sailor 20.04.2012, 13:50 Uhr 55 23

Eine Miniatur zur Ironie

»Ironie ist die Diskrepanz zwischen wörtlicher und wirklicher Bedeutung.« sagte Ethan Hawke in »Reality Bites« 1994 eher beiläufig.

Es ist ein für meine Begriffe weit verbreiteter Irrtum, das Menschen meinen ironisch zu sein, indem sie eine andere Meinung kundtun, als der, die sie haben. Was dann gerne mit den Worten: »Ich habe das nicht so gemeint.« ins rechte Licht zu rücken versucht wird.

Ich frage mich dann immer, warum sie, wenn sie doch offensichtlich einer anderen Meinung sind, als der, die sie postulieren, dann eben diese 'andere' Meinung kundtun. Eine ironische Anmerkung ist das Vertreten seiner Meinung mit anderen Worten. Es bleibt ein Interpretationsspielraum und ist damit ein Angebot auf das ich mich als Empfänger dieser Anmerkung einlassen kann.

Wenn ich um den Standpunkt des Anderen weiß und ihm insoweit vertrauen kann, das er diesen nicht verlässt, kann Ironie verstanden werden. Deswegen ist eine gelungene »ironische Kommunikation« ein sicherer Gradmesser dafür, inwieweit ich dem anderen vertraue und vor allem, inwieweit der (oder die) Andere mir Vertrauen entgegen bringt. Wer auf der wörtlichen Bedeutung beharrt, ist ein misstrauischer Mensch. Oder Richter. 

Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob die 'ironische Kommunikation' in irgend einer Weise 'witzig' ist. Ein weiterer weit verbreiteter Irrtum, zu glauben, wenn's nur lustig genug ist, sei es auch ironisch. Oder man könne banale Unverschämtheiten verteilen, weil es ja ironisch ist und man eigentlich einer anderen Meinung sei.

Einer anderen Meinung zu sein, als der, die man ausdrückt, ist keine Ironie, sondern Opportunismus. Oder schlichte Gedankenlosigkeit.

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55 Antworten

Kommentare

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    "Es ist ein für meine Begriffe weit verbreiteter Irrtum, das Menschen meinen ironisch
    zu sein, indem sie eine andere Meinung kundtun, als der, die sie haben.
    Was dann gerne mit den Worten: »Ich habe das nicht so gemeint.« ins
    rechte Licht zu rücken versucht wird."

    Da stimme ich Dir zu !

    10.03.2013, 17:39 von ellijas
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      Da danke ich dich für...

      10.03.2013, 17:48 von sailor
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      Aber immer...

      31.08.2012, 15:46 von sailor
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    Oh wie schön dein Text ist, gefällt mir sehr gut. Ironie ist doch eigentlich nur eine Spielart der eigentlichen Unterhaltung. In der Ironie betrachten man die Dinge aus einer anderen Distanz, verhöhnen den eigentlichen Sachverhalt, überziehen den Rahmen, um den es geht. Oft wird Ironie auch als Totschlagwaffe in der Unterhaltung eingesetzt, worauf ich persönlich ja gar nicht kann.
    Opportunes Verhalten hingegen kommt auch in anderen kommunikativen Zusammenhängen vor, auch oft dann wenn es innerhalb von Dialogen divergent zugeht. Da ist es oft leichter ist sich einer vemeintlich plakativen Meinung anzuschließen anstatt auszuhalten, dass die Distanz gerade vergrößert wird. Nähe und Distanz sind genauso wie Macht  kommunkationsimmanete Phänomene und können nicht überwunden werden. Sie gehören dazu. Ähnlich ist es mit ironischen Anspielungen. Da ergeben sich auch ganz schnell Machtverhältnisse, die dazu führen können, dass auf unterschiedlichen Ebenen kommuniziert wird und der eine den anderen nicht versteht. Ja ja, spannend spannend, lieber Kapitän!

    16.08.2012, 23:50 von Sultanine
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  • 1

    wat isn lous? sprich dich aus :)

    23.04.2012, 21:22 von Faraduna
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      Bei mir is doch nix mehr los...

      24.04.2012, 09:39 von sailor
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    Ironieverständnis setzt Sicherheit im Urteilsvermögen voraus.
    Der spielerische Umgang mit Tatsachen und Verbindlichkeit, das Auflockern von Irrtümern im Hervorheben des Gegenteils, braucht eine Souveränität darüber, was wahr und unwahr ist.
    Einer Frau mit Kurzhaarbürstenschnitt, Jeans, Bikerjacke und schweren Boots, der die Bemerkung ihrer Kollegin, "ich mag deine Vorliebe für traditionelle Weiblichkeit" kein Lächeln oder ebenso ironischen Konter, sondern Misstrauen und Streit abringt, hat offenbar keine eigene Sicherheit darüber, wo sie ihr Wahrgenommenwerden einordnen kann.
    Damit Humor und Entschärfung durch Übertreibung, Überraschung und Umkehrung (eben Grundlage der Ironie) in der Kommunikation möglich sind, braucht es nicht nur Intelligenz und Selbstverständnis, sondern auch die Fähigkeit Distanz zuzulassen, auch wenn man sie nicht zwingend selbst so unterschreibt. wer ängstlich und unsicher ist, tut sich meist schwer damit.

