Ein Hellseher auf dem Oktoberfest
Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass ich vor drei Jahren nicht bloß meinen Verstand, sondern auch noch meine aufgeschwemmte Leber verloren habe.
Es ist 18:17 Uhr. Ich weiß das, weil ich soeben
einen Blick auf meine Uhr geworfen habe. Man kann relativ geile Blicke
auf Uhren werfen, wenn man gerade schwimmt. Schwieriger wird es, wenn
man hüpft oder plötzlich so hoch wie eine Giraffe daherkommt.
Wenn
der "Dog" dann irgendwann "schee" ist, kann man mit Blick auf Blicke auf
Uhren gar von verbotenen Blicken sprechen. Denn dann muss man die
Schönheit des "Dogs" natürlich auch grölender Weise bekräftigen, während
man wie ein drolliges Klatschäffchen im Rhythmus die Handflächen blutig
schlägt. In einem solchen Augenblick wirft man keine Blicke auf Uhren.
Man zeigt jedermann, dass man tierisch happy drauf und echt mal voll
kein Muffel ist. Man genießt den Moment, die Geselligkeit, die drei Maß
im Körper, den Arsch da hinten und manchmal auch das Lächeln da vorne.
Ich bin auf der Wiesn, im Besonderen auf einer Bierbank, ich stehe, der
"Dog" ist "schee", der redundanten Überzeugungsarbeit des
Mikrophonträgers sei Dank. Der Umstand, dass Bauer Huber vor fünf
Minuten ein als lebensunwert eingestuftes Kätzchen "daschmissen" hat,
spielt keine Rolle.
Drei Wiederholungen habe ich gebraucht, um den
Text des lustigen "Fliaga"-Liedchens zu verinnerlichen, mittlerweile
sind wir bei Wiederholung Nummer 37 angelangt und nun beherrsche ich
sogar die gruppendynamische Choreographie.
An einer Stelle des
lustigen "Fliaga"-Liedchens ist es Usus, sich gegenseitig die runzligen
Hände zu reichen. Dem Italiener, der mir vor ungefähr einer halben
Stunde direkt vor die Nase gepflanzt wurde, kommt diese Sitte sichtlich
entgegen, befindet er sich doch in unmittelbarer Nähe einiger
Japanerinnen, welche sich nun im Minutentakt begrapschen lassen dürfen.
Auch ich habe kürzlich japanische Haut berührt. Allerdings beließ ich es
gentlemanlike bei einem kurzen Tätscheln der winzigen Babyhände.
Klar, als ich der kleinen Japanerin leicht benebelt in die Augen
blickte, erwog auch ich, der Gentleman, ihr meine raue Ochsenzunge in
den Hals zu stecken, letztendlich nahm ich jedoch von diesem Gedanken
Abstand, da niemand weiß, wie die Frau nüchtern aussieht und ich ihr
Holzfällerhemd in fünf Stunden unweigerlich mit Kurt Cobain in
Verbindung bringen werde – ein scheinbar böser Affront in Japan.
Die mich in naher Zukunft erwartenden Dinge spielen jetzt aber erstmal keine Rolle - der "Dog" ist ja schon wieder so "schee"!
Noch "scheener" wäre der "Dog" natürlich, wenn dieser nervige Seppl
hinter mir nicht ständig meinen angeschlagenen Gleichgewichtssinn in
Verlegenheit brächte. Nachdem ich mich leicht echauffiert umgedreht und
dreißig Sekunden gewartet habe, erschließt sich mir Folgendes: der Seppl
hinter mir ist ein dicker Seppl und sieht aus wie Thomas Anders - nur
irgendwie doch ein bisschen anders.
Ich überlege mir eine Reaktion,
die den dicken Seppl vielleicht dazu bewegen könnte, mir seinen Arsch
fortan etwas unpenetranter in die Kniekehlen zu rammen. Für einen Moment
erscheint mir der beim Konsum von "Comedystreet" aufgeschnappte Ausruf
"Fick dich weg, du Homofürst!" als absolut angemessen. Letzten Endes
komme ich aber zu dem Schluss, einfach die Klappe zu halten und es bei
der Geschichte in fünf Tagen bewenden zu lassen. Zumal der gesamte
Habitus des dicken Seppls auf eine urbayerisch-elitäre Gesinnung
hindeutet und nach meiner Erfahrung eine konstruktiv eingeleitete
Diskussion mit solchen Gestalten allenfalls zu "a Watschn" führt,
insbesondere, wenn man, wie ich, aus "Germany" stammt und eben nicht aus
"Bavaria", was bekanntermaßen lediglich "near Germany", aber
keinesfalls "in Germany" liegt.
