Die Zelle fährt
Gedanken aus einer Demonstration gegen Wohnungsnot
Endlich ist der Arbeitstag vorbei, ich laufe zur Bahn. Twitter erinnert mich daran, dass eine Demo gegen den Leerstand in Hamburg stattfindet, ganz nahe. Ich drehe um und freue mich darauf zu harten Technobässen lächelnd nach Hause zu tanzen.
Kaum wurde ich von der Demomasse absorbiert, fällt mir auf, was hier falsch läuft. Gegen Gentrifizierung mit rastabezöpften Köpfen tanzt ihr durch die Hamburger Innenstadt. Im Kampf gegen einen Feind, dessen Ausmaße eure kleinen Horizonte überhaupt nicht begreifen können. Hier bin ich, mitten in diesem Mob von gesichtslosen Geistlosen. Geschlechtshomogene Hippies die glauben, mit bassgesteuertem Körper und betäubten Verstand etwas zu verändern, an dieser ach so falschen Gesellschaft. Die breite Masse ist vor allem BREIT! Brei (T) sind die Gehirne, die an einem Mittwochabend hinter Ladeflächen von Kleintransportern her taumeln, auf denen Boxentürme die Dunkelheit der Nacht flankieren.
„Jeder braucht ein Zuhause“ Ist das Motto der vertriebenen Seelen. Menschlein aus Kuwait, Bangladesh oder einfach nur aus Stuttgart - und sie alle erwarten, von dieser Großstadt, ein Zuhause zugewiesen zu bekommen, für ihre bloße Anwesenheit. Keinem von euch ist auch nur im Ansatz bewusst, dass dieses Zuhause in ihm selbst wohnt. Es ist kein Koordinatensystem nötig, um das eigene Zuhause zu bestimmen. Dort wo ich ich selbst bin, dort bin ich zuhause - immer und an jedem Ort dieser Welt.
In dieser Stadt seit ihr gestrandet, in der Hoffnung, weit von der vertrauten Umgebung, euer Glück zu finden. Nur um dann festzustellen, dass niemand einen roten Teppich für euch ausrollt. Keiner hat darauf gewartet, dass du, in der ganzen Großartigkeit deiner Bedeutungslosigkeit, hier an diesem Ort, Fuß fasst und dein eigenes Leben beginnst. Niemand wird jemals in der Lage sein, dir zu erklären, in welche Richtung du dein Leben zu lenken hast. Es liegt nur an dir, etwas zu verändern. Natürlich ist es nicht leicht, heute gegen irgendwas zu protestieren. Die Gesellschaft ergibt sich seit Jahrzehnten in ihre eigene Akzeptanz. Egal ob wir es verstehen, wir sind bereit es zu akzeptieren, solange kein freier Wille dabei missbraucht wird. Rechtfertigungen sind unnötig, denn im Prinzip kann jeder machen, was er möchte, solange er bereit, ist die kausalen Konsequenzen zu tragen. Deswegen rebelliert ihr gegen Gentrifizierung und für echte Demokratie. Ich erkenne mich selbst, mitten in dieser Masse von Masochisten und denke:
“Das Gefühl, es explodiert einem der Kopf (das Gefühl, die Schädeldecke müßte eigentlich zerreißen, abplatzen) – das Gefühl, es würde einem das Rückenmark ins Gehirn gepreßt – das Gefühl, das Gehirn schrumpelte einem allmählich zusammen wie Backobst z. B. – das Gefühl, man stünde ununterbrochen, unmerklich, unter Strom, man würde ferngesteuert – das Gefühl, die Assoziationen würden einem weggehackt – das Gefühl, man pißte sich die Seele aus dem Leib, als wenn man das Wasser nicht halten kann – das Gefühl, die Zelle fährt. Man wacht auf, macht die Augen auf: die Zelle fährt; nachmittags, wenn die Sonne reinscheint, bleibt sie plötzlich stehen. Man kann das Gefühl des Fahrens nicht absetzen. Man kann nicht erklären, ob man vor Fieber oder vor Kälte zittert – man kann nicht erklären, warum man zittert – man friert. Um mit normaler Lautstärke zu sprechen, Anstrengungen, wie für ein lautes Sprechen, fast Brüllen – Das Gefühl, man verstummt – Man kann die Bedeutung von Worten nicht mehr identifizieren, nur noch raten – Der Gebrauch von Zischlauten – s, ß, tz, sch – ist absolut unerträglich – Wärter, Besuch, Hof erscheint einem wie Zelluloid – Kopfschmerzen – Flashs – Satzbau, Grammatik, Syntax – nicht mehr zu kontrollieren. Beim Schreiben: zwei Zeilen – man kann am Ende der zweiten Zeile den Anfang der ersten nicht behalten – Das Gefühl, innerlich auszubrennen – Das Gefühl, wenn man sagen würde, was los ist, wenn man rauslassen würde, das wäre, wie dem anderen kochendes Wasser ins Gesicht zischen, wie z. B. kochendes Trinkwasser, das einen lebenslänglich verbrüht, entstellt – Rasende Aggressivität, fü r die es kein Ventil gibt.
