl unbedingt nach Hawaii....

    Danke für diesen Eindruck

    LG

    25.04.2007, 11:55 von Dystariel
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    Oh! Da freu ich mich aber! Wo genau kann man den diese Urgestein kennenlernen? Bin im Winter auf Rundreise Hawaii und würde den netten Mann gerne persönlich kennenlernen!

    25.04.2007, 11:49 von Wolkenschaf
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