mmhh 22.04.2007, 19:37 Uhr 3 2

Ein Brief gegen das Schweigen

Du hast es getan und ich werde nie verstehen können warum!

Meine Hände zittern und langsam entfalte ich deinen Brief.
Es ist nicht irgendein Brief.
Es ist das letzte Stück zur Wahrheit.
Im Moment zittern meine Hände und ich habe Angst vor der Vertrautheit deiner Schrift. Sie ist liebevoll.
Ich finde sie schön, aber so viel Angst wie heute, hat sie mir noch nie gemacht. Du sagtest ich solle deinen Brief lesen wenn ich alleine bin und mich bereit dafür fühle. Doch wann kann man sich bereit für die Vergewaltigung der Freundin fühlen?

Es ist der letzte Schritt. Du sagst ich kenne ihn.

Es ist so wie immer, so wie alle zwei Jahre in meinem Leben…
Seit meinem 12ten Lebensjahr gibt es Freunde, die zu mir kommen und damit anfangen mir ihre Geschichte zu erzählen.
Jedes Mal frage ich mich aufs Neue, in was für einer Welt wir eigentlich leben.

Ein Gefühl von Verdrängung war bei dir da,
doch der Verdacht lebte immer in dir sagtest du.
Du sagst alles kommt dir ein wenig vor wie ein Traum, ein Albtraum, den du bis heute nicht glauben kannst und niemanden erzählt hast. Bis Heute.
Bisher hast du die Geschichte einfach ignoriert, es war ein Gedankenfetzen, der achtlos irgendwo in dir verankert war.
In letzter Zeit wurde er aber immer schwerer und klarer.
Ein Albraum- mehr nicht.
Du siehst mich fragend an:
„ Gibt es Träume, die man nicht mehr von der Realität unterscheiden kann?“
Als du fortfährst, weiß ich schon was kommen wird.
Meine Knie sind fürchterlich weich und im Hals steckt ein großer Kloß voll Wut. Irgendwann hälst du inne und senkst deinen Blick.
Du schämst dich und willst auch niemanden etwas unterstellen.
Du sagst, dass ich ihn kenne, es jemand gewesen sei, von dem wir es beide nie erwartet hätten. In meinem Kopf überschlägt sich alles.
Da ist wieder ein Moment von Absurdität und Sinnlosigkeit des ganzen Daseins…
Ich habe Gedanken, von denen ich niemals gedacht hätte, dass ich sie haben könnte. Ich gehe auf Abwege und falle von Felsen. Unten am Boden der Tatsachen angekommen, sitze ich in meinem Zimmer und weine nur noch bitterlich.
Eigentlich dachte ich, dass ich irgendwann keinen Schmerz mehr spüren werde. Heute bin ich schlauer, der Schmerz wird nie aufhören.
Warum gerade du? Warum tun Menschen so was? Warum passiert es immer wieder? Warum erkennen wir die Täter nicht?
Warum hast du solange geschwiegen?
Den Namen, sagst du, wirst du aufschreiben.
Zu groß ist das Loch, was derjenige in dir zurückgelassen hat.
Die ganze Nacht lag ich wach und grübelte über meine kleine heile Welt und denjenigen, der sie schlagartig zerstört hat.
Aber mir will einfach niemand in den Sinn kommen, der zu so einer Schandtat fähig wäre.
Nicht etwa der liebe Nachbar mit den vielen Katzen, oder der Familienvater, oder der Förster oder der Mann, der immer Süßigkeiten verteilt.
Warum ist es meist jemand aus der näheren Umgebung?
Wie kann derjenige sich darauf verlassen, dass die Opfer schweigen?
Mir ist übel und ich würde gerne kotzen.
Du hast geschwiegen- du hattest Angst- du hast Wut- du hast geschwiegen.
Alles irgendwie verständlich, doch nur einfach genau das Falsche.
Ich bin so dankbar, dass du das Schweigen gebrochen hast.

Du hast mir damit Last gegeben hast, wie es noch nie jemand getan hat.
Ich bin einfach nur froh darüber.
Mordgedanken und Folterungsszenarien, in denen ich auf das Schwein einsteche,gehen mir durch den Kopf.
Der Kopf wird immer voller und das Herz immer schwerer.
Alles wird zu viel und ich fange an zu weinen. Ich weine bitterlich.

Schon lange ist es her, als du mir den Brief gabst, als ich ihn entfaltete und meine Hände zitterten. Ich sehe es aber immer noch so real vor meinen Augen, als sei es erst gestern gewesen. Ein Albtraum- mehr nicht.
Der Brief lag so schwer in meiner Hand.
Es war der letzte Schritt den wir beide gehen würden. Ein Schritt zur Wahrheit.
Einer Wahrheit die man lieber gar nicht kennen wollte, aber ich wusste genau, dass es ebenso ein großer Schritt aus der Angst und Isolation sein sollte. Unsere Stärke.
Wir wissen, seit es diesen Brief gibt, gibt es da eine Gerechtigkeit.
Eine Waffe. Etwas, das stärker ist als all das.
Etwas, was der Täter niemals erwartet hätte.
Du hast dein Schweigen gebrochen...
Es gibt Zeit, die vergehen wird.

Ich las den Brief.

Ich kannte ihn. Ich hatte gedacht er in Ordnung sei.
Er war selbst gerade mal 16 Jahre alt gewesen, als es geschehen ist.
Selbst fast noch Kind.
Er war immer einer der „Coolen“.
Alle hatten Respekt vor ihm, denn er behauptete ja immer dass er „so erfahren“ sei.
Jetzt wohnt er nicht mehr hier, er hat eine Freundin.
Er war immer relativ nett gewesen.
Er hat mich sogar einmal im Auto mit nach Hause gefahren.

Ich hasse ihn.
Ich will ihn nicht mehr sehen.
Vielleicht kommt irgendwann die Zeit, in der wir miteinander reden werden.
Ich weiß schon was ich sagen werde.

„Du hast es getan und ich werde nie verstehen können warum!"

Der Brief liegt in einer rosa Kiste mit großen schwarzen Punkten drauf.
Manchmal lesen wir ihn uns noch einmal vor, und jedes Mal werden wir stärker.
Ein Brief gegen das Schweigen-
Unser Glaube an das Gute.
Irgendwo auf der Welt- irgendwie und irgendwann.

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3 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Weil es nichts bringt darüber zu reden und weil es verdammt weh tut es auszusprechen.
    Man wacht ja trotzdem jede Nacht von den Albträumen auf.

    13.04.2015, 22:04 von Obi_WanKenobi
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Du bist eine gute Freundin. Das merkt man. Solche Geschichten sind schlimm, aber es ist gut, dass es Menschen gibt, denen man sich anvertrauen kann.

    Bleib so ein guter Zuhörer. Es gibt nur noch wenige von ihnen.

    23.04.2007, 12:44 von sonda-sero
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