triskele 13.03.2012, 18:16 Uhr 0 0

Du und der Zauberberg

Tag für Tag stehst du vor ihm und ihr schweigt euch an

Ich sehe dich morgens auf dem Weg zur Arbeit. Du stehst vor den grau-grauen Betonriesen. Du rauchst eine Zigarette, die erste heute, bevor du dich auf den Weg zur Bahn machst. Das Gebäude hinter dir sieht unheimlich hoch aus und du unheimlich klein. Sein Bild scheint dein Bild zu erschlagen. Ich hoffe es erschlägt dich nicht. Du siehst wie immer ein bisschen müde aus, wie immer ein bisschen erschöpft von dem Wissen was heute vor dir liegt. Du nimmst einen letzten hastigen Zug und wendest den Kopf nach oben. Der Blick will den blauen Himmel nur streifen. Er ist ohnehin kaum erkennbar hinter all dem Beton. Deine Augen tasten sich an der Hauswand entlang. Die Fenster gähnende Löcher im verwaschenen Grau. Tausend müde Augen und mitten drin ein Herz das pocht. Du trittst die Zigarette aus und machst dich auf den Weg.

Ich sehe dich abends wenn du heimkommst. Du stehst vor den sonnenerleuchteten Feuerbergen. In der einen Hand schon die Wohnungsschlüssel, in der anderen eine Supermarkttüte. Sie scheint schwer zu sein. Deine Augen sehen immer noch müde aus. Es ist Spätsommer. Noch ist es hell wenn du von der Arbeit kommst, aber die Sonne ist schon am Untergehen. Vor der Treppe zur Eingangstür setzt du die Tüte für einen Moment auf den Bodenplatten ab. Du siehst nach oben an der Hauswand entlang. Tausend schwarze Höhlen klaffen in flammendem Rot. Und mitten drin ein Herz das pocht. Du atmest tief ein und stößt die Luft schnaubend wieder aus. Dann greifst du nach der Einkaufstüte, hievst sie die kurze Treppe hinauf und verschwindest im Flur.

Ich sehe dich nachts wenn du ausgehst. Du stehst vor funkelnden Giganten. Du hast dich schick gemacht und überspielst die müden Augen mit einer nicht ganz unbeschwerten Fröhlichkeit. An der Straßenecke warten deine Freunde auf dich, aber bevor du zu ihnen gehst, bleibst du für einen Augenblick stehen und siehst nach oben. Eine funkelnde Wand erhebt sich vor dir. Tausend bunte Sterne bilden ihren eigenen Himmel. Und mitten drin ein Herz das pocht. Deine Freunde rufen nach dir. Mit funkelnden Gedanken in den Augenwinkeln läufst du zu ihnen und ihr verschwindet lachend in der Nacht.

Ich sehe dich in der Morgendämmerung allein auf die grauen Riesen zukommen. Deine Freunde sind verschwunden. Du versteckst deine Müdigkeit nicht mehr. Du hast noch nicht bemerkt, dass die Schwärze der Nacht sie nicht mehr verschleiert. Es ist eine große Müdigkeit wie man sie über Jahre ansammelt. Zielstrebig steuerst du auf die Treppe zu, beginnst schon sie hinaufzugehen, doch auf der zweiten Stufe hältst du doch inne und siehst nach oben. Die funkelnden Sterne sind erloschen, die dunklen Löcher noch nicht zu erkennen. Ein großer blau-grau-schwarzer Schatten. Und mitten drin ein Herz das pocht. Im undefinierbaren Einheitslicht drehst du den Kopf gen Sonnenaufgang und seufzt. Du wirst wieder auf die Nacht warten und auf die Schönheit der glitzernden Riesen. Du gehst weiter und wirst eins mit dem Gebäude, das dich gierig verschluckt.

Jeden Tag sehe ich dich vor den Wänden die in den Himmel wachsen und trotzdem so unendlich weit von ihm entfernt zu sein scheinen. Du siehst nie zum Himmel. Das ist nicht deine Welt. Du siehst auf das nächtliche vertikale Firmament das eine Welt trägt. Um dich daran zu erinnern, dass dein Blut noch pulsiert, dass du noch wollen kannst. Um nicht zu vergessen, dass es hier viele Sterne gibt die nur manchmal leuchten. Um weiter zu hoffen irgendwann aufzuwachen; ausgeschlafen und ganz befreit von Müdigkeit.

Tag für Tag stehst du vor dem Zauberberg und ihr schweigt euch an. Irgendwo ein Fenster und ein Herz das pocht und pocht und pocht.

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