Bluelove 10.04.2007, 13:06 Uhr 17 5

Dieser Weg

Zu Fuß auf Wallfahrt gehen, um an Grenzen zu stoßen. Körperlich und Seelisch. Ein Selbstfindungsversuch.

Hape Kerkeling hat's vorgemacht. Geh den Jakobsweg und finde dich selbst. Oder finde Gott. Oder finde, wonach du suchst. Hört man von Pilgerreisen, asoziiert man damit in erster Linie berühmte Orte wie Lourdes, Fátima oder auch Rom. Orte, die man gemütlich mit Bus, Bahn oder Flugzeug erreichen kann. Man schläft im Hotel, lässt sich Frühstück und Abendessen servieren und zündet in der Kirche eine Kerze für die Lieben an. Ein organisiertes Kulturprogramm rundet die Reise ab.

Doch es gibt auch Menschen, die brauchen mehr, als das Licht einer Kerze und ein kurzes Stoßgebet, das Gott erhören möge. Menschen, die beten, Menschen die bitten - und dabei zu Fuß zu einer Wallfahrtsstätte pilgern. Es muss nicht immer der Jakobsweg sein. Auch in Deutschland gibt es Wallfahrtsorte, die die Menschen in Pilgerzügen zu Fuß besuchen.

Menschen mit den unterschiedlichsten Intentionen machen sich auf den Weg. Hundert Kilometer und mehr zu Fuß mit einigen wenigen und nicht immer langen Pausen, mal in einem Gasthof, um sich zu stärken, mal auch nur am Waldrand, um kurz zu verschnaufen.

Da gibt es die, die die Wallfahrt als Sport sehen. Als ausgedehnten Spaziergang, wenn man so will. Die während der Pausen ein gemütliches Hefeweizen trinken. Oder zwei, oder drei. Und zur Verdauung einen Schnaps. Oder zwei, oder drei. Es gibt die, die es einfach mal ausprobieren wollen, feststellen, dass sie eigentlich nicht für einen fast zweitägigen Fußmarsch geschaffen sind und bei der ersten oder zweiten Pause aufgeben und sich nach Hause fahren lassen.

Es gibt die, die beten. Die glauben. Die darum bitten, dass Gott ihre Sorgen erhören möge. Menschen mit kleineren Sorgen, Menschen mit größeren Sorgen. Menschen, die darum bitten, dass kranke Angehörige wieder gesund werden. Menschen, die darum bitten, dass ihr Arbeitsplatz erhalten bleibt, der Ehepartner die Alkoholsucht endlich besiegt oder die Kinder einen Ausbildungsplatz erhalten.

Und dann gibt es noch die - Menschen wie mich - die sich in einer ganz persönlichen Not befinden. Die nicht wissen, welchen Weg sie gehen sollen. Die diese zwei Tage Fußmarsch dazu nutzen, um ungestört über sich, ihre Situation, ihr Verhalten, über Fehler und mögliche Konsequenzen, über Probleme und Lösungen nachzudenken. Nachdenken, ohne dass der Fernseher, das Telefon, Termine oder Arbeit ablenken. Nachdenken. Versuchen, zu sich selbst zu finden.

Nein, ich habe nicht Herrn Kerkeling und seinen literarischen Anstoß gebraucht, um es auch mal zu versuchen. Für mich war es in diesem Jahr bereits das zehnte Mal, dass ich fast einhundert Kilometer Fußmarsch zu einem bekannten bayerischen Wallfahrtsort auf mich genommen habe, um mit mir selber wieder ins Reine zu kommen. Um mir zu überlegen, welcher Weg der richtige sein mag. Um gründlich darüber nachzudenken, welche Konsequenzen meine Pläne für mich, meine Familie, meine Freunde haben könnten. Um mir über bestimmte Verhaltensweisen Gedanken zu machen, mit denen ich Menschen verletzt habe oder auch mir selbst im Weg stand.

