"Du bist mir zu dominant."
Der Lieblings-Killersatz im Leben einer jeden Smilla.
Ich habe vergessen, wie oft ich diese Phrase gehört habe. Meist in Verbindung mit einem verheißungsvollen Hauptsatz, der durch eben jene handvoll Wörter erst so richtig seine holzhämmerische Abrundung erfährt.
"Ja, ich habe darüber nachgedacht, wie es wäre, mit dir zusammen zu sein. Aber du bist mir zu dominant."
Ach so.
"Mit dir kann man nichts anfangen. Du bist viel zu dominant."
Aha.
Erklärungsversuch via Emanzipation (Alle stöhnen auf. Oh nein, nicht schon wieder! Erst mal weiterlesen, dann bashen!):
Frauen verdienen ihr eigenes Geld und Männer können jetzt auch kochen. So viel zum Thema, inwieweit man sich von der "klassischen" Rollenverteilung jetzt und heute im 21. Jahrhundert entfernt hat. Ich finde das gut so. Was ich nicht so gut finde, ist die Sturheit, die mit diesem ganzen Emanzipationsgehabe einhergeht und ich will mich davon übrigens nicht vollends ausnehmen.
Denn:
Leben und leben lassen. Ich mache, was ich will, wann ich will und mit wem ich will. Ich behaupte, dabei weder Ellenbogen benutzen zu müssen, noch auf irgendwelchen Rücken meiner Mitmenschen herumzutrampeln. "Um jeden Preis" gilt es auch in meinen Sphären zu vermeiden.
Jetzt verdiene ich also mein eigenes Geld, bin selbstständig (was auch immer man sich jetzt darunter vorstellen möchte), kann kochen und muss nicht jede Entscheidung, die es zu treffen gilt, mit meinen Mitmenschen bis ins kleinste Detail ausdiskutieren. Es sind ja meine eigenen Entscheidungen und deshalb treffe ich sie meist allein.
Deshalb bin ich anscheinend dominant. Ich weiß, was ich kann und ich weiß, was ich nicht kann.
Weil ich also meine Grenzen kenne und somit meist durch den Tag gehe, OHNE permanent Feedback von außen einzufordern um mein Persönlichkeitsterritorium ständig zu modifizieren.
Kann es sein, dass sich hier Begrifflichkeiten verschieben und ich davon nichts mitbekommen habe?
Meine Mutter sagt, ich wäre dominant, weil eine Diskussion mit mir nicht möglich wäre. Ich würde keine andere Meinung neben meiner eigenen akzeptieren. Das stimmt nicht. Ich akzeptiere nur nicht, dass jemand diskutieren möchte und dann nur sein Statement, aber keine weiteren Argumente parat hat und dies nicht kommuniziert.
Meine Mitbewohnerinnen sagen, ich wäre dominant, weil ich auf die Frage: "Ich habe Herzrasen, was mach’ ich denn jetzt?" mit "Geh' zum Arzt." antworte. Ich würde meinen Pragmatismus und einen gewissen Grad an fehlender Empathie jetzt nicht automatisch als Dominanz einordnen, scheint aber an dieser Stelle so zu sein.
Mein Ex-Freund sagt, ich wäre dominant, weil ich immer die Entscheidungen getroffen habe. Dass man den Spielball nach "Wie du möchtest, Smilla" und "Mir egal" anscheinend wieder auf die gleiche Art und Weise zurückgeben muss war mir nicht ersichtlich. Ich halte das schlichtweg für kontraproduktiv.
Für mich hat Dominanz eine völlig andere Bedeutung. Dominanz heißt für mich: Mitmenschen bevormunden. Anderen vorschreiben, was sie zu tun hätten. Im Sinne von: befehlen.
Das ist für mich Dominanz und ich verstehe jeden, der eben genau das kompromisslos ablehnt.
Aber ich bin zu dominant?
Zu dominant für was? Für den eigenen Egoismus, der dann nicht mehr ausgelebt werden kann?
Wenn meine Abendbegleitung sagt: "Ich bin müde, ich möchte nach Hause" und ich sage: "Gut, es gefällt mir hier, ich werde noch ein bisschen bleiben." -- dann ist das also dominant?
Wenn ich meine Meinung äußere, die gegenteilig zu der Äußerung meines Gegenübers ist -- dann bin ich sofort dominant?
Bin ich dominant, weil ich allein in Urlaub fahren will?
