O.T.Hiddensee 18.04.2008, 05:05 Uhr 1 6

Eine Latte im Sitzverzehr

Nun mal die hoffentlich frischgewaschene Hand aufs hoffentlich gesund pumpende Herz, lieber Leser:

Hast Du schon einmal darüber nachgedacht, dass die gläubigsten Hausfrauen wohl nicht die besten Köchinnen ihrer Zunft sind?

HAST DU? Schau mich an! Wirklich? - Vermutlich eher nicht…

Doch das ist gar nicht schlimm, Leserherz, dafür hast Du ja mich und mein stets erhellendes Gedankengut, an welches Du dich in klammen Momenten klammern kannst, wenn Du hustend und prustend in den Stromschnellen alltäglicher Wirrnisse unterzugehen drohst.

Ungeduldig wischst Du dir nun der Wissbegierde Speichelfluss von den Lefzen und wartest auf Erläuterung und Untermauerung der von mir leichtfertig hinausposaunten, wenn nicht gar hinausalphornten (oder im scooterschen Sinne hinausmegaphonten) Hausfrauenpolemik.

„Ist es etwa nicht so“, rufe ich, „dass in dem Milieu, in dem die gemeine Hausfrau ihrem jahrtausende altem Gewerbe nachgeht, traditionell zum Sonntagmittag das festlichste Mahl der Woche gekocht und –sofern gelungen- auch aufgetischt wird?“
Die praktizierende Christin aber hält sich im zeitlichen Vorfeld erstmal, berauscht und gebenedeit vom Volksopium kirchlichen Glaubens, im Hause des Herrn auf, um dort Halt und Seelenwaschung für die kommende Woche zu erlangen.
Bis dort jedoch das volle Programm abgespult ist - also Vorgruppe, bzw. Vorchor, dann Lithurgie und anschließend geselliges After-Show-Plaudern mit Gleichgesinnten - ist es leicht halb zwölf und da braucht man nun wirklich keinen Braten mehr in die Röhre zu schieben, denn der braucht Weile und die Restfamilie speichelt bereits ab vor Hunger.
Ergo werden wieder rasch und routiniert ein paar Scheiben Schwein flunderflach geklopft, in Panade gewandet und dazu etwas Wurzelgemüse und/oder Hülsenfrüchte weichgegart. - Sonntag bei fundamentalen Christen eben. – So wird man nicht Sarah Wiener, denn dieses „gottlose Flittchen“ (Bill Kaulitz in seinen „3 Magdeburger Predigten“) ist einem um hunderte Sonntage voraus mit Schmurgeln und Brutzeln erlesener Spezialitäten.

Es soll übrigens, heißt es, um zunächst beim Thema Kirche zu bleiben (nur um dann elegant auf das nächste Thema überzuleiten), in Ausübung des Pfarrer- und Pastorenberufs Momente geben, besonders während der Predigt von der Kanzel, die – möglicherweise in Verbindung mit einem guten Schluck Messwein - eine durchaus körperlich spürbare - erhebende Wirkung auf den Vortragenden haben.
Im Fachjargon spricht man dann von der „Messlatte“, die man bekanntlich nicht zu hoch ansetzen soll.
Hierbei handelt es sich nämlich nicht um eine zeitgeistige Kaffeespezialität, die der moderne Christ zum Höhepunkt seiner Religionsausübung anstelle von Rebensaft als Blut Christi verköstigt, sondern um eine männlich-körperliche Reaktion, die vom Aussterben bedroht zu sein scheint.
Zumindest erhält man diesen Eindruck beim Betrachten der ärgerlich hohen Anzahl an Spam-Mails, die sich einem – wenn man im Hausflur seiner digitalen Existenz daran vorbei schleichen will - aufdringlich aus dem übervollen Briefkasten entgegenrecken, wie lauter Erektionen.

Ein zu kurzer oder zu schlaffer Penis oder zumindest ein vom Träger oder dessen libidinösem Intimus als zu kurz oder schlaff empfundener, scheint das am meisten verbreitete und somit „mainstreamigste“ Gebrechen zu sein unter dem der männliche Bevölkerungsteil zu leiden hat und damit auf die ein oder andere Weise, sozusagen auf einer Sub-Ebene, auch der weibliche, bzw. je nach sexueller Ausrichtung dann doch wieder der männliche.

Aber ist es nicht die eine Sache, wenn windige Absender uns unaufgefordert mit virtuellen Wurfsendungen zumüllen und eine ganz andere, welche Themen uns tatsächlich die Herzen schwer machen und die Kehle zuschnüren?

