gurkedestages 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 0

Ein Tag am schwarzen Meer

Autonome und Polizisten scheinen sich wieder unter Kontrolle zu haben. Also, nicht sich gegenseitig, meine ich, eher jeder sich selbst.

Ruhigen Gewissens hat sich unsere Gruppe also aufgeteilt, in eine Jemanden-Suchen-Gruppe, eine Auf-nem-Dach-rumsitzen-Gruppe und eine Klo-Gruppe.
Ich stehe in meiner Schlange und bestaune die Aussicht auf den grauen Rostocker Horizont, etwa zehn Dixie-Klos und drei Clowns, die mit Wassergeräuschimitationen versuchen, ein paar dutzend gefüllte Blasen zum Platzen zu bringen.
Neben mir schreit eine Frau in ihr Handy:“Ich steh in der Scheißhausschlange! In der Scheißhausschlange!!! SCHEIßHAUSSCHLANGE!!!! Man ich muss PISSEN, ich komme jetzt NICHT!!!!“
Sie ist so vertieft, dass sie nicht gleich bemerkt, als sie an der Reihe ist.
Endlich wird mein Klo frei. Es stinkt und ich beeile mich, nach ein paar kurzen Augenblicken öffne ich die braune Plastiktür und blicke in ein schwarzes Meer. Also nicht mit Wasser und Wellen, meine ich, sondern ein schwarzes Meer aus Polizisten und vermummten Autonomen. Es sind Hunderte. Sie stürmen in unsere Richtung.
Ich sehe unsere Leute auf dem Dach, mein jüngerer Bruder ist dabei. Eine bunte Insel im schwarzen Meer.
Bewegung kommt in die Scheißhausschlange und ich kriege mächtig Schiss. Die Brandung umspielt schon unsere Füße.
Wir halten uns fest und als die schwarzen Wellen wieder gen Straße rollen, rennen wir los.
Aber wir haben das Meer unterschätzt, die Strömung ist tückisch hier.
Tosend umspülen Autonome und Polizisten die Insel erneut, mein Bruder immer noch darauf, diesmal aber wir mittendrin. Bevor ich Zeit habe Angst zu bekommen plötzlich Schreie:“Scheiße!Tränengas!!“
Reflexartig kneife ich meine Augen zusammen und versuche mein Gesicht zu bedecken. Wir stehen dicht zusammen und halten uns fest. Verdammt, brennt das Zeug.
Vorsichtig wage ich es meine Augen ein Stück weit zu öffnen. Der Platz wirkt gespenstisch. Wo erst bunte, fröhliche Menschen waren, hat die schwarze Sturmflut ein graues Rauchgeschwader hinterlassen. Unzählige Flaschen und Steine liegen auf dem Boden. Zwei Vermummte rennen auf uns zu. Scheiße, was wollen die denn? Sie bringen uns Wasser.
Endlich klart die Luft wieder auf, unsere Leute hüpfen vom Dach und wir bewegen uns Richtung friedliche Bühne. Die Menschen lauschen dem Konzert. Juli singen von Jahr für Jahr auf der guten Seiten rumstehen.
Ich drehe mich um, die Szenerie ist grotesk. Am Rand des Platzes toben weiter wüste Kämpfe. Wieder fliegen Flaschen, wieder treffen Steine, wieder schlagen Schlagstöcke.

Warum musste es dazu kommen? Warum wird eine friedliche Demo mit über 50 000 Menschen von 2 000 Randalierern zerstört? Warum bieten jene Autome einem Herrn Schäuble die perfekten Argumente, um die demokratischen Grundrechte weiter aufzuweichen? Warum müssen Inhalte hinter Gewaltbildern
verschwinden?

Hinter mir stehen drei Mädchen in Glitzerpumps, sie schmettern enthusiastisch Juli-Songs und umklammern ihre Handtäschchen. Ich nehme den ersten Wasserwerfer wahr.

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