Die unerträgliche Seichtigkeit des Scheins
Sie sind überall, zehren an den Nerven, und merken nicht einmal, dass du nicht mitspielen willst, wenn du ihnen die Schaufel über den Kopf ziehst.
"Hast du etwa eine neue Telefonnummer?", fragt sie mit süßlicher Stimme, und da mir durchaus bewusst ist, dass es sich weder um eine rhetorische noch um eine Entscheidungsfrage handelt, die mit "ja" oder "nein" abgehandelt wäre, muss ich das ein wenig geschickter angehen, wenn ich den Zugriff auf mein sehr privates Festnetz verwehren will. Am liebsten hätte ich geantwortet: "Ja, du kannst sie gerne haben, aber dann bekomme ich jedes Quartal deine Versichertenkarte und 10 Euro. Rezepte stelle ich leider nicht aus, da ich nicht promoviert habe", aber schließlich muss ich mit dieser Frau ja weiterhin zusammenarbeiten, und zudem würde sie womöglich erneut nicht verstehen, worum es eigentlich geht.
Es ist nicht so, dass ich ungerne mit Rat und Tat zur Seite stehe, wenn jemand meine Hilfe benötigt, aber Schmarotzer muss man abzuschütteln wissen. Diejenigen, von denen einfach nichts zurückkommt, und die einen Lebensstil haben, den man einfach nicht nachvollziehen kann, die einen, wenn es Hart auf Hart kommt, für einen Cent verkaufen, und ihre Großmutter gleich mit. Ihre Meinung passt sich stets der ihres Gegenübers an, ihre Unternehmungen gleichen den eigenen, und zwar denen, über die man ihr vorweg berichtet hatte. Auch andere Kolleginnen kann ich in ihr erkennen, und inzwischen bin ich geübt, die weiteren Eigenheiten und Neuerlerntes ihren Bekannten, von denen sie erzählt, zuzuordnen. Irgendeinen geistigen Anreiz brauche ich ja schließlich, wenn die Welle der verbalen Verdummung beginnt, wenn sie mal wieder loslegt, mit ihrem "Hab ich dir schon erzählt", oder "Hast du schon gehört...".
Wenn ich etwas absolut nicht gebrauchen kann, dann ist das Klatsch und Tratsch über Leute, die ich kaum kenne, denn das geht mich nichts an, und interessiert mich auch nicht die Bohne. Auch ihre Leiden, die sie mir immer wieder ungefragt anvertraut, kann ich einfach nicht mehr verputzen, die gehören ab in den Sondermüll. Aber das versteht sie nicht. Genauso wenig, wie Sätze wie "Merk dir bitte eins, auch wenn ich dir diesen Rat jetzt gebe, wir werden keine Freundinnen", "Das ist für mich nicht nachvollziehbar, wir leben einfach in verschiedenen Welten" oder "Das interessiert mich nicht".
Ich gebe zu, dass ich ihr häufig eine Chance eingeräumt habe, da sie ja schließlich so bemüht um mich und meine Freundschaft schien, und ja, ich habe ihr oft meine Meinung zu ihren Anliegen gesagt, was auch nicht selbstverständlich ist. Aber es hat keinen Zweck - Menschen ändern sich nicht, zumindest nicht grundlegend. Sie ist ein rüsselloses Tunk, wie Rafik Schami in einer seiner Geschichten beschreibt, ist sensationsgeil, rücksichtslos und geldgierig, "tunkt" in fremde Angelegenheiten ständig ihre Nase, um sie dann ganz beiläufig zu verbreiten.
Von ihrer Rechthaberei ganz zu schweigen. Aber selbst wenn sie wüsste, dass die Meisten sich wohl denken "du hast Recht, lass mich in Ruhe", würde sie das wahrscheinlich auch tauben Ohres ignorieren. Einmal sagte ich zu ihr, sie beherrsche die eristische Dialektik nach Schopenhauer. Leider kannte sie den guten Mann nicht, sie kenne nur Juliette Schopmann (Teilnehmerin einer Castingshow). Gut, man muss nicht alles wissen, aber dieses Beispiel ist nur eines von vielen, für ihr mangelndes Allgemeinwissen und Interesse. Mehrmals habe ich ihr erklärt , dass es "apropos" heißt, und dieser Ausdruck aus dem französischen stammt, von à propos. Sie sagt weiterhin noch "apropro", und dies inzwischen auch vor hochrangigen Geschäftskunden. Sie ist nämlich aufgestigen. Denn eines kann sie scheinbar neben dem Aufdränglichsein ganz gut: dem Chef einen blasen.






Kommentare
wieso verschwendet das erzähler-ich dann bloß so viele gewandte worte an so einen charakterkompost?
05.11.2008, 21:24 von sophietrauerschön geschrieben.
So eine gibts hier auch. In den Momenten, wo man diese Menschen ertragen muss hilft es ungemein, sie sich mit rosa Hasenohren auf dem Kopf vorzustellen.
05.09.2007, 14:09 von ArnieQ@[Benutzer gelöscht] Ach, Phrasendrescherei! Ja, ja, wenn jemand mit einem Finger auf andere deutet, zeigen mindestens drei auf einen selber - wie stehst du jetzt da, wie du gerade über mich urteilst? ups ;)
19.06.2007, 13:04 von latentneuroseMan kann nicht ales akzeptieren im Leben, und muss auch mal was ablassen - in meinem Fall um mich von genannter Person noch ein Stückchen weiter mental zu distanzieren.
Deine Anmaßung bzgl des letzten Satzes diskutiere ich nicht.
@[Benutzer gelöscht] Danke für die Rechtschreibprüfung ;)
19.06.2007, 12:45 von latentneuroseMeiner Fehler bin ich mir, so denke ich, zumindest größtenteils bewusst. Die geschilderte Situation stellt für mich, und das nicht erst seit gestern, ein persönliches und sehr zwiespältiges Problem dar, und ich bin dir dankbar für den Kommentar - denn scheinbar kommt diese Botschaft nicht rüber.