janosch-berlin 30.11.-0001, 00:00 Uhr 21 20

Ein Sommer für Lara

Wenn Lara von Jakob spricht, benutzt sie die dritte Person. Und doch war sie früher er.

„Am schlimmsten ist es, wenn jemand nach Kinderfotos fragt“, sagt Lara, nimmt einen Schluck von ihrem Kaffee und bemüht sich zu lächeln. Kurz blickt sie auf den Tisch vor sich, greift sich an die Schultern und strafft ihr weißes Top. Lara war nie ein Kind, Lara wurde erst mit 20 Jahren geboren. Entschlossen greift sie zu ihrer kleinen Tasche und wühlt darin, schließlich zieht sie ein verblichenes Foto eines vierjährigen Jungen in einem Trainingsanzug der Achtziger Jahre und mit viel zu großer Brille heraus. „Das ist Jakob“, sagt Lara, schluckt und fügt gefasst hinzu: „Und das war mal ich.“

„Wenn ich darüber sprechen soll, habe ich immer das Gefühl, nur alte, abgedroschene Phrasen zu wiederholen. Aber es ist tatsächlich so: Ich hatte schon in der Schule das Gefühl, das irgendetwas mit mir nicht stimmt“, sagt Lara. Dieses Gefühl wurde immer stärker, bis sie sich schließlich, Ende der Neunziger Jahre, das erste Mal über Transgender informierte. „Auch schon wieder so ein Klischee: Ich bin in die Stadtbibliothek, und habe mir ein furchtbares Buch ausgeliehen. Da stand irgendwas von psychiatrischen Störungen, und ich habe es schnell zurückgebracht.“ Das aufkommende Internet bat dem kaum 18-jährigen Jakob später die Möglichkeit, sich genauer zu informieren. Mit dem Regionalexpress fuhr er zwei Stunden zu der Sitzung einer Beratungsstelle in einer anderen Stadt. Danach war es ihm klar: Jakob hatte keine Zukunft.

Mit überschlagenen Beinen sitzt Lara am Tisch vor ihrem Lieblingscafé im Bezirk Mitte. Es ist einer der ersten warmen Tage in Berlin und die Leute drängen auf die Straße. Lara trägt eine schwarze Röhrenjeans, darüber ein langes weißes Top. Die breiten Träger hängen locker über ihren Schultern. „Es wird Frühling“, sagt sie und lächelt. Ob sie Frühlingsgefühle habe? „Jetzt wäre endlich mal die Zeit dafür“, antwortet sie lachend und fährt sich durch die langen, braunen Locken. Sie wirkt gebrechlich, ist nicht außergewöhnlich groß, knapp 1,70, und, wie die meisten Mädchen im Bezirk, ein paar Kilo zu dünn. „Ich hatte das Glück, dass Jakob nie wirklich ein Bild von einem Mann war. Sehr klein und schmächtig, nicht besonders männlich“, sagt sie.

Wenn Lara spricht, zuckt sie oft lächelnd mit den Schultern. Mit starker, fester Stimme erzählt sie von der Therapie, die nötig war, um ein medizinisches Gutachten zu erhalten. Erzählt von Hormonbehandlungen und Antiandrogenen, von Situationen, in denen sie ihre Therapeutin geradezu anflehte, ihr ihre Geschlechtsidentitätsstörung endlich definitiv zu attestieren. Für die rund 1500 Euro, die allein für das medizinische Gutachten zur Namensänderung nötig waren, ging sie über eineinhalb Jahre Zeitungen verteilen. „Das war okay, ich hatte ein Ziel vor Augen“, sagt sie. Die Kosten für die Geschlechtsumwandlung übernahm größtenteils die Krankenkasse. Das Geld für Sprechunterricht lieh ihr Bruder. „Ich bin dabei es abzuzahlen“, sagt Lara lächelnd.

Aufgewachsen ist Jakob in einer mittelgroßen Stadt im Rheinland. In der Schule fiel er kaum auf, das Verhältnis zu den beiden Geschwistern war gut. „Mein Bruder wohnt mittlerweile auch in Berlin. Wir sehen uns oft, er ist einer der wichtigsten Menschen für mich“, sagt Lara, und die Aufrichtigkeit ihrer Worte hört man in ihrer Stimme. Von ihrer Schwester spricht sie kaum. Sie wohnt mit zwei Kindern und Mann ganz in der Nähe ihres Elternhauses. Nach einem Streit war der Kontakt abgebrochen. Eskaliert war die Situation, als die Schwester sie am Telefon über Monate hin „Jakob“ genannt hatte. „Das war nicht immer Zufall“, sagt Lara mit Überzeugung und ihr Lächeln wirkt bitter.
„’Es ist deine Wahl’, hatte meine Mutter mal gesagt, das war das schlimmste“, Lara muss schlucken, „verdammt, es war nicht meine Wahl, ich hatte nie eine verdammte Wahl. Hätte ich mir sonst dieses Leben ausgesucht? Diese ganzen Erklärungsversuche? Wenn ich eine Wahl hätte, wäre ich nicht transsexuell, dann würde ich in einem Reihenhaus wohnen und glücklich meinen Kindern beim Größerwerden zusehen.“

„Das einzige, das ich mir wünsche, ist ein ganz normales Leben. Mit 'Auf und Abs', klar, aber ohne sich ständig erklären zu müssen“, sagt Lara und versucht, ein Seufzen zu unterdrücken. Dann blickt sie in die helle Sonne und blinzelt. Kurz darauf steht sie auf. Sie muss los, will noch eine Sonnenbrille kaufen. „Jetzt, wo es Sommer wird“, ruft sie, lacht und zuckt mit den Schultern.

