ohkathrina 05.08.2010, 11:20 Uhr 26 36

Eine autonome Zelle inmitten freier Radikale

Jetzt bist du 25 und du fühlst dich irgendwie nicht so gut. Das liegt nicht an den Augenrändern, das liegt nicht am Kaffee, nicht am Wodka

und auch nicht an der Schachtel Zigaretten.Das liegt an Worten. Worte, die du schon gehört hast, als du noch Pausenbrote getauscht hast. Worte, die mit 16 nicht weniger furchtbar waren, als jetzt. Worte, die alle etwas mit den Drei Apokalyptischen Reitern zu tun haben: W, B, K. Wirtschaft, Beruf, Karriere.
Deine ganz persönlichen Boten einer Hölle, die sich Gespräch-über-deine-Zukunft nennt. Da sitzt du dann nämlich und vor dir jemand, der ein Lineal an seinen Lebenslauf gehalten hat und alle fünf Zentimeter ein Höhepunkt und alle zwanzig eine Beförderung und alle vierzig Jahre so schnell vorüber.

Bei dir hingegen hat keiner ein Lineal drangehalten. Deine Messlatte bestand immer aus "Macht mir das Spaß?" und deshalb ist bei dir gar nichts gerade und gar nichts linear und erst recht nichts zielorientiert. Zumindest nicht auf ein Endziel ausgerichtet. Nicht auf Karriere und Wirtschaft ausgerichtet. Bei dir ist das Ziel der Weg. So einfach. So hast dus dir gedacht, so war mal der Kein-Plan-Plan.

Und jetzt, jetzt soll das also vorbei sein. Immer öfter wirst du gefragt: und, was ist jetzt? Und du weißt nichts darauf zu sagen. Ja, was ist denn jetzt. Donnerstag ist jetzt. Du hast Bauchschmerzen vom Sorgenmachen um die Antwort auf diese Frage, wie kleine bissige Tiere hast du die Frage runtergeschluckt und jetzt zwickt und frisst sie in deinem Magen herum, als wäre das oke so. Du bist 25 und du hast kein abgeschlossenes Studium. Na und, sagst du, und jetzt und jetzt und jetzt, denkst du. Die anderen arbeiten gegen die Tierchen an, arbeiten mehr und noch mehr und immer mehr, um die Tierchen nicht mehr zu spüren, immer schneller und immer mehr, dann tut es nicht mehr so weh.

Du bist aber nicht so schnell. Du willst sie lieber einfach auskotzen, die kleinen Tiere und du willst, dass sie deinen Magen in Ruhe lassen, dich und deinen Bauch. Und du willst, dass niemand mehr fragt, was du schon so alles gemacht hast und was du jetzt so "ganz konkret" vorhast und du willst auch niemandem mehr erklären müssen, warum du nicht mehr mit 100en anderen in überfüllten Hörsälen sitzen wolltest, warum du keine Hausarbeiten im Akkord schreiben wolltest, warum du dich selber gar nicht mehr gemerkt hast zwischen diesen ganzen aufgedrehten und überspannten Studenten, die dir so fremd waren, dass du meistens gar nicht mehr wusstest, was du sagen sollst-und in welcher Sprache.

Du willst lieber sagen, dass die Jahre am Theater die lehrreichsten deines Lebens waren, dass du die Souffleuse all der Typen warst, die die anderen nur aus dem Fernsehen kennen, dass du mit Menschen getrunken hast, die du vorher nur im Kino gesehen hast und die dir Dinge beigebracht haben, die du nie vergessen wirst und die besser sind als jedes Coaching über Personal Marketing. Du willst lieber erzählen, wie das ist, vor tausend Menschen auf einer Bühne zu stehen und vor Angst fast ohnmächtig zu werden, den Text aber doch irgendwie hinzubekommen und dann der Applaus und dann die Abmoderation und dann die Punkte und dann endlich die süße Erleichterung. Du willst lieber von all den Jahren am Theater und in dieser verrückten Welt zwischen Probebühne, Luxus-Theater, Auftritten in billigen Kaschemmen und dunklen Spelunken und dann wieder Sekt auf der Premierenfeier erzählen. Von den Mädchen dort, die dich so einen langen Weg begleitet haben, der Maskenbildner, der die tollsten Frisuren schneiden kann und von den Technikern, die für alles eine Lösung wissen, egal, wie absurd das Problem ist. Du willst von all den Nächten in fremden Städten erzählen, wenn du wusstest, dass du heute und gleich und in ein paar Minuten vor hunderten, manchmal tausenden Menschen deine Texte vortragen wirst, in der zittrigen Hoffnung, dass das irgendwem gefällt und dann die Bestätigung, dass es wirklich gut gefällt und dann der Sieg und deine kleine Trophäe und der Moment am nächsten Morgen, wenn du kapierst, dass dir das gerade alles passiert. Nur dir. Dir allein.