Ist es nicht. Denn Geschäftemacher aller Art, ob seriöse oder kriminelle (bzw. ist die Schnittmenge zwischen Geschäftemacherei und Kriminalität in der Regel enorm groß), stürzen sich, um erfolgreich beim Rezipienten anzudocken, mit großer Zielsicherheit immer auf die Schwachstellen einer möglichst großen Gemeinde und sind daher ein guter Indikator für die wahren Nöte und Bedürfnisse der Gesellschaft.
Das bedeutet: Hätte die erwähnte Penisproblematik nicht auch tatsächlich diese staatsbetrübende Gewichtung, gäbe es auch nicht diese Fülle monothematischer Mist-Mails und man würde stattdessen, wäre die Volkssorge Nr.1 zu warmer Stuhlgang oder Aufstoßen nach Schaumweingenuss, mit Kotthermometer- oder Sektquirl-Spams überschüttet.

Die amerikanische Filmindustrie (übrigens ein Paradebeispiel für die Mischmenge aus Geschäftssinn und Kriminalität), hat das ebenso erkannt und kurbelt seit vielen Jahren routiniert diese halbwegs jugendfreien Penisstreifen runter, in denen ein Rudel spätpubertärer Junghunde vor lauter Hormonfestival nicht weiß, wo es seine permanenten Erektionen hintun soll.
Dabei stellen sie sich, des Unterhaltungswertes und Humorverständnisses wegen, selbstverständlich ständig dümmer an, „als die Polizei erlaubt“.

Doch wie dumm ist eigentlich erlaubt?

Wir leben in keinem Polizeistaat - die allgemeinen Regeln werden im Gegenteil eher lasch auf Einhaltung überprüft: Beispielsweise dachte ich etwa bis zu meinem 25. Lebensjahr, dass Skandinavien neben Schweden, Norwegen und Co ein weiteres „dieser Länder da oben“ sei.
Ganz schön dumm, sollte man meinen und doch habe ich dafür weder in Stadelheim Bettlaken aneinander knoten, noch zusätzlich Zeitungen austragen müssen, um ein saftiges Bußgeld „abzudrücken“- mein Führungszeugnis blieb clean.
Das BKA und erst recht CIA, NYPD usw. erlauben also „ganz schön dumm“ und eine ganze Latte an windigen Ich-AGs nutzt dies aus.
Ich glaube zumindest, dass es sich bei solcherlei Ganoventum um kleinste Parzellen handelt, da ich immer Schwierigkeiten hatte, mir vorzustellen, wie die Heerscharen von Angestellten in den geheimen Zentralen der Bond-Bösewichte organisiert sind:

Unterschreiben die im Arbeitsvertrag eine Geheimhaltungsklausel, geben ihre LStK an den Buchhalter des Bösen ab und feiern gewerkschaftsverträglich Überstunden ab, wenn die Unterjochung der Erdbevölkerung gerade mal nicht akut ist?
Und wo wohnen diese zahlreichen Mitarbeiter und ihre Familien, wenn die diabolische Hi-Tech-Zentrale im Untergrund eines Vulkans inmitten eines schwer zugänglichen Regenwald-Gebietes liegt? Liefern UPS und FedEx dorthin? Gibt es dort wohl eine Kantine, in der alle, wenn das Böse mittags Pause macht, die Klassiker Schnitzel und Currywurst verzehren?
Und wird dies eilig im Stehen vollzogen, oder im Sinne eines Mindestmaßes an Esskultur dann doch im Sitzen?
Seltsame Gedanken, die man sich macht, wenn man irgendwo in Berlin Menschen sieht, die 20 Meter unter der Erde an einem U-Bahnsteig an Stehcafé-Tischen lehnen, was ich ähnlich absurd finde, wie Urlaub im Industriegebiet und ungerührt von dem absurden Ambiente Kuchenbröckchen in ihre malmenden Münder gabeln, während eine große Tafel neben ihnen auf eine Zweigstelle verweist, mit den funkelnden Worten: „Besuchen Sie auch unseren Sitzverzehr in der XY-Straße“.
Kurzentschlossen kommt man überein, da auch die Beine allmählich schmerzen, noch auf einen Absacker-Bohnenkaffee, oder gar eine Latte dort vorbeizuschauen und eigentlich hat man auch noch ein kleines Hüngerchen, vielleicht gibt es dort ja Mittagstisch, der Koch wird doch wohl nicht ausgerechnet praktizierende Christin sein…

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1 Antworten

Kommentare

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    Großartig! Sehr lustig! Und das auf einem sprachlichen Niveau, das hier sicher nicht Seinesgleichen sucht, denn dann müsste es deutlich schlechter sein.
    Ich meine: Mit so einem Text könnte der Tag von mir aus öfter anfangen. Worum ging es eigentlich nochmal genau? Egal: Meine Empfehlung!

    18.04.2008, 08:18 von Pamina
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