Sogar das lustige
"Fliaga"-Liedchen findet derweil mal ein Ende, also kann endlich wieder
mit den Maßkrügen gepoltert werden, ein Ritual, das die 53-jährige Tante
mit der Mang-Nase unbedingt auf ihrer Digitalkamera festgehalten wissen
möchte. Das Ergebnis ist ein schickes Foto, welches zwei Krüge, mein
betrunkenes Grinse-Ich und die Tochter der 53-jährigen Tante mit der
Mang-Nase zeigt und in zwei Tagen meinen E-Mail-Posteingang erreichen
würde, hätte ich nicht temporär meine Adresse vergessen.
Im
Anschluss an die Foto-Session wanke ich zum Pissoir. Zur Erinnerung: ich
habe erst drei Maß intus. Zur Erinnerung: ich wanke. Mittlerweile habe
ich das Gefühl, dass ich vor drei Jahren nicht bloß meinen Verstand,
sondern auch noch meine aufgeschwemmte Leber verloren habe. Letzteres
beunruhigt mich.
Auf der Toilette läuft alles wie gewohnt: Ich
verrichte zunächst mein Geschäft, während ich mit fremdem Gesindel
parliere und mich letztlich dafür entschuldigen muss, dass ich "a Breiß"
bin. Daraufhin wasche ich mir die Hände und lasse mich von einem
dahergelaufenen Dreckspatz angesichts meines Sinns für Hygiene abermals
dem Preußentum zuordnen. Sodann finde ich den Ausgang erst, nachdem mir
Osama Bin Laden "Hier kein Ausgang! Da vorne!" ins Ohr gebrüllt und ein
Augenzeuge noch ein witziges "Ja ja, die Breißn!" in den Raum geworfen
hat. Und schon bin ich wieder auf dem Weg Richtung Tisch. Alles totale
Routine! Ich freue mich schon darauf, in sieben Tagen Big-Brother-Eddy
auf dem Pissoir zu treffen und ihm bei der Suche nach dem Pissoir
behilflich zu sein. Sowas bringt voll die geile Abwechslung.
Wieder auf der Bierbank will mich eine Gruftie-Braut dazu nötigen, ein
Fahrgeschäft voll zu kotzen, doch ich lehne ab - wegen der Geschichte in
zehn Tagen - würg.
Es dauert nicht lange, da ist der "Dog"
wieder "schee". Gestern Nacht war große Fröschewanderung in einem
Waldstück und ich habe geschätzte 87 Stück von den Biestern überfahren.
In sechs Stunden werde ich 65 Euro für eine Taxifahrt ausgeben. Es ist
19:28 Uhr. Ich weiß das, weil ich gerade den dicken Seppl an der Hand
halte und einen perfekten Blick auf meine Uhr habe.






Kommentare
im prinzip triffst du die stimmung ziemlich gut. schade dass wir münchner nicht so gut wegkommen, aber ich schieb das mal getrost auf die tatsache, dass gut zwei drittel von uns als solche nicht zu erkennen sind (mangels dirndl/lederhosn, die eher bei touristan aus allen weltgegenden beliebt sind - weil ja authentisch). übrigens hat der klugscheißer weiter unten nicht recht und "breiß" stimmt phonetisch sehr wohl.
29.09.2011, 20:24 von mademoisellesanscleWas um Himmels willen ist ein Dog in Anführungszeichen, der schee in Anführungszeichen ist?!
29.09.2011, 16:16 von topfbluemchenEin Tag, der schön ist.