Das ist das Schlimmste. Klares Bewußtsein, daß man keine Überlebenschancen hat; völliges Scheitern, das zu vermitteln; Besuche hinterlassen nichts. Eine halbe Stunde danach kann man nur noch mechanisch rekonstruieren, ob der Besuch heute oder vorige Woche war…” Ulrike Meinhof (RAF)
Ich empfinde mich in der Situation der Ulrike Meinhof in dem Moment, da sie an der Isolationshaft zerbricht. Da ich nicht in der Lage bin, irgendwem verständlich zu machen, dass unsere Gesellschaft mit durchgetretenem Gaspedal auf den Abgrund zu rast und der Typ hinterm Steuer sich freut, eine grüne Welle zu haben.
Euer Kampf gegen die Ungerechtigkeit in der Welt, ist menschlich gesehen eine Tragödie. Während unsere Vorfahren dazu bereit waren, für ihre Überzeugung zu kämpfen, seit ihr nicht mal in der Lage, eure eigene Situation einzuschätzen. Könnt ihr euch, auch eigentlich nur im Ansatz vorstellen, eure eigene Überzeugung zu leben, mit allem was dazu gehört? Keiner von euch hat auch nur einen Gedanken daran verschwendet, was uns als Gesellschaft weiter bringt. Menschlichkeit ist für euch das, was euch von den Medien verkauft wird.
Es ist Zeit zu gehen, eure Gesellschaft macht mir Kopfschmerzen. Wenn ich noch mehr Zeit mit euch verbringe, erscheint meine eigene Existenz mir weniger Lebenswert. Es ist Don Quichote in mir, der resigniert und einsieht, dass sein Kampf gegen die Windmühlen Sinnlos ist. Resignation vor dieser Nation von Zombies, die bereit ist alles zu tun, um Gehirn befreit den Gehirnen anderer hinterher zu laufen.
Tags: Meinhof, Gentrifizierung, Demonstration





Kommentare
Ich finde die Bestandsaufnahme in diesem Text wichtig und irgendwie ist die Resignation an diesem Abend zu einer Bestätigung meiner jüngsten sozialen Engagements geworden.
20.10.2012, 16:52 von dergrossepagliacciGeschlechtshomogen weil man sie einfach nicht mehr unterscheiden kann egal welches Geschlecht sie haben.
Gewagter Vergleich mit Fr. Meinhof.
18.10.2012, 21:07 von cosmokatzeIch verstehe was Du meinst.
Wie soll Protest Deiner Meinung nach aussehen und funktionieren ?
Was mir nicht gefällt, ist dieser "Mein Zuhause ist in mir selbst" Quark. Sag das mal jemandem, der im Winter unter einer Brücke schläft, der findet das mehr als zynisch.
Natürlich ist es furchbar wenn Menschen auf der Straße leben oder Studenten in Mehrzweckhallen untergebracht werden.
Oh, das ist krass...aber irgendwie muß der arme Kerl sich ja selbst aufbauen.
19.10.2012, 16:49 von cosmokatzeMit dem anderen hast Du ja Recht.