    23.04.2012, 11:31 von schauby
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    • 0

      gutes Stichwort, mal unabhängig von dir als Person, liebe Sasali :)

      es gibt die beliebten Alibi-Situationen mit entsprechend kognitiven Dissonanz- und Verwirrungspotenzial, in denen einer
      das Gegenteil der Sache zwar erkennen, benennen und somit theoretisch distanzieren
      möchte, aber praktisch gelebt und gehandelt nichts davon repräsentiert.


      23.04.2012, 12:02 von schauby
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    • 2

      @ Sasali

      Ich hätte die Komplexität der Sache auch auf die verkürzte Reduktion eines Zitats von Nietzsche abhaken können:

      "Das stärkste Anzeichen der Entfremdung der Ansichten bei zwei Menschen ist dies, daß beide sich gegenseitig einiges Ironische sagen, aber keiner von beiden das Ironische daran fühlt."

      aber dann kommt wieder so ein argwöhnisch Verbissener aus seiner Mulde gekrochen und
      möchte mir seine Begriffstutzigkeit zum Vorwurf machen, ich wüsste oder könnte nicht selbst beschreiben.. blablub.. 
      von dieser schweren Bürde kann ich latente Kleingeister und Schaubyfreunde dieser Art zuweilen großzügig befreien. :)

      23.04.2012, 12:44 von schauby
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    • 0

      also all jener Strauß dialektisch und ambivalent miteinander verschränkten Komponenten und Facetten, die bspw. Jackie Schnecki in ihrem frommen Wunsch nach dem "einen wahren Ich" unordentlich stören.

      23.04.2012, 15:20 von schauby
    • 0

      all

      23.04.2012, 15:21 von schauby
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    • 1

      um mal in deiner Methaper des Schwindligkeitsgefühls zu bleiben: manchen gelingt es, während des Karussellfahrens der Kommunikation, die ganze Kirmes und verschiedene Fahrgeschäfte getrennt voneinander zu verorten, und andere verlieren sich leicht in der Überwältigung des selektiven Augenblicks. .. und kotzen die anderen Teilnehmer mit ihrer unreflektierten Furcht und Überforderung voll.   

      23.04.2012, 15:53 von schauby
    • 2

      Was für Klugscheisser hier rumlaufen. Holen sich ihre Bestätigung auf Neon.de indem sie hier die intellektuellen Wortakrobaten spielen. 

      03.05.2012, 17:11 von See_Emm_Why_Kay
    • 2

      es melden sich immer die richtigen zur Stelle.
      das zum Thema Überforderung und Gekotze, Better dont ask why See Emm Hohlfrutte.

      03.05.2012, 19:20 von schauby
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      Ich spiel' nur Wortakrobat.
      Aber das mit Freude...

      04.05.2012, 10:13 von sailor
    • 0

      @Shauby / Sasali: Nette Unterhaltung, liest sich echt nicht schlecht, schön mal was Funkelndes in dem ganzen Kies zu erwischen ;-)

      16.08.2012, 23:39 von Sultanine
  • 0

    Wie kommt es denn zu solch einem Text?

    23.04.2012, 01:50 von justanotherpicture
    • 0

      Hatte ich mich auch gefragt :)
      Das Thema Opportunismus wurde ja kurz angeschnitten, das hätte mich auch noch mehr interessiert.

      23.04.2012, 06:19 von Mrs.McH
    • 0

      Im Prinzip, 'nur so'

      23.04.2012, 08:41 von sailor
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      Glaub ich nicht, glaub ich nicht :) Irgendetwas hat Dich doch bestimmt angesprungen, oder?

      23.04.2012, 08:43 von Mrs.McH
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      Die Situation mit dem 'Ich habe das nicht so gemeint' liegt ein paar Jahre zurück. Da war ich unbeteiligter Zuhörer und darüber verwundert.

      Eine Freundin von mir verwirrt ihr Umfeld mit Selbstironie und ist ansonsten recht anspruchsvoll in Sachen Kommunikation.

      Ein Kollege geht mir mit penetranter Humorlosigkeit auf den Keks.

      So fügt sich das alles zusammen...

      23.04.2012, 08:48 von sailor
    • 1

      Sehnse! Gleich mehrfach angesprungen :)
      Selbstironie mag ich, wobei das für mich oft eine unausgesprochene Frage des/derjenigen wirkt. Eine Art "fishing for compliments" je nachdem in welche Richtung es geht. Aber eine gesunde Portion gefällt mir.

      23.04.2012, 08:52 von Mrs.McH
    • 0

      Hei nun... Ich reagiere nunmal gelegentlich auf meine Umwelt...

      23.04.2012, 10:29 von sailor
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  • 0

    Ansich mag ich Ironie, wenn ich die Person dahinter einschätzen kann. Sobald Ironie als Entschuldigung für unüberlegte Äußerungen missbraucht wird, find' ich's ätzend.

    22.04.2012, 17:26 von nyx_nyx
    • 0

      Hat wohl gelegentlich auch etwas von "sich ertappt fühlen", wenn man im Nachhinein angibt, es sei Ironie gewesen. Vielleicht deswegen auch irgendwo da unten in den Kommentaren die Unsicherheit als Begrifflichkeit.

      22.04.2012, 17:27 von nyx_nyx
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