Du denkst an den Berufsberatungstest. Die haben gesagt, du sollst Biologie oder Germanistik studieren. Das wäre das richtige. Zu 96, 89 Prozent. Du hast Germanistik gehasst. Nein, das stimmt nicht. Du hast nur die anderen im Seminar gehasst. Jetzt jedenfalls bereitest du dich auf dein Kunststudium vor. Und arbeitest in der Online Beratung einer großen Agentur. Das macht dich glücklich. Beides. Das hättest du vor einem Jahr noch nicht gedacht, jetzt ist das aber so.
Du trinkst kaum noch und du wohnst jetzt in Winterhude. Das ist ein Stadtteil, den die anderen ein bisschen spießig finden. Du findest ihn super. Die anderen, das sind jetzt zwei. Zwei Arten von Menschen.


Die einen feiern immer noch jede Nacht bis ihnen schlecht wird, ziehen sich weißes Glücklichsein durch die Nase, das am nächsten Tag schmilzt und nur Matsch zurückbleibt, das sind die, die nie aufhören, zu suchen, weil sie nicht sehen, was sie schon gefunden haben. Du findest das in Ordnung. Auch, wenn meistens gar nichts mehr in Ordnung ist. Auch, wenn du schon etwas gefunden hast, das du behalten darfst.

Die anderen, das sind die, die jetzt bohrender fragen. Nach Abschlüssen und Zukunft und Studium und Qualifikationen. Das sind die, die sagen, dass du dir das doch gar nicht leisten kannst, das nicht-wissen-wohin-aber-es-versuchen, die Wohnung, das Wollen.

Du redest mit beiden nicht mehr. Denn am Ende ist es dir egal. Ganz egal, was sie sagen und denken und glauben. Für dich mitglauben. Denn am Ende schließt du leise eine Tür auf, wo schon jemand auf dich wartet. Jemand, der für dich da ist und der dich ganz wunderbar findet. Jemand, dem ein Studium egal ist, so lange du in Ordnung bist. Jemand, der deine Schränke aufgebaut hat und der jetzt mit dir da wohnt, in Winterhude, ganz spießig und ganz wunderbar. Jemand, der an dich glaubt. Und eigentlich sind es sogar zwei. Nämlich du und er und er und du. Eine autonome Zelle in der Mitte von freien Radikalen, der es gleichgültig ist, was auf den vier ausgedruckten Blättern steht, die Lebenslauf heißen.

Du hältst deinen Kopf vor Müdigkeit und den Bauch vor Angst. Das macht nichts, das geht schon klar so. Ein bisschen Angst gehört immer dazu. Das heißt, dass du wenigstens noch eine hast. Noch eine um etwas. Das heißt, dass du wenigstens noch etwas zu verlieren hast. Oder schon etwas. Das ist doch auch etwas wert. Auch, wenn keine Zahl das messen kann. Auch, wenn kein Lebenslauf das aufführen wird. Du hast etwas erreicht. Und das gehört jetzt dir. Dir ganz allein. Du bist jetzt 25 und du fühlst dich irgendwie… gut."Wichtige Links zu diesem Text"
http://www.kathrinwessling.de

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26 Antworten

Kommentare

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    ich reise gerade von deinem Blog in diesen Text und beides berührt mich. Wir Menschen-Tiere sind ja gerne berührt, wenn wir etwas am eigenen Leibe oder in der eigenen Seele erfahren. So auch ich. Ich bin seit heute 25 und die Tierchen beißen doch schon seit Jahren. Ich bin enttäuscht über die Unaufgeregtheit dieses meines Geburtstages und über alles, was mir an meinen persönlichen Hulk verloren gegangen ist, das blöde Schwein. Nie war es so diffus-wabbelig und so offensichtlich zugleich. Wie eine Wand aus Geleé, oder wie sich das cool schreibt.
    Vielen Dank jedenfalls für das Aussprechen von Dingen. Hör nicht auf.

    19.11.2010, 18:04 von Thefox
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    wunderbar authentisch, nachvollziehbar und interessanter stil

    11.08.2010, 12:52 von lilamohn
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      @lilamohn "...das sind die, die nie aufhören, zu suchen, weil sie nicht sehen, was sie schon gefunden haben. "
      Eine von vielen Zeilen, die es auf den Punkt bringen.
      Kompliment.

      24.10.2010, 17:30 von ichundalldieanderen
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    wow.