29.09.2011, 16:19 von GarmonboziaHeid is so a scheener Dog, lalalalalaaaaaa.... Tse. Das sind doch die Basics. =)
29.09.2011, 20:29 von YeezabelAch du scheisse!! :D Danke, eijeijeijeiiii! Jetzt, wo ich´s weiß, denk ich 'Na klar, der Tag...' :-)
29.09.2011, 23:00 von topfbluemchentya, irgendwie ist der text ja unterhaltsam gemeint...
29.09.2011, 14:14 von nic.is.listenIch mag den Text. Ich mag sowieso ziemlich alles was du so schreibselst. Meine Lust auf die Wiesn ist nun hier dingens... to the fullest. Bin dabei und hoffe ich habe ähnlich viel Spaß. Nur, die Hände waschen... das ist mal echt albern. Pffft!
29.09.2011, 14:09 von YeezabelWar da und es war gut. Ich freu mich drüber.
03.10.2011, 22:29 von YeezabelIch find den Text recht fein eigentlich. Es wird übrigens nirgendswo geschrieben dass er dass Oktoberfest scheisse findet. Aber gut vieleicht liegt dass ja auch an meinen Lesequalitäten. Aber Alles in Allem ein sehr erheiternder Text :))
29.09.2011, 12:43 von ZuckerwattenfeeÖchz. Sowas is nich witzig, is nich sozialkritisch, is nur ein wenig ätzend im Ton und ansonsten dieselbe Tagebuchleierei wie bei den 18jährigen Gören hier. Wenn einem Oktoberfest und Co nicht gefällt, geht man nicht hin, wenn man da war, redet man am besten nicht lang darüber, denn eins ist klar: Wer noch nicht da war, wirds nich verstehen, wer aber schon da war, den wirds einfach nur anöden. Und wenn man noch nicht weiß, ob man hingehen soll, dann informiert man sich vorher: www.muenchen-kotzt.de Und es heißt 'Preißn'. Phonetik ist nicht dein Ding, was?
29.09.2011, 11:31 von krupp"Harte Konsonanten wie 'p, t, k' werden eher weich ausgesprochen z.B. 'Bäda' statt 'Peter', 'Disch' statt 'Tisch'; regelmäßig gilt dies vor allem im Wortinneren zwischen Vokalen ('Teppich' - 'Debbich')" http://www.bayrisch-lernen.de/grammatik/grammatik.html Ansonsten: Ich gehe gern aufs Oktoberfest.
29.09.2011, 11:42 von GarmonboziaDann hast du nicht hingehört, denn sie sagen nicht Breißn, sondern Preißn.
29.09.2011, 12:52 von krupphttp://www.stupidedia.org/stupi/Sauprei%C3%9F
29.09.2011, 12:53 von kruppalso ich kommes aus dem schönen oberbayern und es heißt Breißn!!! da brauch ich keinen von breißn verfassten stupedia link ^^
29.09.2011, 17:12 von charlymeetslifeWo kommste denn her aus dem schönen Oberbayern? In den Regionen, in denen ich bisher gewohnt habe, wurde das Preiß immer mit sehr deutlichem (also für Bayern deutlichem) 'P' ausgesprochen. Zwar gibt es laut wiki auch Breißn http://de.wikipedia.org/wiki/Prei%C3%9Fn, aber nur regional und vermutlich da, wo das Bier nicht nur die Zunge sondern auch schon das Hirn weichgekocht hat. Basta dagegen wird mit b geschrieben, ganz klar, und bei einem Völkchen, das für alles, was sich unterhalb des Beckens befindet ein Wort hat (Haxn), muss man Differenzierung nicht unbedingt erwarten.
29.09.2011, 17:56 von kruppIch stamme selbst ursprünglich aus dem Bayrischen Wald, d.h. der größte Teil meiner Verwandtschaft spricht reinstes Bayrisch! Und ich versichere dir, es heißt wirklich "Breißn" :D Außerdem verfügt dieses ungebildete Bauernvolk oder Völkchen tatsächlich noch über andere Begriffe als "Haxn" und legt schon ein klein wenig Wert auf Unterscheidung, wenn es um den eigenen Dialekt geht...
29.09.2011, 20:54 von Serpienteach die sog. "zuagroastn" sollten einfach leise sein, wenn se keine ahnung haben und die haben sie offensichtlich nicht ^^
30.09.2011, 07:00 von charlymeetslife