white_sands 17.04.2007, 01:24 Uhr 0 0

Die zwanzig Sekunden Schlechtes Gewissen.

Das Schlechte Gewissen und das zermürbende Wissen, dass man doch eigentlich ein Weltverbesserer sein wollte...

Zwanzig Sekunden...
Zwanzig Sekunden brauchen wir, um unsere Schuhe zu schnüren.
Zwanzig Sekunden brauchen wir,um uns die Haare zu kämmen.
Zwanzig Sekunden brauchen wir, um unseren Schlüssel zu finden.
Zwanzig Sekunden brauchen wir, um das passende Kleingeld zu finden und um auf unser Wechselgeld zu warten.
Zwanzig Sekunden brauchen wir, um unseren Lieben zu sagen wir sind gut im Urlaubsort angekommen.
Zwanzig Sekunden brauchen wir, um unseren Wecker für den nächsten Tag zu stellen.
Zwanzig Sekunden brauchen wir, um Kalenderblätter in unserer Wohnung umzuschlagen.
Zwanzig Sekunden brauchen wir, um in unser Auto zu steigen und loszufahren.

Vorgestern hatte ich zwanzig Sekunden in meiner Tagesplanung zuviel. In denen trat ganz unvermittelt der behinderte „Penner“ im Rollstuhl auf der Haupteinkaufsstraße vor mein inneres Auge. Neben ihm lag ein vergilbtes Schild auf dem man kaum noch die Schrift erkennen konnte: „Meine liebe Anna hat mich verlassen, jetzt habe ich nichts mehr, Bitte um eine Spende“. Zwanzig Sekunden lang dachte ich darüber nach, warum ich ihm nicht einfach die fünfzig Cent geben konnte, die ich später für eine Birne bezahlte. Er kann doch arbeiten gehen, oder sich Hilfe suchen, die ihm hilft sich selbst zu helfen!, gab ich mir selbst die Antwort. Ich kenne seine Geschichte nicht...
Und dann waren die zwanzig Sekunden schon vorbei, schließlich musste ich noch meinen Schlüssel suchen.

Auch Gestern waren aus irgendeinem Grund zwanzig Sekunden zwischen Kaffee trinken und Sachen zusammen packen über. In denen kam mir die Melodie des Liedes „Dear Mr. President“ von Pink in den Sinn. Natürlich will ich helfen, natürlich bin ich gegen Armut, Rassismus, Terrorismus und die Probleme, die die ganze Welt versucht zu lösen. Aber wenn die Welt keine Lösung finden kann, wie soll dann ich in der Lage sein in meinem Zwanzig-Sekunden-Takt-Leben, Antworten zu geben?
Und auch diese zwanzig Sekunden endeten, denn ich brauchte die Folgenden um meine Schuhe zu schnüren.

Heute!:
Heute konnte ich meinem Schlechten Gewissen nicht einmal diese zwanzig Sekunden Zeit geben.
Nicht einmal zwanzig Sekunden, um darüber nachzudenken, was ich tun sollte, um diese Welt zu einer Besseren zu machen.
Nicht einmal zwanzig Sekunden, um darüber nachzudenken, warum ich so ein leichtes Leben haben darf, und Andere um das Ihre kämpfen müssen.
Nicht einmal zwanzig Sekunden, um zu bereuen oder mich zu fragen warum es schon so viele Tage ohne die Zwanzig Sekunden Schlechtes Gewissen gab.

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