PDK 30.11.-0001, 00:00 Uhr 6 3

Ein Besuch auf dem Flohmarkt

Impression

Das Wetter hatte sich wieder verschlechtert. Es war einer dieser dunklen, traurigen, verregneten Abende im Herbst und graue Wolken flogen auf dem heulenden Wind an den Fenstern der alten Häuser vorbei.
Er stand allein am Fenster seiner kleinen Einzimmerwohnung in Berlin Friedrichshain. Schweigsam starrte er auf das sich langsam zusammenbrauende Unwetter vor seinem Fenster und von Zeit zu Zeit schloss er seine Augen, um dem Heulen des Windes, der immer stärker werdend um die verschachtelten Höfe stürmte, zu lauschen. Das Telefon klingelte. Es war seine ehemalige Freundin, die ihn am nächsten Abend besuchen wollte, da sie gerade für einige Tage in der Stadt zu Besuch war, und sie erzählten sich gegenseitig von all den kleinen Belanglosigkeiten, die einem jeden Tag passieren, so wie es schon immer ihre Gewohnheit gewesen war. Sie lachten gemeinsam und er sagte ihr, dass er sie liebte, dann war er wieder allein und schaute weiter unbeweglich, wie eine Statue, eine Zigarette zwischen den schlanken Fingern haltend, hinaus auf die fliegenden Wolken in der Dunkelheit.

Seine Gedanken drehten sich immer noch um den seltsamen Zusammenbruch, den er einige Tage zuvor in der Mensa der Universität erlitten hatte. Manchmal war ihm, als könnte er den Eintopf noch schmecken, welchen er, übernächtigt und blass, gegessen hatte, als alles um ihn herum in Dunkelheit versunken war.

Am nächsten Morgen, die Sonne lächelte freundlich durch die hellen, dünnen Gardinen vor den Fenstern, stand er sehr früh auf und beschloss auf einen Flohmarkt zu gehen, der an jedem Samstag in seiner unmittelbaren Nachbarschaft auf einem großen, von Altbauten umstandenen Platz zelebriert wurde, in dessen Mitte ein kleiner Park mit Spielplatz und Wiese angelegt worden war, und der sich, solange er ihn kannte, einer großen Beliebtheit erfreut hatte. Auf dem kurzen Weg, den er zurücklegen musste, kehrte er noch bei einer kleinen türkischen Bäckerei ein, um einen Kaffee zu trinken und ein Croissant zu essen, wie er es am Samstag immer gern tat.

Obwohl es noch früh am Morgen war, entfaltete die noch junge Frühlingssonne schon eine große Kraft an diesem klaren Tag und er schwitzte leicht unter dem langen schwarzen Militärmantel, den er den ganzen Winter über getragen hatte und der ihm auch im bisher noch kalten Frühling immer gute Dienste leistete. Rund um den langsam ergrünenden Park rankten sich die verschiedensten, von Laien und Professionellen Flohmarkthändlern geführten, Stände und im Park tummelten sich junge Kinder mit ihren übernächtigten jungen Eltern, die sich genüsslich in der Frühlingssonne ausstreckten. Auch der Flohmarkt selbst war schon belebt und ein fürwahr seltsames Häufchen war es, dass sich an diesem Morgen im Kreis um den kleinen Park drehte, als wäre er der Mittelpunkt der Welt.

All die Neugierigen und die Kuriositätenjäger, die Flohmarktenthusiasten und Rentner, die in der hohen Schule des Feilschens versierten türkischen Mütter mit ihren Kindern, die jungen Leute, blass von der langen Nacht in den nahen Clubs, die mit gefärbten Haaren versehenen Punker mit Dosenbier und einige Hunde, die den Boden nach fressbarem absuchten. Besonders die Kinder, die in ihrer unschuldigen Art noch keine rechte Vorstellung vom Wert der Dinge haben, die Dinge noch unter dem Aspekt des reinen Gefallens zu beurteilen schienen, beeindruckten ihn immer wieder, wie sie mit großen, glänzenden Augen über die Märkte dieser Welt liefen und die Wunder der dinglichen Welt in sich aufsaugten.
Er jedoch wanderte ohne wirkliches Interesse an den Ständen und Auslagen vorbei und ließ sich, schlendernd, von den hin und her wogenden Massen der Schaulustigen, mal hierhin, mal dorthin schauend, durch die Szenerie tragen.

