Du und Deutsch! Glaube ich nicht!
Sind wir Deutschen bereit die Integration, die wir von Ausländern fordern auch anzuerkennen, wenn sie stattfindet?
Offensichtlich nicht, möchte ich sagen, wenn ich mir das folgende Gespräch, welches ich in der oder in ähnlicher Form bereits häufiger mit Wildfremden geführt habe in die Erinnerung rufe:
F.: "Wo kommen Sie den her?"
A.: "Aus Mainz!"
F.: "Nein, ich meinte, wo Sie URSPRÜNLICH herkommen."
A.: "Ach so! Frankfurt!"
F.: "Also, ich meinte eigentlich, wo Sie geboren sind. Wo ihre Heimat liegt."
A.: "Also, ich bin in Frankfurt geboren...; Aber Sie meinen wohl, wo meine Eltern herstammen?"
F.: "Ja!"
A.: "Meine Eltern stammen aus Indien!"
F.: "Ach ja, und gefällt es Ihnen hier in Deutschland?"
A.: "Wie gesagt... Ich bin hier geboren und auch hier aufgewachsen. Selbstverständlich gefällt es mir hier!"
F.: "Aber Ihr genetischer Ursprung liegt doch dort! Wollen Sie nicht mal Ihre Heimat besuchen?"
A.: "Wie gesagt... ich bin hier geboren..."
Zumindest bei mir kam an dieser Stelle die Erkenntnis, dass dieses Gespräch nicht fortsetzungswürdig ist. Eine andere, kürzere Variante desselben Gespräches, das jedoch auf den Punkt bringt, worum es den Fragenden geht ist die Folgende:
F.: "Was sind Sie denn für ein Landsmann?"
A.: "Deutscher..."
F.: "Nein, nein, ich meinte was für ein Landsmann Sie WIRKKLICH sind!"
Das sind Gesprächssituationen, die nahezu jeder Staatsbürger mit "Migrationshintergrund" kennen dürfte. Ein trauriges Fazit. Denn längst müsste in der Bundesrepublik ein Umdenken stattgefunden haben. Nicht jede Person mit einem „exotischen“ Aussehen ist ein Ausländer. Die Unterscheidung zwischen Ausländer und nicht Ausländer ist hier längst nicht mehr ausreichend. In einem Land, in dem teils bereits die dritte Generation von "Gastarbeitern" Leben, kann längst nicht mehr davon die Rede sein, dass das Aussehen ein Indikator für die Staatsangehörigkeit, geschweige denn das Staatszugehörigkeitsgefühl darstellt. Bei einem vermeintlichen "Afrikaner" kann es sich mittlerweile um einen "echten" Deutschen handeln, der hier geboren ist, dessen Eltern hier geboren sind und welcher seine vermeintliche "Heimat" nie gesehen hat und sehen wird. Auch kann es um einen "Ausländer" handeln, der schon seit Jahren in der Republik lebt und längst eingebürgert ist. Natürlich kann der vermeintliche Afrikaner auch ein "Ausländer" sein. Dennoch könnte er hier geboren und aufgewachsen sein und sich diesem Staat zugehörig fühlen. Aber es kann sich auch um einen Franzosen handeln, der sich als EU-Bürger gleichfalls unserem Kulturkreis zugehörig fühlt. Natürlich kann es auch ein "Afrikaner" aus Kongo sein, der Asylberechtigt ist. Kurz um: Man kann es nicht wissen. Nicht auf Grund des Aussehens.
Das ist auch der Grund, warum die Frage nach der Herkunft im Smalltalk mit einem Fremden von einer gewissen ethnischen Unsensibilität zeugt. Natürlich könnte man sich jetzt die Frage stellen, ob die Frage nach der Herkunft bereits rassistisch ist. Rassismus stellt in meinen Augen die Praxis dar, Menschen auf Grund von körperlichen Merkmalen, die auf ihre ethnische Abstammung basieren in Rassen einzuteilen und ihnen deshalb unterschiedliche Werte zukommen zu lassen. Ob der Fragende mit der Frage nach der "ursprünglichen" Herkunft dem Gegenüber einen Wert zukommen lassen will, lässt sich nicht ohne weiteres beantworten. Im Ergebnis jedoch bringt der Fragende zum Ausdruck, dass er in einem Dunkelhäutigen oder Andersartigen primär keinen Deutschen sieht oder zumindest zwangsläufig von einem anderen kulturellen Hintergrund ausgeht, was gerade in der Bundesrepublik, wie bereits oben aufgezeigt nicht zwingend der Fall sein muss.