Ich sehe hier ein hartes Kommunikationsproblem.
Wenn ich, um im zwischenmenschlichen Bereich irgendwie weiter zu kommen, noch weit vor allem anderen eine dermaßen krasse Begriffsverzerrung habe die es zu klären gilt und die meist ins Nichts führt - weil ich ja in meiner dominanten Art alles besser weiß und angeblich nichts anderes akzeptiere, dann sehe ich düsteren Zeiten entgegen. Einer Zeit, in der verbal noch wilder herumgeballert wird und ich mir dann noch öfters meinen Platz 2 der Lieblings-Killerphrasen anhören muss:
"War doch gar nicht so gemeint."






Kommentare
"gesunder" emanzipierter Egoismus kann hart und kompromisslos machen... Vielleicht im ersten Moment ein befriedigendes und erhebendes Gefühl, auf die Dauer macht es, so glaube ich, einsam.
27.06.2011, 09:36 von Blue-BirdSchönes Thema.
...But it doesn't bother me
31.10.2010, 14:29 von AdriAAAn'Cause this poor lonesome cowboy
Prefers a horse for company"
Ich finde, dass du das eben ein wenig zu hart betrachtest. Wieso so kompromisslos?
Wenn man eines Freundes wegen mal auf einer Party ein wenig länger bleibt oder früher geht, ist das jetzt auch keine völlige Zerstörung deiner moralischen Integrität.
Wer sich (natürlich nur in einem bestimmten Rahmen, man sollte nicht immer sein letztes Hemd hergeben) als hilfs- und kompromissbereit erweist, dem werden auch mehr Gefallen erwiesen... das ist irgendwie normale soziale Interaktion, meiner Meinung nach. Dieses "sein-eigenes- Ding-durchziehen" funktioniert irgendwann nicht mehr, wenn man Hilfe braucht und dann wirklich auf andere angewiesen ist, finde ich zumindest.
..der Text könnte von mir stammen.
15.08.2010, 16:44 von TiredOfYouDie unverhältnismäßigen 'Vorwürfe' kenn ich alle zu Genüge.
;)
07.07.2010, 09:45 von DarenBRensStur, arrogant und egoistisch - das sind die Begriffe, mit denen ich manchmal beschrieben werde...
Nettes Reflexions-Statement.
kenn ich....................... dabei is doch n gaaaaaanz weicher kern unter der harten (angeblichen) dominanz-schale... hihi. grrrrrrr.
04.05.2010, 13:20 von Aloisia@Aloisia Hmm, doof nur für die, die an der harten Schale zerbrochen sind. Oder die Flucht ergriffen haben. Na ja, was soll's, so ist das Leben.
04.05.2010, 13:28 von Cyrohehe...schöner text und noch bessere Diskussion :D
30.04.2010, 08:07 von DasDingnaja, find mich in vielen Aussagen wieder, nur dass mir das als zu wenig fordernd ausgelegt wird...glaub, man muß hierbei berücksichtigen, wie man etwas sagt...
der herr mit dem Pixel hat vollkommen recht. Sich selbst treu zu bleiben und die anderen sich selbst sein lassen ist am wichtigsten :D
Die Reich-Ranicki von neon.de mit einem überraschend - verletzlichen Text. Wie so viele hier möchte ich Dich kennen lernen.
28.04.2010, 15:37 von EinfachNurAndreasNach dem zu urteilen, was du in deinem Text an eigenem Verhalten eröffnest, scheinst du ein Charakter zu sein, der gern lapidar reagiert. Was vielleicht kühl, kurzangebunden, herrisch auf jemanden wirkt und dich "dominant" erscheinen lässt.
25.04.2010, 00:35 von MoogleAber
was weiß ich schon.
@Moogle Fast alle spekulieren hier nur über Smilli. Schaut doch mal ein Stück tiefer. Wozu macht sich eigentlich die Mühe Kategorien auszuwählen? Da steht nix von Nabelbeschau.
25.04.2010, 01:45 von Steifschulz@Steifschulz Weil es die Kategorie "Nabelschau" nicht gibt.
25.04.2010, 11:02 von MoogleAber vielen Dank, dass du tiefer schaust als andere.
Ersetze dominant mit intolerant.
18.04.2010, 23:49 von quatzatUnd frag nur dich selbst.
Alles andere ist unwichtig.