Er genoss die einzigartige Atmosphäre dieser Märkte, dieses drängeln und schieben, die Neugier in den Augen der Menschen, das laute Gefeilsche, dem er manchmal, kurz stehen bleibend, mit halbem Ohr lauschte und das Lächeln auf den Gesichtern der frisch Verliebten, dass ihn schon immer mit einer tiefen Sehnsucht erfüllt hatte, obwohl er glaubte selber Frauen geliebt zu haben und von diesen geliebt worden zu sein. Ihm kam es manchmal vor, als würde dort draußen, in den unermesslichen weiten dieser Welt jemand auf ihn warten, jemand, der auf ihn, und nur auf ihn wartete. Vielleicht, so dachte er, war es dieser alte Traum, den er schon seit seiner Jugend mit sich schleppte, vielleicht der einzige, den er wirklich noch sein eigen nennen konnte, die ihn dieses Gesicht hatte sehen lassen. Es war schon seit mehreren Tagen nicht mehr durch seine Nächte gespukt, aber er erinnerte sich noch an jede Einzelheit, an jedes Haar. Seufzend wandte er sich von einem jungen Pärchen und seinem alten, schon seit frühesten Jugendtagen gehegtem, Wunschtraum ab.

Nachdem er sich an dem Stand eines fünfzigjährigen Händlers mit regem Interesse einige alte Jazzplatten angeschaut hatte, wandelte er weiter im Kreis rund um den Park herum, bis seine Augen einen Moment lang an dem Gesicht eines jungen, hübschen Mädchens, dass er aus der Universität zu kennen meinte, hängen blieb, und ihn plötzlich jemand an dem rechten Ärmel seines langen, schwarzen Armeemantels zog.

„Schauen sie doch! Schauen sie doch! Hier!“

Er drehte sich um und vor ihm stand ein kleiner Mann, der in eine zu enge schwarze Lederjacke mit Fellbesatz an den Aufschlägen gezwängt war. Der gewaltige Schnurrbart, dessen Enden weit über die Mundwinkel hingen, hüpfte aufgeregt unter einem Orangen Turban auf und ab. Das Gesicht des Mannes war wettergegerbt und voller kleiner und kleinster Fältchen, die sich mit dem hüpfenden Schnauzer auf und ab bewegten.

„Schauen sie, junger Mann! Schauen sie! Meine schönen Sachen! Sie müssen wissen: Ich merke immer, wenn ein Kunde vor mir steht.“

Lukas musste lachen und ließ sich bereitwillig von dem Mann die wenigen Schritte zu einem kleinen Stand ziehen, während dieser weiter und weiter auf ihn einredete, ohne dass er darauf geachtet hatte. Auf dem Tisch des Standes, hinter dem der kleine Mann nun fast verschwunden war, breitete sich eine Unzahl exotischer Kuriositäten und kitschigem Nippes aus.

Da gab es die unvermeidlichen Buddha Statuen und einige kleine, bronzene Mädchen in verführerischen Posen, da lagen alte Silberringe, einige mit arabischen Gravuren, andere mit Halbedelsteinen besetzt und wieder andere mit Intarsien versehen, da glänzten alte Münzen aus Persien im hellen Sonnenlicht, da bauschten sich bunte, gemusterte Stoffe im Wind und ein amerikanischer Adler aus bemaltem Porzellan breitete seine Schwingen aus, als ob er sich jeden Moment in die Lüfte erheben würde. Er entdeckte auch eine defekte Gasmaske, die ein wenig versteckt unter einem Haufen Graphiken, die, soweit er es erkennen konnte, Stadtansichten von Teheran und Isfahan zeigten, und ein Fernglas ohne Linsen, sowie eine Anzahl recht ansehnlicher sowjetischer Uhren, die in einen Glaskasten eingeschlossen waren. Vor dem Tisch standen mehrere Kisten mit alten Büchern über den Orient und einige Schallplatten von populären arabischen Schlagersängern.