    08.08.2010, 06:33 von todaystomorrow
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    Hm, wer kennt diese Krisen nicht? Ich habe auch studiert, ohne groß zu "planen" - als ich anfing, hieß es noch, ein Studium, egal in welchem Fach, sei ein Garant für einen guten Job. Dann kippte die ganze Chose und ich stand nach dem Studium, in dem ich all das gemacht habe, wovon ich jemals träumte, auf der Straße. Immer noch mit der Hoffnung, dass ich mit dem, was ich kann und was ich liebe, einen mich ernährende Arbeit finde- auch wenn es null mit Wirtschaft und Marketing zu tun hatte.
    Es scheint aber nicht zu reichen..und weil die kleinen Paniktierchen im Bauch allmähich zu einer Mammutherde anwuchsen, zog ich die Notbremse- jetzt mach ich eine Ausbildung zur Speditionskauffrau bei einem internationalen tätigen Unternehmen. Und hab auch mit ihr gerungen, inwieweit ich mich und meine Träume, Ziele dadurch verrate.
    Nach einer Woche in dem Laden weiß ich: da ist kein Verrat. Ich hätte diese Ausbildung direkt nach der Schule nicht machen können. Ich habe jahrelang von meinem eigenen Theater erzählt und gelebt- und das hat mich jetzt erst zu dem Menschen gemacht, der jetzt überhaupt in der Lage ist - charakterlich wie vom Wissen her- um so einen Weg mit einer gewissen Ruhe zu gehen. Und letztlich werd ich beide Wege kombinieren können- vielleicht besser,als ich es auf einem einzigen je könnte.
    Das findet sich alles.
    By the way: ich bin fünf Jahre älter als Du, da kann noch viel passieren ;)

    06.08.2010, 23:08 von Pirkko
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      @[Benutzer gelöscht] Er wird sterben.

      06.08.2010, 22:03 von quatzat
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    Der Text gefällt mir recht gut, ist schön leicht geschrieben.

    Aber sind es nicht eigentlich Vier apokalyptische Reiter (wenn man von der Bibel ausgeht)? ;)

    05.08.2010, 21:33 von my.Starlight.
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      @my.Starlight. "Worte, die alle etwas mit den Drei Apokalyptischen Reitern zu tun haben: W, B, K. Wirtschaft, Beruf, Karriere.
      Deine ganz persönlichen Boten einer Hölle"

      Schon der Vergleich allein ist doch genial :) Jedenfalls in meinen Augen. Da mag ich jetzt mal nicht politisch korrekt sein und relativieren, kein großes BlaBla. Denn der Vergleich passt perfekt in genau diesen Artikel. Da drückt man doch gern mal ein Auge zu, auch wenn es mehr als drei apokalyptische Reiter in der Bibel gibt.

      06.08.2010, 08:54 von Cyro
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    Schöner Text. Gibt Mut. Empfehlung!

    Falls er autobiografisch ist, viel Erfolg, bei allem das Du so vor hast.

    05.08.2010, 19:19 von freaky-nea
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    find ich gut. ich bin aber auch zum glück noch jung genug, um meinen lebenslauf so umzuformen, dass die löcher im lebenslauf nicht so auffallen.

    05.08.2010, 18:34 von Io_sono_Daphne
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      @[Benutzer gelöscht] Ach ja, manchmal möchte ich Kommentare empfehlen können. Beispielsweise Deinen.

      06.08.2010, 08:57 von Cyro
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      @Cyro Um die nimmersatte Gier, den dekadenten Überfluss und perversen Reichtum relativ weniger zu realisieren, sind die Strukturen sind so angelegt und eingefahren, dass es eine große Masse ruhiggestelltes Ausbeutungsvolk und Vieh geben muss. Das is ne Binse. Die sind vielleicht nicht alle furchtbar unglücklich, aber zum Lachen aus tiefsten Herzen oder zur Besinnung kommen die auch nicht viel.

      Dabei gibt es in unserer Neidgesellschaft ein interessantes Phänomen: Nicht die freundlich lächelnden Ausbeuter und kaltkalkulierenden Supereichen weder dabei Zielscheibe des Argwohns, sondern die, die es sich „wagen“ sich eine Zone dazwischen einzurichten, die sich Luft genug und Muße verschaffen, jenseits des Trivalhedonismus, jenseits von stumpf stupider Erwerbsarbeit nach Idealen zu leben, zur Besinnung zu kommen, sich nach Neigung und Anlage zu entwickeln. Denen das Leben zu kostbar ist, als den Mangel an Selbstverwirklichung mit ständiger Bewusstseinsnarkose und Kot und Spiele zu betäuben.

      Wie Frau von Ebner-Eschenbach schon sagte: „Die ‚glücklichen‘ Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit."

      06.08.2010, 15:00 von schauby
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      @schauby der letzte Satz irritiert mich ... 'glückliche' Sklaven sind Feinde der Freiheit ? Weil sie ihr Schicksal nicht akzeptieren ?
      Sklaven sind nun mal nicht frei.
      Vielleicht ist an dieser Stelle interessant was mit Freiheit gemeint ist. Die Freiheit der Wohlhabenden ? Die Freiheit der Arbeitgeber ?
      In dem Fall habe ich da einen Link auf ein kleines Lied ... es heisst "Meine Freiheit - Deine Freiheit", siehe http://www.youtube.com/watch?v=QeGtUSA73_g

      06.08.2010, 18:04 von Cyro
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      @Cyro Sklaverei ist kein Schicksal. Schon gar nicht in unseren Breiten.

      Die Freiheit die Fürchte seines Schaffens selbst zu ernten.
      Die Unabhängigkeit, sich nicht gleichmachen zu lassen, in dem, worin keiner einem anderen gleicht.

      06.08.2010, 18:32 von schauby
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