Sasali 16.11.2012, 16:22 Uhr 11 11

Eine wahre Geschichte – sagt M

Eine Nacht kann lang sein. Diese Nacht war lang. Mindestens zwei Menschen schliefen nicht. Und einer erzählte am folgenden Tag eine Geschichte.

Kaltes Metall stößt zweimal an seine Schläfe. „¡Apúrate!“ M wagt kaum zu atmen. Das Eisen an seinem Kopf duldet keine heftigen Bewegungen und schon gar keinen Widerstand. Der Mann hinter ihm stinkt nach Gewaltbereitschaft. „¿Cuánto es? ¿Cuánto es?“, drängt eine zweite Stimme. Ungeduld färbt sie schrill. „Bastante. Vamos pues.“ M wird vom Geldautomaten in Richtung eines Autos gestolpert. Zwei behandschuhte Hände stoßen ihn auf die Rückbank, zwei weitere stecken seinen Kopf in einen Sack, Schwarz, fesseln seine Hände hinter dem Rücken, Schmerz. Alles geht so verdammt schnell. Säuerlicher Geruch steigt in Ms Nase, beißt sich durch die Nebenhöhlen in den Stirnlappen. Der Wagen springt an, M wird in die Rückenlehne gedrückt. Angst. Schweiß. Kalte Gedanken. Noch mehr Angst. Gefühlte Stunden fällt kein klar verständliches Wort, nur verflüsterte Absprachen, gebrüllte Flüche. Das Auto jammert. Nächtliches Wirrwarr der Straße dringt durch seine marode Karosse, Benzingestank erkriecht sich den Innenraum. Eine Kurve, noch eine, Unwegsamkeit quält das Auto, Schonungslosigkeit das Getriebe. M lauscht, sucht nach Vertrautem, sucht nach Halt, bekommt einen Hieb. Die Dunkelheit wird schwärzer, berauscht. Nebel im Kopf. Stille.

„Coño de la madre, que...“ Jemand zerrt an Ms linker Hand, versucht sich am Finger. „Le va a cortar. ¡Joder!“ Klickgeräusche. Panik. Draußen rauscht die Nacht mit geschlossenen Augen und verwachsten Ohren vorbei. „Nein, nein, nicht den Finger, nicht den Finger!“ Wieder schlägt hartes Eisen gegen Ms Kopf. Süßer Geschmack schleicht in den Mund. „Hurensohn!“ Vertraute Sprache, wütender Akzent, weiterer Schlag, diesmal in die Seite, Zerren am Finger, die Klinge setzt an. „Déjalo, puta madre!“ Der Finger bleibt verschont. Eine Tür wird geöffnet, Füße treten M aus dem Wagen. Harter Boden, alles schmerzt, Kopf schlägt gegen Unbekanntes, Abgase entfernen sich. Nebel im Hirn. Die Nacht stinkt. Stille.

Die Sonne steht hoch, gleißt auf einen gekrümmten Körper, der am Straßenrand liegt, verschnürte Arme auf dem Rücken, der Kopf in einem schwarzen Sack, die Füße nackt, an der linken Hand ein Ring. M stöhnt, richtet sich auf, lauscht. Keine Chance, die auf dem Rücken verschnürten Hände zu lösen. M auf den Knien, langsam vorwärts tastend, innehaltend, lauschend, weiter auf den Knien. Ms Schulter stößt gegen einen Widerstand. Eine Wand? Ein Baum? Bestiefelte Beine? Innehalten. Kein Atemzug. Kein Stoß gegen den Kopf folgt, kein Fluchen, kein metallisches Klicken an der Schläfe. Ausatmen. M reibt seinen Kopf am Widerstand, schiebt kratzigen Stoff über die Augen, blinzelt. Ein Baum. M sackt zusammen. Der Baum bewegt sich keinen Millimeter, wehrt sich nicht, droht nicht, bietet Halt.

Sechs Stunden später zurück in Caracas, blutige Füße, nasses Hemd, schmutzige Augen. Keine Papiere, keine Schuhe. Am Finger ein Ring. „Frag nicht.“ Tue ich nicht. Stille.

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11 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Eine albtraumhafte Geschichte ohne Anfang und Ende.  Jedenfalls aus meiner Sicht. Aber gekonnt geschrieben.

    23.11.2012, 14:44 von Cyro
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  • 0

    Daumen hoch!

    21.11.2012, 16:35 von IniPopini
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  • 0

    MMMMMMMMMMerde!

    16.11.2012, 18:32 von EliasRafael
    • 3

      Mierda!

      18.11.2012, 11:07 von Sasali
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  • 1

    hijo de puta hätte noch reingepasst, das klingt so schön :) Etwas anders als sonst, aber (auch ohne Hintergrundwissen) durchaus interssant und fesselnd geschrieben. Bleiben natürlich so'n paar Fragezeichen...

    16.11.2012, 18:30 von Mrs.McH
    • 0

      Warte, hier haste noch eines, eines von Herzen: ?


      18.11.2012, 11:33 von Sasali
    • 0

      Bleibende Fragezeichen sind doch nicht zwingend schlecht...

      21.11.2012, 16:36 von IniPopini
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  • 0

    Beim Lesen bin ich über diesen Satz "Benzingestank gesellt sich dazu" gestolpert, dann kamen noch ein oder zwei solche Formulierungen, die mir eigentlich die Lust am Lesen genommen haben, weil sie bei mir falsche Bilder erzeugen.

    16.11.2012, 18:02 von marco_frohberger
    • 0

      Schade.

      18.11.2012, 11:11 von Sasali
    • 0

      Ja! :-)

      18.11.2012, 13:37 von marco_frohberger
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