„Aah! Schöne Dinge, nicht wahr...aber nichts für sie...ja, ja, ich habe gleich gesehen! Sie haben einen guten Geschmack, ja, ja“, hierbei nickte er ein wenig mit dem Kopf, „das habe ich gleich gesehen. Ja, ja!...Etwas besonderes muss es sein!“, hier musterte der kleine Mann, der sich so eigentümlich gut in die kuriosen Auslagen seines Standes einpasste, als wäre er mit ihnen schon immer so und nicht anders gemeinsam über die Märkte gezogen, Lukas sehr genau und wiegte dabei den Kopf mit dem von Falten zerfurchten Gesicht hin und her, während der Schnurrbart zu vibrieren schien.

„Etwas Besonderes! Ja! Aber ich habe genau das richtige für sie! Genau das richtige! Ja, ja! Es wird ihnen zusagen! Es ist wie für sie gemacht!“
Genüsslich rieb er sich seine kleinen, dunklen, sehr feingliedrigen Hände und seine Augen bekamen einen gierigen Glanz. Lukas war gewarnt. Was auch immer der Mann, der sich jetzt unter seinen Tisch bückte und dort etwas zu suchen schien, hervorzaubern würde, er wollte es ihm für viel Geld verkaufen. Nach kurzer Zeit tauchte der hüpfende Schnurrbart, ein Paket in den Händen haltend, wieder auf, und schlug sehr langsam ein dunkles Tuch, dass sorgfältig um einen etwa kopfgroßen Gegenstand gewunden war, zurück.
„Schauen sie nur, junger Mann! Schauen sie nur! Was für eine wunderschöne Arbeit! Und sehr, sehr alt!“

Von dem ersten Moment an, da er ihrer bewusst geworden war, wurde sein ganzes Wesen von dem brennenden Wunsch erfüllt, diese Maske in seinen Händen zu halten. Als er dieses dann auch gleich von dem Händler verlangte, wich dieser seinem Wunsch erst aus und pries die Arbeit, von der er behauptete, dass sie vor langer, langer Zeit durch die Hände eines alten Nomaden in seinen Besitz gekommen war. Lukas wehrte den Wortschwall des kleinen Mannes, dessen Augen jetzt in dunklem Feuer funkelten, mit einer ungeduldigen Handbewegung ab, doch dieser achtete überhaupt nicht darauf und fuhr fort seine Geschichte zu erzählen, wobei er unaufhörlich die Enden seines Schnurrbarts aufdrehte.

„Mmh! Wir saßen da also in unserem kleinen Haus, draußen tobte dieser schreckliche Sturm. Ich war noch ein Kind und hatte Angst, als es plötzlich an unsere Tür klopfte. Mein Vater, Friede seiner Seele, war damals gerade in einer nahegelegenen kleinen Stadt und meine arme Mutter, möge Allah sie mit seiner Güte umfangen, öffnete vorsichtig die Tür. Sie hatte sich einen langen Holzscheit gegriffen, denn es war damals nicht ungefährlich in den Bergen. Ein alter Mann schaute aus dem dunkel der Nacht mit einem zerfurchten Gesicht in unsere kleine Stube. Nein! Er schien nur zu uns herein zu schauen, denn er hatte keine Augen. Jemand hatte sie ihm wohl ausgestochen, denn nur vernarbte Haut war dort, wo wir beide unsere Augen haben! Wir Kinder hatten natürlich schrecklich Angst, aber meine Mutter bat den alten Mann herein und bot ihm ein Lager für die Nacht und eine heiße Suppe. Er sprach nicht, sondern nickte nur mit dem Kopf und setzte sich an den kleinen Tisch. Die Suppe rührte er nicht an, nur einige Tropfen Wasser nahm er von uns an. Wenig später legten wir uns alle zum schlafen auf unsere bescheidenen Lager, doch der heulende Wind und der rollende Donner ließen mich keinen Schlaf finden. Leise stand ich auf und ging hinüber in den Wohnraum, wo auch der alte Mann die Nacht verbringen sollte, um mir ein wenig Wasser aus dem Krug zu holen. Kaum hatte ich das Wasser geschöpft und einen Schluck genommen, da packte mich eine Hand an meinem rechten Arm. Wie Krallen schlossen sich die langen Finger des Greises um mein Handgelenk und hielten mich mit einer ungewöhnlichen Stärke an meinem Platz fest. Gerade wollte ich vor Angst schreien, als er zu mir sagte: Hör mir gut zu, mein Sohn, ich werde sterben, vielleicht heute, vielleicht morgen, aber ich habe ein Vermächtnis meines Volkes, dass mich überleben soll. Ich bin der letzte aus meinem Stamm und wir haben uns nie den Söhnen der Wüste und ihrem Glauben angeschlossen. Jetzt stirbt mein Stamm. Er stirbt mit mir..... nimm diese Maske, sagte er, nimm sie und tue mit ihr, was du für richtig hältst, aber setze sie nicht auf! Dann ließ er meinen Arm los und ich lief, die Maske in meinen Händen, zurück in das Zimmer, wo meine Geschwister und meine Mutter schliefen. An demselben Abend noch starb der alte Mann. Wieso ich sie verkaufe? Nun ja... zum einen brauche ich das Geld, zum anderen habe ich keine Verwendung für sie, aber hier, nimm sie jetzt in die Hand, wo du ihre Geschichte, jedenfalls was ich davon weiß, kennst.“

