Eine Betrachtung des individuellen Glücks
Von der Reise einer Suche nach dem richtigen Maßstab, der falschen subjektiven Wahrnehmung und der disruptiven Auffassung vom Glück.
Als kleines Kind konnte ich mit dem für mich zu jener Zeit abstrakten Begriff wenig anfangen, die wahllose Verwendung des Wortes hat mich stets und überall umgeben. Die Erwachsenen sprachen immer davon welches Glück sie doch haben, oder das man doch gefälligst glücklich sein sollte – ich habe dies damals nicht verstanden.
Meine ersten Jahre in der Schule konfrontierten mich jedoch ohne Schonfrist mit obiger Thematik. Glück schien mir damals als selbstverständlicher Bestandteil des Lebens, beschränkt durch vordefinierte Faktoren wie Herkunft, der Höhe des Taschengelds und der Beliebtheit. Zum Glück war ich noch ein Kind – zum Glück habe ich mich geirrt.
Jahre später geblendet von der ersten großen Liebe, die mir fünf glückliche Jahre zuspielte, schien mir die Antwort auf der Hand liegend. Glück ist Liebe, schließlich war ich doch glückl’ich’. Nach der Beziehung habe ich das anders gesehen – die Liebe lässt einen die Dinge lediglich schöner erscheinen, welches wir dann als Glück interpretieren.
Mit Anfang 20 habe ich realisiert, in welchem essentiellen Zusammenhang Freundschaft mit Glück steht. Der direkte Vergleich zu Anderen ließ mich schlussfolgern, dass glücklich ist wer Freunde hat, oder nur den einen bedingungslosen Freund. Seit 15 Jahren habe ich diesen – Freundschaft ist scheinbar ’m’eine Unterform des Glücks.
Ich habe die Subjektivität vom Glück zum ersten Mal in China auf dem Land erlebt, als ich einem kleinen Mädchen einen einfachen Luftballon schenkte. Sie malte mir ein Zeichen auf und sagte immerzu Fú was, wie ich heute weiß, Glück bedeutet. Sie hatte noch nie einen Luftballon gesehen – ich hatte noch nie ein so glückliches Kind gesehen.
Heute bin ich kein Kind mehr, das Glück an sich hat sich nicht verändert, aber dafür meine Perspektive. Jeder Tag des Älterwerdens, jede Reise ins Ungewisse, jede Berührung mit der Liebe und jede widerlegte Auffassung vom Glück haben die Frage neu aufgeworfen und zugleich die Antwort neu definiert. Es scheint als sei das Verständnis vom Glück so ungreifbar wie das Leben selbst – ein Erklärungsversuch:
Ein Ausflug in die Theorie. Csíkszentmihály beschreibt die Signifikanz von persönlichen Neigungen und Stärken auf das individuelle Glücksgefühl, in Verbindung mit der schöpferischen Leidenschaft. In einem Wort ’Flow’. Heute erkenne ich mich genau in dieser Auffassung vom Glück wieder. ’M’eine Grundbedingung hierfür ist jedoch variatio delectat, ohne maßvolle Offenheit für das Neue nimmt das Glück ab. Je mehr ich mich in meine Arbeit, die ich mehr als liebe, vertiefe desto mehr schwebe ich im Glück. Dies spiegelt sich auch in vielen anderen Teilen meines Lebens wieder – ich definiere mein Glück zunehmend über das was ich mache und insbesondere der Intensität mit der ich es mache.
Beim Schreiben bin ich auf ein interessantes und offensichtliches Paradox gestoßen. Das Glücksspiel impliziert einen nicht beeinflussbaren Zufall, im positiven und oder auch negativen Sinne. Der Volksmund sagt jedoch „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Wie kann Glück auf der einen Seite durch den Zufall bestimmt sein, aber auf der anderen Seite eine anteilige Verantwortung des Einzelnen beinhalten? Ich denke der Fehler liegt in der Sprache – im Latein differenziert man zwischen Fortuna und beatitudo, Glück haben und glücklich sein.
Letztendlich bleibt die Suche nach dem Glück für mich eine ungewisse Reise – sie nimmt ihren Anfang mit dem Bewusstsein für die Existenz, Ihr Ende mit dem Tod und der abschließenden Frage, ob man glücklich war.
Tags: Individuell, subjektiv






Kommentare
Ein Paradox beschreibt einen scheinbaren oder tatsächlichen Widerspruch, ergo es handelt sich um ein Paradox. Auf den ersten blick macht es den Anschein ;)
Das Paradoxon, das du erwähnst, ist keines. Du weist ja schon selbst darauf hin, indem du von anteiliger Selbstverantwortung sprichst. Der Schmied aus der Volksweisheit bestimmt nicht über die Qualität des Materials, das er bearbeiten kann, ihm obliegt lediglich die Bestimmung der Arbeitsbedingungen gemäß seiner Fertigkeiten, seines Wissens und seiner Ziele.
31.12.2011, 09:25 von VarekesDu hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Der Artikel ist kein Ratgeber, nur eine (von unendlich vielen) Perspektiven. Dann hat sich die Mühe ja gelohnt!
30.12.2011, 22:09 von seek4happinessIch las noch keinen expliziten Glücksratgeber - man kommt jedoch nicht daran vorbei, dass einem jeder klarmachen möchte, wie man glücklich wird.
30.12.2011, 22:05 von TilmannKleyeDa meine ich nicht Deinen Text. Du versuchst die meist wahren Einsichten ja nicht bei thalia zu verramschen.
Aber was Deinen Kommentar soeben betreffen könnte: Leute, die neue Dinge angehen, sei es eine Kunstform, die man gerade beginnt, eine Arbeit, auf die man sich freut oder eine neue Sportart, entwickeln nachweislich die so oft zitierten Dopamine und Endorphine, die, ganz materialistisch gesehen, für Glücksempfinden zuständig sind: So weit der Mann im Fernseher vorgestern, der vertrauenswürdig anmutete und jeden Mist aus seinem Magnetspintomographen abzulesen vermeint.
Viele vielen Dank - Es war unglaublich interessant so was mal (digital) zu Papier zu bringen. Mein Glück.
30.12.2011, 21:57 von seek4happinessEin sehr wertvoller Beitrag. Geistig,- aber auch verständlich (ha) genug geschrieben.
30.12.2011, 21:53 von TilmannKleyeAuf die Suche nach dem Glück machen sich übrigens die meisten selbst - mit diversen Strategien. Dank eigener Erfahrungen, dank Mit-Menschen (und die sich Zeit für Deinen Text nehmen, werden vielleicht tatsächlich inspiriert, wie sie zufriedener und dadurch glücklicher werden können. - meine Erfahrung zum Thema)
Ich suche auch nicht - ich definiere neu !
ja, genau!;)
31.12.2011, 01:35 von Konfuse_MuseInnerer Frieden, ist die unverzichtbare Grundbasis. Solange Du suchst und definierst, wirst Du niemals finden, was andere als "glücklich sein" bezeichnen.
30.12.2011, 00:57 von Konfuse_Muse