Man spürt mit jedem Schritt, den man sich seinem Ziel nähert, mehr, an welch körperliche und seelische Grenzen man stößt. Wieviel man ertragen kann. Welche Willenskraft man entwickeln kann. Und dass es doch immer noch ein Stückchen geht, obwohl man äußerlich und innerlich schon am Aufgeben war.

Ich bin niemals von einem dieser Pilgermärsche zurückgekommen mit einer göttlichen Eingebung. Ich bin nie zurückgekommen und wusste plötzlich, wohin mein Weg mich führt. Ich bin nie zurück gekommen und fühlte mich plötzlich als neuer Mensch.

Doch ich bin stets zurück gekommen, mit meinen Kräften am Ende - aber mit einen ungeheueren Energie, weil ich immer wieder erfahren habe, dass sich der Weg, den ich suche, vor meinen Füßen auftut. Weil ich daran glaube.

Auch in diesem Jahr habe ich an der Wallfahrt teilgenommen, war ich eine von 300 Menschen, die Ihre Sorgen zu Gott und Maria getragen haben. Ich weiß, dass ich den richtigen Weg nicht heute erkennen werde. Auch nicht morgen. Aber ich weiß, dass ich ihn finden werde. Weil ich daran glaube.

Man lernt so viele Menschen kennen auf einer Wallfahrt. Menschen mit Schicksalen, die einen so betroffen machen, dass man unwillkürlich für sie mitbetet. Menschen, die einem einfach sympathisch sind. Menschen, die die Wallfahrt aus dem gleichen Grund angetreten haben wie man selbst. Menschen, mit denen man sich austauschen kann. Menschen, die die Intention dahinter verstehen und teilen. Ein gutes Gefühl! Ein stärkendes Gefühl. Denn es gibt sie immer, die Nörgler, die Miesmacher, die Lästermäuler, die einen abschätzig betrachten und nicht verstehen können, wie man sich freiwillig darauf einlassen kann.

Aber es gibt auch diese unwahrscheinlich enge Gemeinschaft der Pilger, die Halt gibt und sagt, es ist nicht umsonst, was du da machst. Und wenn vielleicht auch Gott nicht hilft - so hilfst du dir wenigstens selbst ein kleines Stück. Ich bin nicht allein. Wer glaubt, ist nie allein.

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17 Antworten

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    Ein sehr schöner Text!

    Ich würde auch sehr gerne einmal den Jakobsweg laufen, aber nicht allein.
    Mein Freund kann und will leider nicht. Vielleicht frage ich mal meine Freundin.

    Hattest du eine Begleitung?

    Viele liebe Grüße

    25.04.2007, 16:01 von Hoppeline
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    schöner text. hat auch meine pillgerlust bestärkt.
    grüße.

    19.04.2007, 20:55 von el_viento
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    Dein Artikel passt gerade unglaublich gut. Ich hab gerade ein Spaziergang gemacht, nur 2 Stunden, keine Pilgerreise, aber auch um nachzudenken und wieder etwas klarer zu sehen. Dein Artikel ist total interressant und vielleicht mach ich sowas demnächst auch mal 3 Tage laufen nur für mich, irgendwohin, muss ja kein Pilgerweg sein.

    17.04.2007, 10:48 von Loewenzahn
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    Mut zur Kontemplation! Sehr schöner Artikel.

    11.04.2007, 15:18 von barcode
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    Gott ist so überflüssig wie ein Kropf! Natürlich, glaube ich auch, aber nicht an Gott! Ich finde der Name Gott ist eine Beleidigung für das Wesen/die Energie oder was auch immer er/sie/es sein mag. Wir sind nur Menschen, deren stärkste Waffe der freie Wille ist, wir dürfen uns nicht anmaßen wir könten wissen/glauben wer oder was uns erschaffen hat. Positiv ist, das Gott halt gibt!
    Und den Text den du da geschrieben hast finde ich klasse!

    11.04.2007, 12:18 von b-button
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    Egal, wie kurz oder lang der Weg ist, eines ist er sicherlich nicht: eine lächerliche Strecke...

    11.04.2007, 11:54 von Bluelove
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