Natürlich traute er dem Händler nicht, denn er war sich sicher, dass die Geschichte nur dazu dienen sollte, den Preis für diese Maske in die Höhe zu treiben. Ruhig betrachtete er dieses faszinierende Stück dunklen Holzes, dass warm und, so schien es ihm, lebendig in seiner Hand ruhte. Er musste sie besitzen!

Er hatte zäh mit dem Händler verhandeln müssen, bis es ihm schließlich gelungen war, diesen von seinem ursprünglichen, sehr hoch angesetzten, Preis so weit herunterzuhandeln, dass er wenigstens das Gefühl hatte, nicht vollkommen übers Ohr gehauen worden zu sein. Denn wahrscheinlich, so musste er sich eingestehen, war es lediglich die Arbeit eines versierten Handwerkers, der einfach seiner Phantasie freien Lauf gelassen hatte. Nur das wissende lächeln und das plötzliche Funkeln in den Augen des Händlers hatte ihn stutzen lassen, als man sich schließlich auf einen Preis hatte einigen können, doch da war es bereits zu spät gewesen. Was hatte der Händler wohl gedacht? Diese Frage stellte er sich wieder und wieder. Hatte er einen zu hohen Preis gezahlt, oder hatte der Händler die Wahrheit erzählt? Oder gab es vielleicht noch eine andere Geschichte, etwas, dass ihm der Händler nicht erzählt hatte? Er wusste es nicht.

Der Handel war abgeschlossen, Geld wechselte den Besitzer und er trug seinen neu erworbenen Schatz, ohne noch weiter über den Flohmarkt zu schlendern, den er bis zu diesem Vorfall vielleicht gerade einmal zur Hälfte umrundet hatte, und ohne noch weiter auf die sich um ihn herum bewegenden Menschen zu achten, in seine Wohnung.

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6 Antworten

Kommentare

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    gibts dazu dann auch ne fortsetzung?? du weisst - es .ist. toll geschrieben... wurde schon genug gesagt :)

    10.01.2009, 14:06 von MeltingPhoenix
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    mh. is die zuende? dann kapiere ich sie nicht ;)

    26.12.2008, 18:05 von beenerin
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    Egal...
    endlich ist auch mal was gutes lang ;-)

    16.12.2008, 14:32 von ben85
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    ick frag mich nur: isser nich wieder zu lang?
    *kicher*

    16.12.2008, 14:27 von PDK
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    Toller Text, sehr gut geschrieben...
    Ich konnte es mir gut vorstellen wie Lukas über den Markt lief,
    ich bin so ein Neugieriger der gern über den Trödelmarkt läuft...

    16.12.2008, 14:26 von ben85
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