greentongue 12.12.2018, 00:14 Uhr 1 0

Du Schlingel

Irgendeine Schlinge hält uns im Leben immer fest.

Eine Woche vor Ende meiner zweijährigen Therapie. In zwei Monaten findet das Abschlussgespräch statt. Die Gründe für eine Therapie waren mir zu Beginn nicht ganz deutlich, besser gesagt, sie waren mir nicht bekannt. Sie waren bis dahin noch nie in mein Bewusstsein getreten.


Ich wusste, dass etwas mit mir nicht stimmte. Das ich mich aus meinem sozialen Netz entspinnt hatte. Das ich dachte, alle hassen mich. Das mich alle merkwürdig finden. Das ich Verabredungen abgesagt habe. Das ich morgens dann länger im Bett liegen wollte, anstatt einer meiner Lieblingsbeschäftigungen, dem Einkaufen, nachzugehen. Das ich dann lieber nichts aß, als zu bestellen oder in den Kühlschrank zu schauen, dafür musste ich ja aufstehen. Das ich meine beste Freundin von meinem Leben außen vor gelassen habe, obwohl eine kurze Nachricht zu schreiben heutzutage nicht länger als ungefähr 30 Sekunden braucht. Das ich mich mich nicht attraktiv fühlte. Das ich dachte, kein Talent zu haben. Für nichts. Das ich keine Zukunft habe. Das ich meinen Eltern gesagt habe, es geht mir gut, ich habe ein tolles Leben. Das ich in Wahrheit an nichts anderes gedacht habe, als tränen überströmt, mit leeren und doch vollen Gedanken in den Zug zu steigen, um bei ihnen zu sein. Das ich von ihnen in den Arm genommen werden wollte. Das ich ihnen gerne gesagt hätte: “Mama, Papa, es geht mir nicht gut. Ich möchte bei euch sein. Ich bin traurig und ich weiß nicht warum”. Das es schlimm war, wie ich mich fühlte. Das ich Fehl am Platz auf dieser Welt bin. Das es schlimm war, was für ein Mensch ich bin. Das es nicht schlimm wäre, wenn mich ein Auto überfährt. Das es nicht schlimm wäre, nicht mehr zu leben. Das es niemanden ausmachen würde, einfach nicht mehr da zu sein. Dass es für alle in meiner Umgebung besser wäre, wenn ich nicht mehr da bin. Das ich allen zur Last falle. Das sich sowieso keiner an mich erinnert, wenn ich nicht mehr da bin. Das ich eh kein guter Mensch bin. Das ich schlecht bin. Das ich anders bin als alle Anderen. Das ich es nicht wert bin. Das ich nicht liebenswert bin. Das ich es nicht verdiene, geliebt zu werden. Das, so fröhlich ich vielleicht auch immer war, nur noch Leere in mir war. Eine Leere, wie ich sie noch nie in meinem kurzen Leben gespürt und vor mir gesehen habe. Ich sah schwarz. Tiefschwarz.


Das alles spürte ich innerlich irgendwie unbeschreiblich doppelt und doch war gleichzeitig kein Empfinden für irgendwas oder etwas da. Als würden sich alle diese Gedanken wie eine Schlingpflanze Fußaufwärts entlang meines Körper stützen, nach oben wachsen und immer neue Schlingen bilden. Als würden sie sich in meinen Armen festkrallen, die sich verstärken und hoch hinaus wachsen. Als würden sie meinen Körper immer fester umschlingen.

Als würde die Schlingpflanze meinen Körper mehr halten als ich sie halten würde. Sie brauchte mich, um zu wachsen. Zu leben. Mein Körper brauchte sie, um nicht zu fallen. Zu sterben. Mein Weg zeigte mir die Richtung nach unten zur kühlen und dunklen Erde. Ihre Richtung zeigte mir den Weg nach oben zur warmen und hellen Sonne. Welchen Weg wollte ich gehen? Den dunklen oder hellen Weg für das eigene Leben? Den Weg zur Sonne mit ihren Schattenseiten oder den Weg zur modrigen Erde? Die Sonne ist doch so fern und die Erde so nah oder? Den langen oder kurzen Weg? Ich stand ja schon mit beiden Füßen auf der Erde...


Bevor ich mich entscheiden konnte, welchen Weg ich gehen möchte, nahmen mich zwei Menschen an die Hand. Ein Mensch, der wohl die erste Schlinge an meinem Körper miterlebt hat. Ein Mensch, der alle folgenden Schlingen der Ersten zu bändigen begann. Beide Menschen nahmen einen wichtigen Teil in meinem Leben ein. Einer von ihnen gab mir das Werkzeug, mich irgendwann vielleicht vollkommen zur Sonne durchschneiden zu können. Einer von ihnen gab mir das Rohmaterial, dieses Werkzeug zu benutzen. Dabei durfte ich auch mal daneben schlagen, denn blaue Flecken sind nicht für immer, nur von kurzer Dauer. Von einem dieser Menschen muss ich mich nun bald verabschieden. Der Mensch, der mir das Werkzeug gab. Von einem dieser Menschen ist die Hand nur noch leicht zu spüren. Der Mensch, der immer an meiner Seite war und, manchmal für mich unbegreiflich, immer noch da ist. Beiden Menschen werde ich immer zutiefst dankbar sein.

Ich beginne von beiden die Hände loszulassen. Dennoch spüre ich weiterhin einen leichten Druck. Ich sehe auf meine Hände und meine Mundwinkel gehen leicht nach oben. Ich habe bei dem Anblick, wie man so schön sagt, ein lachendes und ein weinendes Auge. Ich sehe, dass ich mich ganz alleine halten kann. Ohne Hilfe.


Liebe Schlinge der Depression,

ich wünsche mir, du wärst berechenbar. Ich wünsche mir, du würdest nicht einfach über so viele Menschen herfallen. Ich wünsche mir, du würdest andere Menschen mehr auf dich aufmerksam machen. Ich wünsche mir für alle, dass sie dich bezwingen werden. Ich wünsche mir, dass du nicht eines Tages wieder alle unsere einzelnen Füße umklammern wirst. Dennoch wird das mit Sicherheit passieren. Du wirst uns nie loslassen. Aber dann haben wir alle das Werkzeug, dich zu bekämpfen. Denn das einzige was wir wollen, ist ein Leben ohne dich. Und wir wollen die Sonne sehen!


Danke an alle, die mich und andere Betroffene in dieser Zeit begleitet haben und begleiten werden. Danke, dass ihr unsere Hände festhaltet und unseren Blick Richtung Sonne lenkt. Danke, dass ihr uns nicht fallen gelassen habt und fallen lassen werdet. Danke, dass ihr aus diesem Irrweg des Lebens einen Trampelpfad mit uns eingegangen seid und eingehen werdet.


Es war, ist und wird nicht einfach sein. Eine Krankheit gilt es zu bekämpfen. Das schaffen wir nur mit Hilfe. Sie anzunehmen, ist der erste Schritt in Richtung Sonne.


Danke.



Tags: Depression, Hilflosigkeit, Psychologie, Blickwinkel, Hilfe, Unterstützung, Familie, Freunde, Therapie, Gesellschaft, Krankheit, Leben, Unverständnis
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