Ghandi 29.11.2007, 04:06 Uhr 0 0

Ein schweres Erbe

Die Freie Universität Berlins ist neuerdings exzellent, zukunftsorientiert sowieso. Nur mit ihren Gebäuden scheint sie ein kleines Problem zu haben.

Testfrage Geschichtsunterricht, Oberstufe: Wer war Henry Ford? Antwort: Der Vater der Fließbandproduktion, Autobauer und Pionier des nach ihm benannten „Fordismus“ – nebenbei auch überzeugter Antisemit und Träger der NS-Auszeichung „Adlerschild des Deutschen Reiches“.
Und nach diesem Menschen wurde der Henry Ford Bau (HFB) der Freien Universität Berlin benannt? Wenn es nach dem Präsidium geht, dann nicht. Seit Jahren steht der Name des HFB, eines der zentralen Gebäude der FU, in der Kritik des AStA und anderer studentischer Gruppen. Sie fordern eine Umbenennung. Das Präsidium hält dagegen, der Bau sei nach Henry Ford II. benannt, dem Enkel von Henry Ford. An und für sich keine schlechte Ausrede. Von der Henry Ford Foundation mit 8,1 Millionen DM finanziert und 1954 fertig gestellt, wurde das Gebäude tatsächlich während des Vorsitzes von Henry Ford II. gebaut. Und der unterstützte Antidiskriminierungsprojekte und Demokratisierungsbestrebungen. Dumm nur, dass nichts am HFB auf seinen angeblichen Namensgeber verweist. Weder innen noch außen gibt es Hinweise darauf, dass HF für den Enkel steht – und nicht für den Großvater. Eigentlich sollte das leicht zu belegen sein. Durch die Einweihungsrede vielleicht. Oder Unterlagen der Foundation. Doch weder die Henry Ford Foundation noch die Pressestelle der FU belegten auf mehrfache Anfrage die Benennung. Stattdessen verwiesen sie auf aktuelle Presseerklärungen. So kann man zum Beispiel auf den Webseiten der FU lesen: „Der Henry-Ford-Bau wurde nach seinem Stifter benannt: Henry Ford II., den auch gebildete Zeitgenossen gerne mit seinem antisemitisch gesonnenen Großvater Henry Ford I. verwechseln.“ Es drängt sich die Frage auf, warum man ein Gebäude nach einem Menschen zu benennt, wenn selbst „gebildeten Zeitgenossen“ nicht klar wird, um wen es geht. Erfolgreicher als die Pressestelle waren indes die AStA- Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Bereits im April zitierten sie in einer Presseerklärung aus dem Protokoll des Akademischen Senats von 1954, in der zu lesen sei, „daß das Gebäude des Auditorium Maximum im ganzen den Namen »Henry-Ford-Bau« tragen soll“.
Vielleicht hat die FU-Administration ein Faible für problematischen Umgang mit geschichtsträchtigen Gebäuden. Denn der HFB ist nicht das einzige aktuelle Beispiel für ungünstige Widmungen. Direkt vor dem 50er Jahre Bau ragt seit September das Denkmal „Perspektiven“ in den Himmel. Das angeblich größte deutsche Bronzedenkmal ist zehn Gründungsstudierenden der FU gewidmet, die in der UdSSR hingerichtet wurden. Bei der Enthüllung sprach Staatsminister Bernd Neumann vom Leben dieser Studierenden, das „zutiefst anrührend“ gewesen sei. Sie wurden laut Neumann „von der Überzeugung getragen, dass es in Deutschland keine Diktatur mehr geben dürfe.“
Soweit so gut. Doch von dieser Überzeugung geleitet, schlossen sich laut Deutschlandfunk mehrere dieser Studierenden der „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ (KgU) in Ostberlin an. Und die, so kann man auf der Internetpräsenz des Deutschen Historischen Museums erfahren, ließ sich gerne von westlichen Nachrichtendiensten bezahlen, um ein Spionagenetz in der DDR zu etablieren. Dabei ging die KgU nicht zimperlich vor. Die 1948 gegründete Gruppe verfolgte zwar zunächst ihre Ziele mit friedlichen Mitteln, agierte jedoch in den 50ern zunehmend militant. Selbst dem „Spiegel“ – damals gutbürgerlich antikommunistisch - wurden die Aktivitäten der Widerstandsgruppe zu bunt: Schon in einer Ausgabe von 1953 wetterte er gegen den fahrlässigen Stil der KgU, der engagierte Jugendliche verheize und für sinnlose Aktionen an die „rote Diktatur“ ausliefere. Bei den Aktionen ging es um Säureattacken, Sprengstoffanschläge und Sabotageakte – auch gegen zivile Ziele. Brisant: Der „Spiegel“ monierte den nationalsozialistischen Hintergrund vieler Geldgeber und Mitglieder der Kampfgruppe. Alles in allem keine allzu geeignete Gruppe, um sie mit dem Denkmal zu ehren. Aber von den historischen Tatsachen brauchen sich Gegner des Denkmals nicht stören lassen, schließlich war die FU auch hier wieder konsequent ungenau bei der Beschilderung: Die Plakette vor Ort nennt nicht die Studierenden oder ihre Aktionen, sondern eine allgemein gefasste Widmung und natürlich den Sponsor, das „Bankhaus Oppenheim“.
Nun ist die Freie Universität mit einer Menge freier Geister gesegnet. Insbesondere die Fachschaftsinitiative (FSI) Geschichte beschäftigte sich intensiv mit dem Thema und lud dann auch am siebten November zu einer Podiumsdiskussion mit unter dem Motto „Die Freiheit, die ich meine?“ ein. Mehrere Parteien, darunter der AStA und Dr. Wolfgang Wippermann vom Friedrich-Meinecke-Institut, sprachen sich scharf gegen eine Würdigung der Studierenden durch das Denkmal aus. Sie forderten das Präsidium – durch Abwesenheit glänzend – zum kritischeren Umgang mit der Geschichte seiner Gebäude auf. Dabei erwähnten sie auch die mangelnde und verharmlose Auseinandersetzung mit den Gebäuden der ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Institute, die von der FU nach dem Zweiten Weltkrieg teilweise übernommen worden waren. Deren Rolle in Eugenik-, Rassen- und Giftgasforschung während des Zweiten Weltkriegs wurde für Ralf Hoffrogge, Mitglied der FSI Geschichte, zum Beispiel in der FU-Dauerausstellung „Zukunft von Anfang an“ zu wenig thematisiert. In der Ihnestraße 22, wo heute ein Teil des Instituts für Politikwissenschaft untergebracht ist, war beispielsweise bis 1945 das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik untergebracht. In dessen Räumlichkeiten wurden unter anderem Experimente mit menschlichem „Versuchsmaterial“ durchgeführt, die von Josef Mengele aus dem KZ Auschwitz gesendet wurden. Erst durch eine studentische Initiative wurde in den 80er Jahren eine Gedenktafel am Gebäude angebracht. Immerhin: Die Internetseiten der FU gehen zumindest in diesem Fall kurz auf die Geschichte ihrer Gebäude ein.
„Zukunft von Anfang an“ scheint dieser Tage symbolisch für die forsche Politik des Präsidiums zu sein. Die Auseinandersetzung mit zweifelhafter Geschichte mag nicht so ganz ins vorwärts gewandte Bild von Exzellenzstatus und Corporate Identity passen – ins Bild einer freien Universität gehört sie aber auf jeden Fall.

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