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21 Antworten

Kommentare

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    Sehr schöner Text und wirklich nett formuliert! Danke (:

    02.05.2011, 02:17 von Jenny-likes
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    ich find den text auch sehr schön, ich glaub er beschreibt kurz und bündig die probleme mit denen sichTransexuelle auseinandersetzen müssen, ohne aufdringlich zu werden und es zu übertreiben. ich hab das gefühl lara fühlt sich wohl un genießt ihr leben jetzt

    20.08.2008, 16:31 von schaefchen2
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    jedenfalls könnten mir deine kinder auch leid tun. "eine mutter mit solcher einstellung, die armen kinder."
    aber natürlich sag ich das hier nur um dir klarzumachen, wie absurd du denkst

    18.05.2007, 16:57 von etoilerose
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    an kesatria: bitte? wieso sollen die kinder eines transexuellen menschen arm sein? das ist ja ein völlig absurdes argument! die werden höchstens toleranter dadurch, auch weil sie wahrscheinlich sich so dinge anhören müssen, von anderen (du armes kind mit einer transsexuellen mutter, oder auch echte verunglimpfungen).

    18.05.2007, 16:54 von etoilerose
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    @kesatria
    Naja, als behindert und damit zwangsläufig "anders" gilt auch wer blind, gehbehindert, hörgeschädigt, Conterganbehindert.....ist. Sollten alle diese Menschen auch kein Recht auf eine eigene Familie haben????? Ich fühle mich zwangsläufig dunkel an die NS-Zeiten erinnert....
    Sicherlich kann die Auseinandersetzung mit der Behinderung oder der Transsexualität der Eltern zu Hänseleien führen. Aber wie du selber sagst, hänseln Kinder auch wegen viel banaleren Dingen (abstehende Ohren, Sprachprobleme....). Sollte man diese Kinder vielleicht auch lieber wegsperren, um sie davor zu schützen? Wie wäre es wenn die Eltern diese Hänseleien und mögliche sinnvolle Gegenreaktionen einfach mit ihren Kindern besprechen?!?
    Ich finde du solltest vor solchen Pauschalaussagen kurz mal nachdenken und dir die Dimensionen deiner Aussage vor Augen führen...
    Und was die Krankenkassen angeht, weiß ich in meinem Job nur zu gut um die Missstände bei den Zuzahlungen. Es drängt sich mir aber die Frage auf, ob eine Mensch, der im falschen Körper weiterleben muss und darunter sehr leidet nicht durch die psychologische oder psychiatrische Betreuung, die er dann vermutlich lebenslang bedarf gleich viele Kosten verursacht?!?

    22.04.2007, 21:44 von gromitseyes
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    Echt interessantes Thema! Hab mich bis zu meinem letzten Thailandurlaub da noch gar nicht richtig mit auseinander gesetzt, bis mir da dann die zahlreichen Ladyboys aufgefallen sind, von denen erstaunlich viele eine wunderbar tolerant von dem Großteil der Gesellschaft aufgenommen werden (hatte ich zumindest den Eindruck). Das würde ich Transsexuellen in Deutschland und sonstwo auch wünschen.
    Ausserdem, gut verfasst.

    21.04.2007, 16:34 von on.the.road.again
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    @kesatria
    Ich hoffe sehr, dass du mit deinen Kommentaren nur provozieren willst und nicht tatsächlich so denkst!!!

    Erstens kann Kindern auch mit auf den ersten Blick "normalen" Eltern unter Umständen viiiiiiiiel Schlimmeres zugemutet werden als mit z.B. mit einem Stief- oder Adoptivelternteil, dass eine Geschlechtsumwandlung hatte aber verantwortungsbewusst und liebevoll ist einfach gerne Kinder möchte! Du kannst doch nicht davon ausgehen, dass ein solcher Mensch nicht in der Lage wäre Kinder großzuziehen!?!? Und mit dem Anderssein der Eltern können Kinder lernen umzugehen. Oder dürfen z.B. behinderte Eltern ihren Kindern ihr Anderssein deiner Meinung nach vielleicht auch nicht zumuten???
    Zum Anderen ist es keine vorrübergehende Schnapsidee im falschen Körpergeboren zu sein! Die Betroffenen leiden psychisch sehr darunter. Und wenn eine Behandlung helfen kann, warum sollte sie verweigert werden?????

    20.04.2007, 21:57 von gromitseyes
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