InLiquidation 24.08.2006, 19:14 Uhr 6 3

Eine sehr vereinfachte Darstellung...

Später Nachmittag in der U-Bahn. Ein Obdachloser betritt die Bahn und bittet die anwesenden Fahrgäste um etwas Kleingeld.

In meiner Stadt leider ein durchaus üblicher Vorgang, der mich anfangs noch anrührte, den ich mittlerweile jedoch zumeist nur noch mit einem müden Achselzucken zur Kenntnis nehme. Unabhängig davon, ob er mit seinem Anliegen Erfolg hat oder nicht, wünscht der junge Mann den Mitfahrern im Wagen noch einen schönen Tag und ist bei dem Vortragen seiner Bitte äußerst höflich.

Als der junge Mann die letzten Sitzreihen des Wagens erreicht hat und die Bahn schon fast die nächste Station erreicht hat, werde ich Zeuge, wie ein Herr „in den besten Jahren“ ihm eine Standpauke hält. Dabei greift er so tief in die Klischeekiste, dass ein eigens hierfür bereitgestelltes Phrasenschwein vermutlich dermaßen prall gefüllt worden wäre, dass der Inhalt für eine Übernachtung im „Vier-Jahreszeiten“ ausgereicht hätte. Mit so sinnvollen Ratschlägen wie: „Wer wirklich arbeiten will, kriegt auch einen Job“ versucht der in Zeiten des Wirtschaftswunders aufgewachsene Mann dem vor ihn stehenden „Parasiten“ auf den Pfad der Tugend zurückzubringen. Eine junge Frau versucht nimmt den Obdachlosen in Schutz und redet mit ruhiger, sachlicher Stimme auf den werten Herrn ein. Sie erklärt ihm, dass es eben nicht so einfach sei, einen Job zu bekommen. Ohne Erfolg: Der ältere Herr beharrt auf seiner Meinung.

Als die Bahn hält, verlässt der Obdachlose den Waggon und der ältere Herr verstummt. Ich sehe betreten aus dem Fenster. Alleine der Stuss, der gerade in Form von „Jeder-ist-seines-eigenen-Glückes-Schmied“-Parolen durch die Sitzreihen waberte, lässt es mich bereuen, dass ich der Bitte nach etwas Kleingeld nicht nachgegeben habe. Betreten starre ich aus dem Fenster. Da fängt der alte Mann an, auf die couragierte junge Dame einzureden. Es fallen Sätze wie: „Kein Wunder, dass es in diesem Land nicht vorangeht, wenn man solchen Menschen auch noch Verständinis entgegengebracht wird!“ oder „Es gibt genügend Menschen, die solchen Leuten Arbeit geben würden! Aber die da wollen ja nicht“.

Langsam spüre ich, wie die kalte Wut in mir aufsteigt. Mein Mund wird trocken. Zig Gedanken sausen zugleich durch meine Hirnwindungen und ich befürchte fast, dass mein Schädel gleich zerplatzt. Ich spüre, wie mein Puls rast. „Wie kann man denn nur so einseitig denken?“, schreit es in mir.

Wer sorgt denn dafür, dass immer mehr Menschen ohne Arbeit auf der Straße stehen? Führende DAX-Unternehmen, deren Vorstände auf der einen Seite Rekord-Gewinne verkünden, auf der anderen Seite Tausende entlassen! Großkonzerne, die Heerscharen von Anwälten und Steuerberater beschäftigen, deren Tagwerk einzig und allein darin besteht, nach Steuerschlupflöchern zu suchen, „Steueroptimierung“ zu betreiben. Firmenvorstände, die durch verfehltes Managment dafür sorgen, dass ihren Unternehmen Milliarden verlorengehen und versuchen, diese Kohle durch den weiteren Abbau von Arbeitsplätzen wieder reinzuholen, nur damit nachher der Jahresüberschuss und die Dividende stimmt. Eine Politik, die die unteren Einkommensklassen mit ihrem angeblichen „Subventionsabbau“ und einer Umsatzsteuererhöhung mal wieder stärker belastet als sich vielleicht einmal an die Kapitalanleger zu halten, die letztlich „nur noch das Geld für sich arbeiten lassen“. In meinen Gedanken hole ich zum argumentativen Gegenschlag aus.