Zu dem zieht der Fragende unter Umständen durch diese Frage die natürliche Identifikation des Gefragten mit der deutschen Kultur und Wertvorstellungen in Zweifel und ordnet den Gegenüber einem Kulturkreis zu, zu dem dieser unter Umständen keine Bezüge hat. Daher kann es dahingestellt bleiben, ob die Frage rassistisch ist. Ohne Zweifel zeugt sie von Ignoranz, Unüberlegtheit und ethnischer Unsensibilität und sollte in einem multikulturellen Deutschland nicht an erster Stelle bei einem Gespräch mit einem Fremden stehen.
Die häufig versuchte Rechtfertigung über das Interesse an der fremden Kultur scheitert schon an einem gedanklichen Zirkelschluss. Dieses Interesse beruht nämlich gerade an der durch die fehlende ethnische Sensibilität erzeugten Fehlvorstellung, dass der Andersartige zwangsläufig einem anderen Kulturkreis angehören muss. Aber wie bereits erklärt ist die Wahrscheinlichkeit sogar recht hoch, dass er keinem anderen Kulturkreis angehört. Auch der Versuch, derartige Fragen über Neugier zu erklären ist nicht wirklich überzeugend. Grundsätzlich ist zwar die Neugier verständlich, aber bereits andere Beispiele zeigen, dass es nicht immer höflich ist die eigene Neugier auszuleben. So fragt man eine fremde Frau nicht als erstes, ob sie vergeben ist. Auch sollte man einen Fremden nicht als erstes Fragen, ob seine Großeltern Nazis waren. Egal wie hoch die eigene Neugier sein mag. In manchen, eigentlich sogar in den meisten Fällen geht die Höflichkeit vor.
Oft habe ich erlebt, dass den Personen, die diese Frage als unangenehm empfinden und dies auch kundtun mit der Begründung, dass man selbst im Urlaub oder während eines Austausches oft nach der Herkunft gefragt geworden sei und die Frage nicht als Unangenehm empfand Hypersensibilität unterstellt. Jedoch ist dieser Vergleich unzutreffend. Es besteht ein Unterschied dazwischen, ob man in seiner Heimat mehrfach nach der Herkunft gefragt wird, obwohl man keine andere Herkunft hat oder ob man im Urlaub, wo man eine von vornherein begrenzte Zeit verbringt gefragt wird, wo man den herkomme. An dieser Frage haben mit Sicherheit auch Bundesbürger mit Migrationshintergrund nichts auszusetzen, wenn sie ihnen im Ausland begegnen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass im Ausland die Antwort "aus Deutschland / from Germany" ohne Widerrede angenommen wird, während in der eigenen Heimat eine weitergehende Ausführung erwartet wird.
Auch wirkt die Frage nach der Herkunft oft ausgrenzend. Denn sie zeigt, dass der Fragende das Gegenüber nicht als Teil der eigenen Kultur betrachtet. Auch zeigt der Fragende oft durch seine weitere Gesprächsführung (s.o.), dass er zwischen "echten" und "unechten" Deutschen unterscheidet. Und diese Unterscheidung ist genau genommen sogar rassistisch!
Ein erster Schritt, mit dem jeder zur Integration von Migranten beitragen kann, wäre somit sich die Frage "Wo kommst du denn her?" zu sparen, wenn sein Gegenüber über eine dunklere Haut, dunklere Haare oder ein "exotisches" Aussehen verfügt. Denn Integration kann solange nicht fruchten, bis die Integrierten auch von der Gesellschaft als gleichwertige Mitbürger wahrgenommen und akzeptiert werden.





Kommentare
@[Benutzer gelöscht] Kann ich auch nur zustimmen. Ist mir so im Ausland auch noch nie passiert!
26.05.2008, 17:29 von HoandGenau so ist es leider, kann dir nur zu stimmen mit dem was du schreibst.
21.05.2008, 22:08 von amal@amal Leider leider!
26.05.2008, 17:29 von Hoand