Ein Nachmittag am Mainstream
Ich bin Clark. Und ich bin Mainstream. Und damit lehne ich mich gefährlich weit aus dem Fenster.
Achtung! Die Bundeszentrale für Texte mit ironischem Beiklang, zur Wahrung von vermeintlichen Individualisierungsbefürwortern und dem Ausschuss zur Sicherung des nationalen Friedens weist an dieser Stelle mit Nachdruck auf die nervlichen Gefahren im folgenden Text hin.
Für Freunde der Selbstverwirklichung im Rahmen der Einschränkung von persönlicher Freiheit, ist der nachfolgende Text nicht geeignet.
Indie ist salonfähig geworden.
Noch vor gar nicht allzu langer Zeit hörte man die Kids aus dem Untergrund jammern „Schaut man sich die Charts in Finnland, oder Skandinavien im Allgemeinen mal an, gute Musik durch und durch. Deutschland? Kannst du vergessen! Da regieren Aguilera und Co.!“
Status Quo: Tokio Hotel, Wir Sind Helden und Sportfreunde Stiller besiedeln die Spitze. Spitze! Wir füttern unseren Nachwuchs mit rockfreundlicher Unterhaltungsmusik und was gibt es zum Dank? Giftspritzen! In Form von 17-jährigen Halbstarken, die hinter vorgehaltener Hand in heldenhafter Manier „Durch den Monsun“ locker mit pfeifen können. Eingehüllt im dem Mantel des Schweigens. Verraten und verkauft! Für 17,49€ gehen sie über die Ladentheke. Eingeschweißt!
Kinder die was wollen…
Wo führt uns das hin? Das Indietum? Der unumgängliche Drang der Individualisten die sich zu allem Übel in den meisten Fällen auch noch Künstler schimpfen. Photoshop. Immer schön Lächeln. Für das Familienalbum und dem Spießerherz, das in uns schlägt, damit man den Kindern und Enkeln in 30 Jahren auch noch zeigen kann, wie wild und hemmungslos unsere Jugend war. Wer kennt sie nicht, die Rebellen des 21. Jahrhunderts. Liegt ja auf der Hand. Und allen voran? Herr Hennes und Herr Mauritz. Passend zum Trend: aus Schweden. (Für all diejenigen die es noch nicht wussten: Die Schweden scheinen nämlich immer einen Ticken indie-vidueller zu sein, als wir spießbürgerlichen Deutschen, die den Rock’n’Roll nur in Raten vertragen um ihn nachher als das Non-Plus-Ultra zu huldigen.) The Hives, Mando Diao und Sugarplum Fairy können ein Lied davon singen. Tun sie bekanntlich ja auch, Kultstatus. Die muss man kennen! Ist ja auch Indie, versteht sich also von selbst. Was wäre der Untergrund ohne seinen Bekanntheitsgrad? Und vor allem: wer würde dann noch dazu gehören wollen, wenn es nicht auch die Möglichkeit gäbe, seinen absoluten Außenseiterstatus unumstößlich klar zu machen. Aber Dank der schwedischen Bekleidungskette ist dies kein Problem. Individualität für 19,90€. Willkommen im Hier und Jetzt!
Ich bin dagegen, denn ihr seid dafür!
Die Ärzte, Anfängerglück. Damit kommt man rein. In die Welt der Schönen und Reichen. Nirvana passiert und dann husch husch ab ins Körbchen. Nur nicht bellen, denn Hunde die bellen, die beißen nicht. Und wir sind gefährlich. Insbesondere für uns selbst. Bloß nicht dazugehören. Und so bildet sich der Pulk von denen, die eben einfach mal nicht dazugehören. Gehört ja schließlich auch dazu! Und so erweitert sich die Landkarte mit dem großen Mainstream direkt durch die Innenstadt um ein weiteres idyllisches Plätzchen. Lauschig. Nimm doch Platz! Mach es dir gemütlich! Fühl dich ganz wie zuhause, auch wenn das schwer fallen dürfte, da meine Wohnung schon irrsinnig individuell gestaltet ist. Stör dich nicht dran! Den Schrank? Hab ich von Ikea. Ach, du auch? Ist ja witzig. Ha Ha Ha. Morgen kommt er raus. Sperrmüll. Abfuhr. Nachbarschaftsstreit und jede menge Außenseiter. Studentenviertel. Nachts um halb eins geht es erst richtig los. I love Pop. Mit dem iPod auf den Ohren.
Das ist der Trend jetzt.
Schön ist, was gefällt. Und du hast nur die zwei Möglichkeiten, wenn du etwas magst, was die breite Masse genauso gerne hat: Entweder du hast einen außerordentlich guten Geschmack oder einen außerordentlich schlechten. Magst du allerdings etwas nur, weil es sonst keiner mag, dann hast du allenfalls einen sehr bescheuerten Geschmack.
Um jeden Preis.
Und so geben wir Tag für Tag Unmengen an Euros dafür aus, ein bisschen individueller zu sein als der erbärmliche Rest. Wir kaufen uns die falsche Freiheit und machen uns vor, kreative Köpfe zu sein. Kreativ ist das Mindeste. Und wer nicht Schritt halten kann, der trägt wahrscheinlich sowieso die falschen Schuhe. Kannst du gleich vergessen.
Ein Hoch auf die selbstständige Einschränkung der eigenen Persönlichkeit zum Zwecke der Individualisierung!
Ich bin Clark. Und ich bin Mainstream.
Und damit lehne ich mich gefährlich weit aus dem Fenster.






Kommentare
27.11.2007, 09:14 von LudwigMartinIch hatte nie die Nerven, Musik als Label zu begreifen...
Dafür huldige ich der Musik an sich und schwelge natürlich in klanggelösten Erinnerungen.
Aber interessant ist es aus der Perspektive des Genießer-Flüßchens, wie sich die Wellen der Deutungshoheiten über- und überschlagen.
___
und natürlich ist das "Genießen" wiederum eine Deutungshoheit, jaja
@[Benutzer gelöscht] Mich interessierts nicht.
26.11.2007, 11:23 von sailorSolange uns die Leute mit Geschmack erhalten bleiben...
so is es und nich anders !!
24.11.2007, 17:23 von sommerkleefind ich richtig!
23.11.2007, 20:50 von atomic_love@atomic_love Na, damit machste ja auch nix falsch...
23.11.2007, 21:17 von sailorEinfach The Smiths und New Order hören.
23.11.2007, 20:47 von sailorDa liegste immer richtig. Egal wo...
Doll, wa?