„Warum sollte sich der Kerl denn auch ändern? Ist ja so spaßig: Wenn ich kein Geld habe, gehe ich in die U-Bahn und bettel es mir zusammen. Das ist ja auch viel einfacher, als ordentlich zu arbeiten!“. Der alte Mann ist zur Hochform aufgelaufen, aber er hat ja nicht mit mir, dem Streiter für die Entrechteten, dem Rächer der Unter-die-Räder-Gekommenen, dem Robin-Hood des Hamburger U-Bahn-Netzes gerechnet. Ich nehme all meine angestaute Wut zusammen und erhebe wortgewaltig meine Stimme. Stellvertretend für das verdorbene System des Ellenbogen-Kapitalismus wird er nun büßen müssen. All meine Argumente werde ich ihm in einem nicht enden wollenden Feuerwerk meiner rhetorischen Fähigkeiten um seine Ignoranten-Ohren pfeffern, dass das Klingeln in seinen Gehörgängen so schnell nicht nachlassen wird.

„Glaubst Du, es ist ein Vergnügen, in der U-Bahn zu betteln? Denk erst einmal darüber nach, was Du da laberst, Du Penner!“

Ob ich wirklich „Du Penner!“ gebrüllt habe kann ich nicht mit absoluter Sicherheit sagen. Ich weiß nur, dass ich mich selten in meinem Leben so dämlich gefühlt habe: Wenn ich denn so ein mitfühlender Mensch bin, warum habe ich dann kein Geld gegeben? Und meine Gedanken zum Kapitalismus, schön und gut: Es wäre durchaus die passende Gelegenheit gewesen, diese Argumente einmal ins Feld zu führen. Aber was hatte bitteschön mein Gepöbel mit diesen Gedanken zu tun? Und dann auch noch beleidigend werden, wo ich doch gerade soetwas hasse wie die Pest? Warum habe ich mich in diesem Moment dermaßen von meinen negativen Gefühlen bestimmen lassen, die offensichtlich große Bereiche meines Verstandes in den Urlaub geschickt haben?

Verwirrt und in dem Wissen, dass ich gerade nichts, aber auch gar nichts geleistet habe, auf was man stolz sein könnte, verlasse ich die U-Bahn-Station, mache mich auf den Heimweg. Und fasse den festen Vorsatz: Nächstes mal gibst Du einfach ein bisschen Geld und hälst Deine Klappe.

Sicherlich auch eine Doppelmoral. Aber wenigstens eine, von der zumindest einer etwas hat.

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6 Antworten

Kommentare

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    sagen bringt immer etwas- und muss sein, denn wenn alle schweigen, dann wird nie was passieren. Schreite zur tat- aber erhebe auch weiterhin Deine Stimme gegens Unrecht.

    wie würde die welt aussehen, wenn alle immer schwiegen, höchstens ihr gewissen mit kleinen almosen, rechtferitgungen erleichterten?
    ich denke, das ist etwas, über das man nachdenken sollte bevor man sich entscheidet, für immer die klappe zu halten. Das ist nämlich schlimm.
    In allen lebenslagen

    15.10.2006, 12:56 von glueckstraenchen
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    Echt mal wieder ein gutes Beispiel mitten aus dem Leben, dass aufzeigt wie wenig Respekt manche gegenüber anderen Leuten haben. Was hat der junge Mann dem alten Herren denn getan?? Wenn er ihn schon nicht unterstützt, soll er wenigstens die Klappe halten! Und vielleicht sollten wir alle einfach mal öfter mal etwas abzugeben und zu teilen; allein schon um solchen Herren zu zeigen, das es auch anders geht!

    24.08.2006, 22:01 von Schaefchenfisch
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