Ich liebe diese typische Sonntagsstimmung. Ausschlafen, nach dem ersten Wachwerden noch ein wenig liegen bleiben. Draußen heiteres Vogelgezwitscher hören und für einen Moment vergessen, in was für einer Krise wir leben. Sonntagsfrühstück, Ei, Kaffee, frische Brötchen.
Daraufhin mein sonntagliches Ritual: Musik, Musik, Musik, den ganzen Tag Musik hören, jazzige Beats, bei denen man gar nicht anders kann, als sich völlig zu entspannen und mit den Klängen zu verfließen. Jeden Sonntag habe ich abends ein Gefühl der Vollkommenheit: Ich habe etwas erreicht. Ich habe eine Menge neue Musik kennen und lieben gelernt, und ich denke gar nicht daran, sie irgendwem zu zeigen, ist ja auch meine Musik.
Diesen Sonntag lief alles ein bisschen anders ab. Dabei hat es so schön angefangen. Also beides jetzt, der Sonntag, und die Sache zwischen dir und mir. Als wir uns vor einem Jahr kennenlernten, war ich sofort sicher, den perfekt zu mir passenden Mann gefunden zu haben.
Die ersten Monate war alles so schön, dass es schon fast unheimlich war. Ich war schon immer sehr auf Musik fixiert, beurteile fast jeden Menschen nach der Musik, die er hört (sorry) und verliere schnell Sympathie für Menschen mit meiner Meinung nach schlechtem Musikgeschmack. Aber so läuft das halt, jeder beurteilt Menschen nach irgendeinem Auswahlverfahren.
Bei dir war's zum ersten Mal anders. Wir haben nicht mal über Musik gesprochen (und glaub mir, normalerweise werden Menschen, die ich neu kennenlerne, durchlöchert) und trotzdem hat alles so schön geklappt. Ich konnte weiterhin jeden Sonntag meine Musik hören, hab jeden Sonntag meine neuen Goldschätze gefunden und wir haben uns getroffen ohne von Musik zu sprechen.
Nicht, dass ich dir die Musik nicht zeigen wollte. Vor die wollte ich sie ja nicht geheim halten, dir hätt' ich sie gern gezeigt - es kam einfach nie dazu.
Jetzt ist das mit uns beiden endgültig vorbei, und da wir nicht in Frieden auseinander gegangen sind, hasse ich dich jetzt natürlich abgrundtief und wünsche dir alles Pech dieser Welt.
So, jetzt zum heutigen Sonntag. Wie gesagt, alles hat schön angefangen, ausschlafen, Kaffee, Ei, blablabla, Friede Freude Eierkuchen. Der einzige "Kontakt" der zwischen uns beiden noch besteht, ist virtuell im sozialen Netzwerk des Cyberspaces (ich frage mich gerade, ob dieser Satz als grammatikalisch richtig angesehen werden kann).
Ich bin also nichtsahnend im Internet, "surfe" ein wenig, wie der Computernerd jetzt vielleicht sagen würde, Betonung noch immer auf nichtsahnend und ganz unschuldig, als plötzlich dein Name auftaucht und...Moment, mein Lied! Stop, Halt, kann jemand bitte kurz die Zeit anhalten? Ich fühle mich wie in schlechten Hollywood-Filmen, in denen ein Mann in die Menge schaut, sein Blick über verschiedene Frauen schweift, nach der fünften Frau plötzlich anhält, zwei Frauen zurück schweift und peng! seine Traumfrau sieht. Nein, Stop, warum, wieso, woher kennst du das überhaupt? Das ist doch meins, ich weiß, dass du das vorher nicht kanntest, du verstehst diese Musik doch überhaupt nicht, ich wette, du hast es nicht mal bis zum Ende gehört und außerdem und gerade deswegen....
Kurz Inne halten. Warum rege ich mich eigentlich so auf? Auf meiner linken Schulter erscheint ein kleiner Engel. "Musik lässt sich nicht besitzen, blabla, Musik gehört jedem auf dieser Welt, er hat genau so das Recht darauf, wie du, das Lied wurde ja auch überall veröffentlicht, ist doch klar, dass er das kennt,..., nein, er hat es bestimmt nicht von dir, er weiß bestimmt gar nicht, dass du das so liebst..." - "Halt's Maul", würde ich am liebsten brüllen, niemand nimmt mir meine Musik! Er hat mir so viel genommen nachdem alles vorbei war, sogar einige meiner Freunde, aber okay, ich bin darüber hinweg, nur jetzt geht es zu weit.
Ich kann es auch ganz easy erklären: Musik gefällt uns Menschen doch so, weil man sich in ihr wiederfindet, sich mit ihr identifizieren kann, oder die Klänge einen an irgendetwas erinnern, was man oft selbst nicht beschreiben kann. Sie bewegt etwas in den Menschen und ich akzeptiere es nicht, dass du von der selben Musik bewegt wirst, wie ich. Ich meine, ich hasse dich mehr als alles andere, du bist ein riesen Arsch, aber wenn du dieses Lied auch so liebst, wie ich, musst du ja was gutes an dir haben... und das ist nun mal unmöglich, und genau aus diesem Grund bin ich wütend. Und das wird auch so bleiben, und glaub mir, ich werde jetzt meinen Sonntag wiederbeleben, aus der Intensivstation retten und zum schönsten Sonntag meines Lebens machen - oh, und ich werde so viel neue Musik entdecken, dass du in 20 Jahren nicht hinterherkommst!
Meine Wut hat inzwischen ein wenig nachgelassen. "Ich melde mich jetzt bei neon.de an und schreibe einen Artikel an ihn", habe ich zu meiner Freundin gesagt, kurz nachdem ich die Katastrophe erlebt habe.
Und ich muss sagen, der Artikel, der eher klingt wie ein Tagebucheintrag von mir als ich 14 war, hat mir meine Wut genommen und mir neuen Ansporn gegeben. Auf in die zweite Runde!
Tags: Wut, Beziehung
Kommentare
in welcher Krise leben wir denn??
22.01.2012, 16:07 von Surecampzum Beispiel der Hype von Cro.. hahaha
22.01.2012, 16:42 von punanehDer war sogar gut!
22.01.2012, 16:42 von Surecamp